Review

No Straight Roads Review | Ich rocke!

Metronomik und Sold Out Software schicken euch in No Straight Roads eine Rebellion des Rocks gegen elektronische Musik.

Erinnert ihr euch an die ganzen Streitigkeiten auf dem Schulhof und im Internet, welche Musikrichtung oder welche Band am besten ist? Die Punks haben leidenschaftlich Rap gehasst, die Hip Hopper lehnten trotz unzähliger Samples Gitarrenmusik ab und dann gab es noch die Personen, die einfach nur Charts gehört haben und aus der Diskussion irgendwie raus waren. Da bietet es sich natürlich an, diesen Konflikt doch einfach auf die große Bühne zu holen. Gerade zu einer Zeit, in der der Schieflage der gesamten Welt in unserem Land zu Hauf mit belanglosem Pop entgegnet wird, elektronische Musik überall ihren Einfluss ausübt und rockige Songs kaum noch im öffentlichen Radio laufen, besinnt sich No Straight Roads auf die Kraft des Widerstandes, der Musik innewohnen kann und baut eine Mischung aus Rhythmusspiel und Action-Adventure um dieses Thema. Also stellt euch ein auf knallige Farben, musikalische Vielfalt und vor allem donnernde Boxen!

Rock is not dead!

Mayday und Zuke sind die beiden Mitglieder der Indie Rockband Bunk Bed Junction. Selbstbewusst und frech nehmen sie ein Vorstellungsvideo im Backstagebereich einer anstehenden Castingshow auf, bevor sie auf die Bühne dürfen. Musik spielt in ihrer Heimat Vinyl City eine große Rolle, da sie Energie produziert und die Menschen der Stadt somit mit Elektrizität versorgt. Musiker_innen haben hier eine ganz besondere Bedeutung und Stellung. Da verwundert es nicht, dass unsere beiden Bandmitglieder für No Straight Roads arbeiten wollen, dem Label hinter der Castingshow und der Stromversorgung der ganzen Stadt. Ihr Auftritt läuft auch richtig gut, sie meistern jedes der Hindernisse und schaffen es sogar, eine ordentliche Menge Energie zu produzieren, doch trotzdem werden sie von der gesamten Jury abgelehnt und rausgeschmissen. Ein niederschmetterndes Ergebnis. Mayday wie auch Zuke können nicht verstehen, wieso ihre Rockmusik nicht wertgeschätzt wird. Anscheinend hören alle nur noch dieses schlimme EDM!

Sie fassen also schnell den Plan, No Straight Roads zu stürzen. Es kann nicht sein, dass eine Firma die Musik in Vinyl City vorschreibt und Bunk Bed Junction nicht spielen lässt, obwohl sie mit guter Musik eine gute Hilfe gegen diverse Stromausfälle sind. Also begeben sich Gitarristin und Drummer in die unterschiedlichen Viertel der Stadt, um die Konzerte der dort in Kontrolle stehenden Künstler_innen zu kapern und selbst an die Spitze zu gelangen. Immer wieder ausgehend von ihrer Kanalisationsbasis nutzen Mayday und Zuke ihre gesammelte Energie noch, um Probleme in der Stromversorgung der Stadt zu beheben, wodurch immer mehr Fans der Band zujubeln. Je mehr Anhänger sie haben, desto mehr Fähigkeiten können sie freischalten, die im Kampf um die Chartspitze durchaus nützlich sein können. Die ganze Stadt soll merken, wie großartig Rockmusik doch ist und gemeinsam den Sturz von No Straight Roads ermöglichen.

No Straight Roads ist der Feind!

Generell mag ich es ja, wenn Musik auch einen revolutionären Charakter hat. Oft stellt sie den Zeitgeist einer Epoche dar und lässt so einen Rückschluss darauf ziehen, wie die jungen Generationen ihre Epoche sehen. Zumindest was die Mehrheitsgesellschaft betrifft. So blieb in den Sechzigern musikalisch vor allem Woodstock als Symbol der Friedensbewegung in Erinnerung, während große Teile der schwarzen Bevölkerung in den USA für ihre Rechte kämpften. Heute stehen hauptsächlich Mark Forster oder Max Giesinger oben in den Charts, während sich immer mehr marginalisierte Gruppen gegen ihre Unterdrückung erheben und Jugendliche sich für das Klima einsetzen. Aber hinter dieser Musik im Vordergrund des popkulturellen Gedächtnisses gab und gibt es immer wieder Bands, die es schaffen, Menschen zu einen und für eine bessere Welt zu kämpfen. Dabei ist es völlig egal, um welche Musikrichtung es geht. Jedes Genre hat das Potential starke Inhalte zu vermitteln und für etwas einzustehen.

Das gefällt mir eigentlich auch an Bunk Bed Junction. Blöd nur, dass – neben einer Vielzahl wirklich dumm geschriebener Dialoge voller gewollt witziger Gags ohne gute Pointen – die meiste Zeit eine Auseinandersetzung steht, die ich wie eingangs erwähnt nur vom Schulhof kenne und wirklich nicht vermisse. Meine Musik ist besser als deine, ätschibätsch. Und obwohl der gesamte Soundtrack in No Straight Roads zeigt, dass hier große Leidenschaft für Musik im Allgemeinen brennt, da ausnahmslos jeder Track jedes Genres unfassbar stark ist, steht dieser Konflikt die meiste Zeit des Spiels im Vordergrund. Da hilft auch die dafür in den Credits platzierte Entschuldigung wenig. Die Geschichte um Widerstand gegen einen großen, alles kontrollierenden Konzern konnte ich auf Grund dieser absolut kindischen Motivation einfach nicht ernst nehmen. Das Problem ist nicht die Monopolstellung, das Problem ist, das Bunk Bed Junction keinen Rock spielen dürfen. Würden sie EDM machen, wäre der Aufstand wahrscheinlich nie gestartet.

Feel the Beat!

Die Dialoge ignoriere ich also größtenteils. Zum Glück funktioniert der restliche Gameplay-Loop in No Straight Roads sehr gut.
In der Kanalisation gibt es eine Lagebesprechung für den nächsten Boss. Ein Interview mit dem hauseigenen Guerilla-Radiosender wird geführt. Die vorhandene Menge an Fans nutze ich, um Fähigkeiten wie bessere Kombos, einen Doppelsprung oder mehr Lebensenergie freizuschalten. Meine Statuswerte werden kurzfristig mit gefundenen Aufklebern für meine Instrumente aufgerüstet und Spezialattacken ausgewählt, die ich nach jedem Bosskampf erhalte. Dann geht es raus in die Stadt, ein neues Viertel wird betreten, dort repariere ich mit auf der Straße liegenden Energiezellen kaputte Elektrogeräte und Lampen und stürze mich dann in den Abschnitt, der vom nächsten Boss befreit werden muss. Bevor ich das Konzert erreiche gibt es noch eine kleine Geschicklichkeitspassage, in der ich mit Gitarre und Drumsticks die immer gleichen Gegner weghaue. Jedes Mal der gleiche Ablauf, nichts Besonderes, aber trotzdem kurzweilig.

Der wahre Zauber von No Straight Roads liegt aber in den phänomenalen Bosskämpfen. So stellt sich mir zu Beginn ein riesiger DJ in einem Planetarium entgegen, den ich in unserem Sonnensystem bekämpfe. Ein Wunderkind am Piano wird im zweiten Bosskampf wie eine Marionette von seiner dämonischen Mutter gesteuert. Keine Idee für ein Bossdesign schien zu verrückt. Rhythmisch weiche ich den Angriffswellen aus und schlage in den richtigen Momenten zu. Tauchen pinke Angriffe auf, kann ich diese passend zum Takt parieren, um extra Schaden zu verursachen. Perfekte Paraden sowie Angriffe auf kleinere Gegner versorgen mich außerdem mit Noten, die ich als Geschosse Richtung Boss schleudern kann. Je besser ich in den Flow der Musik komme, desto flüssiger läuft der Kampf und desto besser ist meine Wertung am Ende, die mir einen riesigen Haufen neue Fans bringen kann. Wenn die Kämpfe hier einmal wie am Schnürchen laufen, gibt es kaum etwas Besseres!

Wo bleibt mein Schrammelpunk?

No Straight Roads bietet genug Anreize, zumindest die Bosskämpfe immer wieder zu probieren. Jeder ist auf seine Art einzigartig und bringt völlig neue Ideen ins Spiel, so dass es nur schwer langweilig wird, das beste Rating anzustreben. Außerdem kann jeder Bosskampf mit einer anderen freigespielten Platte probiert werden, was den Rhythmus und damit auch die Attacken verändert, falls die herkömmliche Herausforderung nicht reicht. Besonders hervorheben möchte ich übrigens die zwei Rapbattles, die sich Zuke mit seinem Rastafari-Bruder liefert, die textlich und musikalisch einfach alles wegscheppern. Die Lines in Kombination mit dem Beat sind dermaßen catchy und gut geschrieben, dass ich den Song nie enden lassen wollte. Das Gameplay ändert sich hier auch komplett, da ich plötzlich zwei Hände unabhängig voneinander Guitar Hero-mäßig durch einen Hindernisparcours steuern muss, um dem Widersacher zu schaden. Wer hier keine gute Hand-Augen-Koordination aufweist, fliegt sehr schnell aus dem Song!

Das Ganze funktioniert allerdings auch kooperativ, so dass ihr mit Freund_innen zu zweit Vinyl City bespielen könnt, anstatt selbst immer wieder zwischen Mayday und Zuke zu wechseln, um auf ihre einzelnen Fertigkeiten zuzugreifen. So bleibt No Straight Roads ein Spiel mit haarsträubender Geschichte, knallbunten und hübschen Visuals, viel Abwechslung in den Bossfights und einem bombastischen Soundtrack. So bombastisch, dass ich gerne noch mehr Genres zum Bekämpfen gehabt hätte. Metronomik hätte gerne jedes Genre verwursten können, damit ich auch gegen eine ordentliche Schrammelpunk-Band hätte kämpfen dürfen. Das hätte auch diesen faden Beigeschmack der “EDM ist doof”-Prämisse beseitigen können. Aber vielleicht kommt ja noch ein DLC oder irgendwer modded mir Die Kassierer als Bossgegner ins Spiel. Nicht, dass das hier eine Aufforderung wäre oder so. Natürlich nicht. Das ist einfach nur eine ganz uneigennützige Idee von mir…

7/10 🎸

Developer: Metronomik
Publisher: Sold Out Studios
Genre: Rhythmus-Action-Adventure
Team: Wan Hazmer (Game Director); Daim Dziauddin (Creative Director); Dexter Tam, Megat Dzaid, Chua Yu Jia, Lydia Ho (Game Design); Ellie, Daim Dziauddin, Jarold Koon Shan (Concept Art)
Musik: James Ladino (Composer)
Auszeichnungen: Indie Game Excellence Award (Tokyo Game Show 2018), Grand Jury Award (Southeast Asio Game Awards), Best Audio (Taipei Game Show 2019), Excellence in Sound Design Award (Bitsummit 7 Spirits 2019), Best Indie Project (Unreal Open Day 2019), Best of E3 2019 (Media Award from TechRaptor), Best of E3 2019 (Media Award from Gaming Trend)
Veröffentlichung: 25. August 2020 (Epic Games Store, PS4, Xbox One, Switch)

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