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Death Come True Review | Und täglich grüßt der Sensenmann

Kazutaka Kodaka, der Mann hinter der Danganronpa-Reihe, hat sich nun mit Death Come True an einen spielbaren Film gewagt!

Habt ihr Bandersnatch auf Netflix gesehen? Ein Film, der immer wieder die Möglichkeit bietet, dass ihr als Zuschauende das Schicksal eines aufstrebenden Videospielentwicklers beeinflussen könnt. Nehmt ihr einen Auftrag an oder nicht, nehmt ihr die rote oder blaue Pille, folgt ihr einer mysteriösen Person oder rennt lieber weg? Je nach Entscheidung wird die Geschichte maßgeblich beeinflusst und führt zu unterschiedlichen Ausgängen. Im Buchformat spricht man von einer Choose-Your-Own-Adventure-Geschichte. Euch werden am Ende eines kurzen Kapitels einige Optionen geboten und ihr springt dann entweder zu Seite 23 oder Seite 104, um die Geschichte dort eurer Entscheidung entsprechend fortzusetzen. Dass so etwas filmisch umgesetzt wird, wirkte revolutionär, war es jedoch gar nicht unbedingt. Videospiele haben seit der Einführung der CD als Medium gerade zu Beginn sehr häufig auf diese FMV-Sequenzen gesetzt. Das Schicksal einiger Laienschauspieler_innen lag schon damals in der Hand der Zuschauenden. Nur hielt sich dieses Konzept nicht sonderlich lange.

The Show must go on!

Das große Problem der FMV-Spiele war oftmals ihre Qualität. Die Geschichten waren unfassbar cheesy und es war den Menschen vor der Kamera selten möglich, ihre Dialoge und Positionen glaubhaft zu vermitteln. So entwickelten diese Titel zwar einen eigenen Charme, der sie auch heute noch zu skurrilen Perlen ihrer Zeit werden lässt, ein finanzieller Erfolg stellte sich auf Dauer jedoch nicht ein. Die Produktionskosten für einen solchen spielbaren Film standen in keinem Verhältnis zu den Einnahmen, die sie letztlich erzielten, da das Konzept so schnell abgenutzt war. Die Masse der auf Full Motion Video-Sequenzen basierenden Spiele bot kaum Abwechslung im Gegensatz zu den Titeln, die daneben entwickelt wurden. Nach und nach verschwanden sie also komplett aus den Regalen der Läden und wurden zu einem Relikt der anfänglichen CD-Rom-Ära. Auch ich war damals begeistert, einen tatsächlichen Film spielen zu können, bis diese “Filme” mich irgendwann mehr ernüchterten als unterhalten konnten.

Und trotzdem tauchen heutzutage wieder mehr solcher Titel auf. Mittlerweile gibt es genug kreative Köpfe, die sich Gedanken gemacht haben, wie man dieses Format unterhaltsam und gut bedienbar gestalten kann. Die Spiele wurden filmischer und die Produktionswerte nach oben geschraubt. Hochwertige Kameras, ordentliche Schauspieler_innen und Autor_innen setzten sich an motivierende Geschichten, die trotzdem einzigartige Möglichkeiten der Videospiele beinhalteten. Ob es die Recherche-Arbeit in einem “Her Story” oder “Telling Lies” ist, die filmische Inszenierung eines Until Dawn oder Spiele, die komplett wie Bandersnatch funktionieren, wie zum Beispiel “Erica” oder “The Bunker”, FMV-Games boten endlich Abwechslung und tauchten erneut auf den Bildschirmen auf. Auch, wenn die Qualität hier erneut stark schwankte, war das Genre wiederauferstanden. Und auch Death Come True fällt in diese Sparte und sticht als positives Beispiel einer spannenden Erzählung hervor, da sowohl kreative Köpfe hinter als auch talentierte Menschen vor der Kamera am Werk waren.

Death Come True – Leider nicht im Kino

Death Come True erzählt die Geschichte von Makoto Karaki, der ohne Erinnerungen in einem Hotelzimmer wach wird. Mit seinem Erwachen läuft auch eine Nachrichtensendung auf dem Fernseher vor seinem Bett, die ihm zeigt, dass er anscheinend ein Serienmörder auf der Flucht ist. Eine ohnmächtige, gefesselte Frau in der Badewanne seines Zimmers trägt nicht zur Beruhigung bei, als plötzlich ein Polizeibeamter an der Tür klopft. Makoto lässt ihn herein, um die Situation zu erklären, es kommt jedoch zu einer Auseinandersetzung und der Protagonist wird erschossen. Kurz darauf liegt er erneut in seinem Bett, dieselbe Nachrichtensendung erscheint auf dem Bildschirm und wieder klopft es an der Tür. Makoto ist wieder am Anfang des Tages und kann nun, wenn der Polizist erneut in sein Zimmer will, entscheiden, ob er die Türe nochmal öffnet oder lieber ein Versteck sucht. Wenn er an den vorherigen Ablauf denkt, ist die Antwort auf diese Frage natürlich klar.

Im späteren Verlauf fallen die Entscheidungen nicht mehr so leicht. Jede falsche Wahl kann zum Tod führen, der Makoto immer wieder an den Anfang zurücksetzt. Durch die daraus gewonnen Informationen kommt er dem Mysterium seiner Situation jedoch immer besser auf die Spur. Spannend bleibt die Geschichte vor allem durch die überzeugenden schauspielerischen Leistungen von Kanata Hongo als Makoto und Chiaki Kuriyama als Akane Sachimura, die betäubte Frau in der Badewanne. Aber auch alle anderen Charaktere nutzen ihre Zeit auf dem Bildschirm für mitreißendes Schauspiel. Durch eine Vorspulfunktion lassen sich bekannte Szenarien sehr schnell überspringen, so dass euch keiner der auftauchenden Unfälle davon abhält, weiter der Geschichte zu folgen. Death Come True bleibt in jeder Sekunde spannend und legt ein hervorragendes Pacing vor, was in vielen anderen der aktuellen FMV-Games fehlt. So dauert der filmische Titel zwar nur 2-3 Stunden, die verbringt ihr jedoch durchgehend mit gebanntem Blick auf den Bildschirm.

Stellt das Popcorn bereit

Diese dichte Atmosphäre mit starker Spannungskurve wird vor allem dadurch erreicht, dass Death Come True auch trotz seiner Entscheidungen sehr linear funktioniert. Im Gegensatz zu anderen Vertretern des Genres gibt es keine Vielzahl an Enden. Folgt ihr nicht dem vorgesehenen Weg, resultiert das sehr schnell in Makotos Ableben und einer Death-Medal, die ihr dafür erhaltet. So gibt es eine kleine Belohnung für das Entdecken der vielen Todesfälle, mehr aber auch nicht. Nur stört das keineswegs. Kazutaka Kodaka wollte hier mit seinen Too Kyo Games eine ganz bestimmte Geschichte erzählen und inszenieren und das ist ihm auch eindrucksvoll gelungen. Death Come True zeigt hervorragend, dass ein FMV-Spiel nicht unzählige Optionen und Schnickschnack benötigt, wenn die Geschichte samt Figuren gut erzählt ist und die Menschen in der Produktion genau wissen, was sie tun. Es handelt sich vor allem um einen Film mit interaktiven Elementen und nicht um ein Spiel mit Filmsequenzen.

Der Preis, der dem einer neu erschienen BluRay entspricht, deutet auch darauf hin. Die sammelbaren Death-Medals schalten sogar Bonusmaterial in Form von Making Of-Clips und Outtakes frei. Death Come True ist also kein Titel, den ich regelmäßig anschmeißen werde. Nachdem ich alle Sequenzen gesehen hatte, was dank der Vorspulmechanik auch angenehm von der Hand ging, hatte ich kein Bedürfnis nach einem weiteren Durchgang. Aber bei guten Filmen geht es mir nicht anders. Irgendwann werde ich mir die Geschichte bestimmt erneut anschauen oder sie gemeinsam mit Freund_innen erleben, damit wir wild über die zu treffenden Entscheidungen diskutieren können. Wie auch schon beim eingangs erwähnten Bandersnatch würde das einen Durchlauf nochmal spaßiger gestalten. Bis dahin halte ich diese spannend erzählte Geschichte aber in guter Erinnerung neben vielen anderen Mystery-Krimis, die ich bisher im Kino oder TV sehen durfte.

8/10 🎬

Developer: Too Kyo Games
Publisher: Izanagi Games
Genre: FMV-Adventure
Team: Kazutaka Kodaka (Game Director); Hayato Ando (Movie Director, Editor); Shunsuke Kamata (Creative Director)
Musik: Masafumi Takada
Veröffentlichung: 25. Juni 2020 (iOS, Android), 26. Juni 2020 (Switch), 17. Juli 2020 (Steam)

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