Review

Going Under Review | Kaffee kochen und kopieren

In Going Under dürft ihr als unbezahlte Praktikantin Kammerjäger spielen, bevor es an die eigentliche Arbeit geht.

Oha, eine Anzeige für ein Praktikum. Das klingt ja interessant, ich wollte schon immer in einem frischen Start-Up-Unternehmen arbeiten. Angenehmes Arbeitsklima, motiviertes Team, ambitionierte Projekte, perfekte Möglichkeit zum Sammeln von Erfahrungen. Genau das habe ich gesucht. Vierzig Stunden pro Woche, das ist kein Problem. Wenn, dann will ich auch die volle Experience mitnehmen. „Die Arbeit ist so erfüllend, dass wir selbst zu Hause nicht damit aufhören wollen“… also kein wirklicher Feierabend. Naja gut, das gehört wohl dazu. Unentgeltliche Arbeit steht da. Ach, was soll‘s. Was ich dort lernen kann, ist wahrscheinlich unbezahlbar und viel mehr wert als ein paar dumme Zahlen auf meinem Konto. So einfach kommt man halt nicht in den Marketingbereich. Da wird so ein Praktikum schon vorausgesetzt. Irgendwann werde ich auf die Zeit zurückblicken und froh über jeden Moment, jede Erfahrung sein, wenn ich endlich Geld verdiene! Ich bewerbe mich einfach und dann geht‘s hoffentlich bald los!

Schön, dass du da bist, räum doch erst mal auf!

So oder so ähnlich könnten die Gedankengänge von Jackie gewesen sein, als sie sich auf ein Praktikum bei fizzle beworben hat. So ein hippes Unternehmen versprüht eben seinen ganz eigenen Reiz. Blöd nur, dass sie sehr schnell merkt, dass ihre Vorstellungen etwas naiv waren. Anstatt also erste Erfahrungen im Bereich Marketing zu erlangen, heißt es für Jackie nur „going under“! Ab in die tieferen Etagen, um nervige Goblins und andere Monster zu beseitigen. Die haben dort nämlich eigene Unternehmen gegründet, die der Leitung von fizzle ein regelrechter Dorn im Auge sind. Konkurrenz im eigenen Haus geht nun wirklich nicht. Vor allem, wenn diese anderen Firmen nützliche Gegenstände besitzen, die dem eigenen Start Up helfen können. Mit allerlei Kram, der in den unteren Etagen liegt, muss Jackie nun also alles kurz und klein schlagen. Tastaturen, Kakteen, Plastikmesser, Schwerter, Keulen, Schusswaffen, Tacker, sogar große Kissen und Möbel, alles hilft bei ihrem Auftrag.

Unsere Praktikantin knüppelt sich also durch zufällig generierte Etagen mit dieser Vielzahl an “Waffen”, die in Kartons oder auf dem Boden liegen. Dazu gibt es zufällige Upgrades wie stärkere Angriffe, größere Waffen oder die Möglichkeit, die Ausweichrolle als Attacke zu nutzen. Diese Upgrades findet ihr versteckt oder kauft sie vom Geld, dass die ganzen Feinde liegen lassen, zusammen mit Heilitems in den Shops der Firmen. Nutzt Jackie Upgrades oft genug, kann sie sich dazu entscheiden, eines direkt zu Beginn einer Etage einzusetzen. Neue Upgrades kann sie im fizzle-Büro von erbeuteten Punkten freischalten. Dabei geben ihre Mitarbeiter_innen ihr immer wieder Aufgaben, die Jackie bitte noch zusätzlich erledigen soll. Dafür nehmen sie freundlicherweise nach erledigten Aufgaben eine Mentorenrolle für unsere Kämpferin ein, die zusätzliche Hilfen anbieten wie mehr Geld oder explosive Softdrinks, die immer wieder auftauchen. Je mehr dieser Aufträge Jackie meistern kann, desto größer wird auch die Unterstützung der ausgewählten Mentor_innen.

Going Under als bissiger Kommentar

Neben diesem klassischen Gameplay, das wir aus vielen Rougelites/Dungeoncrawlern kennen, bietet Going Under pausenlos Anspielungen auf die teilweise unmöglichen Verhältnisse, in die Praktikant_innen geschmissen werden. Nach jedem Abschnitt gibt es kleine Szenen aus dem Büro, die uns deutlich zeigen, welchen Platz wir dort gerade haben. Wenn Mitarbeitende fragen, wie lange wir das Praktikum machen und als Antwort ein „Keine Ahnung, aber sie ist ja eh unbezahlt“ kommt oder Jackies Bedürfnis, endlich Erfahrungen im Bereich Marketing zu sammeln, nur weggelacht wird, ist das sicher nicht die subtilste Art der Kritik. Trotzdem ist es genau diese Direktheit, die alle uns bekannten Rechtfertigungen für unbezahlte Praktika schonungslos aufdeckt. Jackie muss sich mit dem nötigsten rumschlagen und nehmen, was ihr vor die Füße fällt. Jede Drecksaufgabe muss erledigt werden. Wenn eine Kaffeemaschine aus einem Gebiet voller Monster besorgt werden soll, werden Widerworte nicht geduldet! Wenn Jackie Wertschätzung will, muss sie verdammt nochmal dafür arbeiten!

So hip ein Start Up auch wirken mag, im Endeffekt beugt es sich dem kapitalistischen System und stellt sich über die Konkurrenz, lässt sie in Going Under sogar aktiv aus dem Weg räumen. Dafür soll aber auch nur der Kram genommen werden, der überall rumfliegt und nach ein paar Schlägen eh kaputt geht. Geld in die Hand nehmen, um Arbeit zu optimieren, ist keine Option. Sogar die Verpflegung soll die unbezahlte Praktikantin selbst zu überteuerten Preisen kaufen. Da täuschen auch spontane Partys im Büro nicht drüber hinweg. Manchmal wirkt es befremdlich, wie wenig Jackie sich anfangs gegen diese Umstände auflehnt. Aber was soll sie auch machen. Praktikant_innen sind oftmals sehr jung und unerfahren, müssen das nötige Selbstvertrauen für das Durchsetzen der eigenen Interessen in der neuen Umgebung noch entwickeln. Und selbst dann kann Jackie als schwächstes Glied der Kette von heute auf morgen rausfliegen, wenn sie sich zu viel beschwert.

Praktika sind für alle da!

Passend für diese Art von Praktikum ist Going Under außerdem tierisch schwer. Bereits ab dem dritten Dungeon werden uns zahlreiche Gegner, Hindernisse und Explosionen entgegengeworfen, was ein unbeschadetes Durchkommen knifflig werden lässt. Wenn keine Zeit investiert wird, um die Unterstützung der Mentor_innen aufzuleveln und bessere Upgrades zu kaufen, ist ganz schnell Schluss mit lustig. Im Gegensatz zu der Realität habt ihr hier jedoch die Möglichkeit, das Spiel auf eure Bedürfnisse anzupassen. Mehr Energie, stabilere Waffen, längere Unverwundbarkeit nach einem Treffer – die Möglichkeiten sind vielseitig. So könnt ihr euch den Dungeon Crawler auf die Art und Weise zusammenstellen, um das beste Erlebnis zu bekommen. Auch wenn Going Under explizit als schweres Spiel gelten soll, legen die Entwickler_innen von Aggro Crab also großen Wert auf Zugänglichkeit. Niemand soll vom Spiel ausgeschlossen werden, weil bestimmte Abschnitte unmöglich erscheinen. Eine wirkliche Ausrede, sich nicht durch die ganzen Etagen zu prügeln, gibt es also nicht.

Going Under ist damit ein unterhaltsames und super smartes Spiel, das wirklich jede_r ausprobieren sollte. Die Unverblümtheit in Erzählung und Gameplay lassen uns alle etwas im Spiel finden, das uns anspricht. Seien es eine knackige Herausforderung, abwechslungsreiche Mechaniken oder clever geschriebene Dialoge, Going Under macht einfach nur Spaß. Ich glaube nicht, dass sich mit diesem Spiel die Bedingungen für Praktikant_innen ändern werden. Es ist meinem Erachten nach aber unfassbar wichtig, dass Probleme direkt und konkret angesprochen werden, so dass sie ausnahmslos jedem bewusst werden können. So schön eine subtile Ebene auch sein kann, ist manchmal die Vermittlung mit dem Vorschlaghammer notwendig, wenn sich schon so lange nichts an den vorhandenen Problemen getan hat. Wenn ihr also Going Under spielt und danach unkommentiert und ohne Bedenken das nächste Praktikum auf Vollzeit, mit Überstunden und ohne Bezahlung startet, ist euch wahrscheinlich nicht mehr zu helfen. Aber auf einen Versuch kommt es an!

9/10 🖨️

Developer: Aggro Crab
Publisher: Team17
Genre: Rougelite Action-Adventure, Dungeon Crawler
Team: Sam Strick (Game Design, Programming); Nick Kaman (Art Design, Animation); Caelan Pollock (Writing, Programming); Joanna Lin (Level Design); Felix Peaslee (Sound Design)
Musik: Felix Peaslee
Auszeichnungen: Official Selection der Indie Mega Booth des GDC Showcase 2020
Veröffentlichung:  24. September 2020 (Steam, PS4, Xbox One, Switch)

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