Smelter Review | Ich will nicht ins Paradies

X-Plus und DANGEN Entertainment erzählen mit Smelter ihren eigenen biblischen Sündenfall.

Ich bin alles andere als bibelfest. Ich wurde mit 14 Jahren konfirmiert, weil ich damit das Geld für meinen Führerschein bekommen wollte. Der religiöse Aspekt war mir völlig egal. Bei den verpflichtenden Kirchenbesuchen des Konfirmationsunterrichts habe ich mich zum Eis essen hinausgeschlichen. Wenn wir Abschnitte der Bibel lesen mussten, habe ich eine Zusammenfassung in einem Lexikon herausgesucht, weil wir noch kein Internet hatten. Was ich jedoch weiß, ist, dass am Anfang jemand das Licht angemacht hat und nach sieben Tagen aus dem Nichts zwei Menschen in einem riesigen Garten lebten. Vielleicht hat es bis zu den zwei Menschen namens Adam und Eva auch etwas länger gedauert, wie gesagt, ich bin nicht bibelfest. Jedenfalls hat Eva irgendwann einen verbotenen Apfel gegessen, Adam auch dazu gebracht und Gott war deswegen so sauer, dass beide aus seinem Garten geworfen wurden. An dieser Stelle beginnt Smelter, auch wenn das Spiel die Geschichte etwas verändert.

Wo ist Adam?

Hier ist Adam derjenige, der fröhlich munter zum Baum rennt und den Apfel in einem Bissen wegfrühstückt. Da frage ich mich persönlich, wieso Eva auch bestraft wird? Aber Gottes Wege sind unergründlich, sagt man ja, oder? Beide stürzen also aus dem Paradies und Eva verliert Adam aus den Augen. Sie fällt in eine düstere Höhle, die mit Hopsern und gezielten Tritten durchquert werden will. Doch bevor Eva einen Ausgang finden kann, trifft sie auf einen kleinen Engel. Dieser scheint auch verbannt und entkräftet worden zu sein, so dass er sich mit Eva verbündet. Er verspricht ihr, gemeinsam nach Adam zu suchen, wenn sie dem Engel dabei hilft, seine Kräfte zurückzugewinnen. Das geflügelte Wesen verwandelt sich in eine Rüstung, die Eva trägt und von ihr mehr Fähigkeiten erhält. Nun ist der Weg durch die Höhle bedeutend leichter, bis beide biblischen Figuren eine Weltkarte erreichen, die das Zentrum des Spiels darstellen wird.

Von hier aus müssen Level besucht werden, um Runen zu suchen. Diese sorgen nicht nur dafür, dass der Engel stärker wird, auch Eva bekommt Kräfte von bis zu drei verschiedenen Elementen, nämlich Erde, Wind und Elektrizität. Jedes Element hat dabei ein ganz eigenes Set an Fertigkeiten, durch die Eva munter wechseln kann, was die Erkundung der Level wirklich abwechslungsreich macht. Auch alte Gegenden sollten erneut besucht werden, wenn Eva neue Fertigkeiten besitzt, um weitere Geheimnisse zu finden. Drei grüne Kristalläpfel sind in jedem Gebiet versteckt wie auch drei Herausforderungen, die für eine Münze gemeistert werden wollen. Mit diesen Münzen schalten der Engel und Eva auf der Weltkarte neue Fertigkeiten frei, die die jeweiligen Elemente stärken. Warum das alles getan werden muss, habe ich leider nicht kapiert. Die Geschichte wirft mit Namen nur um sich, sodass ich schnell den Überblick verlor. Aber irgendwas scheint wohl noch im Busch zu sein.

Smelter vs. ActRaiser

Erinnert ihr euch noch an ActRaiser? Das SNES-Spiel, das vom selben Studio stammt wie Illusion of Time oder Terranigma? Das Spiel, in dem ihr als Gott durch unterschiedliche Level hüpft, Bosse besiegt und danach auf einer Oberwelt plötzlich in einem Strategiespiel steckt, um göttliche Taten zu vollbringen? Smelter funktioniert genauso. Es gibt nicht nur den Part, in dem ich Eva durch Gegnerhorden kämpfen lasse. Immer, wenn ich auf der Oberwelt lande, muss das Reich meines Engels gemanagt werden. Ich kann neue Gebiete erschließen und dadurch neue Level entdecken, die jedoch oft erst geöffnet werden müssen. Dazu kann ich Gebäude auf der Oberwelt einnehmen oder selbst Wohnhäuser, Apfelplantagen, Kasernen und Schützentürme bauen. Die beiden letztgenannten brauchen Personal aus den Wohnhäusern, allerdings klappt das nur, wenn wir genügend Äpfel zur Verpflegung haben. Sonst stirbt mir die Bevölkerung weg. Das wäre fatal, wenn dauernd Dämonen meine Gebäude attackieren.

Im Notfall kann der Engel, der Eva begleitet, auch selbst wie in einem Twin-Stick-Shooter auf die Feinde ballern, verursacht damit aber bedeutend weniger Schaden als meine beiden Wachgebäude. Es ist also viel wichtiger, umherzufliegen und attackierte Gebäude zu reparieren, bevor sie zerstört werden.
So erschließe ich neue Welten, um weitere Runen zu finden. Während Eva immer wieder neue Fähigkeiten erhält, erlerne ich mit dem Engel elementare Schüsse, die sich verstärken lassen. Auf diese Weise werden bestimmte Gesteinsformationen pulverisiert, die mir auf der Karte im Weg stehen. Auf beiden Ebenen (Karte und Level) bemerke ich deutlich meinen Fortschritt. Ich bin mir zwar sehr unsicher, wie nah Smelter jetzt noch an der Bibel ist, aber das kann mir auch herzlich egal sein. Ich erinnere mich nicht daran, dass je ein anderes Spiel das Konzept des ersten ActRaisers so aufgegriffen hat. Dabei steckt so viel Potential dahinter. Großartig, oder?

Der Sündenfall

Jetzt stellt euch folgendes vor: Ich spiele mich durch das Spiel, rege mich vielleicht hier und da mal auf, weil ich das Platforming gerne präziser hätte, Eva nicht immer die Sprungabfolgen zeigt, die ich mir wünsche, aber ich habe meinen Spaß, die Level zu erkunden. Ich baue mir eine riesige Stadt, bei der ich mir wie in ActRaiser zwar etwas mehr Möglichkeiten wünsche, aber auch damit finde ich mich zurecht. Im Prinzip ist es immer der gleiche Ablauf, Häuser und Äpfel zu bauen und dann alle meine übrigen Bewohner_innen in Kasernen und Schützentürme zu stecken. Zumindest tauchen hier und da besondere Gebäude mit speziellem Nutzen auf wie riesige Wohngebäude, Kanonen oder Teleporter. Ich schalte überall auf der Karte neue Level frei und erziele enorme Fortschritte. Alles ist gut, aber meine Energie lässt nach. Ich bin mitten in einem Platforming-Level, habe aber gerade einen der offensichtlichen Checkpoints erreicht.

Also beende ich das Spiel, um später hier fortzusetzen. Vielleicht muss ich das Level nochmal von vorne beginnen, aber das passt schon, so viel Fortschritt geht nicht verloren. Einen Tag später starte ich Smelter erneut und finde mich auf der Weltkarte wieder. Etwas wirkt falsch. Wieso sind hier so wenige Häuser? Wo ist das Level, das ich beendet habe? Und dann fällt mir folgendes auf: Smelter besitzt eine absolut willkürliche Autosave-Funktion. Augenscheinlich ist diese Stelle kurz nach einem besonderen Ereignis gewählt worden. Warum es diese Stelle war und nicht einer der diversen Erfolge, die ich danach gefeiert habe, weiß ich nicht. Fakt ist: Mir wurden Stunden Spielfortschritt geklaut. Und das geht leider überhaupt nicht klar. Da wäre es mir lieber gewesen, wenn kommuniziert würde, dass generell keine automatische Speicherfunktion unterstützt wird. Dann speichere ich immer manuell, störe mich eventuell daran, aber weiß Bescheid, dass ich sonst ein Problem habe.

Zurück zum Ursprung

Ich bin unfassbar demotiviert. Gerade, weil der Strategiepart so wenig Abwechslung bietet und eher akzeptabel als wirklich spaßig ist. Es frustriert mich enorm, die Karte plötzlich wieder so leer zu sehen. Die geschafften Herausforderungen hier waren alles andere als wiederholenswert. Ich habe Smelter also beiseitegelegt. Ich brauche meine Zeit, bis ich mich erneut an das Spiel setze. Generell finde ich das Abenteuer von Eva und ihrem Engel interessant, auch wenn ich die Geschichte kaum verstehe. Solange ihr darauf achtet, regelmäßig von Hand zu speichern, dürfte euch auch nicht dasselbe Schicksal wie mich ereilen. Klar, Smelter hat den Hinweis vorm Beenden, dass nicht gespeicherter Fortschritt verloren geht. Aber das hat mittlerweile jedes Spiel, das auch über eine Autosave-Funktion verfügt. Ganz auf meine Kappe nehmen will ich den Umstand also nicht.

Schließlich gibt es ja eine automatische Speicherfunktion im Spiel. Die scheint nur völlig willkürlich zu funktionieren und ist daher nichts, worauf sich verlassen werden sollte. Deswegen werde ich sicher auch wieder in diese Welt zurückkehren. Die Möglichkeiten, die Smelter bietet, konnte ich immerhin schon ausmachen. Ich mag den Genremix, ich mag die unterschiedlichen Fähigkeiten, die sich grundsätzlich voneinander unterscheiden und die Herangehensweise an Platforming grundlegend verändern. Smelter tut sich nur sehr schwer, seine Eigenarten zu kommunizieren. Und da ist es wie in einer Beziehung: Wenn die Kommunikation nicht passt, ist manchmal Distanz die einzige Option, um noch etwas zu retten. Bis dahin schaue ich mir die schöne Optik an, lausche dem Soundtrack und schwelge wehmütig in Erinnerungen. Dann bin ich mir sicher, dass ich irgendwann zu Smelter zurück will.

7/10 👨🍏👩

Developer: X-Plus
Publisher: DANGEN Entertainment
Genre: Metroidvania/Echtzeit-Strategie
Team: Sina (Idea, Game Concept and Art); Benjamin Märten, Jacky Fiernando (Programming); Brian Otten (Writing); Sergio Matta (Level Design); Cameron Konner (Sound Design)
Musik: Evader Music
Auszeichnungen: Jury Price Winner (2020 BIC Awards), Excellence in Game Design Finalist (2020 BIC Awards)
Veröffentlichung: 22. April 2021 (Steam, PS5, PS4, Xbox Series X|S, Xbox One, Switch)

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