Echo Generation Review | Einfach wieder Kind sein

Das Rollenspiel Echo Generation holt die Nostalgiekeule raus und schlägt in alle Richtungen der 90er.

Früher war alles besser, oder? Keine Lohnarbeit, der man nachgehen musste, keine Steuererklärung, die drohend am Jahresende wartet und so lange wie möglich aufgeschoben wird, keine Existenzängste. Werktags war Schule, danach Hausaufgaben und danach wurde gespielt. Am Wochenende wurde früh Cartoons mit Cornflakes geschaut und so lange wach geblieben bis die Augen von alleine zufielen. Die Filme waren großartig, die Serien unterhaltsam, Musik war auf Tapes, alles war schön. Also zumindest, wenn die noch stärker vertretene Diskriminierung marginalisierter Gruppen ignoriert wurde. Wenn nicht darauf geachtet wurde, dass in jedem öffentlichen Raum geraucht werden durfte wie ein Schlot. Und wenn wir mal vergessen, dass Fleisch in unmenschlichen Mengen konsumiert wurde oder Klimaschutz sich in der breiten Öffentlichkeit nur darum drehte, den Müll zu trennen und meine Tapes nach kurzer Zeit zu eiern anfingen. Wenn wir das alles außen vor lassen, dann war es früher eine richtig geile Zeit, oder?

Hängen mit der Gang

Echo Generation ist genau diese Vergangenheit. Die einzigen Probleme in dieser Version der 90er sind ein vermisster Vater, Aliens und wütende Waschbären. Mehr muss mich nicht kümmern, wenn ich zu fetzigen Beats durch eine erstaunlich hübsche Voxelgrafik renne. Ernsthaft, es ist unglaublich, wie hübsch diese Klötzchen vor allem dank der tollen Lichtstimmung sein können. Wenn die Abendsonne über die Maisfelder scheint, während ich durch das Gestrüpp in Richtung einer Klippe dem Sonnenuntergang entgegenrenne, bleibe ich gerne stehen und schaue mich etwas länger um. Wie als Kind lebe ich hier erstmal einfach in den Tag hinein. Ich spaziere durch die Nachbarschaft, verabrede mich mit Freund_innen und helfe den Bekannten, wenn sie mich darum bitten, wofür ich dann als Dankeschön cooles Zeug wie ein Busticket in die Stadt bekomme. So erschließen sich nach und nach durch kleine Quests und Knobeleien immer mehr Orte und Aktivitäten für mich.

Jedes Abenteuer ist ein bisschen so, wie ich es mir damals vorgestellt habe. Da bin ich auch mit meiner Schwester und unseren Hunden an eine Kuhweide gegangen und habe so getan, als ob es riesige Monster sind, gegen die wir kämpfen müssen. In Echo Generation wird den Waschbären halt tatsächlich die Schnauze poliert. Auch wenn die Situationen immer dramatischer werden und ich in größere Probleme rutsche, wie zum Beispiel den Keller eines Kinder entführenden Schuldirektors – alles fühlt sich locker und leicht wie ein riesiges Abenteuer an, das ich mir damals jeden Tag gewünscht habe. Wie gern wäre ich mit den Goonies auf Schatzsuche gegangen oder hätte Geister mit den Ghostbusters gefangen. In Echo Generation kann mein Teenager all das machen und wird dabei nicht nur von der Schwester, sondern auch von der kuscheligen Hauskatze unterstützt. Es ist die perfekte Kindheit ohne all die Probleme, die die 90er tatsächlich hatten.

Die Echo Generation hat andere Probleme

Ganz ohne Schwierigkeiten kommt die blockige Nostalgiebombe jedoch nicht aus. Echo Generation ist gerade am Anfang verdammt schwer. Wenn ich mich vorsichtig durch die Welt bewege, jeden Gegner besiege, häufig schlafen gehe, um mich zu regenerieren, dann klappt alles irgendwie. Doch wenn ich zu viel Geld in Items stecke und nicht jeden Winkel erkunde, kann ich durchaus hängen bleiben. Dann fehlen mir die nötigen Ressourcen für Bosskämpfe oder das notwendige Geld, um einen wichtigen Gegenstand für den weiteren Spielverlauf zu kaufen. Normalerweise könnte ich einfach mehr Gegner besiegen und mich aufleveln. Echo Generation ist doch ein klassisches Rollenspiel mit kleinen Reaktionsübungen in den Angriffen, da gehört Grinding zum Spiel dazu. Blöd nur, dass die Gegner nicht regelmäßig erneut in Erscheinung treten. Ist ein Waschbär oder eine große Ratte besiegt, war es das erstmal. Es existiert damit keine Möglichkeit mehr, an Geld zu gelangen oder neue Charaktere aufzuleveln.

Das ist besonders dann ärgerlich, wenn sich ein Hund, ein Waschbär mit fescher Cap oder ein Roboter dem Team anschließen. Die sind nämlich auf dem niedrigsten Level, anstatt sich dem restlichen Team anzupassen. Das Spiel legt es also darauf an, diese neuen Begleiter zu stärken, weswegen die fehlenden Gegner anscheinend ein mieser Bug sind. Zum Glück bin ich ein Katzenmensch und wollte daher nicht unbedingt mein Haustier austauschen, aber was ist mit den Personen, die gegen so ein Fellknäuel allergisch sind oder schon immer einen Waschbären als Haustier wollten? Echo Generation lässt diese Menschen einfach im Regen stehen. Im Internet finden sich mehrere Berichte von Spielenden, die aus all diesen Gründen plötzlich nicht mehr weiterzocken konnten und auch mir wäre das fast einmal passiert, als ich in einem Bosskampf starb und der Autosave mich direkt davor mit halber Energie absetzte ohne eine Möglichkeit, mich zu heilen.

Gib mir die schönen Seiten wieder

Ich rege mich wieder auf. Das kann doch einfach nicht sein. Ich bin nur aus dieser Situation gekommen, weil ich in einem Mülleimer neben mir Heilitems finden konnte, die nach jeder Niederlage neu vorhanden waren. Ich musste also dauernd sterben und im Müll wühlen, um genügend Leckereien zu horden, die mich durch den Bosskampf trugen. Das geht doch nicht. So habe ich mir meine Abenteuer nicht gewünscht. Gebt mir lieber mehr Spezialangriffe, die ich über Comics erlernen kann. Gebt mir mehr verrückte daraus resultierende Animationen in den Kämpfen. Überhäuft mich mit seltsamen Erwachsenen, die nicht besonders smart, aber trotzdem liebenswürdig wirken. Lasst mich ein Rennen mit dem kleinen Mädchen im Rollstuhl machen, das überglücklich durch die Stadt düst, weil dort alle Wege barrierefrei sind. Echo Generation hat so viel Tolles zu bieten und dann passiert sowas.

Besser kann ein Spiel Nostalgie nicht zusammenfassen. Auf den ersten Blick ist alles wunderbar, die schönen Seiten verdrängen alles Negative und ich habe eine großartige Zeit. Doch es braucht nur einen kleinen Blick in die Tiefe, um zu merken, dass alles gar nicht so viel besser war. Dann stechen einem die Probleme nur so in die Augen und verschwinden auch nicht mehr aus dem Blickfeld. Es ist zwar möglich, den Fokus wieder auf die angenehmen Elemente zu richten, doch so überzeugend wie zuvor werden sie nicht mehr. Zu schade, dass diese Gefühle durch eine klitzekleine Macke im Gamedesign entstehen, während die ständig durchscheinende Liebe zum Detail in den Eigenarten der Charaktere und der Welt in Echo Generation mich noch immer zum Schmunzeln bringen. Wahrscheinlich ist es am besten, wenn ich einfach tatsächlich wieder mit meiner Schwester und den Hunden unserer Eltern in die Wildnis losziehe.

6/10 🧒👧🐈🐕🤖🦝

Developer/Publisher: Cococucumber
Genre: RPG
Team: Martin Gauvreau (Game Director, Lead Programmer), Vanessa Chia (Art Director), Edgar Abrego, Ian Mendoza (Animation), Danielle Magpayo, Simone Heath, Leona Wu (Level Design)
Musik: Pusher
Veröffentlichung: 21. Oktober 2021 (Steam, Microsoft Store, Xbox Series X|S, Xbox One)


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