Special Think Piece

Death and Taxes | Ein Aufruf zum Aktivismus

Ein Spiel über den Büroalltag des Todes hat mir wieder vor Augen geführt, wie wichtig politisches und gesellschaftliches Engagement ist!

Aufstehen, zurecht machen, ab ins Büro. Egal, ob die Welt vor der Türe gerade untergeht, die Psyche angeknackst ist oder der Job mich einfach nur ankotzt. Unsere Gesellschaft verlangt, dass wir pünktlich im Büro sitzen und Arbeit verrichten, von der wir am Ende kaum etwas haben außer ein paar Zahlen auf dem Gehaltscheck. Wem es aktuell nicht schon absurd genug erscheint, bei steigenden Infektionszahlen zwar nicht nach 21 Uhr die Wohnung verlassen zu dürfen, aber mit mehreren Menschen im Büro hocken zu müssen – nachdem alle in vollgepressten Bahnen zur Arbeit gefahren sind – scheint fast schon ein hoffnungsloser Fall zu sein. Die Wirtschaft muss laufen. Der Kapitalismus funktioniert halt so und hat sich so eingespielt, dass vielen Menschen die Ideen dafür fehlen, wie es anders sein könnte. Death and Taxes kann diese Absurdität durch sein abgefahrenes Szenario näherbringen und vielleicht ein paar Augen öffnen. Zumindest bei mir hat es funktioniert.

Hello Zynismus, my old friend

Ich würde nicht sagen, dass ich jemals „unpolitisch” war. Der Begriff an sich ist schon ein Unding. Wenn du dich dazu entscheidest, “unpolitisch” zu sein, ist das eine höchst politische Entscheidung. Entweder scheint die aktuelle Gesellschaft dir keinen Anlass zu geben etwas verändern zu wollen, was eine äußerst privilegierte Position ist oder du bist der Meinung, dass es sowieso nichts ändert, wenn du dich engagierst. Auch das ist eine bestimmte politische Sicht auf die Welt. All dein Handeln beeinflusst die Welt um dich herum. Mal größer, mal kleiner. Jede Aussage und Tat wird von anderen aufgenommen und interpretiert, prägt deren Lebenswelt und ist damit politisch. Mit diesem Bewusstsein habe ich mich als Jugendlicher als “Punk” definiert und später antifaschistisches Engagement gezeigt. Der ausbleibende Erfolg, die Welt nachhaltig zu verbessern und die stetige Konfrontation mit den Gräueln des Alltags, haben mich aber zu einem sehr zynischen Menschen werden lassen.

Während viele jüngere Menschen in meinem Umfeld empört und schockiert auf Aussagen und Taten in der weiten Welt reagierten, fehlte mir mittlerweile diese angebrachte Empörung. Mich überraschen die Umstände für geflüchtete Menschen in Europa, die Toten im Mittelmeer, die diskriminierenden Haltungen der Mehrheitsgesellschaft nicht mehr, weil ich gefühlt mein ganzes Leben versucht habe, etwas dagegen zu unternehmen. Erfolge konnte ich höchstens im Kleinen feiern, während der große Haufen Mist dahinter weiter bedrohlich vor sich hin stank. Ich habe selber eine Lohnarbeit begonnen, mich in das System eingegliedert. Und auch wenn ich viele Mechanismen des Alltags verachte, habe ich mich eingefügt und bin mit meinem Beruf mittlerweile “systemrelevant”. Als Sozialarbeiter also notwendig, damit das System weiter funktioniert. Ich bin ein kleines Zahnrad, das ein System am Laufen hält, von dem ich mich schon immer abgestoßen gefühlt habe. Und ich kann mir nur schwer vorstellen wie sich das ändern lässt.

Es dreht sich alles nur um Death and Taxes

Im Winter letzten Jahres sitze ich am PC und spiele das Indie Game Death and Taxes. Als Sensenmann setze ich mich jeden Tag an den Schreibtisch und blättere Steckbriefe einiger Menschen durch. Mit einem Stempelabdruck entscheide ich wer am Leben bleibt und wer stirbt. Mein Vorgesetzter schreibt mir jeden Tag, wie viele sterben sollen und unter welchen Bedingungen ich Menschen am Leben lassen darf. Nach Feierabend bewertet er meine Arbeit und ich bekomme mein Gehalt, sofern ich alles richtig gemacht habe. Davon kann ich mir dann unnötigen Nippes kaufen wie neue Klamotten oder hübsche Deko für mein Büro. Nur weniges davon hilft mir aktiv bei meinen Entscheidungen. Manchmal frage ich mich, warum jetzt ausgerechnet dieser so positiv beschriebene Mensch sterben muss, während ein Konzernchef am Leben bleibt. Ich könnte mich den Vorgaben widersetzen und meine eigene Entscheidung treffen. Das würde allerdings auf Kosten des Gehalts, vielleicht sogar des Jobs gehen…

Ohne es zu merken, bin ich plötzlich im schnöden Büroalltag gefangen. Meine Vorgehensweise ist fast schon mechanisch: ich scanne die Steckbriefe auf die geforderten Vorgaben und drücke den Stempel, ohne mich weiter mit den Menschen hinter den Informationen auseinanderzusetzen. Ich mache meine Arbeit, bin das perfekte kleine Zahnrad im System. Während ich anfangs noch ausgiebig überlegte und Menschenleben gegeneinander abwog – was an sich schon krank genug ist – folge ich nur noch meinen Vorgaben, um endlich Feierabend zu machen und meinen Sensenmann in die Kneipe zum Feierabend Bier zu schicken. Ein kurzer Akt der Rebellion zu Beginn wurde radikal von meinem Boss niedergemäht, so dass ich schnell wieder zurück in die Reihe getreten bin. In meinem Hinterkopf schwang die ganze Zeit mit, dass irgendwann schon noch der Zeitpunkt zur Rebellion kommen wird. Bis dahin verhalte ich mich einfach unauffällig. So lange, bis alles zu spät und die Menschheit verloren war.

Ein heftiger Weckruf

Death & Taxes hatte eine starke Wirkung auf mich, als ich merkte, dass meine Versuche zwecklos waren den Untergang der gesamten Menschheit mit meinem Widerstand in letzter Sekunde zu verhindern. Ich begann meine eigenen Haltungen zu hinterfragen. Es kann jederzeit passieren, dass mein Engagement zu spät kommt, wenn vorher schon alles den Bach runtergegangen ist. Der Zeitpunkt der Erkenntnis dazu ist jedoch oftmals zu spät. Eine abwartende Haltung, ein zynischer Blick und Hoffnungslosigkeit sind allesamt verständliche Reaktionen, werden aber erst recht nicht die Katastrophe verhindern, auf die die Menschheit zusteuert. Dabei ist es egal, ob es sich um humanitäre Katastrophen wie der Umgang mit Geflüchteten, Welthunger oder globaler sozialer Ungerechtigkeit handelt oder die sich anbahnende Klimakatastrophe. Es brennt an so vielen Ecken und Enden, dass wir es uns eigentlich nicht erlauben können auf den richtigen Zeitpunkt zu warten.

Durch die Vielschichtigkeit der Probleme ist es natürlich kaum möglich, an allen Fronten gleichzeitig zum Widerstand zu rufen. Doch Death and Taxes zeigte mir ebenfalls, dass es nicht zwingend notwendig ist, sich komplett aus dem System auszuklinken. Das ist sogar relativ schwierig. Unsere individuellen Positionen bieten uns unterschiedliche Möglichkeiten zum Aktivismus. Während manche eine große Reichweite genießen, um Positionen zu verbreiten, sitzen andere an Knotenpunkten, an denen ihr konkretes Handeln etwas erreichen kann. Selbst, wenn sich dabei keine unmittelbar sichtbaren Veränderungen einstellen, heißt es nicht, dass diese Aktionen zwecklos waren. Vielleicht verändern wir eine Kleinigkeit auch außerhalb unseres eingeschränkten Blickfeldes. Vielleicht lassen diese Veränderungen auch länger auf sich warten. Vielleicht erleben wir diese Veränderungen selbst auch gar nicht mehr. Aber trotzdem ist alles besser, als sich im Zynismus zu verkriechen. Das kam mir nach meiner Zeit mit Death and Taxes jedenfalls per Ohrfeigenknall wieder ins Bewusstsein!

0 Kommentare zu “Death and Taxes | Ein Aufruf zum Aktivismus

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: