Review

Chicken Police Review | Alle Bullen sind Hähnchen

Als die Chicken Police klärt ihr einen spannenden Kriminalfall in einer Stadt voller unterschiedlicher Tiere auf.

Alle Bullen sind Schweine! Sagt man doch so, oder? Für Clawville scheint das allerdings nicht zu stimmen. Hier sind die berühmtesten Cops zwei Hähne, Stachelschwein und Igel ärgern sich bei ihren Ermittlungen im Regen, dass ihre Stacheln die Regencapes zerstechen, ein Bluthund ist der Vorsitzende und ein Kolibri namens Molly sitzt am Empfang. Ich habe mal spöttisch zu einem Tatort-Fan gesagt: “Wenn du unbedingt Polizeiarbeit sehen willst, lass dich doch einfach verhaften!”, nach meiner Zeit in Clawville muss ich das allerdings etwas korrigieren. Meine Meinung zum Tatort steht weiterhin, aber wenn ihr mir mehr Geschichten dieser tierischen Einsätze bietet, wäre meine Reaktion vielleicht nicht mehr so intensiv. Das muss ich dem Team der Wild Gentlemen auf jeden Fall lassen. Ich hätte nicht gedacht, dass mich solch eine Polizeigeschichte um den Finger wickeln kann. Doch lasst uns besser in den von Regen durchsetzten Nebel blicken und das Ganze von vorne aufrollen!

Es war wieder eine dieser Nächte…

Sonny wusste, dass er einen harten Fall vor sich hatte, als er in die unschuldigen Rehaugen dieser Antilope blickte, die plötzlich in seinem Büro auftauchte. Dieser Schimmer von Hoffnung und Verzweiflung in einem Blick verhieß selten etwas Gutes. Ihre Chefin, eine famose Sängerin namens Natasha Catzenko, bekam über mehrere Wege Drohungen zugespielt, welche sich immer weiter verschärften. Dass sie sich vor kurzem mit dieser Ratte Ibn Wessler eingelassen hat, der große Teile der Unterwelt von Clawville beherrscht, machte die ganze Geschichte nicht einfacher. Sein Schnabel hatte ihn also nicht getäuscht. Sonny war klar, dass er diesen Fall in dieser verregneten Nacht nicht alleine lösen konnte. So sehr er den einsamen Blick in die hell erleuchteten Straßen dieses Dreckslochs von Großstadt auch genoss, musste er sich eingestehen, dass es an der Zeit für einen letzten Einsatz der Chicken Police war. Doch die Wogen mit seinem Partner mussten erst noch geglättet werden.

Marty McChicken und Santino “Sonny” Featherland waren als Ermittlerduo so erfolgreich, dass ihre Fälle in Buchform zu Bestsellern wurden. Doch Jahre zogen vorbei. Das miteinander wurde schwieriger, seit Sonny und seine Frau Molly sich trennten. Und dann kam es zu dieser verhängnisvollen Nacht, in der eine Kugel aus Martys geliebter Flinte Bertha seinen Partner traf und das Duo auseinanderbrach. Freundschaften sind wie Häuser. Betritt man sie lange nicht, renoviert sie nicht, sehen sie beim nächsten Besuch noch genauso aus wie vorher, nur mit einer dicken Staubschicht. Doch wie groß ist der Schaden, der vorm Verlassen angerichtet wurde? Sonny war klar, dass einiges an Arbeit nötig sein würde, es in den alten Zustand zu bringen. Selbst wenn Marty sich anschließt, wäre die Stimmung gereizt. Aber eine andere Wahl blieb nicht und unser Held wusste, dass sein alter Gefährte einen solchen Fall nicht ablehnen konnte, wo Sonny kurz vor seiner Pensionierung stand.

Im Regen hören wir die schönsten Geschichten

Was sich in den ersten Momenten bereits andeutet, bestätigt sich auch mit jeder weiteren Sekunde des Spiels. Clawville und alle in der Stadt lebenden Tiere bilden eine Welt mit Geschichte. Hier sind bereits unzählige Dinge passiert, von denen ich als Spieler nichts weiß. Andauernd erzählen Charaktere Einzelheiten aus ihrer Vergangenheit oder referenzieren historische Ereignisse, ohne aber in plumpe Exposition zu verfallen. Die Sachen sind einfach passiert. Deal with it! Das gibt dieser Welt eine unfassbare Tiefe, die meine Neugierde weckt. Wie ist ein Fuchs König geworden? Wie lief dieser Krieg, der alle Tiere zusammenbrachte und die Trennung der Gattungen aufbrach? Wie oft reicht Fleischfressern das vegetarische Ersatzpräparat nicht mehr, so dass sie aus Hunger morden? All das sind Sachen, die angedeutet werden, aber allein genug Stoff für eine komplett eigene Geschichte bieten. Ich will mehr erfahren und mehr Spiele, Comics oder Serien in dieser Welt haben!

Unterstützt wird alles durch eine Vielzahl von Charakteren, die allesamt so großartig geschrieben sind, dass sie allein schon ein komplettes Abenteuer verdient hätten. Da wäre die Giraffe Miranda, die so groß ist, dass ich ihren Kopf nie sehe, weil er außerhalb des Bildschirmes liegt, während sie in einer Tour ihre Bewunderung für die Chicken Police ausdrückt. Die Eule Bubo ist ein illegaler Arzt und Separatist, also jemand, der sich gegen romantische Beziehungen zwischen unterschiedlichen Tiergattungen einsetzt, dabei aber mit einer großen Bärin namens Ursula verheiratet ist. Mein Favorit war Sessuon Quetzacoatl, eine Schlange, die eine psychiatrische Einrichtung leitet und jeden Satz so wunderbar zischte, dass ich fast alles einmal nachsprechen musste. Ausnahmslos alle Charaktere sind von hervorragenden Sprecher_innen synchronisiert, was der Erzählung der Geschichte sehr guttut. Sie geben den Figuren mehr Tiefe und Persönlichkeit und machen alle Begegnungen damit um ein Vielfaches interessanter, spannender und sympathischer.

Der Bestseller Chicken Police

Passend zum literarischen Erfolg unserer beiden Hähne wird Chicken Police als Visual Novel erzählt. Ich sehe viele Orte in ein oder zwei Bildschirmen, suche diese nach Hinweisen ab und nutze diese Informationen dann vor allem in unzähligen Dialogen mit den anderen Tieren dieser Welt. Klassische Point-and-Click-Rätsel gibt es also nicht. Vielmehr kommt es darauf an, jede Dialogoption zu nutzen und jedes mögliche Gebiet zu besuchen, um so immer mehr Informationen für Gespräche zu finden, die Sonny in seinem Notizbuch notieren kann. Viele versteckte Details und neue Einträge für diesen Schmöker sind Motivation genug, jeden Millimeter der einzelnen Gebiete abzusuchen. So hatte ich auch einen stetigen Fortschritt ohne große Frustmomente, da ich immer wieder neuen, unterhaltsamen Dialogen lauschen konnte. Manchmal brauche ich nicht mehr als ein paar tierische Wortspiele und einen Biber mit nordbritischem Akzent. So habe ich zum Beispiel gelernt, dass es rassistisch ist, einen Hahn mit “Kikeriki” zu begrüßen.

Ab und an kommt es zusätzlich zu Verhören, in denen wir Informationen aus unserem Gegenüber pressen müssen. Wenn die ersten Fragen uns genug Informationen brachten, um ins Kreuzverhör zu gehen, richtet sich der Scheinwerfer auf das jeweilige Tier und unsere ermittlerischen Fertigkeiten werden auf die Probe gestellt. Je fokussierter wir uns nämlich anstellen, welche Frage wir aus den uns vorgeschlagenen Möglichkeiten wählen, desto besser schneiden wir ab und desto gewinnbringender ist der Dialog. Während es anfangs noch willkürlich auf mich wirkte, welche Antworten mir nun einen positiven Effekt bescherten, merkte ich mit der Zeit, dass Sonny mir immer einen Tipp gab, auf den ich achten muss. In Kombination mit den erstellten Charakterprofilen klappten die Verhöre durch analytisches Vorgehen sehr gut. Ich fühlte mich plötzlich wie ein waschechter Ermittler. Besonders, wenn ich selber schon Schlüsse über die Geschichte zog und diese sich im Verhör bestätigten, war das ein grandioses Gefühl.

Noir Stil in Reinform

Die schwarz-weiße Optik mit einzelnen Farbelementen, die besondere Punkte hervorheben, unterlegt mit Jazzmusik und Sonnys existenzialistischen Monologen erzeugen eine Atmosphäre, die filmisch anmutet und nochmal bestätigt, wieso wir zur gamescom 2020 unseren Award für Best Atmosphere an Chicken Police verliehen haben. Da stört es kein bisschen, dass die Charaktere einfach nur wie animierte Fotos wirken. Alles scheint düster, mies gelaunt und verraucht und schlägt damit in die gleiche Kerbe wie die als Inspiration dienenden Romane von Raymond Chandler, die immer einen melancholischen, aber doch moralisch handelnden Protagonisten besitzen. Damit einher gehen leider auch einige Klischees wie das Reproduzieren veralteter Rollenmodelle oder sehr männliches bzw. patriarchales Gehabe der Figuren, was in einer so fantasievollen Welt gerne auch anders hätte sein dürfen, vor allem da durch diese Zeichnung plötzliche Emotionsausbrüche der Chicken Police viel zu plötzlich und aufgesetzt wirken. Gerade bei der Vielzahl gesellschaftspolitischer Themen im Spiel fiel das immer wieder auf.

Aber das lässt sich auf Grund der Qualitäten bestens verschmerzen. Irgendwann konnte ich mich damit abfinden, dass Chicken Police sein Genre in Reinform durchzieht. Das bietet sicher genug Anlass für Kritik, so wie auch die gesamte Welt um Clawville großen Nährboden für gesellschaftliche Analysen bietet, doch das darf gerne an anderer Stelle passieren. Für mich waren die sieben Stunden mit Marty und Sonny ein Erlebnis, welches ich so nicht mehr missen möchte. Charaktere sind mir ans Herz gewachsen, ich habe häufiger laut gelacht oder erschrocken bei einer neuen Enthüllung hörbar Luft eingesogen, saß mit offenem Mund vor dem Bildschirm oder habe akribisch meine Notizen und mein Gegenüber analysiert. Ich war Teil der Chicken Police. Und als am Ende ein “To be continued…?” am Ende der Credits erschien, konnte ich nur ein lautes “Ja, bitte!” in den Raum rufen. Ein ehrlicheres Fazit kann es in meinen Augen doch gar nicht geben.

10/10 🐔

Developer: The Wild Gentlemen
Publisher: HandyGames
Genre: Crime Noir Visual Novel
Team: Bálint Bánk Varga (Writer, Director, Game Design); Tamás Bakó (Game Design, Producer); Péter Nádas (Game Design, Lead Programmer); Ales Johannes Kuster (Character Animator); Zoltan Ludas, Titanilla Pizvor (Character Artists); Zoltán Nagy, Zoltán Ludas (Background Artists)
Musik: László Vincze (Music & Sounddesign)
Auszeichnungen: Best Atmosphere (WLTW Gamescom Awards 2020), Game of the Show (Gamperspack Gamescom Awards), Best in Show (Scumm + Villany Gamescom Awards)
Veröffentlichung: 5. November 2020 (Steam, PS4, Xbox One, Switch)

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