Ender Lilies: Quietus of the Knights Review | Ich sehe starke Geister

Mit hilfreichen Geistern schlägt sich in Ender Lilies: Quietus of the Knights ein kleines Mädchen durch eine verdorbene Welt.

Wenn ich Videospiele sehe, die schon in ihren Trailern mit Anime-Ästhetik um die Ecke kommen, bin ich oft skeptisch. Zu viele habe ich schon gesehen, die sich dieses Zeichenstils bedienten und ansonsten absoluter Trash waren. Das Gameplay funktionierte nicht, die Charaktere waren überladen von Klischees, Frauen dienten nur als sexualisierte Objekte mit großen Brüsten und die Geschichte war einfach langweilig. Natürlich ist das keine allgemein zutreffende Aussage. Es gibt unzählige Spiele, die sich diesen Artstyle nehmen und darum ein großartiges Spiel bauen. Es ist aber eine ganz bestimmte Art der Darstellung, die Skepsis bei mir auslöst. Wenn die Figuren alle gleich aussehen, ihnen die individuellen Merkmale fehlen, die über Kleidung und Haarfarbe hinausgehen und wenn der Trailer nur kleine Mädchen oder sexy inszenierte Frauen zeigt, vergeht mir schnell die Lust. Ender Lilies löste auf den ersten Blick ähnliche Impulse aus. Doch glücklicherweise habe ich hier etwas länger hingeschaut.

Düsteres Wunderland

Nach wenigen Sekunden fiel mir nämlich auf, wie unfassbar schön Ender Lilies ist. Während der Hauptcharakter Lily tatsächlich dem Klischee eines kleinen, hilflosen Animemädchens entspricht, das sich verschüchtert in sich kehrt, den Kopf schüttelt und seufzt, sind es die Monster und die gesamte Welt, die mich in den Bann geschlagen haben. Jeder Gang, den ich betrete, wirkt verfallen, unheimlich. Im Hintergrund liegen Skelette, Häuser sind in sich zusammengefallen und ekliger Glibsch tropft von Höhlenwänden. Ender Lilies: Quietus of the Knights bringt mich von muffigen Katakomben über verlassene Dörfer bis hin zu eisigen Gipfeln oder mit Fallen bespickten Schlössern. Dabei stoße ich überall zwar auf einen Haufen altbekannter Feinde wie Skelettkrieger und fiese Raupen, doch immer wieder stellen sich mir auch für diese Gebiete gänzlich eigene Viecher entgegen, deren Angriffsverhalten erst noch gelernt werden will. Allein, um zu sehen, was für Monster noch auftauchen, bin ich immer weiter vorgedrungen.

Spätestens, wenn monströse Bossmonster erscheinen, die oft auch mehrere Phasen besitzen, in denen sie noch bedrohlicher, teils sogar zu riesigen Ungetümen werden, kann ich nicht anders, als das gesamte Artdesign zu feiern. Es ist immer wieder ein beeindruckender Moment, wenn ich zum ersten Mal einen Boss vermeintlich erlege, nur um dann einem riesigen Biest gegenüberzustehen, dass aus der kleinen Hülle hervorgeplatzt ist. Hinzu kommt ein Soundtrack der wehmütig und verloren klingt, in den richtigen Momenten jedoch auch Hoffnung oder Gefahr zu versprühen weiß. Mein Impuls, Ender Lilies: Quietus of the Knight spielen zu wollen, lag anfangs vor allem im spannend wirkenden Gameplay begründet. Dass ich am Ende aber mehr über die Welt erfahren wollte, jeden Bildschirm genau studierte, versteckte Briefe für mehr Informationen las und ausnahmslos alles entdecken wollte, habe ich nicht erwartet. Das sogenannte Endland hat mich in kürzester Zeit verschlungen.

Eine hoffnungslose Ausgangssituation

Aber was genau ist hier eigentlich los? Warum ist alles so heruntergekommen, wieso klingt alles so deprimierend? Das muss Lily selbst auch erst herausfinden. Sie erwacht in einer schmutzigen Kammer, vor ihr steht ein dunkler Ritter, der seine Hilfe verspricht. Er erklärt, dass der Todesregen über das Endland hereinbrach. Dieses Phänomen brachte Unreinheit über alle Lebewesen, die damit in Kontakt kamen, was sie zu unkontrollierbaren, unsterblichen Monstern werden ließ. Nur Lily als letzte Priesterin ist in der Lage, alle Wesen von ihrem Fluch zu befreien, sie von der Unreinheit zu läutern und sie selbst in sich aufzunehmen. Dabei ist sie allerdings auf die Hilfe geläuterter Seelen angewiesen wie der des Ritters, die um sie herum schwebt und bei Bedarf angreifen kann. Während die meisten Gegner einem Angriff des Ritters nicht standhalten, stößt Lily jedoch auch auf mächtige Wesen, deren Unreinheit alles Bisherige übersteigt.

Das sind die Bossgegner, denen in nervenzerreißenden Kämpfen das Handwerk gelegt werden muss. Schaffe ich das, verschwinden diese Seelen nicht einfach wie die herkömmlichen Gegner, sondern werden von Lily geläutert, was ihr die Geschichte dieser ehemals stolzen Menschen zeigt, bevor diese sich ihr anschließen. So kann Lily drei Seelen gleichzeitig mit sich führen, die unterschiedliche Fähigkeiten mit sich bringen. Insgesamt gibt es 26 unreine Seelen, die genutzt werden können, sodass Lily auf diese Art ihre ganz eigene Truppe zusammenstellen kann, die sie auf dem Abenteuer begleitet. Es gibt natürlich immer wieder die Möglichkeit, diese Zusammenstellung zu ändern, um sich den Gegebenheiten anzupassen, doch manche Seelen wachsen mir eher ans Herz als andere. Da ich diese Seelen auch aufleveln kann, ist es sogar mehr als sinnvoll, sich auf ein paar Seelen festzulegen, deren Angriffe dem eigenen Spielstil am ehesten entsprechen, um das Endland von der Unreinheit zu befreien.

Wildes Gemetzel in Ender Lilies: Quietus of the Knights

Ich finde es beeindruckend, wie vielseitig diese Anzahl an Seelen das Gameplay werden lassen. Während der Ritter schnell und präzise angreift, können andere Seelen mit großer Wucht, aber sehr geringem Tempo attackieren. Andere Begleitungen funktionieren rein defensiv, können kontern, greifen aus der Distanz an oder sind gänzlich eigenständige Wesen, die sich auf meine Feinde stürzen. Die Kombinationsmöglichkeiten sind riesig und ändern die Vorgehensweise komplett. So können manche Seelen nur in begrenzter Anzahl eingesetzt werden und müssen an Ruheplätzen wieder aufgeladen werden, wo die Seelen auch aufgelevelt oder ausgetauscht werden können. Ich habe mich recht schnell darauf festgelegt, entweder den Ritter oder für Bosse einen großen Wikinger mit schwerem Hammer zu nutzen und dabei einen Raben, der meine Feinde automatisch attackiert und einen Krieger, der Feinde immer von hinten angreift, in Petto zu haben. Das hat sich bewährt und mir in vielen Kämpfen aus der Patsche geholfen.

Dabei hängt viel vom richtigen Timing ab. Gegner kommunizieren immer mit einem roten Lichtblitz, dass sie angreifen werden. Stecke ich in diesem Moment selbst noch in einer Angriffsanimation, gibt es auf die Backen. Unvorsichtiges Vorgehen wird also schnell bestraft. Besser ist es, ein paar Attacken zu landen, dann mit einer Ausweichrolle am feindlichen Angriff vorbei zu hechten, um erneut zuzuschlagen. Das verlangt natürlich auch, die Muster der Feinde zu lernen, was nicht ohne häufiges Ableben funktioniert. Ender Lilies: Quietus of the Knights ist alles andere als einfach und an manchen Stellen musste ich entnervt das Gamepad wegelegen, bevor mich der Ehrgeiz wieder gepackt hat. Das Einzige, was mich stört, ist der fehlende Wumms hinter meinen Schlägen. Es gibt kein wirkliches Feedback neben der sinkenden Lebensanzeige meiner Gegner. Spratzigere Sounds allein würden schon helfen, Situationen besser lesen zu können, vor allem, wenn der Bildschirm von Feinden überflutet ist.

Ist Lily eigentlich ein Käfer?

Vieles, was mir gefallen hat, kam mir jedoch auch sehr bekannt vor. Die begrenzte Anzahl an Heilgebeten, die ich in sicheren Augenblicken sprechen kann oder sammelbare Relikte, die mir zusätzliche Stärkungen verleihen. Die Banken, auf denen ich mich erholen kann, wodurch aber alle Gegner wieder auftauchen. Die riesige Welt, die ich erst ganz erkunden kann, wenn ich alle Fähigkeiten der Seelen bekommen habe. Ender Lilies: Quietus of the Knight ist ein Metroidvania, das sich sehr stark an Hollow Knight orientiert. Das ist natürlich eine Ansage, sich an einem der hochgepriesensten Genreemporkömmlinge zu bedienen. Doch Live Wire, das Studio hinter Ender Lilies: Quietus of the Knights, macht das mit einer Treffsicherheit, die alle Bedenken beiseite wischt. Die Mechaniken greifen wunderbar in das vielseitige Kampfsystem und ergänzen die eigenständigen Ideen so gut, dass es weit mehr als eine plumpe Kopie ist.

Deswegen bereue ich auch keine der unzähligen Stunden, die ich hier versucht habe, einen fiesen König mit riesiger Lanze zu besiegen. Kein einziges Mal dachte ich, dass ich lieber den Käferritter spielen würde. Klar fallen mir immer mal einige Macken auf. Wie gesagt, ich bräuchte etwas mehr Trefferfeedback hinter meinen Schlägen, ich verstehe auch nicht, wieso die Musik in Zwischensequenzen von einer Sekunde auf die andere einfach wegfällt, anstatt langsam auszufaden. Doch das alles hat mich nie aus Endland gerissen. Eine Sekunde später war ich wieder völlig versunken in der Welt und wollte Lily weiterhelfen, jede Seele dieses verdammten Landes zu retten. Vielleicht hätte Ender Lilies: Quietus of the Knights ein paar Spielabschnitte kürzer sein können, um Längen zu vermeiden, doch am Ende habe ich mich vor Hitze und Nervosität verschwitzt triumphierend aufschreiend in den Sitz fallen lassen. Für das erste Projekt von Live Wire ein beeindruckendes Ergebnis!

8/10 👧👻👻👻

Developer: Live Wire, Adglobe
Publisher: Binary Haze Interactive
Genre: Metroidvania
Musik: Mili
Veröffentlichung: 22. Juni 2021 (Steam, Switch), 6. Juli 2021 (PS5, PS4)


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