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Fight Crab Review | Messer, Schale, Schere, Gischt

Calappa Games und PLAYISM lassen in Fight Crab die Schalentiere mit überdimensionierten Waffen aufeinander los.

Die Erde bebt. Das Haus nebenan ist bereits dem Erdboden gleich gemacht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch hier nichts als Schutt und Asche übrigbleibt. Ein Blick aus dem Fenster genügt, um sofort diese riesigen Monster zu sehen, welche sich einen erbitterten Kampf um Leben und Tod liefern. Riesige Klingen schwingen durch die Luft, große Klauen prallen auf gehärtete Panzer und das nächste Haus zerbricht unter dem Gewicht dieser Giganten.
Während ihr sicher fest damit gerechnet hättet, hier Godzilla im Kampf gegen Gamera zu sehen, ist es jedoch ein Hummer mit Raketenantrieben an seinen Scheren, der einer, mit zwei Katana ausgerüsteten, Krabbe ein paar Hiebe verpasst. In Fight Crab ist das der Normalzustand und damit eine der abgefahrensten Ideen, die ihr seit langem auf einem Bildschirm gesehen habt. Wen wundert es dabei, dass es ein japanisches Studio war, das die großen Kaijū durch Meerestiere ersetzt hat.

Die Kunst des Trashs

Unter Cineasten ist es nichts Besonderes einen Abend mit trashigen Filmen zu füllen. Dabei geht es nicht nur darum, dass die Filme einfach besonders schlecht und dumm sein müssen. Ein Sharknado wird kritisiert, weil es eben genau diese Elemente so kalkuliert einsetzt und von Anfang an einfach nur schlecht sein WILL. Das Herz geht den Filmliebhabenden erst dann auf, wenn genau erkennbar ist, dass die Menschen hinter dem Film davon überzeugt waren, hier etwas Gutes zu produzieren. Es ist offensichtlich, dass eine Menge an Herzblut in den Film gesteckt wurde, um trotz geringem Budget, trotz fehlender Erfahrung, trotz grauenhafter Schauspielerei das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Sind diese Elemente zu erkennen, macht es umso mehr Spaß, sich auf die ganzen Macken und Fehler einzulassen. So können objektiv grauenhafte Filme absoluten Kultstatus erlangen. Bei Videospielen passiert sowas deutlich seltener. Es gibt kaum Titel, die gerne eingelegt werden, weil sie besonders schlecht sind.

Das Problem ist, dass Spiele oftmals als schlecht bezeichnet werden, wenn sie sich nicht gut spielen lassen oder stellenweise gar kaputt anmuten. Dieser Faktor der Spielbarkeit fällt in Filmen natürlich weg. Ein trashiges, aber trotzdem unterhaltsames Spiel muss einen schmalen Grat der Spielbarkeit erwischen, durch den es zugänglich bleibt, aber im Optimalfall durch eigenwilliges Gameplay schon seinen Charme und Witz erzielt. Im Gegensatz zum Film kann dieser Faktor deutlich gezielter eingeplant werden. Titel wie Octodad oder die Goat-, Surgeon- und Polizeisimulatoren haben allesamt ihre Eigenarten, durch die sie weit entfernt von der Perfektion der großen Namen sind. Durch eine absurde Erzählung, chaotische Steuerung oder unterhaltsame, verkraftbare Bugs können sie allerdings trotzdem die Herzen der Spieler_innen gewinnen. Fight Crab fällt genau in diese Sparte Spiel. Die Probleme sind offensichtlich und trotzdem wurde so viel Liebe und Detail in das Design der unzähligen Krabben gesteckt, dass hier aufrichtiger Spaß beim Programmieren durchscheint.

Fight Crab Salad

Jede erdenkliche Art an Krabbe, Krebs und Hummer ist im Spiel vertreten. Während ihr zu Beginn mit einem Tier beginnt, das euch sofort in den Kopf kommen sollte, wenn ihr das Wort Krabbe hört, kämpft ihr euch auf unterschiedlichen Karten durch mehrere Runden gegen eine Vielzahl von Schalentieren. Am Ende einer Reihe von Kämpfen wartet ein besonders großes Krustentier auf euch. Eure Aufgabe ist es, mit gezielten Schlägen und Kniffen eine Prozentzahl eurer Widersacher in die Höhe zu treiben, bis ihr das gegnerische Sea Food auf den Rücken befördert und es für drei Sekunden so haltet. Schafft ihr das in jedem Kampf, ist das jeweilige Level abgeschlossen. Erleidet euch selbst das Schicksal aufs Kreuz befördert zu werden, war es das mit dieser Runde. Das ist aber nicht weiter schlimm. Ihr könnt beim nächsten Anlauf direkt den Kampf neu starten, an dem ihr gescheitert seid.

Mit jedem gewonnenen Kampf erhaltet ihr Punkte, die ihr nutzen könnt, um entweder neue Waffen und Krabben zu kaufen oder um eure Krabben aufzuleveln. So erhalten sie mehr Kraft, Geschwindigkeit oder Ausdauer. Das ist auch dringend notwendig, da ihr ansonsten bereits im zweiten Gebiet eure Schwierigkeiten haben werdet. Zwar bieten die Kampfgebiete in Form von Stränden, Städten, Ritterburgen oder dem Meeresgrund ständig Waffen und Gegenstände, die ihr mit euren Scheren greifen und als Waffen nutzen könnt, nur bringt euch das wenig, wenn eure Gegner einfach deutlich härtere Krusten besitzen und sich nicht so leicht umwerfen lassen. Das bedeutet also auch, sofern ihr keine Freunde habt, mit denen ihr die Scheren schwingen könnt, dass ihr einige Kämpfe lang grinden dürft, um euch bessere Krabben, Waffen und Statuswerte zu kaufen. Viel mehr Abwechslung gibt es leider nicht. Aber dafür seid ihr danach absolute Fight Crab-Expert_innen.

Schock Schere Not

Wenn ihr kein Herz für diese Art von Tieren habt, werdet ihr allerdings keine Freude an Fight Crab haben. Die Menüs sehen aus wie aus einem schlechten Flash Game der Anfangszeit des Internets, großartige Abwechslung im Spiel werdet ihr auch nicht bekommen. Fight Crab funktioniert allein über die Masse an Tieren und Waffen sowie durch die verrückten und teils unkontrollierbaren Situationen, wenn die physikbasierten Kämpfe starten. So miserabel die Steuerung eurer Tierchen auch sein mag, ist es unmöglich, nicht zu schmunzeln, wenn sie mit riesigen, mittelalterlichen Hämmern aufeinander eindreschen. Gezielte Kampftaktiken, die ihr vielleicht aus bekannteren Fighting Games kennt, sucht ihr hier vergeblich. Stürzt euch in den Kampf und prügelt los mit euren Scheren, senst die Säbel unter die Beine eurer Gegner und versucht, eure Spezialattacken in Form einer großen Energiewelle dann einzusetzen, wenn eure Feinde euch bereits ihre Unterseite zeigen.

Reicht euch diese Abstrusität, dann bietet Fight Crab unzählige Stunden, um wirklich jedes Element freizuspielen und immer wieder skurrile Kampfsituationen hervorzurufen. Ihr habt hier definitiv ein einzigartiges Spiel, das einen absurden Detailgrad in der Darstellung der Krustentiere bietet. Nur leider nicht mehr. Wie gut wäre es, noch eine völlig übertriebene Geschichte geliefert zu bekommen, warum die Krabben anscheinend durch die Zeit reisen, beliebig ihre Größe verändern und Waffen benutzen können? Ein Rahmen für das abgedrehte Szenario würde die Motivation oben halten, auch wirklich jedes Level zu Ende zu spielen. Wer sich ein so wahnsinniges Setting ausdenkt, sollte doch wohl auch cheesy Dialoge verfassen können, die dem Ganzen die Krone aufsetzen. Dann wäre Fight Crab wirklich die Königskrabbe unter den Trashperlen der Videospielgeschichte. Aber leider ist es nur eine großartige Idee für die besten Screenshots, die ihr schießen könnt, dem das nötige Salz im Meerwasser fehlt.

6/10 🦀

Developer: Calappa Games
Publisher: PLAYISM
Genre: Fighting Game
Team: Masafumi Onuki (Game Development); morokko, Ryoko Tabe, Suda Ryosuke, Marina Hara, Kazutoshi Yokota, Haruki Takagi (Krabbendesigner_innen)
Musik: DEKU
Veröffentlichung: 30. Juli 2020 (Steam, PS4, Switch)

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