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Paradise Killer Review | Mord ist ihr Hobby

In Paradise Killer deckt ihr einen Mord unter Göttern auf, während Neonfarben und elektronische Klänge alles überfluten.

Ich war früher großer Fan alter Mythen. Geschichten über Götter und ihre verrückten Aktionen haben mich immer gereizt und mir sowohl den Latein- als auch den Geschichtsunterricht gerettet. Wenn übernatürliche Wesen plötzlich ganz menschliche Eigenschaften an den Tag legen und riesigen Bockmist bauen, ist das meiner Meinung nach auch deutlich glaubhafter und spannender als die Erzählung von einem unfehlbaren Allmächtigen, der mit all seinem Handeln ein großes Ziel verfolgt. Es wäre doch viel besser, wenn Gott und Jesus zum Beispiel auf Grund eines dezenten Alkoholproblems ständig ihre verrückten Taten vollbracht hätten. Wenn die zwölf Apostel Jesus gefolgt wären, weil sie einfach wissen wollten, wann der alte Trunkenbold das nächste Mal über Wasser läuft, um es brühwarm ihren Freund_innen zu erzählen oder alles aufzuschreiben und es später “Bibel” zu nennen. Das würde viel mehr Sinn ergeben. Und so hätten Gott und Jesus auch wunderbar in die Welt von Paradise Killer gepasst!

Auf dem Weg zur Perfektion

In Paradise Killer basteln sich nämlich göttliche Wesen eine Insel, um dort ein Leben in Saus und Braus führen zu können. Geht in diesem Paradies irgendetwas schief, werden kurzerhand alle nicht-göttlichen Menschen geopfert und eine neue Insel wird erschaffen, die einen Funken besser ist als die alte. So startet Paradise Killer auf Insel 24, kurz vor dem Übergang zum 25. Paradies, das endlich perfekt sein soll. Blöd nur, dass kurz vor dem endgültigen Übergang die gesamte göttliche Führungsriege umgebracht wird. An diesem Punkt schlüpft ihr in die Haut von Lady Love Dies. Sie ist eine Ermittlerin, die vor 3.000.000 Tagen von einem Gott manipuliert wurde, das Paradies in Gefahr brachte und dafür ins Exil geschickt wurde. Für diesen schwierigen Fall wird sie allerdings zurückgeholt und muss nun alle übrigen göttlichen Wesen, die sogenannten Syndicate-Mitglieder, befragen und Hinweise finden, wer hinter diesem Mord steckt. Als Belohnung winkt eine Aufhebung des Exils.

Ein Mensch namens Henry wird verdächtigt, der Täter in diesem Mord zu sein. Da er vor Jahren einen Dämon beschworen hat, der von ihm Besitz ergriff, steht die Vermutung, dass dieser Dämon Henry auch dazu befähigt hat, diesen Massenmord zu begehen. Angeblich habe er seine Wächterin überlistet, ist in den mit vier starken Siegeln gesicherten Raum des Councils eingedrungen, hat dort alle ermordet und wurde dann mit dem Blut aller Getöteten vor dem Gebäude gefunden und wieder festgenommen. Die Geschichte und die ersten Hinweise klingen plausibel und Lady Love Dies kann tatsächlich auch direkt sagen, dass Henry es war und die Sache ist erledigt. Alle Überlebenden können endlich auf die nächste Insel. Forscht ihr jedoch etwas weiter, sammelt Hinweise und hört euch unterschiedliche Aussagen an, um die Alibis der übrigen Bewohner_innen zu überprüfen, wachsen berechtigte Zweifel an der aktuellen Variante des Mordes. Irgendwas scheint hier nicht so ganz zu stimmen!

Echte Ermittlungsarbeit in Paradise Killer

Nachdem ihr Lady Love Dies von einem kilometerhohen Turm springen lasst, während die Credits zum Beginn rollen und der starke Soundtrack einsetzt, habt ihr völlige Freiheit, die Insel zu erkunden. Überall liegen Sammelitems für eure Kollektion, Blutkristalle, die als Währung für Hinweise, Schnellreise oder Upgrades dienen oder ihr stoßt auf Spuren und Bewohner_innen der Insel, die für einen Plausch zu haben sind. Nach und nach eröffnen sich neue Fälle, die mit dem Mord zusammenhängen und zu denen ihr Fragen stellen könnt. Dabei ist die paradiesische Insel gerade so groß, dass ihr schnell von einem zum anderen Ende kommt, aber so vollgepackt mit interessanten Ecken, dass ihr trotzdem Stunden damit verbringen könnt, jeden Winkel zu erforschen. Dieses Open World-Konzept bei einem Detektivspiel aus der First-Person-Perspektive ist wahrlich etwas Besonderes. Vor allem wenn ihr Doppelsprung, Item-Anzeige oder einen Dash freischaltet, fliegt ihr fast schon in Windeseile zu jedem noch so abgelegenen Punkt.

Dabei werden keine Marker und Zielpunkte auf der Karte angezeigt. Einzig die Anmerkungen in eurem Computer namens Starlight, der als Menü für anstehende Ziele, gesammelte Items und Charakteranalysen bereitsteht, sagen euch, wo ihr hinlaufen müsst. Wo die genannten Orte sind und an welchen Stellen ihr dort suchen müsst, gilt es selbst herauszufinden. Das ist aber alles andere als problematisch. Die neonfarbene Welt, eine Mischung aus Vaporwave und Satanismus, wie IGN es so schön beschreibt, ist so markant, dass die Orientierung schnell in Fleisch und Blut übergeht. Vor allem Blut, wenn ihr die ganzen Opferstätten bedenkt, die auf der Insel verteilt sind und Items für euch bereithalten. Es fühlt sich gut an, wenn ihr einem Hinweis folgt und dann tatsächlich etwas Interessantes findet. Oder ihr geht einfach frei Schnauze auf Entdeckungstour und entdeckt dann in Dialogen direkt schon Hinweise oder Widersprüche, weil ihr mehr wisst als euer Gegenüber gerade vermutet.

Aus Fakten Wahrheiten schaffen

Habt ihr die beiden Sherlock Holmes-Spiele “Crimes & Punishment” und “The Devil’s Daughter” gespielt? Dort könnt ihr anhand eurer Ermittlungen eigene Schlüsse ziehen, zu einem Ergebnis kommen und das Spiel geht ganz normal weiter. Euch entgehen nur ein paar Zwischensequenzen und Achievements, weil es eben doch eine vom Spiel als “richtig” intendierte Lösung gibt. Trotzdem lässt sich diese Ermittlung noch am ehesten mit Paradise Killer vergleichen, nur dass ihr im Spiel der Kaizen Game Works absolute Freiheit habt und alles zu einem passenden Ende führt. Auch hier gibt es, wenn alle Hinweise gefunden sind, eine Alternative, die am naheliegendsten erscheint, doch trotzdem könnt ihr ausnahmslos jedem Charakter jedes Verbrechen vorwerfen. Diese Freiheit geht allerdings mit einem starken Gefühl der Verantwortung einher. Auch wenn es jederzeit möglich ist, die Verhandlung zu starten, um eure Ermittlungen vorzulegen, fühlt es sich nicht richtig an, wenn noch offene Fragen im Starlight angezeigt werden.

Im Verlauf des Spiels habt ihr die Charaktere kennengelernt, denen die unterschiedlichen Straftaten vorgeworfen werden. Lasst ihr daher eure Beziehung in eure Ergebnisse einfließen oder haltet ihr euch strikt an eure Ermittlungen? Könntet ihr euch liebgewonnene Charaktere ans Messer liefern, wenn jede Straftat mit einer Exekution geahndet wird? Oder nutzt ihr eure Beweise, um die Taten nach euren eigenen moralischen Werten den Syndicate-Mitgliedern in die Schuhe zu schieben? Vielleicht habt ihr manche Infos auch nach ewigem Suchen nicht gefunden und müsst sowieso eurem Bauchgefühl vertrauen. Paradise Killer lässt euch diese Möglichkeit, stellt euch damit aber auch vor eine unangenehme Entscheidung, die das Spiel so besonders macht. Ihr müsst reflektieren, was passiert ist und euch dann völlig unabhängig entscheiden. Ihr schafft aus euren gesammelten Fakten eine einzige Wahrheit, von der es kein Zurück mehr gibt.

Wer ist der Paradise Killer?

Die Vielzahl an Möglichkeiten kann vor allem zu Beginn erschlagend wirken. Wenn ihr noch keine Ahnung habt, wer die einzelnen Charaktere sind, wirken alle Dialoge seltsam und verwirrend. Die angeblich wichtigen Informationen, mit denen Lady Love Dies sofort etwas anfangen kann, sorgen für große Fragezeichen in euren Köpfen. Je mehr ihr herausfindet, desto mehr setzt sich allerdings nicht nur das Bild des Falles, sondern vor allem auch das Bild dieser Welt zusammen. Nach und nach versteht ihr, wie alles auf der Insel funktioniert, wer welche Aufgaben hat, in welchen Beziehungen die Figuren zueinanderstehen und was die Motivationen der Bewohner_innen sind. Da die Wege zu den einzelnen Figuren dann später nur noch wie ein Katzensprung wirken, kommt ihr schnell in einen Motivationsstrudel, eben noch schnell diese eine Information zu holen… und noch eine… und noch eine… und noch eine letzte, die ihr dann fein säuberlich in eurem Kopf sortiert und zusammensetzt.

Ehrlich gesagt weiß ich noch immer nicht, ob ich am Ende die richtige Wahl anhand meiner Infos getroffen habe. Auch, wenn Starlight mir keine offenen Spuren mehr nennen konnte, will ich nicht ausschließen, vielleicht doch etwas übersehen zu haben. Mein Abschluss war logisch, die Reaktionen der Charaktere dementsprechend authentisch, aber das kann auch bei völlig anderen Entscheidungen passieren. Zumindest habe ich dabei gemerkt, dass Geschichten über verrückte göttliche Entitäten noch immer ein Treffer ins Schwarze für mich sind! Da Killer Paradise keine Autosave-Funktion besitzt, sondern immer manuell gespeichert werden muss, werde ich vielleicht den ein oder anderen Spielstand laden und andere Lösungen und Schlüsse ausprobieren, wenn ich den ersten Durchlauf etwas habe sacken lassen. Bis dahin läuft der Soundtrack bei mir allerdings in Dauerschleife. So ganz will mich Paradise Killer also einfach nicht loslassen. Wenn ich ehrlich bin, stört mich das aber auch kein bisschen!

10/10 🩸

Developer: Kaizen Game Works
Publisher: Fellow Traveller
Genre: Open-World Krimi, Detektivspiel
Team: Oliver Clarke-Smith, Phillip Crabtree, Amy Crabtree, Rachel Noy, Curran Gregory, Sophie Hodge, C. Bedford
Musik: Barry Topping (Composer)
Veröffentlichung: 4. September 2020 (Steam, Switch)

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