The Shadow You Review | Verschwurbelt-gruselige Beziehungsdramen

Zwischen Alltag und Albtraum liegt oftmals nur eine Überblendung, wenn ihr das Geheimnis von The Shadow You entschlüsseln wollt.

Horrorspiele haben eine große Entwicklung hinter sich gebracht. Während sie zu Anfangszeiten eine Horde von Monstern auf euch hetzten, kam später der Survival-Aspekt hinzu, der mich in stetiger Gefahr durch von Untoten bevölkerte Gegenden streifen ließ. Irgendwann wurden mir sogar die Waffen genommen und es blieb nur die Flucht. Gemeinsam hatten all diese Spiele aber, mich als spielende Person stetig Stress und Angst auszusetzen. Da diese Gefühle in meiner aktiven, spielenden Rolle nur schwer erträglich waren, blieben mir also nahezu alle Horrortitel der Vergangenheit verwehrt. Ich habe es nie länger als zehn Minuten ausgehalten, bevor ich das Spiel ängstlich abgebrochen und mir den Rest auf YouTube angeschaut habe.

Glücklicherweise gibt es mittlerweile immer mehr Titel, die den Horroraspekt auf einer erzählerischen Ebene aufgreifen und weniger auf den Stressfaktor setzen. Sie sind eher gruselig als erschreckend, schaurig statt terrorisierend und damit ein guter Ansatz, um sich langsam an dieses Genre heranzutasten. Mir haben Spiele wie Layers of Fear, Lone Survivor oder The Cat Lady geholfen, meine Angst auf die Probe zu stellen und später auch klassischere Erfahrungen auszuprobieren. The Shadow You habe ich in ersten Trailern auch als solch einen guten Einstiegstitel gesehen. Eine Mischung aus Adventure und Visual Novel mit Horroreinflüssen sieht stark nach einem Spiel aus, das selbst unerfahrenen Spieler_innen digitalen Grusel näherbringen kann. Und ich kann schonmal vorwegnehmen, dass ich in den drei Stunden Spielzeit tatsächlich keine Angst hatte.

Wandeln zwischen zwei Welten

Ich lerne Ophelia und ihren Freund Kiel kennen. Beide fahren durch einen düsteren Wald, bis das Auto einen Platten bekommt. Kiel macht sich auf, um nach Hilfe zu suchen und Ophelia folgt ihm kurzerhand, anstatt im Wagen zu bleiben. Natürlich führt das zu einem schlimmen Zwischenfall, der uns direkt in ihr Bett verfrachtet. War alles nur ein Albtraum? Eine Vorschau auf das Kommende? Wir erfahren zumindest sehr schnell, dass Ophelia Kiel noch nicht kennt. Sie beginnt einen neuen Job als Haushälterin für eine reiche Familie und trifft dort zum ersten Mal auf ihren Partner der Anfangsszene. Nach und nach erleben wir nun also, wie Ophelia und Kiel sich näherkommen und eine Beziehung aufbauen. Vom Kennenlernen bis zu den ersten Konflikten auf Grund des großen Klassenunterschieds beider Figuren kommen Höhen und Tiefen auf uns zu, die irgendwie überwunden werden wollen.

Ein düsteres Haus. Niemand sonst ist hier. Ein blondes Mädchen wacht alleine auf und ist eingesperrt. Es klopft an der Tür, aber sie lässt sich nicht öffnen. Ein Schlüssel muss gefunden werden. Aber wo bin ich überhaupt? Wer bin ich? Was ist passiert? Wieso steht dort eine Kiste mit Lebensmitteln vor der Tür und wieso passiert das Tag für Tag? Auf jeder Kiste steht eine einzelne Ziffer, die täglich sinkt. Ist das ein Countdown? Was passiert, wenn er abgelaufen ist? Wieso scheint sich die Welt vor der Tür immer zu verändern und wieso verfolgen mich diese Männer mit zugenähten Augen? Auf einem großen Schild steht, dass ich mich in Gloom befinde. Ich scheine das einzige menschliche Wesen hier zu sein. Die Umgebungen kommen mir seltsam bekannt vor, ab und zu stoße ich auf Bilder und Spiegel, die mir andere Menschen zeigen. Aber was hat das zu bedeuten?

The Shadow You steckt tief in dir

Ophelia und Kiel sehen wirklich putzig zusammen aus. Die Animationen sind zwar alles andere als flüssig, doch der Chibilook mit großen Köpfen und großen Augen auf diesen kleinen, knubbeligen Körpern hat seinen ganz eigenen Charme. Es ist einfach sehr simpel gehalten. Das trifft auch auf die gesamte Umwelt zu. Sie wirkt alles andere als plastisch, Treppen sind einfach eine Aneinanderreihung paralleler Linien, unterschiedliche Ebenen lassen sich durch fehlende Schattierungen nur schwer unterscheiden. Dem gegenüber stehen sehr schön gezeichnete Charakterportraits, über die eine Vielzahl der Dialoge erzählt werden. Andernfalls hätte mich das stetige, langsame hin und herdackeln zwischen den einzelnen Schauplätzen in dieser so leer wirkenden Stadt wahrscheinlich wahnsinnig gemacht. Es gibt nichts zu entdecken, nichts zu machen, so dass es fast schon sinnvoller gewesen wäre, The Shadow You einfach als klassische Visual Novel zu erzählen, oder? Ich meine, was bringt es mir, hier zu spazieren, wenn es eh nichts…

Ich verstehe dieses Rätsel nicht. Ich stehe jetzt schon ewig in diesem verlassenen, fast eingestürzten Haus. Ein riesiger Abgrund versperrt mir den Weg und ich muss Gegenstände auf Podesten platzieren, so scheint es mir. Aber wo sind diese Gegenstände? Ich kann sie vor den flachen Hintergründen kaum erkennen, meine bisherigen Funde waren reiner Zufall. Irgendetwas scheint mich zu beobachten, aber es kommt mich nicht holen. Vielleicht wäre dieser Albtraum dann endlich mal vorbei. Ich stoße auf Motive, die wirken, als hätte ich sie kurz zuvor noch gesehen, in einer anderen Welt, zu einer anderen Zeit, aber trotzdem gerade eben noch. Was hat das zu bedeuten? Ich bin völlig ratlos. Ich durchsuche das gesamte Haus erneut und finde die letzten Gegenstände. Übersehe ich einen Hinweis, der mir sagt, wie ich sie anordnen soll? Wahrscheinlich, aber ich probiere jetzt einfach so lange etwas aus, bis sich ein neuer Weg öffnet.

Die Probleme der Jugend

Sie sind noch Kinder. Anders kann ich mir diese Dialoge wirklich nicht erklären. Aber selbst dann wirken sie unangenehm cheesy und fatalistisch. Auf Kiels Aussage, dass Ophelia nicht mehr die sei, die er einmal kannte, antwortet die Protagonistin nur: “Ich bin erwachsen geworden”, und ich muss lachen. Ich habe jetzt schon einiges mit euch durchgemacht und bin mir sicher, dass ihr vieles seid, nur nicht erwachsen. Auch, wenn beide nicht mehr zur Schule gehen, Ophelia einen Vollzeitjob als Haushaltshilfe ausübt, verhält sich das Pärchen wie zwei ungeschickt geschriebene Teenager. Euer Konflikt könnte mir wirklich nicht egaler sein. Ich wünschte wirklich, dass ihr erwachsen geworden wärt, um endlich mal eine interessante Unterhaltung zu führen, die mich auch erreicht. Doch eure kindliche Darstellung scheint sich auch auf euren Charakter ausgewirkt zu haben. Wenn der ganze Zirkus bei einer Trennung vorbei sein sollte, dann bitte, tut euch keinen Zwang an! Vielleicht ist dann…

Eine Treppe, die nicht aufhört. Egal, auf welcher Seite ich den Raum verlasse, ich lande wieder bei einer Treppe. An irgendeiner Stelle hätte ich einen anderen Pfad einschlagen, mich anders entscheiden sollen. Aber wo genau? Ich erinnere mich kaum an eine Entscheidungsmöglichkeit. Jetzt sitze ich hier fest in diesem Albtraum und darf mir sagen lassen, dass ich versagt habe. Die Credits laufen. Ich muss es nochmal versuchen, um das Mysterium aufzulösen. Aber ich will nicht mehr. Erneut diesen Albtraum durchleben, ohne zu wissen, was ich anders machen muss, überstehe ich nicht. Ich schließe einfach die Augen und akzeptiere mein Schicksal, mein Ende. Ich bin einfach froh, dass es jetzt vorbei ist. Aus den Augen, aus dem Sinn. Ich bin mir sicher, dass ich meine Zeit deutlich besser nutzen kann, wenn ich diese Erfahrungen abhake. The Shadow You muss mich nicht weiter beschäftigen und alles wird einfach wieder gut.

4/10 👥

Developer: Topchan Games
Publisher: Whisper Games
Genre: Grusel-Adventure
Team: Kees-Neelis Pneuma, Vyacheslav Sef Bayramov, Yuri Mirgan Dzyuba, Zhanna Taronga Olyva, Tatyana Bayramova, Anton Rufus Turkov
Musik: Dmitry Furiken Zenkin, Vyacheslav Sef Bayramov, World of Adept
Veröffentlichung: 22. Januar 2021 (Steam)

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