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Jessika Review | Das Herz am rechten Fleck

TriTrie Games haben das Spiel Jessika anlässlich der Aufdeckung der NSU-Morde entwickelt.

Zwischen den Jahren 2000 und 2007 ermordete der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) zehn Menschen, verübte 43 Mordversuche, drei Sprengstoffanschläge und fünfzehn Raubüberfälle. Am 4. November 2011 wurde öffentlich bekannt, wer hinter diesen Verbrechen steckte, nachdem vorher immer wieder die Betroffenen als potentiell Verdächtige gesehen wurden. Von Dönermorden war die Rede, anstatt die rassistischen Motive hinter den Taten zu erkennen. Der folgende Prozess zur Verurteilung des NSU-Mitglieds Beate Zschäpe erzeugte großes, öffentliches Aufsehen und auch heute noch sind die Erkenntnisse daraus erschreckend. Denn auch wenn vor allem drei Namen immer in Verbindung mit dem NSU gebracht werden, zeigte sich deutlich, dass mehr Menschen an den terroristischen Machenschaften beteiligt waren. Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe hatten ein Netzwerk an Unterstützer_innen, das sich höchstwahrscheinlich bis in die Exekutive, Legislative und den Verfassungsschutz zog. Viele Verbindungen sind noch immer unklar, weswegen das Thema auch weiterhin einen großen Aufarbeitungsprozess benötigt.

Immer tiefer in den Sumpf

TriTrie Games haben sich dem Thema mit einem Videospiel angenähert. Im Titel des drei Personen starken Teams sind wir Mitarbeiter der Firma „White Flower”, die Online-Recherche betreibt, um Informationen für ihre Auftraggeber_innen zu erhalten. Unser Auftrag ist dementsprechend, herauszufinden, warum die namensgebende Jessika sich das Leben nahm. Wir erhalten Zugang zu einem Videotagebuch, durch das wir uns nun durchwühlen müssen. Über ein Programm können wir nach Schlagwörtern suchen, welches uns bestimmte Videos anzeigt. Diese 10-80 Sekunden langen Ausschnitte geben uns Einblicke in Jessikas Leben. Manche Dateien sind noch verschlüsselt und werden erst freigeschaltet, wenn wir entweder ganz bestimmte Videos oder eine bestimmte Anzahl gesehen haben. Wonach wir suchen müssen, ergibt sich meist aus den Aussagen, die wir in den Einträgen hören. Spricht Jessika zum Beispiel von den Alkoholproblemen ihrer Mutter, bietet es sich an, als nächstes “Alkohol” in die Suchmaske einzugeben.

Während unserer Suche sind wir ständig über ein Chatprogramm mit dem Vater von Jessika und unseren Kolleg_innen verbunden. So tauschen wir uns über unsere Eindrücke aus und bitten um Rat, wenn wir verstörende Inhalte entdecken. Das passiert auch relativ schnell. Wir finden heraus, dass Jessikas Leben nicht so harmonisch war, wie es die ersten Ausschnitte zeigen. Familiäre Probleme ließen sie immer weiter abdriften, bis sie schließlich eine rechtsradikale Aktivistin wird. Nach und nach erzählt Jessika uns also von ihrem Radikalisierungsprozess, macht ihren Rassismus unmissverständlich klar. Wir müssen uns durch diesen Wust aus Hass und Wut kämpfen, um für ihren Vater herauszufinden, was letztendlich das Leben seiner Tochter beendet hat. Die Gespräche über das Chatprogramm mit ihm und unseren Kolleg_innen werden dabei immer fragwürdiger. Ich selbst hatte große Probleme, an manchen Stellen die politische Haltung meiner Gesprächsparter_innen einzuordnen, da ich ihre Antworten auf meine Bemerkungen so gar nicht nachvollziehen konnte.

Jessika: Erlebniswelt Rechtsradikalismus

Während im Hintergrund also die Geräusche des Cafés und der Straße davor rauschen, hören wir immer mehr aus dem Leben Jessikas. Dabei spielt die Schauspielerin Lisa Sophie Kusz ihre Rolle wirklich überzeugend. Während es anfangs alles noch etwas gestelzt wirkt, ist ihr später jedes Wort deutlich abzunehmen. Ihre Wut sorgt für merkliches Unwohlsein in mir. Oft möchte ich am liebsten die Videos abbrechen, weil ich kein Interesse daran habe, noch mehr ihrer rassistischen Tiraden zu hören. Je tiefer sie in die Strukturen eintaucht, desto radikaler wird alles, was sie sagt. Von harmlosen Erzählungen aus der Schulzeit geht es über Konzerterfahrungen, Grenzüberschreitungen und Beziehungen innerhalb der Szene bis zu klaren Straftaten. Dabei wird deutlich, wie viel Einfluss das damit einhergehende Machtgefühl hat. Jessika erzählt häufiger, dass niemand ihnen etwas tun konnte. Alle hatten Angst vor ihrer Gruppe. Demos und Konzerte sind wichtige Kontaktpunkte für sie und ihre Freunde.

Für mich als ausgebildeten Antirassismustrainer, der sich beruflich mit diesen Themen auseinandersetzen muss, ist alles natürlich nicht neu. Große Erkenntnisse habe ich von Jessika nicht bekommen.  Dementsprechend schwer fiel es mir daher auch, immer mehr davon zu konsumieren. Oft dachte ich mir „Ja, ich verstehe, was ihr mir sagen wollt” und auch mein Hauptauftrag schien irgendwann nicht mehr im Fokus zu liegen. Die ganze Situation wurde einfach immer skurriler, die Gespräche über das Chatprogramm schwieriger einzuordnen, Glitches im Computer erzeugten fast schon eine schaurige Grusel-Atmosphäre und das Finale habe ich dann gar nicht mehr einordnen können. Ja, Jessika schafft es durch den langsamen Aufbau der Videos gut zu verdeutlichen, was der Reiz an rechten Strukturen ist. Ich frage mich allerdings, wie das Ganze dann auf Menschen wirkt, die sich nicht schon mit diesem Thema auseinandergesetzt haben? Wie ordnen die das Gehörte ein, wie sehen sie die Entwicklungen zum Ende hin?

Am Ende bleibt…?

Ich verstehe einfach nicht, was mir Jessika als Gesamtwerk sagen möchte. Gerade in aktuellen Zeiten bin ich mir unsicher, ob es ausreichend ist, einfach rassistische Tiraden ungefiltert über den Bildschirm zu jagen. Ist die Perspektive der Täter_innen mittlerweile nicht oft genug erzählt worden? Muss der Fokus weiter auf der tragischen Geschichte einer weißen Person liegen, die vom Hass zerfressen wird? Wäre es nicht besser gewesen, die Perspektive der Betroffenen erzählt zu bekommen bzw, Betroffene erzählen zu lassen? Ich sehe die Intention dahinter und bin froh, dass ein deutsches Studio sich dem Thema NSU über ein digitales Medium nähern will und das Bedürfnis entwickelt, ein Spiel zu programmieren, das mehr als nur reine Unterhaltung bieten soll. Aber welchen Mehrwert bringt Jessika, außer der Erkenntnis, dass Nazis Rassisten sind? Gerade durch die schwammigen Dialoge über das Chatprogramm fehlte mir oftmals eine Einordnung der Videoclips.

Manche Punkte sehe ich sogar äußerst problematisch. Die Perspektive, dass eine schlimme Kindheit zu Rassismus führt, ist in meinen Augen zu einfach gestrickt. Natürlich kann so etwas eine Radikalisierung begünstigen, diese Opferinszenierung führt jedoch auch zu wohlbekannten Aussagen wie der, dass Nazis doch einfach nur Liebe, Zuneigung und Bildung bräuchten. Rassismus entsteht allerdings nicht nur aus einer schweren Kindheit und traurigen Familienverhältnissen. Jessika als Opfer ihrer Umstände geht sogar so weit, dass sie ausführlich einen Angriff von “Zecken” nach einer Demo schildert, die auf brutalste Weise auf die Nazis einschlagen. Diese ganzen Ausschnitte schreien nur nach Hufeisentheorie, dass die linke Seite nicht besser als die rechte Seite sei. Denn auch hier fehlt jede Einordnung des Spiels. Ich bin mir wirklich unsicher, wie sinnvoll es unter den gesteckten Zielen der TriTrie Games ist, einfach nur den Monologen einer überzeugten Rassistin zu lauschen.

Große Ernüchterung

Ich kann mir vorstellen, dass Jessika eine eindrückliche Wirkung auf Menschen haben kann, die sich wirklich noch nie mit den Themen Rechtsradikalismus, Rassismus und Radikalisierung auseinandergesetzt haben. Wenn diese Personen dann auch den am Ende des Spiels angehängten Links zur Amadeu-Antonio-Stiftung und EXIT Deutschland folgen, können sie sicherlich einen bildenden Mehrwert für sich aus dem Spiel ziehen. Tun sie das nicht, führen die Videoschnipsel in meinen Augen eher zu gefährlichem Halbwissen und dem Gefühl, diesen Prozess jetzt verstanden zu haben, anstatt zu abstrahieren, dass Jessika nur ein einzelnes Beispiel eines sehr komplexen Themas darstellt.

Ich habe mich wirklich auf diesen Titel gefreut. Die Demo der gamescom hat mir große Lust gemacht, zu sehen, wie TriTrie Games dieses schwierige Thema angehen wollen. Interviews des Teams im Vorlauf haben mir gezeigt, dass gute Ansätze und eine absolut lobenswerte Motivation hinter der Entwicklung steckten. Umso ernüchterter war ich dann jedoch, als die letzten Videos über meinen Bildschirm flackerten. Wer Jessika spielt, sollte definitiv bereit sein, sich kritisch mit den Inhalten auseinanderzusetzen. Es ist wichtig, die Eindrücke zu hinterfragen und weitere Recherchen zum Thema zu bemühen, um einen wirklichen Effekt aus dem Spiel zu ziehen. Solltet ihr dazu nicht bereit sein, kann ich bei aller Liebe für die Gedanken hinter dem Spiel leider keine Empfehlung für Jessika aussprechen.

In Gedenken an die Opfer des NSU: Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Habil Kilic, Yunus Turgut, Ismail Yasar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubasik, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter! Mögen sie ihre Mörder überdauern.

Developer: TriTrie Games
Publisher: Assemble Entertainment
Genre: FMV Adventure
Team: Pierre Schlömp (Mechanics, Narrative); Sarah Abouzari (Programming);  Seren Besorak (Game Arts, Economics)
Auszeichnungen: Nominiert für den Ubisoft/Blue Byte Best Newcomer Award (Deutscher Entwickler Preis 2018)
Veröffentlichung: 25. August 2020 (Steam)

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