Review

Piczle Cross Adventure Review | Punkt, Punkt, Leerzeichen, Strich

Rettet im Piczle Cross Adventure mit hunderten von Picross-Rätseln ein kleines Dorf und seine Bewohner_innen.

In meiner Familie wurde immer viel gerätselt und geknobelt. Meine Mutter und mein Großvater saßen am Wochenende stundenlang vor ihren Kreuzworträtseln und haben eins nach dem anderen ausgefüllt. Das sei gut für die Allgemeinbildung, sagte Mutter. Ich habe dafür lieber ein Buch gelesen. Wenn mich etwas an die Rätselhefte meiner Familie gelockt hat, waren es eher die Sudokus, Labyrinthe oder ähnliche Kopfnüsse. Die Seiten, welche logisches Denken verlangten, waren mein Ziel. Dementsprechend ist es kein Wunder, dass ich hellauf begeistert war, als ich auf dem Gameboy das erste Mal eine Runde Picross spielte. Seitdem begleiten mich diese sogenannten Nonogramme durch meinen digitalen Lebensweg. Nintendos Handheld-Konsolen hatten immer wieder Titel mit einer riesigen Anzahl an Rätseln, welche ich nach und nach lösen konnte, ohne dass mir langweilig wurde. Und mittlerweile schaffen es Teams wie die Score Studios sogar, diese Knobeleien in eine Geschichte zu packen. So wie in Piczle Cross Adventures!

Die kleine Portion Entspannung am Nachmittag

Solltet ihr nicht wissen, was ein Nonogram-Rätsel ist, hier eine kurze Erklärung: Es handelt sich um ein gerastertes Feld mit Zahlen an der Seite. Diese Zahlen bedeuten, wie viele Felder in der jeweiligen Reihe des Rasters ausgefüllt werden müssen. Steht dort eine Zehn, bedeutet das, dass 10 Felder am Stück in dieser Reihe farbig markiert werden. Steht an der Seite eine Eins, eine Vier und eine Sieben, müssen in der Reihe zuerst ein alleinstehendes Feld, dann vier und dann sieben Felder am Stück markiert werden. Dabei MUSS dazwischen mindestens ein Feld frei bleiben. So wird das gesamte Raster anhand der Zahlen auf der x- und y-Achse ausgefüllt. Am Ende entsteht ein kleines Pixelmotiv. Je nachdem, wie groß das Raster ist, steigt natürlich auch der Schwierigkeitsgrad. Habt ihr pro Reihe zwanzig mögliche Felder, ist es deutlich schwieriger, den Überblick zu behalten, als wenn es sich nur um zehn Kästchen handelt.

Das Prinzip erklärt sich in der Durchführung sehr schnell. Nonogram-Spiele haben meist die angenehme Eigenschaft, erst mit sehr kleinen Rätseln zu beginnen, bevor die großen Motive ausgepackt werden. So kann wirklich jeder Mensch gut in das Konzept einsteigen. Und für mich ist damit ein Spiel wie Piczle Cross Adventure, dessen Spielmechanik zu großen Teilen auf diesen Rätseln aufgebaut ist, die perfekte Möglichkeit, mich zu entspannen. Jeden Tag sitze ich mittlerweile wie meine Familie damals auf der Couch und löse nach der Arbeit eine Hand voll Rätsel. Ich kann abschalten, meinen Kopf frei machen und mich einfach darauf fokussieren, welches Motiv ich heute entdecken werde. Im Prinzip habe ich hier ein Malen nach Zahlen für Pixel-Art. Nur was unterscheidet Piczle Cross Adventure jetzt von all den anderen Nonogram-Games? Wieso spiele ich ausgerechnet diesen Titel und nicht eines der unfassbar umfangreichen anderen Spiele, die vor allem auf Nintendos Konsolen zu finden sind?

Piczle Cross Adventure als Science Fiction Geschichte

Lasst mich euch Score-chan vorstellen. Ein kleines Mädchen im orangenen Häschenkostüm in Begleitung eines undefinierbaren Wesens namens Gig. Zusammen leben die beiden im Haus des Professors, als das Chaos losbricht. Ein Cyborg, der Score-chan sehr ähnlich sieht, verwandelt alles und jeden in schwarz-weißen Pixelmatsch! Die böse Wissenschaftlerin Dr. Mona Chromatic hat diese Kreatur namens under_SCORE losgeschickt, um die Welt nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Unsere Heldin muss nun also losziehen und die Pixel wieder zusammensetzen. Das funktioniert, wie sollte es auch anders sein, durch Nonogram-Rätsel. Wir müssen den Pixelmatsch also zu Pixel-Art puzzeln, damit sich Gegenstände und Personen wieder materialisieren. Nach und nach retten wir so die gesamte Stadt. Manche Gegenstände können wir sogar mitnehmen. Eine Säge hilft uns beispielsweise, einen Baum aus dem Weg zu räumen, der den Weg in einen weiteren Abschnitt versperrt. Ein Schlüssel muss zuerst zusammengesetzt werden, bevor wir mit ihm in die Werkstatt des Professors können.

Andere Rätsel sind durch eine Level-Einschränkung blockiert. So müsst ihr erst Erfahrungspunkte sammeln, um eine höhere Stufe zu erreichen, die euch das Lösen dieser Rätsel ermöglicht. Dabei zeigt sich sehr gut der skurrile Humor in Piczle Cross Adventure. Die Statuswerte, die sich dadurch erhöhen, sind nämlich allesamt völliger Quatsch. So erhaltet ihr zum Beispiel die Fähigkeit, Pfannkuchen perfekt zu wenden oder Pizzateig rotieren zu lassen. Die üblichen Fähigkeiten halt, die zum Lösen diverser Knobeleien benötigt werden. Wenn Score-chan noch lernen würde, wann das letzte Stück Pizza der Familienpackung gegessen werden kann, ohne wie ein gieriges Schwein zu wirken, wäre sie mir durch ihre gesammelten Erfahrungen einiges voraus. Der sympathische, harmlose Humor der Erzählung sowie das Zusammensetzen der Stadt durch die unterschiedlichen Pixelmodelle ist eine schöne Motivation, am Ball zu bleiben. Dieser zusätzliche Faktor fehlt vielen anderen Nonogram-Spielen, die sich voll und ganz auf ihre Rätsel fokussieren.

Also eins geht noch…

Ich könnte euch Piczle Cross Adventure eigentlich in höchsten Tönen anpreisen. Es beinhaltet alles, was die Anfänge dieser Knobelreihe so großartig gemacht hat und gibt euch dazu ein liebevolles Setting, das zum Erkunden einlädt. Es macht Spaß, den skurrilen Dialogen zu folgen und zu sehen, wie sich die Gebiete langsam dank euch mit Leben füllen. Ein Nonogram-Spiel mit Geschichte, wo hat man sowas denn schon gesehen? Das würde ich euch gerne sagen. Wenn einige Monate zuvor Murder by Numbers, welches wir ebenfalls hier auf Welcome to Last Week thematisiert haben, dieses Element nicht weitaus besser gemacht hätte. Dort habt ihr einen wirklich spannenden, gut erzählten Krimi, der die Nonogram-Rätsel mit Ermittlungen à la Phoenix Wright verbindet. (Ich fand die 6 von Nina auch ne absolute Frechheit!) So ist Piczle Cross Adventure der Mittelweg zwischen den klassischen Spielen und dem Titel mit erinnerungswürdiger Geschichte. Das Spiel, welches etwas Hintergrund für das stetige Rätseln liefert, euch aber trotzdem nur seichte Unterhaltung bietet.

Das ist jedoch vollkommen okay! Manchmal ist diese einfache Form der Unterhaltung genau das, was ich will. Manchmal möchte ich nicht neben den entspannenden Rätseln noch große Fälle aufdröseln und Hinweise kombinieren. Manchmal reicht es völlig aus, entspannt ein paar Punkte zu verbinden und danach ein paar schmerzhafte Wortspiele zu lesen. Score-chan und ihr böses Gegenstück sind einfach sympathische Kreaturen, denen ich liebend gern durch die Straßen ihrer Stadt folge, während mir fetzige Chiptune-Klänge um die Ohren hüpfen. Nach einem anstrengenden Arbeitstag ist das genau das Maß an Knobelei, das ich meinem eh schon rauchenden Kopf zutrauen möchte. Bei schwierigen Rätseln kann ich sogar einen Hinweis nutzen und zwei Reihen automatisch lösen lassen. Also entschuldigt mich bitte. Ich muss nochmal los und eine Pyramide zusammenbasteln, die südlich des Dorfes liegt. Zwei Abschnitte westlich vom Strand. Warum auch nicht. Für mich klingt das logisch genug.

7/10 🧩

Developer: Score Studios
Publisher: Plug In Digital (PC), Rainy Frog (Switch)
Genre: Puzzle-Adventure
Team: James Kay (Director)
Veröffentlichung: 16. April 2020 (Steam, Switch)

0 Kommentare zu “Piczle Cross Adventure Review | Punkt, Punkt, Leerzeichen, Strich

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: