White Shadows Review | Alle Tiere sind gleich – außer Vögel

Monokel, Thunderful Publishing und Headup Games zeigen euch mit White Shadows den Albtraum einer dystopisch-tierischen Großstadt. 

Riesige Maschinen dröhnen in auswegloser Dunkelheit. In der Ferne strahlt eine große Reklametafel hell auf ihre Umgebung. Ein glückliches Schwein duscht sich darauf in Licht. Dazu der Hinweis, das doch regelmäßig zu tun. Andernorts erläutern leuchtende Banner, dass Vögel eine Seuche verbreiten, wodurch es legitim ist, sie auszuschalten. Schweine gehen mit gesenktem Kopf ihrer Arbeit nach und warten darauf, am Abend endlich der Funworld-Show zuzuschauen, wenn der Arbeitstag sich dem Ende zugeneigt hat. Tief unter dieser hoch in den Himmel ragenden Stadt liegt der schmutzige Untergrund, wo sich einige Vögel verstecken. Dort sind sie unter sich, sind sie sicher. Doch bis eine kleine Krähe dort hingelangt, muss sie den Gefahren dieser ihr feindlich gesinnten Gesellschaft entgehen. Wird sie oben entdeckt, könnte sofort das Feuer eröffnet werden. Sie ist kein Huhn, das in einer Legebatterie schuften könnte. Und sie ist erst recht kein Küken mehr, das zu Licht verarbeitet werden könnte. 

Ein Potpourri der Dystopien 

Wir nehmen eine Prise Faschismus, geben etwas Neoliberalismus dazu, den wir zu feinstem Turbokapitalismus garen lassen und setzen zum Schluss noch ein Häubchen Rassismus oben drauf. Das klingt doch nach einer schmackhaften Mischung. Und solange wir allen erzählen, dass doch alle gleich sind, ausgenommen vom einen, gemeinsamen Feind in gefiederter Form, fällt auch niemandem das Unrecht auf. ,,Don’t be a burden – kill yourself today!” oder ,,All animals are equal – except birds” prangt in riesigen Lettern als einzige Lichtquelle in dieser Stadt. Der Leitspruch der Animal Farm ist ausgeufert und hat diese Gesellschaft nachhaltig geprägt. Waren es anfangs noch die Schweine, welche am langen Hebel saßen, bemerkten irgendwann die Wölfe, dass sie einen höheren Platz in der Nahrungskette besitzen. Wieso sollten diese Fleischklöpse das sagen haben? Es gilt doch das Gesetz des Stärkeren! Aber solang sie glauben, die gleichen Chancen zu haben, wieder an die Spitze zu kommen, ist alles gut. 

Brot und Spiele, ein gemeinsames Feindbild und kein genauer Einblick in die Verhältnisse, die dadurch für die Vögel geschaffen werden – darauf kommt es an. So funktioniert diese Welt in White Shadows und so soll es auch bleiben. Es geht doch allen gut. Badet regelmäßig im Licht, geht zur Arbeit und ihr werdet entlohnt. Aber passt bitte auf, dass ihr euch nicht an den Vögeln ansteckt. Dann können wir weiter voranschreiten, den Fortschritt umsetzen, die Stadt vergrößern und im Wohlstand leben. Zumindest als Fleischfresser, aber das muss ja niemand der Schweine und Schafe wissen. Wer arbeiten kann, wer nützlich ist, der ist hier auch etwas wert. Darauf kommt es doch vor allem an. Dabei dürfen wir unsere alten Traditionen und Werte aber nicht vergessen. Darum dröhnt hier aus allen Ecken klassische Musik und auch das Design unserer Stadt erinnert an glorreiche Zeiten von vor 80 Jahren. So lässt es sich leben! 

Unbegründete Befürchtungen in White Shadows 

Das klingt doch nach einem Paradies, oder? White Shadows – Ein Paradies für Reiche und Privilegierte! Ein Albtraum für alle anderen. Eine Dystopie, die jedoch so stilsicher glänzt, dass ich während der Flucht des kleinen Rabens oftmals stehenblieb und mir mit offenem Mund anschaute, wie dieser schreckliche Ort sich bis an den Horizont streckt. Bereits beim Schreiben meiner ersten News zu White Shadows haben mich die Screenshots begeistert. Nun, wo ich sie in Komposition mit dieser pompösen Musik sehe, versinke ich vollkommen im Spiel und will diese Mischung aus Ästhetik und Grausamkeit eigentlich gar nicht mehr verlassen. Immer tiefer dringe ich in diese Gesellschaft ein, verstehe ihren Aufbau und das Grauen, das sich darin verbirgt. Monokel gelingt das alles vor allem durch Environmental Storytelling. Es gibt keine erzählende Stimme, keine Textblöcke, die mir erklären, was hier passiert. Die Welt spricht für sich, während ich durch White Shadows hüpfe und den verschiedenen Gefahren entkomme. 

Befürchtete ich zuvor noch, dass die Seuche, um die es im Spiel geht, schwierige Inhalte für die aktuelle pandemische Lage unserer Welt bieten könnte, hat White Shadows mir schnell den Wind aus den Segeln genommen. Vielmehr stellt die Seuche ein Vorurteil gegenüber den Vögeln dar, dessen Ursprung eher im Antisemitismus zu finden ist. Es war üblich, jüdische Menschen für die Pest verantwortlich zu machen und ihnen zuzuschreiben, Brunnen zu vergiften. Mit diesem Zusammenhang bleibt White Shadows zwar wenig subtil, macht dafür aber sehr schnell klar, in was für einer Welt wir uns hier befinden. So kann das Spiel einerseits als Fabel tatsächlicher Gesellschaften verstanden werden, spricht aber auch sehr direkt Themen wie beispielsweise die Massentierhaltung an, wenn ich durch die riesigen Legefabriken renne, mich in Hühnermassen verstecke und Küken in einen Schredder stürzen. White Shadows zeigt äußerst starke Bilder, die selbst weit im Hintergrund noch Diskussionsgrundlagen verstecken. 

Der frühe Vogel hüpft ans Ziel 

Genau diese Vielfalt an Themen, die mehr oder weniger deutlich aufgegriffen werden, macht White Shadows als Cinematic-Platformer so besonders. Vor allem die vielen Plakate und Leuchtreklamen konnten mich begeistern. Immer wieder hinterfragte ich selbst die Bedeutung der mir gezeigten Motive. Setzt das Spiel gerade Massentierhaltung mit Konzentrationslagern der Nazis gleich? Ist eine durch und durch kapitalisierte Gesellschaft hier nicht zu vereinfacht dargestellt? Fragen, die mir oftmals Bauchschmerzen bereitet haben, lösten sich im weiteren Denkprozess wieder auf. Hätte ich sie mit einem ,,Ja!” beantworten müssen, wäre White Shadows deutlich problematischer in meinem Kopf geblieben. Jedoch schafft Monokel es meiner Meinung nach, die vielen Bausteine, die sie sich aus der tatsächlichen Geschichte nehmen, eigenständig zu verpacken. White Shadows bietet Interpretationsspielraum, obwohl es alles andere als subtil ist. Es holt den Holzhammer hervor, ohne die Botschaft zu konkret darauf einzugravieren.  

Daniel Wagner von Monokel sagte in einem Interview auf gamingbolt, dass sein Spiel vor allem von Kontrasten der aktuellen Gesellschaft erzählt. Reich und arm, machtvoll und machtlos, Hoffnung und Verzweiflung, schwarz und weiß. Es ist bezeichnend, dass sich all diese Themen sowohl auf die aktuelle Zeit als auch auf frühere Epochen anlegen lassen. Doch genau das lädt auch dazu ein, sich auszutauschen und über die Motive des Spiels zu sprechen. White Shadows bietet so viele Ansatzpunkte, die den einen mehr, den anderen weniger im Kopf bleiben. Das bietet unfassbare Möglichkeiten, über das Spiel ins Gespräch zu kommen, die eigene Gesellschaft zu hinterfragen und Stellung zu beziehen. Daher bin ich auch ganz froh drum, dass die Motive sehr deutliche Aussagen treffen, anstatt kryptisch zu bleiben. Es ist unmöglich, sich ihnen zu entziehen. Alles nur, weil ein kleines Rabenmädchen durch die Gegend hüpft. Also lasst uns darüber reden. Es ist dringend notwendig! 

9/10 🐤 

Developer: Monokel 
Publisher: Thunderful Publishing, Headup Games 
Genre: Cinematic Puzzle-Platformer 
Team: Daniel Wagner (Director, Game Design, Writing), Timo Meier (Writing, Sound Design), Holger Schulz (Artist, Level Design), Moritz Abeln (Gameplay Programmer, Level Design), Finley Ash Baguio (Systems Programmer, Neysha Castritius (Animator), Arnold Nesis (Audio Artist), Mathew Varkki (Techincal Artist) 
Musik: Diverse klassische Komponisten 
Veröffentlichung: 7. Dezember 2021 (Steam, PS5, Xbox Series X|S)  


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