Review

King of Seas Review | Setzt die Segel!

Leinen los in King of Seas! Segelt über eine prozedural generierte See, um die Weltmeere zu beherrschen.

In der neunten Klasse bestand unsere Klassenfahrt daraus, mit einem Plattbodenschiff über das Ijsselmeer zu segeln. Das bedeutete, jeden Morgen vom schaukelnden Seegang geweckt zu werden, den Anker zu lichten, die Segel auszurichten und die nächste Insel anzusteuern. In Gegenden voller Sandbänke war es sogar möglich, ab und zu im Meer zu schwimmen. Hin und wieder denke ich an diese Woche zurück und erinnere mich lebhaft daran, wie sehr ich das alles gehasst habe. Wirklich. Ich fand es nicht einfach blöd. Ich habe diesen Ausflug abgrundtief gehasst. Es gab nämlich nichts zu tun. Alle paar Stunden richteten wir das Segel dem Wind entsprechend aus, machten einen Knoten, den wir gelernt hatten und warteten wieder. Vielleicht war mal eine Runde Monopoly unter Deck drin, Schach wurde gespielt. Aber eigentlich gab es nicht wirklich etwas zu tun, bis der Kapitän rumgemeckert hat, dass wir nicht auf den Wind geachtet haben.

Abenteuer auf hoher See

Wir sind natürlich nur über das Ijsselmeer geschippert. Das ist keines der großen Weltmeere, der Wellengang ist kaum vorhanden und die größten Tiere, die das Schiff kreuzten, waren vereinzelte Robben. Eine Schiffsreise über den Atlantik, den Pazifik oder durch die Karibik ist da ein anderes Kaliber. Gerade, wenn wir ein paar Jahrhunderte in der Zeit zurückreisen, wo es noch nicht die technischen Möglichkeiten gab, zu navigieren oder Hilfe zu rufen, so dass eine gewisse Grundsicherheit abgedeckt war. In einer solchen Zeit war eine lange Seefahrt wirklich ein Abenteuer. Deswegen sind Pirat_innen auch so faszinierend, oder? Weil sie sowohl den Herausforderungen der Natur als auch dem Gesetz die Stirn boten. Ein Leben voller Spannung und Freiheit klingt wunderbar. Bücher wie Stevensons Schatzinsel, Filme wie Fluch der Karibik oder Videospiele wie Pirates oder Assassin’s Creed – Black Flag versuchten diese Faszination einzufangen und zementierten ein Bild dieser Vagabunden der See in unseren Köpfen.

King of Seas bricht damit direkt. Hier gibt es keinen ausgebufften Piraten, keine gefährliche Kapitänin unter der Totenkopfflagge. Hier wähle ich Luky oder Marylou, beides Kinder des Königs und gerade das Steuern eines mittelgroßen Schiffs beherrschend. Sie dürfen Botengänge ausführen, das war es auch schon. Doch wie es das Schicksal so will, wird der König während eines solchen Auftrags ermordet und das Kind, das ich zu Beginn auswählte, schuldig gesprochen. Nur mit Glück entkommt der junge Mensch dem Beschuss der heimischen Flotte, welche nicht vermutet, dass irgendeine Person diesen Angriff überleben konnte. Mein Charakter taucht unter, landet in einem abgelegenen Hafen und baut sich nun eine eigene Piratentruppe auf, um den wahren Mörder des Königs zu finden. Das alles wird in schönen, unvertonten Textboxen mit starren Portraits der Charaktere erzählt. Die Geschichte bekommt sicherlich keine Auszeichnung, aber wen stört das? Es gilt, ein Meer und ein Königreich zu erobern!

In King of Seas ist jedes Meer anders

Überall sind kleine Inseln mit Häfen, an denen ich handeln kann, mein Schiff repariere und aufrüste oder in der Kneipe nach Quests frage. Das können einfache Botengänge sein, Eskortmissionen oder Angriffe auf andere Schiffe. Der Hauptquest kann ich natürlich auch folgen, doch ist es sinnvoll, immer mal wieder Aufträge anzunehmen, um das Schiff aufzubessern. Je nachdem, wie ich Bug, Heck, Galionsfigur oder Segel ausstatte, ist es schneller, hält mehr feindlichen Beschuss aus und schießt selbst besser. Die Aufteilung der Inseln ist dabei in jedem Spieldurchlauf ein anderer. Das Meer mit all seinen Herausforderungen, Nationen, Krakenmonstern und Vulkanen ist prozedural generiert, also zufällig zusammengebaut. Jeder Spieldurchlauf fühlt sich daher anders an. Genauso, wie meine Angriffe auf andere Schiffe beeinflussen welche Häfen mich eventuell nicht willkommen heißen. Zerstöre ich fremde Schiffe in Nähe ihres Heimathafens, eröffnet der mit Kanonentürmen das Feuer auf mich. Nur, was auf hoher See passiert, bleibt auch dort.

So schippere ich über das Meer und überlege mir immer wieder, ob mein Schiff und meine Fahrkünste gut genug sind, um selbst Schiffe zu attackieren, die ein deutlich höheres Level als ich aufweisen. Zum Glück habe ich neben meinen Kanonen noch austauschbare Spezialfertigkeiten wie beispielsweise einen Flammenwerfer am Bug oder unterschiedliche Kanonenkugeln, die Effekte auf die feindliche Crew auswirken können. Das bringt Abwechslung in den Kampf auf hoher See und das ist doch genau das, was ich will, oder? Einfach nur langsam der Zielmarkierung auf der Karte folgen, die außerdem völlig leer ist, wenn ich nicht ständig Aussichtstürme mit Kartographen besuche, um sie zu füllen, das will doch niemand. Nein, wir wollen epische Seeschlachten auf diesem wundervollen, hellblauen Meer, während heroische Piratenmusik im Hintergrund erklingt und meine Crew ihr Kampfgebrüll dem King of Seas widmet. Kein Schiff soll sich sicher fühlen, solange ich nicht herausgefunden habe, wer den König ermordete!

Der Ruf der Sirenen verklingt

Dieser Gedanke trägt mich über das Wasser. Aber es passiert nichts. Ich merke schnell, dass mein Leben auf hoher See bei weitem nicht so spannend ist, wie es sein könnte, wie ich es aus anderen Spielen, Filmen und Büchern kenne. Größtenteils fahre ich von einem Hafen zum anderen, die Reise zieht sich und wird ständig durch einen Blick auf die Karte unterbrochen, welche das Spiel pausiert. Wieso es keinen direkt einsehbaren Kompass gibt, verstehe ich nicht. Die immer gleich klingenden Dialoge der Nebenquests langweilen mich, mein großes Ziel ist so dröge erzählt, dass ich auch hier nur halb zuhöre. Ich schaue auf die Karte, sehe das Kreuz, fahre dorthin, lese Dialoge, folge einem neuen Kreuz, mehr Dialogen, repariere mein Schiff und verkaufe meine Fracht. Ab und zu kriege ich tolle Ausrüstung für mein Boot oder steige einige Level auf, wodurch ich Fähigkeitspunkte in Verstärkungen wie bessere Feuerkraft oder Wendigkeit stecke.

Doch im Großen und Ganzen ist mein Leben als Pirat nicht anders als die Klassenfahrt in der neunten Klasse. Der einzige Unterschied ist, dass ich mich hier deutlich mehr auf das Abenteuer gefreut habe, weil ich einige tolle Spiele in diesem Setting kannte. Hätte ich Freude an diesem entspannten Schippern von A nach B, würde ich King of Seas sicher auch wohlwollend in mein Herz schließen. Selbst die Seekämpfe, die das Highlight meines Abenteuers darstellen, werden bald dank träger Schiffssteuerung aus der Vogelperspektive repetitiv und langweilig, weswegen ich ihnen lieber aus dem Weg gehe. Es bringt mir einfach zu wenig Vorteile, Schiffe zu attackieren, wenn es nicht gerade meine Aufgabe ist. Der Traum, das Weltmeer zu erobern, ist geplatzt und der harten Erkenntnis gewichen, wie langweilig ich den Alltag auf hoher See doch finde. Ich habe wirklich kein Problem mit Piraten, aber King of Seas bin ich nur widerwillig geworden.

5/10 ⚓

Developer: 3D Clouds
Publisher: Team17
Genre: Action-RPG
Team: Francesco Bruschi (Lead Designer); Luca Cafasso (Lead Game Designer); Stefano Peranzoni (Lead Programmer); Andrea di Natale, Alice Mazzucchelli, Edoardo Grimaldi (Art Design)
Musik: Andrea De Nittis
Veröffentlichung: 25. Mai 2021 (Steam, GOG, PS5, PS4, Xbox Series X|S, Xbox One, Switch)

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