The Magnificent Trufflepigs Review | Wer suchet, der findet!

Mit einem Metalldetektor geht es in The Magnificent Trufflepigs nicht nur auf Schatzsuche, sondern auch in emotionale Tiefen.

Ich weiß noch genau, wie ich auf dem Pferdehof, auf dem ich meine Kindheit verbrachte, in einer alten Scheune munter gebuddelt habe. Die feste Erde war kein Hindernis, gemeinsam mit Freunden schlugen wir ganze Brocken aus dem Boden, nutzten Hände, Füße und allerlei Gegenstände, die irgendwie als Schaufel geeignet waren. Unser Ziel war, ganz eigene, verlorene Schätze zu finden und das taten wir tatsächlich. Altes Werkzeug, Lampen, große Steine, die leider kein Gold waren. So schön ein spontaner Reichtum auch gewesen wäre, spannender waren die Geschichten, die wir uns zu den gefundenen Gegenständen ausdachten. So war ich felsenfest davon überzeugt, dass die gefundene Lampe so auch über Jesus Krippe hätte hängen können, bis mein Spielgefährte mich darauf hinwies, dass junge Schweine damit wärmendes Rotlicht bekamen. Hätte ja sein können. Jedenfalls sind es diese Erinnerungen, die gerade die grundlegende Spielmechanik in The Magnificent Trufflepigs zu etwas ganz Besonderem für mich machen.

Der Ohrring im Feldhaufen

Beth hatte eine ähnliche Jugend. Als Kind zog sie mit einem Metalldetektor durch die Gegend und suchte nach Wertsachen. Meist fand sie nur Kronkorken, Werkzeug oder kaputtes Zeug. Doch einen ganz großen Fund gab es in ihrem Leben. Ein wertvoller Ohrring kam ihr auf einer großen Farm unter den Detektor. Jahre später steht sie erneut vor dieser Farm, die kurz vor dem Verkauf steht. Beth sieht es als letzte Chance, hier erneut den Metalldetektor zur Hand zu nehmen und nach dem zweiten Ohrring zu suchen, um Geld zu verdienen und dem Stress des Alltags zu entfliehen. Doch ganz alleine diese Farm abzusuchen ist ein unmögliches Unterfangen. Sie ruft also ihren alten Freund Adam zu Hilfe, in dessen Haut ich schlüpfen darf. Mit einem eigenen Detektor gehe ich nun auch auf Schatzsuche, sende Beth ein Foto von jedem meiner gefundenen Gegenstände und halte per Funk Kontakt zu ihr.

Diese Entspannung des Suchens sowie die Aufregung, was ich finden werde, wenn der Detektor piept, hat mich sofort gepackt. Systematisch klappere ich Wiesen ab, senke immer wieder den Detektor und fange an zu buddeln, wenn er mich auf einen Fund hinweist. Meist ist es nur eine Münze, eine alte Kuhglocke, ein Zelthering. Ab und zu stoße ich jedoch auf Schmuck oder Gegenstände, die Beth und Adam in alten Erinnerungen schwelgen lassen. Blöd ist nur, dass die Zeit bis zum Verkauf der Farm nicht ausreicht, alles abzusuchen. Selbst die einzelnen Wiesen sind zu groß, um sie an einem Tag zu erkunden. Was von all den Sachen ich also finde, ist einem gewissen Zufall überlassen und ich muss am Ende erst noch ein New Game+ starten, wenn ich wirklich alles finden will. Doch schnell merke ich, dass es hier um viel mehr geht, als um einen simplen Ohrring im Matsch dieses Bauernhofes.

The Magnificent Trufflepigs Beth und Adam

Zu Beginn hören wir Beth sagen, dass Adam ihr gut tut und sie ihn deswegen um Hilfe bitten wird. Was sich hier andeutet, wird schnell Gewissheit: In Beths Leben läuft es nicht wirklich rund. Die Arbeit im Familienbetrieb erfüllt sie nicht, die Beziehung mit ihrem Verlobten steht auf der Kippe. Fällt es ihr zu Beginn noch schwer darüber zu reden und sich diese Umstände einzugestehen, zieht Adam ihr nach und nach die Einzelheiten aus der Nase, was nicht immer ohne Konflikt funktioniert. Doch ich bekomme einen Eindruck von Vertrautheit zwischen den beiden, bin sogar dankbar, dass es hier um eine tiefe Freundschaft und nicht um das Finden einer neuen Liebe geht. Die Gespräche wirken authentisch und aufrichtig und ich mag, wie diese Mischung aus trockenem britischen Humor und ernsten, alltäglichen Problemen Adam und Beth formt und ihren Charakter aufbaut.

Immer wieder unterbrechen beide ihre Suche, um gemeinsam sowohl über ihre Funde, als auch über die aktuellen Lebensumstände zu sinnieren oder in der Vergangenheit zu schwelgen. Gerade ich als ehemaliges Dorfkind fühle die Geschichten, die dort ausgepackt werden, sehr. Ausgedachte Mysterien, weil sonst nichts in der Gegend passiert, die ständige Sorge, was wohl andere Menschen darüber denken, dass Adam und Beth hier gemeinsam auf der Farm unterwegs sind, schließlich kennt doch jeder jeden. Ich bin wirklich froh, mich davon verabschiedet zu haben und in die Stadt gezogen zu sein. Doch trotzdem erzeugt The Magnificent Trufflepigs mit diesem Setting in einem kleinen Örtchen im britischen Nirgendwo ein Gefühl von Heimat und das Bewusstsein, dass auch ich dort noch Menschen habe, die ich Ewigkeiten nicht mehr gesehen habe und die mir trotzdem zur Seite stehen würden, wenn es drauf ankommt. Nur ist das leider nicht die Beziehung, die Adam und Beth haben.

Wie ein Rettungswagen

Wenn ihr selbst herausfinden wollt, was ich meine, hört auf zu lesen und probiert diese zwei bis drei Stunden für euch aus. Ich muss nämlich etwas spoilern[!!!], das mir wirklich schwer im Magen liegt.
Adam fragt Beth irgendwann im Verlauf der fünf Tage, warum sie sich so selten meldet und ob sie nicht mehr Zeit miteinander verbringen möchten. Beth lehnt ab und sagt, Adam sei wie ein Rettungswagen. Es ist gut, dass es ihn gibt, aber noch besser, wenn er nicht kommt. Denn wenn er kommt, gibt es ein Problem, das gelöst werden muss. Beth kontaktiert Adam in ihrer größten Not und er ist sofort zur Stelle, mehr soll er aber auch nicht machen. Während The Magnificent Trufflepigs diese Art der Freundschaft romantisiert, halte ich sie für enorm toxisch und einseitig. Beth nutzt Adam im Prinzip gnadenlos aus. Um seine Bedürfnisse geht es hier nicht.

Er muss sie retten, zu etwas anderem ist er nicht zu gebrauchen. Das Tragische daran ist, dass Adam sich darauf einlässt. Meine Therapeutin würde mir empfehlen, diese Beziehung dringend zu hinterfragen, vielleicht sogar, sie abzubrechen, so schwer es auch fällt. Doch Adam wirkt fast schon abhängig von seiner Freundin aus Kindertagen. Klar, er duckt sich nicht, gibt ihr Widerworte und hat deutliche Positionen, zu denen er Stellung bezieht. Er scheut keinen Konflikt mit Beth. Doch trotzdem lässt er sich immer wieder auf ihre Hilfegesuche ein, ohne dass seine eigenen Bedürfnisse, Kontakt zu ihr zu halten, auch nur beachtet werden. Als demnach die Credits liefen, hatte ich ein ganz unangenehmes Gefühl im Bauch. Für die einen mag The Magnificent Trufflepigs eine rührende Geschichte über Freundschaft sein und das war sie auch für mich über einen langen Zeitraum. Doch am Ende sitze ich hier vor meinem Monitor und bin fassungslos. Schade.

6/10 🐷

Developer: Thunkd
Publisher: AMC Games
Genre: Narrative Exploration Game
Team: Andrew Crawshaw (Game Design); Laura Dawes (Art Design); David Smith (Coding); Ollie Bateson (Sounddesign)
Musik: Kevin Penkin
Veröffentlichung: 3. Juni 2021 (Steam)

Kommentar verfassen