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Keen – One Girl Army Review | Mit Rollschuhen und Säbel

Lasst die kleine Kim in Keen – One Girl Army durch Gegnerhorden schnetzeln, indem ihr die perfekte Strategie erknobelt.

Erinnert ihr euch noch daran, als Rollschuhe cool waren? Ich nicht. Diese Ära war definitiv vor meiner Zeit.  Skateboards, eventuell noch Inline Skates, waren der wirklich heiße Scheiß für mich. Rollschuhe waren die Dinger, die meine Mutter als Jugendliche benutzt hat. Aber wie so oft kehren Trends irgendwann wieder und mittlerweile sind auch die Schuhe mit vier Rädern chic und trendy geworden. Vintage, mag manch einer sagen. Es ist also nicht verwunderlich, wenn edgy Teenager sich diese unpraktischen Treter an die Füße schnallen, um ein Zeichen zu setzen. Oder wenn ein Studio wie Cat Nigiri sich dazu entscheidet, ihrer jungen Heldin diese fahrbaren Pantoffeln anzuziehen. Und bevor ich hier wie ein grummeliger alter Mann klinge, der den Retrotick der Jugend verteufeln will, ändere ich besser meinen Duktus und konzentriere mich eher darauf, was diese Rollschuhe für spielerische Auswirkungen in Keen – One Girl Army haben.

Einmal wischen und schon sind sie weg

Wenn ich euch Keen – One Girl Army jetzt kurz und knackig beschreiben müsste, würde das wohl am besten mit einem „Witsch! Wutsch! Schlitz! Schlotz! Au! Mist! Jetzt Aber! Witsch! Wutsch!“ funktionieren. So fühlt ihr euch nämlich in den ganzen Levels. Ihr sagt der kleinen Kim, in welche Richtung sie rollen soll und sie düst dann blitzschnell bis zum nächsten Hindernis, an dem ihr die nächste Richtung angebt. Ein Stopp mitten in der Bewegung ist nicht möglich. Sind Gegner in der Rollbahn, erledigt Kim sie kurzerhand oder schadet ihnen zumindest. Stehen die Feinde am Ende des Weges, bleibt unsere Heldin vor ihnen stehen und schlägt mit ihrer Klinge zu, um sie zu betäuben. Mit jeder Bewegung hüpfen auch die Feinde ein Feld in eure Richtung. Springt einer der Zombies, Roboter oder sonstigen Schläger auf ein Feld direkt neben euch, gibt es einen Schlag auf die Mappe und ein Herzchen ist verloren.

Keen – One Girl Army erfordert also eine ordentliche Planung, bevor ihr euch ins Getümmel schlitzt. Am besten denkt ihr schon einige Züge voraus, um euch nicht in eine blöde Stelle zu manövrieren, aus der ihr nicht mehr raus könnt. Jeder Raum ist schadfrei zu überstehen, wenn ihr euch gut anstellt. Und je besser ihr seid, desto mehr Orbs bekommt ihr am Levelende als Belohnung, mit denen ihr versteckte Schreine öffnen könnt. Dort müsst ihr ein einzelnes Rätsel lösen und bekommt dafür eine besondere Fähigkeit, wie zum Beispiel ein Stromschlag auf Feinde im Raum oder ein Schutzschild, um den ersten Treffer pro Level zu vermeiden. Sinnvolle Verbesserungen also, die mehr Möglichkeiten bieten, einen Raum von den Gegnerhorden zu befreien. Und trotzdem wird das Spiel dadurch nicht wirklich leichter. Stellt euch darauf ein, das Zeitliche zu segnen und zu einem Checkpoint geschickt zu werden, weil ihr plötzlich von nagelbesetzten Baseballschlägern umzingelt wart.

Eine Prise Wut, eine Prise Entspannung

Kennt ihr dieses Phänomen, wenn euer Kopf blockiert, ihr einfach nicht mehr weiter wisst, eine Pause benötigt und einen Tag später auf Anhieb erkennt, wo zuvor das Problem lag? Dieser Moment, wenn es plötzlich Klick macht und ihr euch fragt, was zum Geier eigentlich euer Problem war. Dieses Gefühl werdet ihr in Keen – One Girl Army häufiger haben. Denn es wird immer wieder Momente geben, in denen das Spiel euch brechen wird. Je weiter ich im Spiel vorankam, desto häufiger habe ich ein Level wutentbrannt beendet, den Laptop ausgeschaltet und den Titel verflucht. Genauso oft habe ich mich ein paar Stunden später auch wieder vor den Monitor gesetzt, den Raum durchblickt und Kim in Sekundenschnelle hindurchfegen lassen. Dieses Gefühl, ein Spiel wirklich zu besiegen, ein Hindernis zu meistern und das auch noch in dieser Geschwindigkeit, die das Spiel euch ermöglicht, ist nur schwer zu beschreiben.

Vor allem aber macht es süchtig. Es versetzt euch in einen Rausch, der auch die nächsten Räume einen Klacks werden lässt. Keen – One Girl Army schafft es, durch Difficulty Spikes das Überwinden eben dieser wie die Abfahrt einer Achterbahn wirken zu lassen. Die Anspannung steigt, immer wieder erscheint die Frage in eurem Kopf, warum ihr euch das eigentlich antut, aber wenn sich dann der Abgrund vor euch zeigt, verfliegen die nächsten Momente in einem Rausch von Adrenalin und Euphorie. Und auch, wenn ich eine Achterbahn jederzeit einem Videospiel vorziehen würde (das Gefühl ist einfach nicht zu toppen), so schafft es das Team um Cat Nigiri, diesen Gameplay-Loop hier wunderbar einzufangen. Das ist auch enorm wichtig, da die Geschichte eines kleinen Mädchens, das böse Truppen davon abhalten will, die Heimatinsel zu überlaufen, völlig belanglos erzählt wird. Es geht vor allem um das Knobeln und Schnetzeln, weniger um die Motivation dahinter.

Just Style and Flow for Keen – One Girl Army

Neonfarben, Geschwindigkeit, ein retrolastiger Soundtrack und das alles auf Rollschuhen und mit Zöpfen, wie sie Blümchen in ihren besten Videos trug. Cat Nigiri schicken euch auf einen nostalgischen Trip, der die Hirnzellen schmoren lässt, während euch die positiven Erinnerungen der Vergangenheit beruhigend in den Arm nehmen. Damit haben wir jetzt einen zweiten Ansatz, um Keen – One Girl Army kurz und knackig zu beschreiben. Es ist kein Spiel, das euch stundenlang vor den Bildschirm fesselt. Dafür sind die Abläufe der Level doch zu eintönig. Für ein paar kurze Runden am Tag, ein paar Level am Stück, ist Kims Abenteuer jedoch genau richtig. Spielt so lange, bis ihr kurz davor seid, eure Faust in den Bildschirm zu rammen. Das dürfte nach ungefähr zwei oder drei Levels der Fall sein, wenn ihr ähnliche Spieltypen wie ich seid. Zwingt euch dann nicht, weiter am Ball zu bleiben, sondern gönnt euch den nötigen Abstand.

Ohne dieses Maß an Selbstbeherrschung hätte ich Keen – One Girl Army nämlich verflucht und zerrissen. Das hat dieses Spiel aber auf keinen Fall verdient! Mit den nötigen Pausen konnte ich mich immer wieder auf das Setting und die Spielmechaniken einlassen, habe so immer wieder andere Spezialfähigkeiten der jungen Heldin ausprobiert und neue Ansätze für das Bestehen einer Aufgabe gefunden. Ich weiß, wie schwer es sein kann, sich den nötigen Abstand zu einer Aufgabe zu gönnen. Wenn ich einmal ein Level begonnen habe, dann will ich es doch auch durchspielen. Sich ganz bewusst dagegen zu entscheiden, war alles andere als leicht, hat meinem Blick auf das Spiel jedoch sehr gutgetan. Wenn ihr dazu auch in der Lage seid, dann braucht sich niemand um das Wohl von Kims Insel zu sorgen, selbst wenn es bis zur endgültigen Rettung noch etwas dauert.

8/10 🎢

Developer:  Cat Nigiri
Publisher: Phoenixx Inc, 2P Games
Genre: Taktisches, rundenbasiertes Puzzle-Adventure
Auszeichnungen: Indie MEGABOOTH 2017 – Pax selection, IndieGameArea 2017 – TGS selection
Veröffentlichung: 25. Juni 2020 (Steam, Switch)

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