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Rustler Preview | Grand Theft Horse

Bereits in der Early Access von Rustler könnt ihr im Mittelalter allerlei Schabernack treiben, um ein erfolgreicher Taugenichts zu werden.

Die ersten beiden GTA-Teile sind kaum vergleichbar mit dem, was heute aus dieser Spielereihe geworden ist. Ungeachtet der Altersempfehlung begab ich mich viel zu jung in den Alltag eines Gangsters. In der Topdown-Perspektive fuhr ich mit schnellen Autos durch pixelige Städte, suchte den Panzer auf der jeweiligen Karte und richtete damit reinste Verheerung an. Manchmal wagte ich mich an die Missionen, die auch ganz witzig geschrieben waren, aber niemals den Reiz des freien Fahrens besaßen. Wenn ich ganz verrückt drauf war, habe ich versucht, mich so gut es ging an die Verkehrsregeln zu halten. Vor allem GTA 2 hat daher einen ganz speziellen Platz in meinen Videospielerinnerungen, die beim Anblick des Rustler-Trailers alle wieder an die Oberfläche kamen. Wie gut, dass Rustler mittlerweile als Early Access-Version zugänglich ist. So ein Spiel hat uns doch eigentlich nur gefehlt… oder? 

Rustler: Thug Life im Mittelalater

Wenn die Kamera das erste Mal über die mittelalterliche Landschaft fährt, Menschen in Futtertröge kotzen und Kühe bemalt auf Hausdächern stehen, dann macht Rustler schon sehr deutlich, in welche Richtung das Open World Adventure gehen wird. Hier darf nichts zu ernst genommen werden. So schlüpfen wir schnell in die Haut eines Charakters, der den aussagekräftigen Namen „Guy“ trägt. Ein Trunkenbold, ein Schläger, ein faules Stück. Doch das muss ihn nicht davon abhalten, nach etwas Großem zu streben. Sein Kumpel namens „Buddy“ (ich denke mir das wirklich nicht aus, Leute) erzählt, dass bald ein Ritterturnier um die Hand der Prinzessin stattfindet. Das ist doch die Möglichkeit, um dem Leben in der Gosse zu entkommen und in Reichtum zu baden. Das Problem ist nur, dass sowohl Guy als auch Buddy weit davon entfernt sind, Ritter zu sein. Es muss sich also mit weniger legalen Mitteln geholfen werden.

Pferde wollen gestohlen, Ritter entführt werden, um am Ende in die Haut eines Teilnehmenden des Turniers zu schlüpfen. Bis dahin müssen aber noch nötige Informationen, Geld und Ausrüstung besorgt werden, weswegen diverse Aufträge angenommen und abgeschlossen werden wollen. Oder ihr lasst Guy einfach ziellos durch die Gegend reiten, Menschen überrennen, Stadtwachen umboxen und in illegalen Straßenkämpfen Titel erringen. Wie im großen Vorbild habt ihr in Rustler recht freie Hand darüber, was als nächstes gemacht wird. Heuert einen Barden an, der euer Handeln musikalisch begleitet und gebt ihm eine Ohrfeige, wenn ein anderes Lied gespielt werden soll. Versorgt den Totengräber mit Leichen, um etwas Geld zu verdienen. Weicht den Fäkalien aus, die in der Stadt aus den Fenstern gekippt werden und lauscht den freundlichen Dialogen eurer Mitmenschen, die allesamt mit einem „blargl blargl blargl“ vertont sind. Kurz gesagt: Macht einfach, worauf ihr Lust habt.

 Das war witzig, oder?

Mein Problem mit der ganzen Geschichte war nur, dass ich diese durchaus kreativen Ansätze größtenteils nicht witzig fand. Rustler setzt sehr viel darauf, humoristisch zu erscheinen. Und ich weiß, dass Humor eine sehr subjektive Sache ist, weswegen es sicherlich Menschen geben wird, die hier jede Sekunde für absolutes Comedy-Gold halten. Für mich wirkten die Gags jedoch aufgesetzt, gewollt und vor allem pubertär. Als Teenager hätte ich sicher schallend gelacht, wenn ein Schuldner, bei dem ich Geld einsammeln soll, nur nicht bezahlt hat, weil er vom Eintreiber verprügelt werden möchte und Guy ständig dazu auffordert, doch noch stärker zuzuschlagen. Mittlerweile bin ich eher genervt über eine solche Darstellung sexueller Vorlieben. Es wirkt, als würde Rustler versuchen, Tabus zu brechen, die lange keine Tabus mehr sind. Witze über Sexualität oder das ausgiebige Nutzen von Schimpfwörtern hat mittlerweile nicht mehr denselben Effekt wie noch in den Neunzigern. Humor entwickelt sich.

Diese Entwicklung scheint Rustler aber nicht so ganz mitbekommen zu haben. Es wirkt, als würden sich Jutsu Games eine Zeit zurückwünschen, in der es gereicht hat, „ficken“ zu sagen, um überraschtes Kichern im Publikum hervorzurufen. „Hat er das wirklich gerade gesagt? Es geht um Sex, oder? Hihi.“ Was ich Rustler zu Gute halten kann, ist zumindest die Tatsache, dass ich nicht abgrundtief genervt von diesem Gagniveau war. Gerade in Kombination mit dem Mittelaltersetting ist es eben doch nicht so ausgelutscht, wie es in anderen Zusammenhängen hätte sein können. Die Witze, die in das Worlddesign eingebunden sind, wie die eingangs erwähnte Kuh auf dem Dach oder auch der Totengräber, der einfach richtig gerne mehr Menschen verbuddelt, fand ich auf seltsame Art sympathisch. Und ja, ich gebe es zu, als der erste Eimer voller Unrat aus dem Fenster auf die Straße gekippt wurde, musste ich tatsächlich lachen. I’m a simple guy sometimes.

„Ist doch nur ´ne Fleischwunde!“

Aber Witze allein reichen nicht, um mich in einer Welt zu halten. Die Aktivitäten, die Rustler mir anbietet, müssen auch Spaß machen. Und das ist der Punkt, an dem ich hoffe, dass mein Eindruck vor allem am Early Access Status liegt. Rustler möchte mir die Möglichkeit geben, frei zu entscheiden, was ich mache. Und die Gelegenheiten dazu sind da. Es macht wirklich Spaß ein Pferd oder eine Kutsche zu stibitzen und einfach über zahlreiche virtuelle Menschen zu brettern. Das blöde ist nur, dass das Spiel danach sehr schnell für mich vorbei ist. In GTA hatte ich durch das Setting Zugriff auf diverse Waffen, womit selbst in der Topdown-Perspektive genug Potential gegeben war, um eine Übermacht an Sicherheitskräften in Schach zu halten. Bei Rustler geht das nicht. Wenn mir die Wachen mit auf den Kopf gebundenen Sirenen auf den Fersen sind, kann ich entweder nur Fahndungsposter abreißen oder mein Pferd umlackieren.

Gerate ich in eine direkte Auseinandersetzung, kann ich nur sehr langsam mit einer Armbrust feuern, die nach jedem Schuss nachgeladen werden will oder ich gehe mit Faust oder Schwert in den Nahkampf, was bei mehreren Widersachern zu einem seltsam anmutenden Tänzchen wird, das eher schlecht funktioniert. So werde ich also andauernd in ätzende Situationen geworfen, sobald ich einfach mal freidrehen möchte. Wenn manche Aufträge solche Auseinandersetzungen dann noch forcieren und bei einer Niederlage die teils lange Quest komplett von vorne beginnen lassen, habe ich erst recht keinen Bock mehr. Ja, ich kann Skillpunkte erspielen, die mich schneller nachladen lassen oder mir mehr Energie geben. Spaß machen diese Sequenzen trotzdem nicht. Vielmehr versuche ich, so gut es geht, keine Regeln zu brechen, um nicht von den Wachen verfolgt zu werden. Ich behaupte mal, dass das nicht die Intention von Rustler sein dürfte.

„Einigen wir uns auf unentschieden.“

Rustler befindet sich noch am Anfang der Early Access Phase und demnach am Anfang des für die Community geöffneten Entwicklungsstatus. Das heißt, gerade was Spielmechaniken angeht, können hier noch viele Updates kommen. Das heißt auch, dass die Geschichte rund um Guy an Fahrt aufnehmen und ein richtiger Kracher werden kann. Aktuell kann ich nur sagen, dass hier einiges an Potential vorhanden ist, das noch ausgeschöpft werden kann. Sollte das nicht passieren, wäre das wirklich bedauerlich. Die Liebe zum Detail ist nämlich auch fernab meiner Humorvorlieben nicht zu übersehen. Rustler hat eine lebendige, teils skurrile Welt zu bieten, deren Erkundung riesigen Spaß machen könnte. Nur funktioniert das aktuell leider nicht. Neugierig bin ich trotzdem, was aus diesem Setting noch werden kann.

Developer: Jutsu Games
Publisher: PlayWay, Modus Games
Genre: Open World Adventure
Veröffentlichung: 18. Februar 2021 im Early Access  (Steam)

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