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Maid of Sker Review | Immer den Ohren nach!

Wales Interactive schicken euch in Maid of Sker in ein düsteres Hotel voller walisischer Tradition, Musik und unheimlicher Gestalten.

Als ich die erste Nacht in meiner ersten, eigenen Wohnung verbrachte, schaute ich ganz unbedacht den Film Paranormal Activity vor dem Einschlafen. Dass mich daraufhin die Unmengen unbekannter Geräusche im neuen Umfeld wachhalten würden, weil ich hinter jedem Knarzen einen bösen Dämon vermutete, war jedenfalls nicht geplant. Denn obwohl es völlig normal ist, dass Häuser Geräusche von sich geben, Bretter knarzen und Scharniere quietschen, entwickeln diese Geräusche einen unheimlichen Charme. Dadurch haben alte Häuser auch das Potential, selbst der Star einer Geschichte zu werden. Es brauchte nur wenige Minuten in Maid of Sker, bis mich das dunkle Hotel als Spielstätte vereinnahmt hatte. Das Sker Hotel und seine Mysterien wollten erkundet werden und ich habe mich trotz anhaltender Schauer erst recht nicht getraut, dieses Gebäude wieder zu verlassen, bevor das große Geheimnis nicht gelüftet wurde. Vergesst das Overlook-Hotel und begleitet mich auf meinen Ausflug in das Wales des 19. Jahrhunderts!

Lieber Thomas, rette deine Frau!

Thomas Evans, der Held der Geschichte, bekommt einen Brief seiner Geliebten. Er soll anhand eines Amuletts mit integrierter Spieluhr ein Lied komponieren und damit das Sker Hotel aufsuchen, um dort auf seine große Liebe zu treffen. Nach einem kleinen Waldspaziergang merke ich in seiner Haut jedoch, dass hier etwas nicht stimmen kann. Über dem Eingang des Hotels hängt ein großes Banner, dass die Wiedereröffnung ankündigt, doch sobald ich in die Eingangshalle trete, sehe ich nur Verwüstung. Stühle, Polster und Regale liegen verteilt und Thomas scheint zu kaputte Knie zu haben, als dass er über die kleinsten Hindernisse klettern könnte. Über mir höre ich stetiges Poltern, jede Diele knarzt unter meinen Bewegungen und der Wind heult um das hölzerne Gebäude. In der Eingangshalle schrillt ein Telefon und ich höre die wohlklingende Stimme der geliebten Elisabeth. Anscheinend ist den Menschen im Hotel etwas zugestoßen und nur ich kann die Situation retten.

Auf dem Gelände des Hotels befinden sich vier Musikzylinder, die ich finden muss, um sie in die große Orgel der Eingangshalle zu setzen. So kann ein Lied gespielt werden, das alle Menschen des Anwesens rettet. Diese stromern blind durch die Gänge und reagieren aggressiv auf jedes noch so kleine Geräusch, das Thomas verursacht. Ich darf mich auf meiner Suche also nicht erwischen lassen, verstecke mich in Ecken der Gänge und halte bei Bedarf die Luft an, damit mein Atem keine Aufmerksamkeit erregt. Flackernde Kaminfeuer oder große Staubwolken lassen mich husten, so dass auch hier die Luft angehalten werden muss. Tue ich das jedoch zu lange, verschwimmt die Sicht vor meinen Augen und ich keuche beim ersten Atemzug laut auf, wenn die Luft wieder in Thomas Lungen strömt. Zum Glück kann ich sehr gut hören, wie nah oder weit entfernt die mysteriösen Gestalten durch die Gänge des Hotels stampfen.

Hilflose Hotelhatz

Sollte Thomas doch entdeckt werden, weil ich ihn über eine Flasche habe stolpern lassen, zu viel gerannt bin oder unglücklicherweise husten musste, Hilft nur noch die Flucht. Thomas kann sich nicht verteidigen und ist nur in Räumen sicher, die einen Plattenspieler als Speicherpunkt beherbergen. Ein anderweitiges Verstecken vor den Feinden gelingt selten. Erst später finde ich einen Gegenstand, der ein schrilles Geräusch aussendet und damit allen anwesenden Gegnern ohrenbetäubende Schmerzen zufügt. Die Ladungen für dieses Gerät sind jedoch stark begrenzt und müssen im Hotel erst gefunden werden. Es ist also weitaus sicherer, sich gar nicht erst entdecken zu lassen. Maid of Sker wird dadurch also mehr zu einem Stealth- als zu einem Survival Horror-Spiel. Die Mechaniken sind schnell durchschaut und ich konnte mich schon bald geduckt und schleichend sehr sicher durch das Hotel bewegen. Die übersichtlichen Karten, die ich finden konnte, halfen dabei jedoch ungemein.

Problematisch war anfangs nur, dass es kaum Hinweise darauf gibt, wann ich in Hörweite der Gegner bin und wie penetrant sie mich verfolgen können, wenn ich mal entdeckt wurde. Mit der Zeit kam ich allerdings auch damit klar, so dass ein plötzlich auftauchender Gegner, der immer genau wusste, wo ich mich befinde, auf einer Etage mein Paniklevel stark nach oben schraubte. Während ich vorher die schaurige Atmosphäre genoss, war das panische Rennen, taktieren und Abkürzungen durch die Flure nehmen eine spannende Abwechslung, die zum Glück auch nicht zu lange anhielt. Trotzdem: Ein paar mehr Möglichkeiten, mit der Umgebung zu agieren, um zu entkommen oder sich zu verstecken, hätten Maid of Sker gutgetan. Schränke, in denen ich die Luft anhalten muss. Hindernisse, über die Thomas im Sprint springt. Kleine Fallen, die ich den Feinden auf der Flucht stelle. Solche Möglichkeiten habe ich vermisst, um das Hotel noch mehr wertschätzen zu können.

Folge den Klängen der Maid of Sker

Was mich aber nachhaltig begeistert hat, war das gesamte Sounddesign. Maid of Sker legt einen großen thematischen Schwerpunkt auf die Musik. Walisische Gesänge ziehen sich durch das gesamte Spiel und sind der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Immer wieder erklingt die wundervolle Stimme der Sängerin Tia Kalmaru, der ihr durch die dunklen Gänge und Zimmer folgt. Ihre Lieder sind es, die über das Schicksal des Sker-Hotels entscheiden. Unterlegt von Gareth Lumbs Kompositionen erklingt ein herausragender Soundtrack. Das Besondere an Lumbs Arbeit ist, dass er auch für das Sounddesign des Spiels zuständig war. Jedes Geräusch stammt aus seiner Feder, seien es die polternden Schritte, das knarzende Holz, die ruhigen bis verstörenden Melodien oder der schrille Ton, sobald ihr die Aufmerksamkeit der Feinde erregt. Das in Verbindung mit den grandiosen Lichteffekten und Schattenspielen in diesem gruseligen Gebäude verdichten die Atmosphäre in Maid of Sker auf beeindruckende Weise.

Jederzeit war es mir möglich, mich allein anhand der Geräusche im Hotel zu orientieren. Ich konnte ausmachen, ob Feinde in der Nähe waren. Die sammelbaren Musikpuppen ließen sich finden, wenn ich ihrer immer lauter werdenden Melodie folgte. Mit einem guten Soundsystem oder den passenden Kopfhörern verschlingt euch das Hotel mit Haut und Haaren. Besonders hervorheben muss ich ein kleines Rätsel, welches mich in einen stockfinsteren Raum warf. Nur anhand der Geräusche war es mir möglich, mich durch diese absolute Finsternis zu manövrieren. Es war nie unklar, ob die Geräusche von links, rechts oder direkt von vorne kamen. Das Sounddesign ist für mich auf einem Level mit den Klängen eines Alien Isolation, was interessanterweise auch spielmechanisch sehr ähnlich funktioniert, abgesehen von der Tatsache, dass das Alien deutlich unvorhersehbarer agiert als die maskierten Übeltäter in Maid of Sker. Auch dort waren die Klänge des Raumfrachters Sevastopol ähnlich einnehmend wie das Sker-Hotel.

Die wahre Geschichte der Maid of Sker

Besonders gruselig werden die hölzernen vier Wände, wenn ich mir bewusst mache, dass es das Sker House tatsächlich gibt. Der Sage nach hat sich die dort lebende Elisabeth in den Musiker Thomas Evans verliebt. Ihr Vater verbot diese Liaison und zwang seine Tochter zu einer ihrem Stand angemessenen Ehe, woraufhin sie neun Jahre nach der Hochzeit an gebrochenem Herzen starb und seitdem das Sker-Haus als Geist heimsuchen soll. Solltet ihr also einen Trip ins britische Königreich planen, könnt ihr euch dank Maid of Sker auf einen Besuch in diesem Haus vorbereiten. Sehr schnell kennt ihr das Gebäude wie eure Westentasche und könnt sogar auf den höheren Schwierigkeitsgraden geschwind durch die Gänge und Lüftungsschächte huschen, um alle Achievements zu erlangen. Das Hotel hat die passende Größe, um angenehme vier bis fünf Stunden zu benötigen, bis eines der beiden möglichen Enden erspielt wurde.

Auf dem höheren Schwierigkeitsgrad sorgt die Ungewissheit, wann ihr erwischt werdet, zwar für einige Probleme alle Geheimnisse und Dokumente zu finden, die euch die kryptische Geschichte des Sker-Hotels vermitteln will und notwendig für eines der Enden sind. Der Aufwand lohnt sich aber, da selbst nach einigen Anläufen die Gänge und ihre Geräuschkulisse nichts an Faszination einbüßen. Ein gutes Survival-Horror-Spiel lebt eben auch davon, euch durch begrenzte Speichermöglichkeiten zu drohen, dank eines blöden Fehlers einen Batzen an Fortschritt zu verlieren. Mir hat es jedenfalls sehr geholfen, mich weiter an dieses Genre heranzutasten und die Qualitäten schätzen zu lernen. Also bucht euch vielleicht auch ein Zimmer im Sker-Hotel und bald treten wir einen gemeinsamen Trip nach Wales an, um das tatsächliche Haus für eine Übernachtung aufzusuchen.

9/10 🎵

Developer/Publisher: Wales Interactive
Genre: Stealth-Survival-Horror
Team: Dr. David Banner, Richard Pring (Creative Directors); Spas Dimitrov (Lead Programmer); Richard Lee Rowlands (Lead Artist); Daniel Joseph (Lead Environmental Artist); Samuel Leigh (Lead Animator & UI Design);
Musik: Gareth Lumb
Veröffentlichung: 28. Juli 2020 (Steam, PS4, Xbox One)

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