Review

Iron Danger Review | Ein Splitter von ganzem Herzen

Iron Danger ist eine bunte Mischung aus klassischen und frischen Elementen der taktischen Rollenspielvertreter.

Die Action Squad Studios haben ein Spiel auf den Rechner gebracht, das sofort an alte Zeiten erinnert. Die Abenteuer der jungen Kipuna schaffen es schon durch die Screenshots ein Gefühl der Nostalgie zu erzeugen. Also lege ich das Gamepad gerne zur Seite und schließe in freudiger Erwartung meine Maus an. Und ich werde nicht enttäuscht. Iron Danger erinnert mich von der ersten Sekunde an viele Spielstunden, die ich in Silver oder Baldur’s Gate vor dem PC verbracht habe. Und doch schafft es das Spiel, in den entscheidenden Punkten erfrischend genug zu sein, dass ich weiter am Ball bleiben möchte. Das sind gute Voraussetzungen, mich wieder wie ein Teenager zu fühlen, der mit einer großen Portion Chips auf dem Schreibtisch ein völlig neues Abenteuer über mehrere Stunden erleben darf. Es ist lange her, dass ich mich so bei einem Videospiel gefühlt habe.

Iron Danger und der Zauber der Vergangenheit

Einen Großteil dieser nostalgischen Gefühle erzeugt Iron Danger wohl vor allem dadurch, dass es so aussieht, wie ich die alten Spiele in Erinnerung habe (und nicht, wie sie tatsächlich ausgesehen haben). Alles ist bunt, die Grafik wirkt nicht zu aufpoliert, sondern hat ihre Ecken und Kanten. Die ein oder anderen Ruckler, die Sounduntermalung durch knisternde Feuer, krachende Explosionen und mittelmäßige Synchronsprecher, die das Spiel immer wieder für kurze Dialoge unterbrechen. Genau das ist es, was meine schönen Erinnerungen weckt. Ich weiß nicht, ob jemand ähnlich fühlt, der nicht mit krummen Rücken am Schreibtisch hockend seine Jugend vor einem Bildschirm verbracht hat. Mich hat es jedenfalls völlig abgeholt. Mit leuchtenden Augen habe ich mich durch das Intro geklickt, der Erzählung gelauscht und fasziniert die Einführung der besonderen Spielmechaniken beobachtet. Aber lasst mich von vorne beginnen!

Kipuna ist ein einfaches Mädchen, blonde Haare, simple Kleidung. Sie lebt in einem kleinen Dörfchen. Zeit sich in der Heimat meiner Heldin umzuschauen bleibt allerdings keine. Innerhalb kürzester Zeit steht alles in Flammen. Die Truppen der Nordländer, einem brutalen Kriegsvolk, legen alles in Schutt und Asche. Mit großen Maschinen und Waffen zerstören sie Häuser und töten jeden Menschen, den sie finden können.

Kipuna bleibt nur die Flucht. Sie stürmt aus ihrem Haus und rennt im großen Bogen um das Schlachtfeld, als plötzlich der Boden unter ihren Füßen nachgibt. Sie stürzt und wird von einem großen Splitter aufgespießt. Habe ich sie schon in den ersten Sekunden auf den falschen Weg geschickt? War es das jetzt? Doch mit einem Mal ist Kipuna wieder fit. Der Boden vor ihr ist unbeschädigt und sie steht sicher davor. Die Zeit hat einen Satz nach hinten gemacht. Anscheinend ist das Mädchen doch nicht so einfach wie geglaubt.

Das Spiel mit der Zeit

Durch den Splitter, der nun in ihrer Brust steckt, hat Kipuna die Fähigkeit der Trance erlernt. Sie kann nun alle Abläufe in Herzschlägen timen, zurückspulen und anders agieren. Doch nicht nur sie profitiert davon, auch ihren Begleiter_innen nützt diese Fähigkeit. So hilft ihr bereits im Dorf der bullige Topi mit seinem riesigen Hammer die Nordländer zu beseitigen. Er ist eine treue Seele voller Pflichtbewusstsein, der seine Gegner ordentlich aufmischt. Wird einer der Beiden dabei von einem feindlichen Schwert oder Pfeil getroffen, spule ich die Zeit zurück und platziere den getroffenen Charakter einfach anders, nutze einen Block oder greife selber an. Jede Aktion benötigt dabei eine bestimmte Anzahl von Herzschlägen, wodurch Iron Danger so wirkt, als würde ich an einem Videoschnittprogramm den perfekten Kampf inszenieren. Leider fehlt am Ende die Möglichkeit, den Ablauf in einem Stück als Replay anzuschauen. Diese Funktion hätte ich definitiv häufiger genutzt.

Wenn das schon nicht geht, bleiben immerhin die Kämpfe abwechslungsreich. Der Splitter verleiht Kipuna nämlich zusätzliche Feuerkräfte. Explodierende Feuerbälle oder Flammenklingen stehen für meine Gefährten zur Verfügung. Und mit jedem Splitter, den ich im Spielverlauf finde (denn natürlich gibt es mehrere), steigt die Zahl meiner Fertigkeiten. Irgendwann schieße ich also mit Feuerbällen, kühle die Brände direkt mit einem Eisblock wieder ab, fessele meine Feinde in giftigen Ranken und heile abschließend mich und meine Begleitung. Zwar benötigt jede Fertigkeit nach ihrem Einsatz einige Herzschläge zur Regeneration, dafür habe ich jedoch eine solche Vielzahl an Aktionsmöglichkeiten, dass mir immer etwas einfällt. So bleiben die Kämpfe vielseitig und interessant. Mit der Zeit lerne ich taktische Feinheiten oder kombiniere meine Fähigkeiten zu noch stärkeren Angriffen. Die Auseinandersetzungen werden zwar immer herausfordernder, trotzdem habe ich ständig das Gefühl, noch eine Lösung finden zu können. Diese Spannung und Vielfalt im Kampfsystem sorgt für gehörig erfrischenden Wind.

Die Heldin, die eigentlich keinen Bock hat

Ein wohliges Gefühl der Nostalgie bleibt vor allem dann bestehen, wenn ich mich in den guten Erinnerungen abgeholt fühle und an den richtigen Stellen der nötige Feinschliff zu finden ist. Das Kampfsystem ist ein Beispiel dafür. Doch auch, wie sich Iron Danger erzählt, hat mich weiter an meine Maus gefesselt. Damit meine ich nicht den großen Plot der Geschichte. Hier wird tief in der Klischeekiste gegraben, wie ich es früher schon zu Hauf durchspielen durfte. Die Suche nach den sechs vorhandenen Splittern, der Kampf gegen die brutalen Nordländer, die Motivation eurer Mitstreiter_innen, erwartbare Wendungen, all das haut mich nicht vom Hocker. Kipuna jedoch wusste mich immer wieder zu begeistern. Von Anfang an macht sie keinen Hehl daraus, dass sie überhaupt kein Interesse daran hat, zu einem Spielball der einzelnen Parteien zu werden. Sie ist keine ausgebildete Kriegerin und will einfach nur ihren Frieden haben.

Während also alle Charaktere um sie herum an ihren Stereotypen festhalten, sieht Kipuna das überhaupt nicht ein. Sie soll für einen Herrscher, der ihr eigentlich Schutz bieten sollte, die restlichen Splitter sammeln? “Sehe ich gar nicht ein, das ist viel zu gefährlich!” – Sie soll den Befehlen Folge leisten und respektvoll handeln? – “Entschuldigung, ich bin keine Soldatin!” – Sie könnte eine Romanze mit einem geschickten Kämpfer beginnen? – “Hast du Lack gesoffen? Lass mich in Ruhe!” und vieles mehr. Auch, wenn sie am Ende doch den jeweiligen Aufgaben nachgeht, bescheren ihre ständige Skepsis und die vehementen Widerworte wundervolle Abwechslung. Kipuna ist erfrischend großschnäuzig und kann den Tropes des Genres den Spiegel vorhalten, ohne den Spielspaß daran verschwinden zu lassen. Das ist der Feinschliff, von dem ich sprach. Wäre die Geschichte in Gänze so klischeebeladen, wie es viele Titel des Genres vormachen, würden die nostalgischen Gefühle alsbald verpuffen.

Zeit zu verschenken!

Schade ist nur, dass ich Kipuna nicht noch weiter als Charakter ausbauen kann. Viele Elemente, die anderen Rollenspielen innewohnen, fehlen. Ich hätte gerne die ein oder andere Rüstung oder Waffe gekauft, um die Statuswerte meiner Party zu verbessern oder sogar zu individualisieren. Die Städte, die ich ab und zu besuche, sind dafür aber zu leer. Zwar laufen überall Menschen herum, ich kann viele Häuser betreten, aber das meiste davon ist einfach nur Kulisse ohne spielerischen Nutzen. Nach jeder Mission kann ich bei einem meiner Charaktere eine Fertigkeit aussuchen und sie um eine Stufe verbessern. Natürlich ist es schön, beispielsweise den Feuerball zu verstärken, weil ich ihn häufig nutze, um mein Umfeld in Brand zu stecken. Aber diese einzelnen Verbesserungen sind mit der Zeit doch sehr mager. Zumal es so viele Möglichkeiten dazu gibt, dass meine Auswahl am Ende eher sporadisch erfolgt. Hier wäre etwas mehr der alten Vorbilder besser gewesen.

Was mich aber am meisten aus dem nostalgischen Schwärmen zieht, sind diverse Bugs, die zu einem Softlock* führen. In solchen Momenten funktioniert plötzlich ein Trigger nicht mehr, der das Spiel fortsetzen sollte oder der Trancemodus blockiert das Stoppen der Zeit, was das Kämpfen unmöglich macht. Der einzige Weg das zu umgehen, ist, auf den letzten Speicherstand zurückzugreifen. Der liegt IMMER am Anfang des Abschnittes. Wenn ich also einen schwierigen Kampf hinter mich gebracht habe, schon 40 Minuten in einem Abschnitt stecke und dann wegen eines solchen Bugs diese Spielzeit verloren geht, ist schnell jede weitere Motivation verpufft. Diese fehlenden Speichermöglichkeiten sind etwas, was ich definitiv NICHT aus alten Zeiten vermisse. Da mit laufender Spielzeit die Kämpfe immer anspruchsvoller und länger werden, sind diese Bugs mit jedem Mal um einiges frustrierender als zuvor. Das sind Probleme, die natürlich noch gepatched werden könnten, aufgeregt habe ich mich trotzdem zu Genüge.

Es hätte so schön werden können, Iron Danger!

Es ist alles so schade. Die ersten Momente mit dem RPG Iron Danger haben mir wirklich Freude bereitet. Ich war wieder der kleine Teenager, der sich Nächte vor dem Bildschirm um die Ohren gehauen hat. Alle richtigen Knöpfe wurden gedrückt, das Kampfsystem hat mich jederzeit fasziniert und am Ball gehalten. Ich LIEBE Kipuna als Hauptfigur für ihren Charakter und ihre vielfältigen Fähigkeiten. Die einzelnen Abschnitte des Spiels waren kurzweilig und haben mich immer wieder an den PC gezogen. Die Action Squad Studios schienen genau zu verstehen, was dieses Genre ausgemacht hat und wo es etwas Feinschliff vertragen kann. Doch mit längerer Spielzeit kamen immer mehr Haken dazu. Immer mehr Haken, die ich nicht ignorieren oder einfach hinnehmen konnte.

Habe ich mich anfangs bei manchen Abschnitten gefragt, wieso sie nicht einfach gestrichen wurden, weil sie nach 30 Sekunden abgeschlossen waren, war ich später um den zusätzlichen Speicherpunkt dankbar. Die fehlende Option frei speichern zu können, in Kombination mit den Bugs, die meinen Spielfortschritt verhindern, ist fatal. Ein Neustart des Spiels bedeutet immer die Wiederholung eines ganzen Abschnittes, manchmal inklusive nervenzerreißendem Kampf, den ich gerade so gepackt habe. Das raubt jegliche Motivation der Geschichte zu folgen, die als Ganzes eben doch nicht genug Anreize bietet. Kipunas Mundwerk führt nicht dazu, dass ich trotz Bugs unbedingt den Ausgang der Geschichte erleben will. Das ist einfach nur schade. Das Potential, ein richtig schönes Spiel zu sein, ist in Iron Danger nämlich definitiv vorhanden. Hoffentlich kann es das irgendwann auch zeigen!

6/10

Developer: Action Squad Studios
Publisher: Daedalic Entertainment
Genre: Taktik-Rollenspiel
Team: Sami Timonen (CEO), Heikki-Pekka Noronen, Lauri Härsilä (Programmer), Joel Sammallahti (Writer, Level Designer), Harro Grönberg (Producer, Level Designer), Jussi Kemppainen (Game Director, Technical Director), Jukka-Pekka Lyytinen (Art Lead, Tech Artist), Antti Kemppainen (Designer, Concept Artist), Sakari Leppä (3D Artist), Lance Baker (Character Artist)
Musik: Illmari Hakkola
Veröffentlichung: 25. März 2020 (Steam, PS4, Xbox One)

*Softlock – Das Spiel läuft scheinbar unberührt weiter, während jeglicher Fortschritt verhindert wird.

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