The Gunk Review | Rotz und kein Wasser

Wenn ihr einen unbekannten Planeten säubern wollt, ist The Gunk von Image & Form genau euer Spiel!

Der Klimawandel ist kein Thema, das urplötzlich aufgetaucht ist. Schon sehr lange warnen Wissenschaftler_innen vor dem Einfluss, den wir Menschen auf den Planeten haben. Und auch in der Popkultur ist es nicht unüblich, ein Szenario darum aufzubauen, dass die Menschheit die Erde kaputtgewirtschaftet hat. Die Suche nach neuen Planeten oder das Überleben in unwirtlichen Gegenden bieten genug Stoff für eine Vielzahl von Geschichten. Image & Form, das Studio hinter The Gunk, hat dabei schon zuvor mit ihrer SteamWorld-Reihe eine Welt gezeichnet, in der kein Platz mehr für die Menschheit ist. Von diesen Spielen haben sie sich nun optisch als auch erzählerisch entfernt. Statt 2D bekommen wir eine dreidimensional erkundbare Welt. Der Planet im Spiel ist zwar auch unberührt von Menschenhand, hat aber mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie die Erde. Es zeigt sich recht bald, dass ein Ökosystem eine äußerst empfindliche Sache ist.

Auf der Suche nach großen Schätzen in The Gunk

Die beiden Schrottsammlerinnen Rani und Becks landen auf diesem neuen Planeten, um ihren Schulden zu entkommen. Die sind astronomisch hoch. Deshalb hoffen sie darauf, dort eine Energiequelle zu finden, die ihnen ordentlich Geld bringt. Nach kurzer Zeit stellt sich jedoch heraus, dass ihr Energiescanner immer wieder gestört wird. Eine seltsam pulsierende Masse breitet sich auf dem Planeten aus und zerstört alles Leben um sich herum. Die beiden bezeichnen den Glibber liebevoll als ,,The Gunk”. Glücklicherweise besitzt Rani seit einem Unfall, in dem sie ihren Arm verlor, einen besonderen Handschuh. Dieser Powerglove, den sie Pumpkin nennt, ist in der Lage, nicht nur Rohstoffe und Wertsachen einzusaugen, sondern auch Gunk zu beseitigen. Wird ein Gebiet komplett vom Gunk befreit, holt sich die Natur diesen Ort unmittelbar zurück. Pflanzen wachsen wieder, Wege öffnen sich und alles atmet auf. Die Frage ist nur, was dieser Gunk ist und wieso er sich flächendeckend ausbreitet.

Rani kann ebenfalls ihre Umgebung scannen, um Wertstoffe zu entdecken, die abgebaut werden können. Je mehr sie scannt, desto mehr Upgrades für ihre Ausrüstung schalten sich frei. Mit der Zeit kann also geschossen oder gesprintet werden, wenn genug der Materialien dafür ausgegeben werden. Dabei stößt sie allerdings auch auf Informationen einer alten Zivilisation. Die beiden Schrottsammlerinnen sind nicht die ersten intelligenten Lebewesen, die diesen Planeten betreten. Was ist mit diesem Volk passiert? Wurden sie vom Gunk vertrieben, haben sie sich wie die Menschheit selbst zu Grunde gerichtet oder leben sie vielleicht irgendwo noch? Sehr zu Becks Unbehagen will Rani diesem Geheimnis auf die Schliche kommen. Sich in die Probleme dieses Planeten einzumischen stellt eine Gefahr für die eigentliche Mission dar. Wenn Rani sich jedoch etwas in den Kopf gesetzt hat, zieht sie es durch. Was will Becks auch machen, schließlich ist sie als Mechanikerin an das Raumschiff gebunden.

Eine schrecklich nette Crew

Ich persönlich bin recht dankbar darum, dass Rani ihren Willen durchsetzt. Das Geheimnis des Planeten zu ergründen, ist wohl der größte Motivationspunkt des Spiels. Den Funksprüchen der beiden Schrottsammlerinnen zu lauschen, haucht diesem Abenteuer dabei unfassbar viel Leben ein. Die daraus resultierenden Dialoge wirken authentisch und nachvollziehbar. Sie liefern Eindrücke in den Zustand der menschlichen Welt und formen die Charaktere im Laufe des Abenteuers deutlich. So kann ich mit andauernder Spielzeit die Emotionen der beiden nachfühlen und selbst Becks schlechte Laune nachvollziehen. Die Raumfahrerinnen kennen sich schon ewig, haben vieles miteinander durchgemacht und gerade deswegen auch flott die Schnauze voll von den Eigenarten der anderen Person. Schnell wird deutlich, dass Becks Mahnungen zur Vorsicht vor allem daraus resultieren, dass sie Sorge um Rani hat. Vor allem, als die ersten Monster aus dem Schleim hervorkriechen, ist das nachvollziehbar. Rani ist Schrottsammlerin, keine erfahrene Kriegerin!

Dabei ist ihre Erkundungstour äußerst linear. Ein Verlaufen ist unmöglich. Zwar gibt es mancherorts kleine Abzweigungen, über die sich mehr Rohstoffe finden lassen, das eigentliche Ziel liegt jedoch immer vor Ranis Nase. Hier und da müssen kleine Schalter- und Hüpfrätsel gelöst werden, doch vor allem geht es in The Gunk darum, die Welt zu erkunden und ihre Geheimnisse nach und nach aufzudecken, um letztendlich an die große Energiequelle zu gelangen, die Rani und Becks überhaupt erst auf den Planeten gelockt hat. Image & Form schaffen es, trotz stets ähnlicher Fauna & Flora die Umgebung abwechslungsreich und herausfordernd zu gestalten, ohne unübersichtlich oder zu schwer zu werden. Rani ist bei mir nur ein einziges Mal von einem Haufen Gegner überrumpelt worden und das lag vor allem an meiner Schusseligkeit. Im Fall der Fälle sollte ich also nicht nach neuen Planeten für die Menschheit suchen. Lasst mich lieber hier.

Kannst du bitte mal The Gunk wegräumen?

Das wichtigste Element ist jedoch das Entfernen des Gunks. Immer wieder müssen gesamte Landstriche gereinigt werden und ich habe keine Ahnung, wo der ganze Schmutz letztendlich landet. Zu Beginn befürchtete ich, dass dieser Teil in The Gunk irgendwann eintönig werden würde. Es ändert sich nämlich kaum etwas. Der Sauger wird angeschmissen und auf die Masse gerichtet, bis sie weggesaugt ist. Manchmal fliegt der Schmodder durch die Luft oder umzingelt Rani plötzlich, was die Übersicht verhindert. Doch im Endeffekt wird einfach nur gesaugt, bis die Natur sich wieder zurückkämpfen kann. Erstaunlicherweise wurde das allerdings nie langweilig. Selbst, wenn ein riesiges Gebiet komplett überflutet war und es nur darum ging, sich irgendwie einen Weg durch diese lebensfeindliche Umgebung zu bahnen, blieb ich stehen und saugte deutlich mehr Gunk weg als notwendig. Das Putzen fühlte sich einfach gut an. Das Sauggeräusch und das sichtbare Schrumpfen der pulsierenden Masse machen süchtig.

Es war dieses befriedigende Gefühl, das sich breit macht, wenn die Wohnung frisch aufgeräumt ist. Das Wissen, etwas Sinnvolles getan zu haben, selbst wenn der Weg dahin noch so eintönig anmutete. Dieses Gefühl ist stellvertretend für jedes Element in The Gunk. Denn egal, was hier erledigt wird, am Ende bleibt ein gutes Gefühl. Selbst wenn die Spielmechaniken manchmal abwechslungsarm anmuten, die Geschichte stellenweise gerne schneller erzählt werden dürfte, es folgt immer wieder ein Moment, der mich mit Zufriedenheit belohnt. Deswegen habe ich The Gunk auch locker an zwei Nachmittagen durchgespielt – ich konnte und wollte einfach nicht aufhören. Und ich bin froh darum. Denn hinter all dem Saubermachen, dem Hinterherlaufen diverser Brotkrumen, steht am Ende eine schöne Geschichte um ein großes Mysterium, das sich immer weiter zuspitzt und in einem spannenden Finale mündet, das vor allem dank der Charakterzeichnung doppelt stark wirkt. Rani und Becks, ich mag euch!

Nicht ohne Moral

Natürlich ist das übergreifende Thema die Verschmutzung der Natur. Anstatt die Moralkeule zu schwingen und einfach zu sagen, dass wir vorsichtiger sein sollten, geht The Gunk jedoch weiter. Am Beispiel des erforschten Planeten werden nicht nur die Folgen der Gier nach Energie und Rohstoffen dargelegt, sondern auch die Motivation danach aufgearbeitet. Das Spiel stellt die Frage, wie viel eine Bevölkerung tun kann und vor allem, was sie nicht tun kann. Natürlich ist nicht zu erwarten, hier eine tiefgreifende Analyse serviert zu bekommen. Jedoch lassen sich einige Elemente durchaus auf das Hier und Jetzt übernehmen. Wer ist letztendlich für den Planeten verantwortlich, an welcher Stellschraube kann angesetzt werden? Anstatt einfach metaphorisch zu sagen, dass wir alle mehr Fahrrad fahren sollen, damit sich etwas ändert, zeigt sich das Problem hier deutlich komplexer.

Rani mit ihrer Ungläubigkeit und dem ständigen Nachfragen, wie es überhaupt so weit kommen konnte, ist dabei ein schöner Platzhalter für die Menschen heutzutage, die die Augen vor der globalen Entwicklung verschließen. Schließlich stammt Rani von einer Erde, die schon längst diesen Prozess hinter sich hat. Die Erde ist hinüber. Rani sollte also einen guten Eindruck davon haben können, wie so etwas passiert. Der große Unterschied ist nur, dass sie hier noch etwas ändern kann. Noch ist nicht alles verloren. Und ich hoffe inständig, dass das auf unserem Planeten auch noch der Fall ist.

8/10 💀💦

Developer: Image & Form
Publisher: Thunderful Publishing
Genre: Action-Adventure
Team: Ulf Hartelius (Game Director), Tobias Nilsson (Art Director), Peter Broqvist (Narrative Director), Pelle Cahndlerby (Audio Director), Oliver Elm (Narrative Lead), Jarl Larsson (Programming Lead), Robert Olsén (Game Design Lead), Anton Hällfors (Art Lead), Karin Rindevall (Animation Lead), Victor Engström (Audio Design Lead)
Musik: Ratvader (Composer)
Veröffentlichung: 16. Dezember 2021 (Microsoft Store, Xbox Series X|S, Xbox One, Xbox GamePass)


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