Review

Orangeblood Review | Rundenbasierter Hip-Hop

In Orangeblood wird die Hip-Hop Kultur der Neunziger in ein Rollenspielsetting und rundenbasierte Kämpfe gesteckt.

Als ich ein Teenager war, wollten gefühlt alle Jungs wie Eminem sein. Ich habe mir ebenfalls die Haare blondiert, silbern glänzende Baggies getragen und mir Sneaker kaufen lassen, die im Endeffekt nur sportlich aussehende Schlappen waren, da in meiner Familie niemand wusste, was Sneaker jetzt so genau waren. Ich habe mir Rap Battles abgeschaut, Breakdance gefeiert, Graffiti-Aufdrücke auf meinen Hoodies gehabt und mich auch mit den Ursprüngen des Hip-Hops auseinandergesetzt. Dazu gehörte auch ein enormer Konsum der Rap-Tracks aus den 80er und 90er Jahren. Die Beats pumpten durch mein Zimmer, die Eltern beschwerten sich oftmals über die Lautstärke und ich habe mich einfach nur unfassbar cool gefühlt. Schließlich war ich eines der wenigen Kids im Ort, das wirklich Ahnung von der coolsten Musikrichtung hatte, die es überhaupt nur geben kann. So denken Jugendliche halt, wenn die feste Überzeugung vorherrscht, dass es wirklich nur ein einziges Musikgenre geben kann.

Will the real RPG please stand up?!

Mittlerweile ist mein Musikgeschmack deutlich ausdifferenzierter. Ich fokussiere mich bei weitem nicht mehr nur auf die Hip-Hop Kultur, doch trotzdem hat sie einen festen Platz in meinem Herzen. Wenn also eine Pressemitteilung wie die zum Spiel Orangeblood von Grayfax Software in mein Postfach flattert, bin ich natürlich interessiert. Ein rundenbasiertes Rollenspiel will die Geschichte des Hip-Hops aufgreifen und ganz im Zeichen der glorreichen 90er Jahre stehen. Ich erwartete eine spannende Geschichte rund um Musik und erhoffte mir Rap-Battles um Erfahrungspunkte, Breakdanceeinlagen und DJ-Sessions. Wie das Ganze dann in ein Rollenspiel gepackt werden würde, entzog sich meiner Vorstellungskraft, aber dafür habe ich mich einfach so schnell wie möglich vor den Bildschirm gesetzt, Orangeblood gestartet und… tue mich noch immer schwer, so ganz zu verstehen, was da eigentlich passiert ist. Das liegt nicht daran, dass Orangeblood ein schlechtes Spiel ist, sondern eher, dass ich mit einigen kleineren bis großen Unstimmigkeiten konfrontiert wurde.

Was Grayfax Software auf jeden Fall geschafft hat, ist, den gewünschten Stil einzufangen. Das gesamte Spiel ist mit einem Soundtrack unterlegt, der aus jeder Pore Oldschool Hip-Hop triefen lässt. Die Beats sind unverkennbar mit der Zeit verknüpft und könnten genauso auf den alten Platten der N.W.A. oder Dr. Dre laufen. Ähnlich verhält es sich mit der futuristischen Stadt New Koza, die trotz des japanischen Ursprungs vollgestopft ist mit Details, die wir eher in einem alten Musikvideo aus den Straßen Bostons oder Detroits vermuten würden. Graffiti wird an den Wänden gesprüht, Menschen sammeln sich um brennende Mülltonnen. Ganz ohne Klischeekiste kommt Orangeblood sicherlich nicht aus, doch trotzdem passt das Setting sehr gut mit den fliegenden Autos und mehreren Etagen dieser Megametropole zusammen. New Koza wirkt authentisch für die Zeit, in der es spielt und überzeugt mich davon, dass auch die harten Seiten, die oft in Tracks besungen werden, zum Alltag gehören.

I’m gonna get my gun!

Wenn Orangeblood dann aber seine Geschichte erzählt und das Kampfsystem einführt, wäre etwas weniger Klischeekiste besser gewesen. Vanilla ist die Hauptfigur, die direkt zu Beginn bei einer Straftat erwischt wurde und nun einige kriminelle Aufträge erledigen muss, um ihre Freiheit zurückzuerlangen. Das Ganze geht natürlich nicht ohne unzählige Flüche und Beleidigungen zu ihrer Umwelt und ihren eigenen Kolleginnen. Jeder Dialog wirkt aufgezwungen hart und edgy, was mit der Zeit eher unangenehm als authentisch anmutet. Natürlich spielen wir einen Haufen Verbrecherinnen, die dem Thug Life frönen und ihr Hauptquartier in einem Nachtclub haben, den sie mit einer zünftigen Schießerei übernehmen und dort Hip-Hop Events veranstalten. Ohne Gangsterimage kommt ein Spiel über dieses Musikgenre also nicht aus. Das spiegelt sich dann auch in den Kämpfen wider, wenn mir auf der Karte Feinde begegnen, die ich zum Kampf berühren muss. Schieße ich zuvor per Knopfdruck auf sie, gibt mir das sogar einen Vorteil.

Danach steht meine Party den Widersachern mit gezückten Kanonen gegenüber. Ich kann nun entweder schießen oder zuvor noch eine Spezialfähigkeit einsetzen, sofern ich genügend Spezialpunkte dafür habe. Das gibt den Kämpfen eine kleine, taktische Komponente, wobei ich meistens einfach nur geballert habe, was absolut ausreichend war. Neigt sich die Munition meiner Waffen zur Neige, muss ich selbst nachladen. Tue ich das nicht und nutze die Waffe bis zur letzten Patrone, lädt meine Figur automatisch nach und ist dabei völlig wehrlos gegenüber feindlichen Angriffen. Am Ende erhalte ich Geld und mögliche Ausrüstung wie weitere Waffen, Rüstungen oder Sneaker, die meine Statuswerte erheblich verbessern. Kleider machen also auch in Orangeblood Leute. Doch selbst diese Elemente, auf welche Werte ich mich durch Ausrüstung fokussiere, machen das Kampfsystem nicht spannender oder abwechslungsreicher. Es bleibt die meiste Zeit stupides Knopfgedrücke, bis der Kampf vorbei ist und ich meine Erfahrungspunkte und Belohnungen bekomme.

Orangeblood und sein Repräsentationsproblem

Der treffsichere Stil und Soundtrack tröstet oft über die staksige Geschichte und das schnöde Kampfsystem hinweg. Was mich aber bis zum Ende hin wirklich gestört hat, war die Tatsache, dass meine Party in Orangeblood keine Diversität bekam. Ganz konkret gesagt waren schwarze Charaktere im Spiel hauptsächlich einfache NPC’s oder sogar Gegner. In einem Spiel, das sich Oldschool Hip-Hop als große Inspirationsquelle auf die Fahne schreibt, finde ich das fast schon unentschuldbar. Hip-Hop in seinen Ursprüngen ist eine schwarze Bewegung. Es war ein musikalisches Medium, um auf Missstände in der Gesellschaft hinzuweisen. Dieses Element völlig aus dem Spiel zu radieren, geht in meinen Augen gar nicht. Ich verlange in keinster Weise, dass meine Party bitte komplett aus schwarzen Charakteren hätte bestehen sollen. Die Musik ist mittlerweile international und es ist großartig, dass allerlei Menschengruppen dort eine Möglichkeit des kreativen Ausdrucks gefunden haben. Eine einseitige Darstellung wie in Orangeblood ignoriert das aber.

Ich kann ein Spiel doch nicht ernst nehmen, dass sich so auf eine Subkultur fixiert, den Ursprüngen allerdings keinerlei Repräsentation gibt. Schwarze Charaktere werden hier als Feinde inszeniert, denen der Platz im Hip-Hop sogar durch Schießereien streitig gemacht wird. Das muss allen Spielenden bewusst sein. Ich will Grayfax Software hier keine rassistische Haltung unterstellen, in Japan lebt einfach auch eine weitaus weniger diverse Gesellschaft als beispielsweise in den USA. Etwas mehr Fingerspitzengefühl in dieser Thematik kann ich jedoch trotzdem erwarten. Es wäre so einfach und vor allem naheliegend gewesen, einen schwarzen Charakter prominenter in der Erzählung zu platzieren, als auch noch das vierte Anime-Klischee in die Party zu stecken. Wenn also selbst eine fiktive Welt mit diesem Fokus die Probleme der Realität einfach reproduziert, kann ich nur sagen: “Nein danke!”, selbst wenn Orangeblood im restlichen Aufbau so stilsicher agiert.

Aufgrund des Hauptkritikpunkts vergeben wir in diesem Fall keine Wertung.

Developer: Grayfax Software
Publisher: Playism
Genre: RPG
Einzelentwickler: Grayfax Software
Musik: Milo St. Clare-Holmes (Music and Soundeffects)
Veröffentlichung: 14. Januar 2020 (Steam), 1. Oktober 2020 (PS4, Xbox One, Switch)

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