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Synergia Review | Android: Become Human

Radi Art und die Top Hat Studios haben mit Synergia eine dystopische Visual Novel über Transhumanismus veröffentlicht.

Wann ist eine Maschine noch eine Maschine, wann entwickelt künstliche Intelligenz ein eigenes Bewusstsein? Wie verwerflich ist es, sich als Mensch über dieses künstlich erschaffene Bewusstsein zu stellen? Diese Fragen werden in unzähligen Filmen, Videospielen und Büchern auf unterschiedlichste Arten beleuchtet. Gemein ist ihnen vor allem die Botschaft, dass ein eigenständiges Bewusstsein auch wie ein solches behandelt werden muss, völlig egal, ob es auf natürlichem oder künstlichem Wege entstanden ist. Die große Frage, die sich dabei gestellt werden kann, ist aber, inwiefern der Mensch einen solchen technologischen Schritt überhaupt anstreben sollte. Wie viel Bewusstsein, wie viel Einfluss sollte einer künstlichen Intelligenz gegeben werden und wo ist eine moralische Grenze zu ziehen, selbst wenn es technisch noch weiter gehen könnte? Synergia geht einen ähnlichen Weg und wirft mich mitten hinein in eine Gesellschaft, die unter dem eigenen technologischen Fortschritt ins Wanken gerät.

Die Philosophie des Widerstandes

Ich lande im sogenannten Empire, einer großen Stadt auf einem fremden Planeten, auf den sich die Menschheit geflüchtet hat. Diese Megametropole ist ein kleines Fleckchen Leben inmitten einer unwirtlichen Welt. Androiden dienen hier als Werkzeuge, es gibt klare Verbote gegen Beziehungen zu diesen Maschinen und gegen die Forschung auf dem Bereich der künstlichen Intelligenz. Mitten in dieser Welt lebt die Polizistin Cila, deren Aufgabe es ist, Androiden zu deaktivieren, die durch eine Fehlfunktion ein Problem für die Menschheit darstellen. Ausgerechnet Cila, die Schuld für ein Gesetz trägt, das es Menschen verbietet, sexuelle Beziehungen zu einem Androiden zu führen, da sie als Leiterin einer Elite-Einheit Gefühle für eine solche Maschine entwickelte. Diese Biografie macht sie interessant für einen Hacker, der immer wieder versucht, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Und als wäre das nicht genug, ist ihr neuer Android keine herkömmliche Haushaltshilfe, sondern mutet weitaus menschlicher an, als es Cila lieb wäre.

Synergia dreht sich nun die gesamte Spielzeit um die großen Fragen, inwiefern Cila diesen Herausforderungen nachgibt oder sich ihnen erwehrt. Baut sie eine Beziehung zu ihrem neuen Androiden auf? Nimmt sie Kontakt zu diesem mysteriösen Hacker auf? Oder bleibt sie ihrer Linie treu und verfällt nicht wieder in alte Muster, die ihr bereits zuvor große Probleme bereitet haben? Wann kommt der Zeitpunkt, an dem sich ein Mensch gegen die äußeren Umstände aufrichten sollte und wie radikal darf das passieren? Wie viel Schuld tragen zum Beispiel die Personen, die in dieser Welt leben und zwar nicht aktiv handeln, aber auch keinen Widerstand leisten? Synergia zieht mich immer weiter in einen Strudel aus Fragestellungen, Handlungen und Konsequenzen, bis der große Knall nahezu unvermeidlich erscheint. Und ständig frage ich mich dabei, wie ich mich in dieser Situation verhalten würde. Wann würde ich anstelle von Cila entscheiden, dass es so nicht weitergehen kann?

Keine Synergia zwischen Cila und mir

Sollte ich Antworten auf diese Fragen finden, bringt mir das leider für den Spielverlauf herzlich wenig. Insgesamt stellt mich Synergia drei Mal vor eine “entweder oder”-Frage, deren Beantwortung entscheidet, welches der beiden Enden ich bekomme. Die restliche Zeit lese ich einfach die Geschichte und habe keinerlei Einfluss auf ihren Verlauf. Das ist schade, da Cila oftmals in Situationen landet, in denen ich gerne entschieden hätte, was als nächstes passiert. Das hätte meine Beziehung zu den Charakteren auch deutlich stärker gefestigt. Durch meine Rolle als stummer Beobachter fiel es mir phasenweise schwer, Charakterentwicklungen nachvollziehen zu können. Zu schnell änderten sich Beziehungen, zu schwer greifbar fand ich manche Entscheidungen auf Grund der vorhergegangenen Erzählung. Und selbst die drei auftauchenden Entscheidungspunkte sorgen abgesehen vom Ende, das in beiden Szenarien unterschiedlicher nicht sein könnte, nur für ein paar wenige, veränderte Sätze. Der Rest der Geschichte bleibt identisch.

Um einen Epilog freizuschalten, müsst ihr jedoch beide Enden freispielen. Beim zweiten Durchlauf habe ich mich also einfach stupide durch Dialoge geklickt, bis ich bei den Entscheidungen und dem letztendlichen Finale angekommen bin. Freiere Entscheidungsmöglichkeiten hätten den Wiederspielwert deutlich erhöht. Synergia will euch also keine Geschichte formen lassen, sondern vor allem die Geschichte des Writers Francisco Pérez zeigen. Das ist auch in einer Visual Novel kein Problem und absolut legitim. Nur hätten dann sogar die drei im Spiel vorhandenen Entscheidungen gestrichen werden können. So, wie Cila die gesamte Geschichte über gezeichnet wird, empfand ich diese nämlich stellenweise als absolut unpassend für ihren Charakter. Pérez hätte sich durchaus mehr Zeit lassen dürfen, seine Figuren zu formen und dafür eine komplett lineare Erzählung wählen können. Die Geschichte hätte davon auf jeden Fall profitiert. Das soll nicht heißen, dass ich keine Freude an Synergia hatte. Es hätte mir nur stellenweise das Stirnrunzeln erspart.

Das Cyberpunk-ABC

Ans Herz gewachsen sind mir die Charaktere trotzdem. Francisco Pérez hat seiner Geschichte nämlich wundervolle Bilder und Figuren in einem schmutzigen Manga-Stil verpasst, die trotz teils reduzierter Optik sympathische Eigenarten zeigen konnten. Seien es der unschuldige Blick unseres Androiden Mara oder die etwas zottelig unbeteiligt wirkende Cila selbst, die sich sichtbar schwer damit tut, sich ihrer neuen, mechanischen Mitbewohnerin zu öffnen. Die Welt, welche wir in vereinzelten Setpieces zu sehen bekommen, wirkt schmutzig, mechanisch und trotzdem nicht zu abgedreht für eine Vision der menschlichen Zukunft. Und unterlegt wird alles von einem tollen Soundtrack aus elektronischen und klassischen Klängen, die immer wieder durch aufkommende Dissonanzen andeutet, dass selbst in den ruhigen, zwischenmenschlichen Momenten irgendetwas nicht richtig sein kann. Die Präsentation war es letztendlich, die mir die Welt in Synergia tatsächlich dort näherbringen konnte, wo es die Dialoge zwischen den Figuren nicht schafften.

Wenn Cilas Arbeitsalltag nicht spannend erzählt wurde, so sorgten Bildsprache und musikalische Untermalung für die nötige Gänsehaut. Genauso betrifft dies die ruhigen Momente, wenn Mara und Cila sich kennenlernen und unbedarft über ihre musikalischen Vorlieben schnacken. Bei allen kleinen Reibereien, die ich mit der Erzählung so hatte, wollte ich die Welt von Synergia nicht verlassen, sondern wissen, wie die Charaktere die eingangs gestellten Fragen für sich beantworten. Ich wollte wissen, welchen Weg die Beziehung zwischen Mara und Cila einschlägt und wie sich ihre Haltung zur Gesellschaft entwickelt. Dieses Interesse hat mich bis ans Ende gefesselt, so dass ich das Spiel nicht ausschalten konnte, bevor nicht die Credits über den Bildschirm flackerten. Und viel mehr als das möchte ich doch gar nicht.

7/10 🤖

Developer: Radi Art
Publisher: Top Hat Studios
Genre: Visual Novel
Team: Francisco Pérez (Game Design, Art Design, Writing); Joe “Bonesy” (Executive Producer, Programmer)
Musik: Andy Andi Han
Veröffentlichung: 27. Juli 2020 (Steam)

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