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The Coma 2: Vicious Sisters Review | Schule ist der Horror

Verlassene Schulen und wütende Lehrkräfte werden euch durch The Coma 2: Vicious Sisters in einem noch gruseligeren Licht erscheinen.

Es musste nicht erst Parasite einen Oscar gewinnen, um mich von südkoreanischen Medien zu überzeugen. Seien es Filme wie Oldboy, Train to Busan oder Die Taschendiebin und auch Spiele wie Detention, White Day oder der Vorgänger des heutigen Titels, The Coma. Diese Erzeugnisse waren auf der einen Seite sehr zugänglich und andererseits doch so anders als die Filme und Spiele, die ich zuvor gesehen habe. Allein schon die organische Implementierung kultureller Unterschiede hat oft mein Interesse geweckt und tiefergehende Recherchen meinerseits angespornt. So las ich mich in Feste, Geschichte und militärische Konflikte des Landes ein, um die jeweiligen Settings der erzählten Geschichten besser verstehen zu können. Gerade das Schulsystem war in den genannten Videospielen eine dominante Prämisse, während die Geschichten mich trotz immer wiederkehrender Panik tiefer in sich zogen. So sehr, dass ich mich als kleiner Angsthase bei Videospielen trotzdem freudig auf die Fortsetzung The Coma 2: Vicious Sisters stürzte.

Die letzte Reihe ist kein Sitzplatz, sondern eine Lebenseinstellung

Seid ihr schonmal durch ein verlassenes Schulgebäude spaziert? Habt ihr euch mal allein in einem Bürokomplex aufgehalten? Musstet so lange in einem Termin sitzen, dass ihr als letzte die Räumlichkeiten verlasst? Orte, die normalerweise voller Menschen sind, üben in solchen Momenten eine ganz besondere Faszination auf mich aus. Es wirkt immer so, als würde um die Ecke oder hinter dieser Tür doch noch jemand stehen. Schließlich ist das für diese Orte völlig normal. Es wirkt ein bisschen so, als wäre das Gebäude durch die Vielzahl an Menschen des Tages noch mit ihrer Energie aufgeladen. Ein schwer zu beschreibendes Gefühl, das ihr wahrscheinlich erleben müsst, sofern ihr es nicht kennt. Doch Spiele wie das von den Devespresso Games entwickelte The Coma 2: Vicious Sisters fängt dieses Gefühl sehr gut ein. Wie schon im Vorgänger bewegt ihr euch durch düstere, große Gebäude, sucht Hinweise, löst Rätsel und versteckt euch vor gefährlichen Wesen.

Mina, eine junge Schülerin, darf sich zu Beginn noch mit dem alltäglichen Horror des Schulalltags herumschlagen. Ein aufdringlicher Verehrer, geknickte Stimmung wegen ihrer Noten, Auseinandersetzungen mit Mitschüler_innen und als wäre das alles nicht genug, liegt ihr guter Freund Youngho seit drei Wochen in einem Koma. Dass dies vor allem daran liegt, dass er der Hauptcharakter des ersten Teils war, ist Mina nicht bewusst und damit auch für euch kein großes Problem, falls ihr den Vorgänger nicht gespielt habt. Der Geschichte könnt ihr trotzdem sehr gut folgen, auch wenn euch so die ein oder andere kleine tiefergehende Information oder Anspielung entgeht. Mina bleibt jedenfalls länger in der Schule als die anderen Jugendlichen. Ganz allein will sie sich auf den Weg nach Hause machen, als ihr auffällt, dass das Gebäude bereits abgeschlossen ist. Einzig durch die Tiefgarage ist es noch möglich, an die frische Luft zu gelangen.

Na, wo ist der Schlüssel? Such den Schlüssel! Fein!

Das Problem, vor dem Mina nun aber steht, ist die Tatsache, dass unzählige Türen und Gänge versperrt sind. Mit Hilfe eines Gebäudeplans werden also die Flure abgesucht, um notwendige Schlüssel oder andere Gegenstände zu finden. Eine Brechstange hilft dabei, vernagelte Durchgänge zu öffnen und magische Streichhölzer entfernen düstere Ranken, die sich um nützliche Gegenstände schlingen. Es lohnt sich also auch später, bereits besuchte Orte nochmal abzuklappern, um Ressourcen aufzufüllen oder Notizen zu finden, die euch mehr über die Welt erzählen. Das titelgebende The Coma ist nämlich eine äußerst geheimnisvolle Zwischendimension zwischen dem Wach- und dem Schlafzustand. Zwar gibt die Geschichte auch so alle notwendigen Informationen, um am Ende nicht völlig ratlos zu sein, die Notizzettel sind allerdings stimmungsvoll geschrieben und verleihen der schaurigen Welt deutlich mehr Tiefe, sei es durch die Beschreibung der Umwelt oder koreanischer Folklore, die euch in The Coma 2: Vicious Sisters immer wieder begegnet.

Denn natürlich ist Mina nicht gänzlich allein. Es dauert nicht lange, bis ihre Englischlehrerin auftaucht. Hilfe bei den Hausaufgaben ist allerdings nicht zu erwarten. Sie scheint besessen und greift unsere Spielfigur unvermittelt an. Es bleibt nur die Flucht in einen anderen Raum, um sich dort in einem Schrank oder unter einem Tisch zu verkriechen. Nach einigen Tastenkombinationen, die ihr fehlerfrei eingeben müsst, verschwindet die Paukerin auch wieder und durchstreift die Gänge. Ihr seid nun also ständig auf der Lauer. Auf jedem Flur könnte sie auftauchen und den Schein eures Feuerzeugs entdecken, ohne das ihr die wichtigen Gegenstände nicht sehen könnt. Der Klang ihrer Stöckelschuhe hallt durch die leeren Flure und wird euch das Fürchten lehren. Jedes Geräusch versetzt euch in aufmerksame Schockstarre oder einen letzten Sprint in Sicherheit. Mit dem Auftauchen dieser Widersacher verdichtet sich die Atmosphäre nochmal deutlich und der Horror geht erst jetzt so wirklich los.

The Coma 2: Vicious Sisters als Einstiegsdroge

Obwohl ich wirklich starkes Herzrasen bei jeder Begegnung mit Minas Lehrerin hatte und bei Horrorspielen oft die Flucht vom Bildschirm antrete, halte ich das Spiel der Devespresso Games für eine gute Möglichkeit, sich mit dem Genre vertraut zu machen. Das liegt vor allem an dem äußerst fairen Gameplay. Das gesamte Spiel ist als Sidescroller inszeniert. Ihr bewegt euch also entweder nach links oder rechts von Tür zu Tür. Mit Hilfe der übersichtlichen Karte ist es sehr unwahrscheinlich, sich zu verirren. Außerdem hilft dieses Spielsystem dabei, euch nicht in unfaire Situationen zu manövrieren. Ihr könnt nicht plötzlich in einer Ecke umzingelt und attackiert werden. Jedes gefährliche Objekt ist schnell erkennbar und kann entweder durch einen Sprint oder ein geschicktes Ausweichen umgangen werden. Die Möglichkeiten überfordern nicht und gehen schnell in den Spielfluss über. Selbst bei größter Panik fällt es damit leichter, die richtige Lösung zu finden.

Hinzu kommt, dass die Vielzahl an Items und die Darstellung der Figuren und der Welt dazu beitragen, sich weiter in das Spiel zu trauen. Heilgegenstände für Minas Gesundheit und ihre Ausdauer nach auslaugenden Sprints liegen überall in den großen Gebäuden verteilt. Trotz des kleinen Inventars muss daher nie sparsam mit den hilfreichen Gegenständen umgegangen werden. Nutzt die Ressourcen ruhig, sobald ihr in Schwierigkeiten geratet. Da die Zwischensequenzen wie auch der Spielablauf wie ein großartig gezeichneter, gruseliger Comic aussehen, fällt es leichter, sich einfach auf die spannende Geschichte zu fokussieren. The Coma 2: Vicious Sisters wirkt im Ganzen viel mehr wie eine Gruselgeschichte, in der sich die Spielmechaniken irgendwann in euer Muskelgedächtnis einprägen, anstatt wie ein Horrorspiel, das euch ständig an den Rand der Verzweiflung bringt. Mir hat das sehr geholfen, die Schreckmomente zu verdauen. Tatsächlich war es der Vorgänger, der mir überhaupt erst die Möglichkeiten eröffnete, gruseligere Spiele auszuprobieren.

Ein Einstieg in eine neue Welt

Ihr solltet jedoch nicht nur in die The Coma-Reihe schnuppern, um mit dem Genre der Horrorspiele warm zu werden. Auch die südkoreanische Kultur wird euch hier ganz nebenbei spielerisch vermittelt. So findet sich sehr früh eine Reihe an Notizzetteln, die die Flucht einer Familie während des Koreakriegs schildern. Diese persönliche Perspektive hat mich sehr berühren können und wenige Zeit später den Wikipedia-Artikel zu eben jener Zeit aufrufen lassen. The Coma 2: Vicious Sisters hat nicht die Mission, euch Wissen zu vermitteln oder euch gar etwas beizubringen. Doch die Inszenierung der Erzählung weckte ein völlig intrinsisches Interesse, mich damit auseinanderzusetzen. Ähnliches habe ich es in diesem Ausmaß bisher nur beim sehr ähnlichen Detention oder auch Valiant Hearts erlebt. Wer hingegen eher auf mystische Geschichten steht, kommt auch voll auf seine oder ihre Kosten, wenn es zum Beispiel beim Besuch eines großen Marktes zum Tauschhandel mit einem sogenannten Dokkaebi kommt, einem koreanischen Kobold.

An jeder Ecke werdet ihr kleine Details und Einzelheiten finden, die es so in westlicher Kultur nicht geben würde, ohne sie euch mit dem Holzhammer zu präsentieren. Allein deswegen kann ich euch allen nur empfehlen, einen Blick in die düsteren Gänge von The Coma 2: Vicious Sisters zu werfen. Bong Joon Ho, der Regisseur vom oscarprämierten Parasite, sagte nach der Verleihung des größten Filmpreises: „Wenn man die zweieinhalb Zentimeter hohe Hürde der Untertitel erstmal überwunden hat, kann man so viele weitere erstaunliche Filme kennenlernen.“ Ich bin der Überzeugung, dass das auch in ähnlicher Weise für Videospiele gilt. Wer bereit ist, seine Komfortzone zu verlassen und Spiele wie Genres ausprobiert, die vielleicht mal fernab der eigenen Vorlieben und Präferenzen liegen, kann so viel mehr aus dem Medium Videospiel als Ganzes ziehen! Ich jedenfalls bin gespannt, auf was ich in Zukunft noch so stoßen werde, wenn ich mich vom Schulhorror erholt habe.

8/10 📓

Developer: Devespresso Games
Publisher: Headup Games
Genre: 2D Survival Horror
Team: Minho Kim (Director, Animator), T. L. Riven, Minchan Kim, Hyunho Kim (Game Design), Dal Bak (Illustrator, Grafik Design)
Musik: Hyunho Kim, Sungwoo Hwang, SP3CK, Ha-Kyung Kim, Navytone
Auszeichnungen: Grand Prix Award, Best Narrative Award (Taipei Game Show 2020)
Veröffentlichung: 28. Januar 2020 (Steam), 19. Juni 2020 (PS4, Switch)

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