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Haven Review | Liebe in einsamer Zweisamkeit

In Haven begleitet ihr ein Paar, das auf einen fremden Planeten geflohen ist, um in Freiheit leben zu können.

Habt ihr euch schon mal gewünscht, allein auf eine Insel zu flüchten? Einfach frei von allen Zwängen am Strand liegen, aus frischen Kokosnüssen schlürfen, sofern ihr sie öffnen könnt, einen Sonnenbrand holen und Sand aus dem Schritt kratzen, der nach Unabhängigkeit riecht? Mit Sicherheit habt ihr das, wahrscheinlich sind solche Gedanken einfach nur menschlich. Ihr setzt es nur nicht um, weil es euch hier zu Hause doch verhältnismäßig gut geht. Wenn die Lebensbedingungen andere sind, ihr euer Leben nicht frei gestalten könnt, es vielleicht sogar in Gefahr seht, dann ist eine Flucht oft die einzige Option, die noch bleibt. Daran ist dann selten etwas verträumtes, betrachtet man die Gefahr um Leib und Leben, die oft damit einhergehen. Haven versucht, eine Mischung aus beidem zu sein. Auf der einen Seite die verträumte Romantik eines Planeten nur für zwei, auf der anderen Seite die stete Bedrohung der alten Heimat.

Willkommen auf Source!

Kay und Yu sind auf einem unbewohnten Planeten gelandet. Zumindest denken sie das. Hier wollen sie fernab von den Zwängen des Korbs, ihrer Heimat, ein neues Leben aufbauen. So einfach ist das jedoch nicht. Source ist ein Planet, der aus mehreren schwebenden Erdplatten besteht, welche mit so genannten Flow-Brücken verbunden sind, über die unser Pärchen von Platte zu Platte reisen kann. Ein wundervoller Ort mit lebendiger Flora und Fauna, der jedoch nicht so sorglos scheint, wie die beiden es sich erhoffen. Ein Beben sorgt dafür, dass ihr Raumschiff stark beschädigt wird. Da sie dieses als kleines Häuschen nutzen, ist das natürlich doppelt unpraktisch. Nun heißt es also, den Planeten zu erkunden, um den Wohnraum wiederherzurichten. Dabei steuert ihr Kay und Yu von Platte zu Platte und bemerkt schnell, dass Source nicht immer verlassen war. Zum Glück heißt das aber auch, dass es einige nützliche Raumschiffteile zu finden gibt!

Ihr bewegt euch vor allem schwebend fort. Mit ordentlichem Tempo düst ihr über die Oberfläche, bis euren Stiefeln der Saft ausgeht. Dann müsst ihr Flowlinien folgen, die aus derselben Energie bestehen wie die verbindenden Brücken, um euch wieder aufzuladen. Auch wenn die Steuerung beim Fliegen etwas hakelig sein kann und es stört, dass ihr keine freie Kontrolle über die Kamera habt, ist es die einzig valide Fortbewegungsart. Laufen ist unerträglich langsam. Habt ihr den Dreh allerdings raus, fühlt es sich toll an, behände über Wiesen, Schluchten, Gebirge und Seen zu flitzen oder später sogar den Linien durch die Luft zu folgen, wenn ihr euren Stiefeln ein Anti-Gravitations-Upgrade verpassen konntet. Trotzdem wird es immer wieder passieren, dass ihr an einer Ecke hängen bleibt, gegen unsichtbare Wände am Rande der Erdplatten stoßt oder in luftigen Höhen den Flow-Faden verliert und in die Tiefe fallt. Immerhin seht ihr dabei äußerst elegant aus!

Schaffe, schaffe, Haven baue!

Bei der Erkundung des Planeten merkt ihr schnell, dass hier etwas nicht stimmt. Viele Inseln sind vom Rost befallen, einer roten Materie, die Boden, Pflanzen und Lebewesen besetzt. Nur die Flow-Energie eurer Stiefel kann die Flächen reinigen, wodurch ihr an rot leuchtende Knotenpunkte des Rosts schwebt, dieses mysteriöse Zeug einsammelt und damit die Insel reinigt. Wenn ihr über die Wiesen düst, der Rost unter euch verschwindet und mit einem klingenden Geräusch die Botschaft „Insel gesäubert“ auftaucht, ist das ein befreiendes Gefühl und Auslöser für den größten Zeitfresser in Haven. Ganz schnell denkt ihr euch nämlich, dass eine weitere Insel eben noch gereinigt werden kann und schon ist es vier Uhr und ihr merkt, dass in zwei Stunden die Arbeit ruft, weil ihr eben nicht einen Planeten ganz für euch alleine habt. Anders läuft es nur bei befallenen Lebewesen, da ihr diese vorm Säubern erst noch im Kampf besiegen müsst.

Yu und Kay können Tiere entweder rempeln, sie mit Energie beschießen oder ein Schutzschild gegen feindliche Attacken einsetzen. Ihr steuert beide Charaktere gleichzeitig, indem ihr eine der drei Aktionen für jede Figur auswählt. Timing und Taktik sind enorm wichtig. Wann könnt ihr angreifen, wann verteidigt ihr euch? Könnt ihr vielleicht sogar beiden einen stärkeren Doppelangriff befehlen? Oder sorgt ihr dafür, dass Kay abwehrt, um sich oder Yu zu beschützen, während diese sich zum Angriff bereit macht? Gerade zu Beginn wirkt dieses System recht überfordernd, wenn die ersten großen Gegner auftauchen, vor allem da jedes Tier einen anderen Rhythmus vorgibt. Habt ihr allerdings das nötige Gespür dafür entwickelt, kommt ihr in einen tollen Spielfluss, der sogar die späteren, herausfordernden Kämpfe nie langweilig werden lässt. Ist ein Tier erledigt, nutzt ihr eure vierte Aktion, die Befreiung vom Rost. Danach sind alle glücklich und ihr könnt JEDES Tier auf Source sogar noch streicheln.

Ein Hoch auf Selbstversorgung

Wem es nicht reicht, mit putzigen Alientierchen zu kuscheln, der hat auch sonst noch genug auf Source zu tun. Haven bietet euch die Möglichkeit, vieles in der Umgebung zu nutzen. So könnt ihr die eingesammelten Rostbrocken verwenden und daraus Heilitems oder Gegenstände für stärkere Omni-Angriffe herstellen. Ihr könnt diverse Kleinigkeiten in leerstehenden Häusern finden, die euer kleines Schiff dekorieren oder insgesamt sechs verschiedene Pflanzen sammeln, von denen ihr immer zwei Arten kombiniert, um ein Gericht daraus zu kochen. Da drei dieser Pflanzen auch noch Heilkräfte besitzen, könnt ihr euch entscheiden, ob ihr daraus direkt Medizin erstellt, oder sie ins Essen mischt, um sowohl eure Verletzungen als auch euren knurrenden Magen zu versorgen. So legt ihr euch danach schön eingerichtet, frisch geduscht und gesättigt ins Bett, um den nächsten Tag zu bestreiten. Selbst, wenn die Geschichte Fahrt aufnimmt und alles etwas bedrohlicher wirkt, könnt ihr immer wieder in diesen Tagesrhythmus zurück.

Das ist der perfekte Zeitpunkt, um zu erwähnen, wie unfassbar schön Haven aussieht und klingt. Alles ist in satten Pastellfarben dargestellt, die zusammen mit harmonisch-elektronischen Klängen des Musikers Danger wohlige Stimmung erzeugen. Diese Kombination sorgt dafür, dass ihr einfach nur über die Welt düsen wollt, Tiere streichelt und zuschaut, wie sich das Gras im Wind bewegt. Ich selbst bin eigentlich überhaupt kein Freund solcher Aktivitäten und halte sie für enorm kitschig. Haven trifft allerdings zielsicher einen Nerv, der mich empfänglich dafür macht. Ich will gar nicht wissen, wie oft ein entspannter Seufzer über meine Lippen gekommen ist, wenn die Musik aufdrehte, als ich gerade elegant durch die Lüfte glitt, um den kleinen Käfer in der Ferne zu streicheln. Haven ist in diesen Momenten ein Spiel zum Entspannen und Runterkommen, da die Geschichte keinerlei Druck macht, ihr jetzt unbedingt nachzugehen. Es ist also völlig okay, manchmal einfach in den Tag hineinzuleben.

Haven geht nur zu zweit

Diese Herangehensweise wird vor allem durch den eigentlichen Kernpunkt des Spiels unterstützt. Haven dreht sich hauptsächlich um die Beziehung von Yu und Kay. Die beiden machen alles gemeinsam, jede Aktion in der Welt führt zu kleineren Dialogen. Mahlzeiten oder der Gang ins Bett enden in Zwischensequenzen, die euch die Beziehung der beiden näherbringen. Dabei werden alltäglichste Situationen einer Beziehung behandelt. Von Brettspielabenden, bei denen einer schummelt, über tiefschürfende Gespräche bis hin zur Beschwerde, dass das Bett nach dem Geschlechtsakt voller klebriger Flecken ist, erlebt ihr Höhen und Tiefen, Hoffnung und Zweifel. Alles wirkt wunderbar authentisch und nahbar, wenn die beiden nicht gerade versuchen, sexy zu wirken. Dann scheint es so, als ob das gute Writing ausgesetzt und ein x-beliebiger Erotikroman aus der Grabbelkiste zur Inspiration genutzt wurde. Schade, dass ausgerechnet diese Momente plötzlich so unangenehm und inszeniert wirken, wo gerade hier eine natürliche Darstellung in so vielen Medien fehlt.

Je mehr Momente in Zweisamkeit ihr erlebt, desto höher wird die Verbindung zwischen Kay und Yu. Die Stärkung der Beziehung führt zum rollenspieltypischen Level Up, wodurch sich eure Statuswerte erhöhen. Ihr könnt dann nämlich mit selbstgebrautem Schnaps eine kleine Feier starten, an deren Ende sich das Paar verbundener fühlt und dadurch im Kampf besser harmoniert sowie mehr Lebensenergie besitzt. Aber Vorsicht: Echter Schnaps funktioniert nicht so! Es passt wunderbar, dass Haven dabei auch komplett kooperativ gespielt werden kann. So kommt der Erfolg im Spiel nicht nur auf die Beziehung zwischen den beiden Protagonist_innen an, sondern auch auf die Kommunikation der zwei Personen am Gamepad. Ich konnte diese Art der Spielerfahrung leider nicht ausprobieren, kann mir aber sehr gut vorstellen, dass Haven eine gute Alternative für einen entspannten Filmabend zu zweit sein kann. Es bietet zumindest mehr Abwechslung als die nächste klischeehafte Romantikkomödie.

Spiel, Spaß und Spannung

Nachdem The Game Bakers vor einigen Jahren mit Furi einen knallharten Character Action Game Boss Rush veröffentlicht haben, bin ich überrascht über die feinfühligen Noten, die in Haven angeschlagen werden. Es ist definitiv nicht alles perfekt auf Source. Manche Kämpfe sowie die Steuerung beim Gleiten haben mich bis zum Schluss immer mal wieder aufgeregt und mich stört es ebenfalls etwas, dass es nur die Möglichkeit eines heteronormativen Paares gibt. Etwas mehr Freiheit, hier vielleicht eine eigene Wahl zu treffen, hätte dem Spiel sicher nicht geschadet. Und trotzdem war Haven für mich wie eine gute Beziehung voller Höhen, Tiefen, erinnerungswürdiger Momente und Zeiten, die ich besser schnell vergesse. Ich mochte ebenfalls sehr, dass erst mit der Zeit immer mehr über die ursprüngliche Heimat von Kay und Yu bekannt wird. Diese dystopische Welt, welche das Paar hinter sich gelassen hat, ist so eine ungewisse Bedrohung, die trotzdem großes Interesse weckt.

So stand ich ständig vor der Entscheidung, ob ich mich näher an diese Gefahr wage oder lieber noch ein paar neue Mahlzeiten ausprobiere und mich um die Restaurierung des Raumschiffs kümmere. Vor allem aber wollte ich nicht aufhören, wenn Haven denn mal lief. Die Spielerfahrung ist durch den großen Fokus auf das Miteinander zweier Menschen wirklich einzigartig in dieser Form, sodass ich nach den besten Credits, die ich je in einem Videospiel gesehen habe (und das meine ich ernst, hui, waren die großartig inszeniert), sehr wehmütig wurde, nicht einfach weiter unbefangen auf Source umherdüsen zu können. Beziehung, Flucht und große Träume werden hier unter einen Mantel gepackt, der alle Punkte gleichsam ernsthaft wie romantisiert anzugehen weiß. So sehr, dass ich in dieser Review schmalziger wurde als ich es mir jemals eingestehen wollte.

9/10 💑

Developer/Publisher: The Game Bakers
Genre: RPG
Team: Emeric Thoa (Creative Director, Game Design, Producer); Audrey Leprince (Executive Producer); Pierre Corbinais (Writer); Anthony Beyer, Simon Troussellier (Art Director); Koyorin (Character Design); Nam Hoan (Technical Director, Programmer)
Musik: Danger (Composer)
Auszeichnungen: Best Indie Game (PAX West Showcase 2019); Best Game, Best Art Direction (Indie X 2019)
Veröffentlichung: 3. Dezember 2020 (Steam, PS4, PS5, Xbox One, Xbox Series X|S)

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