Review

Shantae and the Seven Sirens Review | Bauchfrei ins Abenteuer

Mit Shantae and the Seven Sirens veröffentlicht WayForward bereits den fünften Ableger ihres Djinn-Metroidvanias.

Es hat bei mir etwas gedauert, bis ich auf den Shantae-Zug aufgesprungen bin. Der erste Teil erschien 2002 sehr spät auf dem Gameboy Color und wurde von mir nie wahrgenommen. Erst, als auf dem 3DS Shantae and the Pirate’s Curse auftauchte, wagte ich mich an die Spiele. Und ich bin froh, das getan zu haben. Jeder Titel war ein gut durchdesigntes und unterhaltsames Metroidvania, wobei es immer wieder frische Ideen gab. Eine lineare Levelstruktur, Piratengadgets als Hilfsmittel und die üblichen Verwandlungen, welche Shantae auszeichnen, sorgten für abwechslungsreiche Spielstunden. Wen wundert es also, dass ich unbedingt den neusten Teil spielen wollte? Vor allem, wo es bereits seit September 2019 episodenartig auf mobilen Geräten Apple-exklusiv erschien und mir, wie die unerreichbare Karotte, vor die Nase gehalten wurde. Am 28. Mai kam Shantae and the Seven Sirens dann endlich auf alle anderen Plattformen und ich habe mich sofort ins Abenteuer gestürzt.

Urlaub ist nur ein Mal im Jahr

Das Nischendasein der Reihe scheint endgültig abgelegt. Wo der erste Teil völlig unter dem Radar flog, scheint WayForward mittlerweile genug Produktionsmittel zu besitzen, um einerseits das japanische Animationsstudio Trigger für die Zwischensequenzen zu bezahlen und andererseits Shantae und ihre Freunde in den Urlaub auf eine tropische Insel zu schicken. Da beschwere ich mich natürlich nicht, Urlaub tut allen gut, vor allem, wenn aktuell die großen Reisen allesamt ausfallen müssen.  Shantae wurde zu einem großen Fest eingeladen, auf dem alle anderen Halb-Djinns eine große Show liefern sollen. Doch wie zu erwarten läuft dort nichts wie geplant und plötzlich ist Shantae die Einzige, die noch auf der Bühne steht, während alle anderen ihrer Halbschwestern entführt wurden. Natürlich wird nicht lange gezögert und dem Trope der „Damsels in Distress“ nachgegangen. Mit dem Unterschied, dass es diesmal kein strahlender Ritter oder hüpfender Klempner ist, der sich der Aufgabe stellt, sondern eine agile, junge Frau.

Habe ich die anderen Halb-Djinns vorher schonmal gesehen? Nein. Liegt mir irgendeiner der Charaktere hier sonst am Herzen? Auch nicht. Shantae and the Seven Sirens ist wie die Vorgänger zwar voller unterhaltsamer Dialoge, eine mitreißende Geschichte gab es jedoch nie. Die aufwendig gezeichneten Charaktere bieten hauptsächlich den Rahmen für flüssiges Gameplay. Jede Sekunde, die ich in die Analyse der Geschichte stecken würde, wäre verschenkt, da sie sich selbst nicht ernst nimmt. Der große Twist vor dem Finale ist dermaßen an den Haaren herbeigezogen, dass jede Seriosität vom Strandwind verweht wird. Das Spiel will mich augenscheinlich nicht erzählerisch mitreißen, sondern eine leichtherzige Umgebung schaffen, durch die ich gutgelaunt hüpfen kann. Und das funktioniert auch. Mich stört es nicht, dass ich keine tiefergehende Bindung zu den Charakteren habe. Der Squid Baron, ein klopsiger Tintenfisch, beispielsweise ist mir nur etwas lieber, weil sein Wunsch nach einem erfolgreichen Videospiel im Setting so skurril anmutet.

Alles beim Alten in Shantae and the Seven Sirens?

Aber wozu benötigt Shantae auch eine ausgefeilte Charakterentwicklung, wenn sie sich mit einem lockeren Hüftschwung in eine Vielzahl von Tieren verwandeln kann? So war es zumindest sonst immer. Als Affe klettert sie an Wänden, als Elefant walzt sie große Steine weg, als Krabbe wandert sie über den Meeresgrund. So kenne ich meinen Halb-Djinn und so will ich sie auch haben. Zumindest so lange, bis ich bemerkte, dass in Shantae and the Seven Sirens keine dieser Verwandlungen auftaucht. Unsere Heldin bekommt fünf neue Verwandlungen, die nicht erst durch einen Hüftschwung aktiviert werden müssen. Mit einem simplen Knopfdruck verwandelt Shantae sich dieses Mal in eine Echse, die an Wänden klettert, einen Bohrer, der sich durch Sand gräbt oder einen kleinen Oktopus, der ihr einen Dreifachsprung ermöglicht. Die Bauchtanzfähigkeiten, die Shantae hier erlernt, dienen dieses Mal dazu, versteckte Objekte anzuzeigen, ein Erdbeben auszulösen, sich zu heilen oder die Umgebung unter Strom zu setzen.

Nach und nach werden so mehr Abschnitte der großen Welt zugänglich. Es wurde sich also wieder von der lineareren Levelstruktur des Vorgängers verabschiedet und ein klassischerer Metroidvania-Ansatz gewählt. Das an sich gefällt mir sehr gut, nur gibt es leider zu wenig Abwechslung in den einzelnen Abschnitten. Die Struktur und der Aufbau der Plattformen ähnelt sich bis auf die Färbung der Oberflächen sehr und bis auf die kleinen Tintenfische, die eure Energie wie Herzteile erhöhen können, gibt es kaum nützliches zu finden. Das macht die Spielerei mit den Verwandlungen und Fähigkeiten, die sehr situativ sind, leider auch wesentlich einseitiger, als es zuvor der Fall war. Ich kann mir gut vorstellen, dass das dem episodenartigen Erscheinen auf Mobilgeräten geschuldet ist. So konnte gewährleistet werden, dass die Spielenden sich schnell wieder einfinden und nicht überfordert sind, die nächsten Ziele zu finden. Als zusammenhängendes Spiel funktioniert dieses Gamedesign jedoch nicht mehr so gut.

Shake your booty

Fernab von alledem hat mich jedoch die Präsentation gestört. Shantae ist eine starke Woman of Color, die Gegner mit ihren langen Haaren aus dem Bildschirm peitscht und mit ihren Tänzen ganze Landschaften umformen kann. In Shantae and the Seven Sirens sind fast ausschließlich weibliche Charaktere, die für die Geschichte von Relevanz sind und keine dieser Figuren wirkt einfach nur schwach oder hilflos. Und trotzdem scheint es WayForward als nötig zu erachten, allen Charakteren, egal ob Heldin, Nebencharakter oder Bossgegner, eine enorme Oberweite und starke Rundungen zu verpassen. Das alles wird dann noch in knappe Outfits gepresst, in denen die Figuren sich sexy nach vorne oder hinten lehnen, wenn sie ihre Dialoge führen. Ja, die Shantae-Reihe hat immer schon dieses Artdesign gehabt. Durch die hochwertige Produktion der Cartoon-Optik fällt es mir hier aber bedeutend deutlicher auf als noch zu Zeiten der Pixeloptik. Und ich verstehe einfach nicht, weshalb das nötig ist.

WayForward zeigt an so vielen Stellen große kreative Energien in der Gestaltung der Charaktere. Wieso kann es nicht auch etwas Vielfalt im Körperbau der Frauen geben? Entweder wirken sie curvy-sexualisiert oder es handelt sich um belanglose Dorfbewohnerinnen, die als alte Frau wie ein großer Knubbel dargestellt werden. Und das stört mich wirklich. Natürlich darf Shantae als Halb-Djinn das Outfit einer Bauchtänzerin tragen. Natürlich ergibt bei ihr eine sportliche, schlanke Figur auch Sinn. Aber wenn mir fast jeder plotrelevante weibliche Charakter erstmal ihre Brüste ins Bild wackelt, nervt mich das einfach nur. Sogar so sehr, dass diese Darstellung mir große Teile des Spiels kaputt gemacht hat. Je länger das Spiel ging, desto mehr nervten mich die Dialog- und Zwischensequenzen, die mir die Frauen in Großaufnahme auf den Bildschirm packten. Glücklicherweise machen diese Momente nicht den Großteil des Spiels aus, so dass ich mich schnell durch die belanglosen Dialoge klicken konnte.

Locker aus der Hüfte

Es gibt viele Faktoren, die Shantae and the Seven Sirens für mich zu einem der schlechtesten Vertreter der Reihe machen. Das ursprüngliche Episodenformat hat merkliche Auswirkungen auf Levelstruktur und Schwierigkeitsgrad. In etwas mehr als sieben Stunden hatte ich das Abenteuer durch, die Insel war gerettet. Das alles mit unzähliger nackter Haut, die mir um die Ohren gehauen wurde. Das ist alles so tragisch, weil die vorherigen Spiele diese Probleme allesamt nicht aufwiesen. Hätte ich Shantae hier das erste Mal gespielt, würde ich wahrscheinlich sagen, dass es ein ganz akzeptables Spiel mit fragwürdiger, optischer Gestaltung ist. So tut es mir jedoch regelrecht weh, was aus der Reihe geworden ist. Die positiven Elemente scheinen immer wieder durch, werden jedoch sofort von einer großen Oberweite überdeckt, die mir ins Gesicht gehalten werden muss. Während ich in den Vorgängern für die Upgrades meiner Zauber wirklich arbeiten musste, werden mir hier Ressourcen und Geld hinterhergeschmissen.

Mir ist wirklich wichtig, das herauszustellen. Shantae ist eine tolle, sympathische Heldin, die mit ihren Spielen einiges zu bieten hat. Wer auch immer seine ersten Erfahrungen mit Shantae and the Seven Sirens gemacht hat, tut mir den Gefallen und bildet euch davon kein abschließendes Urteil. Werft einen Blick in Shantae and the Pirate’s Curse als besten Titel der Reihe. Das Spiel wird immer einen festen Platz in meinem Herzen haben. Und ich hoffe inständig, dass WayForward sich für zukünftige Spiele der Shantae-Reihe daran orientieren wird und das Charakterdesign etwas weniger gezwungen sexy werden lässt. Dann schreibe ich auch gerne mehr über die tollen Seiten dieser Reihe.

6/10 🙈

Developer/Publisher: WayForward
Genre: Metroidvania, Platformer
Team: Walter Hecht (Programmer), Chris Drysdale (Artist), Matt Bozon (Writer)
Musik: Kentaro Sakamoto, Mark Sparling, Madeline Lim, Gavin Allen
Veröffentlichung: 19. September 2019 (Apple Arcade), 28. Mai 2020 (Steam, PS4, Xbox One, Switch)

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