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Re:Turn – One Way Trip Review | Zug um Zug

Zur Vorbereitung auf die Halloween-Zeit haben die Red Ego Games ihr schauriges Spiel Re:turn – One Way Trip veröffentlicht.

Fünf junge Menschen ziehen in den Wald, um dort in der Wildnis zu campen. Es wird dunkel und nicht identifizierbare Geräusche kommen von allen Seiten. Die Gruppe wird aufgrund seltsamer Vorkommnisse getrennt, um dem Mysterium auf die Schliche zu kommen. Dieses Setting ist Horrorfans altbekannt. Wälder eignen sich wunderbar für eine schaurige Geschichte, haben sie uns doch schon als Kinder fasziniert. Diese Dunkelheit, die sich selbst am Tag nicht vertreiben lässt und die Uneinsehbarkeit, die hinter jeder Ecke ein Versteck ermöglicht, waren immer schon ein beliebter Ort für Nachtwanderungen oder sonstige Spielereien. Von klein auf verbinden wir mit Wäldern durch diverse Mythen und Sagen etwas Magisches und Mysteriöses. Wenn aus dem Nichts etwas in einem Wald auftaucht, erinnern wir uns sofort an diese alten Erzählungen, die schon mit dem Lebkuchenhaus anfingen. Ein verlassener Zug mitten im Wald ist daher auch erstmal nichts Überraschendes.

Die Fahrscheine, bitte!

Saki ist ein junges Mädchen, das nach einem Beben plötzlich ohne ihre Freund_innen allein im Wald steht und sich deshalb auf die Suche macht. Bereits nach wenigen Schritten entdeckt sie das Wrack eines alten Zuges. Aufgrund des dichten Gestrüpps vermutet sie ihre Gruppe im Inneren. Allerdings merkt Saki schnell, dass es noch andere Probleme mit dieser Bahn zu geben scheint. Auch wenn sich das Gefährt in seiner ganzen Länge schnell erkunden lässt, offenbaren sich immer wieder seltsame Vorkommnisse vor Sakis Augen. Schemenhaft flitzen Kinder durch die Gänge, aus einzelnen Abteilen erklingen komische Geräusche, Türen sind plötzlich versperrt. Doch Saki will ihre Mitmenschen nicht im Stich lassen, weshalb sie immer tiefer eindringt, kleinere Rätsel löst, um voranzukommen und… plötzlich in der Vergangenheit landet, als der Zug noch nagelneu und wunderschön über die Gleise tuckerte.

In der Vergangenheit scheint sie bis auf ein kleines Mädchen niemand sehen zu können. Dieses Kind kennt jedoch ihren Namen, spricht von ihr als Geisterfreundin und erwähnt außerdem, dass die anderen auch immer mal wieder hier auftauchen. Saki dämmert es also langsam, dass auch ihre Freund_innen hier in der Vergangenheit landen und zwischen den Zeitebenen springen. Nach und nach läuft sie ihnen auch immer wieder über den Weg. Eine anhaltende Zusammenkunft gibt es jedoch nicht, da laufend gruselige Vorkommnisse oder ein weiterer Zeitsprung die Truppe auseinanderreißen. Saki muss irgendwie herausfinden, was hinter diesen Zeitsprüngen steckt, was mit dem Zug passiert ist und wie sie ihre Gruppe wieder zusammenführen kann. Doch so einfach ist das nicht, wenn sie immer wieder mit schrecklichen Ereignissen und einem gespenstischen Horror konfrontiert wird. Die Offensive suchen kann Saki nämlich nicht, sodass sie alle Vorkommnisse über sich ergehen lassen muss und bestenfalls wegrennen kann.

Schaurig schöne Gruselstimmung

Re:turn – One Way Trip überrumpelt uns dabei nicht mit fiesen Jump-Scares. Es ist die allgemein dichte Atmosphäre, die das Spiel so besonders macht. Eine intensive Geräuschkulisse trägt die spannende Geschichte voll mit japanischer Folklore und unerwarteten Twists. Damit haben die Red Ego Games ein Horrorspiel geschaffen, das durch seinen Aufbau, aber auch durch die Pixeloptik zugänglich für alle sein kann, die sich gerne gruseln, aber sonst keinen Zugang zum Genre der Horrorspiele haben. Da das Hauptaugenmerk vor allem auf der Geschichte und den darin verwobenen Rätseln liegt, müssen wir uns nicht mit fiesen Monstern herumschlagen, die uns plötzlich umbringen könnten. Es gab im gesamten Spiel überhaupt nur eine Stelle, wo der Game Over Screen aufgeflackert ist. Und selbst hier hätte es dem Spiel besser getan, wenn auf die Möglichkeit des Ablebens verzichtet worden wäre.

Wir sollen vor allem durch die Rätsel dazu motiviert werden, jede Ecke des Zuges zu erkunden. Da dieser auch nicht besonders groß ist, gestaltete sich keine der Kopfnüsse als unlösbar. Die Antwort auf unsere Fragen war immer schnell in einem der Waggons zu finden. Störend wirkte höchstens, dass Saki erst sehr spät im Spiel merkt, dass sie ja auch rennen kann, weswegen manches Hin und Her durch den Zug unangenehm langatmig wirkte.  Und trotzdem werden wir so dazu gebracht, uns intensiver mit den Details des Gefährts auseinanderzusetzen. Jede Möglichkeit zur Interaktion wird genutzt, Dialoge werden bewusst angegangen, um so vielleicht einen nützlichen Hinweis zu ergattern. Vor allem wurde dadurch aber unser Verständnis von der Welt, den Menschen aus Sakis Gruppe und der Zuggäste der Vergangenheit gestärkt. Die Probleme und dramatischen Momente jeder einzelnen Figur konnten wirken, weil wir uns zur Lösung der Rätsel mit allem auseinandersetzen mussten.

Ein Hin und Her in Re:Turn – One Way Trip

Konstant kommen wir in der Geschichte voran und finden uns somit in einer Vielzahl japanischer Traditionen zurecht, die so in das Spiel eingebunden sind, dass wir vor allen neugierig werden, wohin uns diese Eigenarten führen. Wir fühlen uns nicht fremd in dieser Welt, sondern nähern uns gemächlich den Elementen der Kultur, während sich langsam eine Geschichte über Zusammengehörigkeit, Liebe und Verlust aufbaut. Nun hätte Re:Turn – One Way Trip mit diesen Themenschwerpunkten ein klischeehaftes Happy End anstreben können, findet aber ein starkes Zeichen zur Selbstbestimmung. Gerade im Kontext japanischer Kultur, die stark auf Traditionen fußt, ist dieser Schritt weg von üblichen Konventionen ein schöner Twist.

Ich war absolut gefesselt von der Geschichte und konnte Re:Turn – One Way Trip kein einziges Mal weglegen, bevor ich nicht das Ende erreicht hatte. Red Ego Games legen hier ein unfassbares erzählerisches Talent an den Tag, das mich selbst das träge Tempo mancher Sequenzen hat vergessen lassen. Ich war versunken in den düsteren Gängen des Zuges und den dramatischen Geschehnissen der Vergangenheit, die langsam aber sicher auf das Entgleisen des Zuges hinführten. Vor allem aber hatte ich am Ende eine auserzählte Geschichte, die mich komplett zufrieden zurückgelassen hat. Kein aufgezwungener Cliffhanger, wie er oft im Horrorgenre genutzt wird, um eventuell noch eine Fortsetzung anzuhängen, kein unnötiger Kitsch, sondern nahbare, authentische Figuren, die sich nachvollziehbar und ehrlich mit diesen übernatürlichen Szenarien auseinandersetzten. Ich bin mir sicher, dass meine erste Fahrt mit Re:Turn definitiv kein One Way Trip gewesen sein wird und ich die Geschichte wie einen guten Horrorfilm erneut erleben möchte!

8/10 🚂

Developer: Red Ego Games
Publisher: Green Man Gaming Limited
Genre: Horror-Adventure
Team: Omar Bik Haji (Director/Game Design/Producer); Fajri Rahmadhanny (Programmer); David Bergantino (Game Design/Writing)
Veröffentlichung: 14. Oktober 2020 (Steam, PS4, Xbox One, Switch)

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