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Remothered: Broken Porcelain Review | Ein Griff in die Mottenkiste

Remothered: Broken Porcelain versucht sich aus dem Schatten eines überraschend guten Vorgängers hervorzuheben.

Manchmal braucht es nicht viel für ein gutes Horrorerlebnis. Figur A wird mit einer gefährlichen Person in ein Haus gesperrt und will einfach nur raus. Fertig ist das Setting für eine spannende Hetzjagd voller fieser Überraschungen. So hat es auch Remothered: Tormented Fathers vor drei Jahren gemacht und wurde damit zu einem meiner Highlights im Jahr 2018 und auch generell eine absolute Überraschung für viele Menschen, die sich an dieses Indie Game des italienischen Studios Stormind Games wagten. Das schöne war, dass Remothered: Tormented Fathers sich ganz klar auf seine Stärken fokussierte, die größte Zeit der Spieldauer auf panische Verfolgungsszenarien setzte und erst zum Ende hin ein größeres Bild zeichnete, das im Hintergrund aller Geschehnisse stand. Durch den Erfolg dieses Aufbaus wundert es also nicht, dass nun eine Fortsetzung erschienen ist, die sich der begonnenen Geschichte annimmt und sie zu Ende erzählen möchte.  Bleibt nur die Frage, ob das funktioniert.

Willkommen im Horror-Hotel

Ich starte mit der Hauptfigur Jennifer in einem Hotel, in dem sie augenscheinlich als Waisenkind aufgenommen wurde und dort den Haushalt erledigt. Zusammen mit einem gleichaltrigen Mädchen namens Linn kümmert sie sich um die Instandhaltung der Zimmer. Doch ein gleiches Schicksal sorgt nicht automatisch für fröhliches Zusammensein, die beiden Mädchen hatten anscheinend einen großen Streit und können den auch zu Beginn nicht beilegen. Viel Zeit bleibt ebenfalls nicht, denn plötzlich dreht die Haushälterin des Hotels durch und macht mit einer scharfen Schere Jagd auf Jennifer. Ihr Gesicht ist verzerrt vor Wut, eine komische Flüssigkeit läuft aus ihren Augen und erneut bleibt nur die Flucht, um nicht kurzerhand erstochen zu werden. Jennifer kann Ablenkungen mit Gegenständen erzeugen, die sie im Hotel findet. Ein Radio anschalten oder Gegenstände werfen erzeugt Geräusche, die der Haushälterin falsche Informationen zuspielen. Sollte sie uns doch erwischen, können wir uns mit scharfen Gegenständen gerade noch so befreien.

Da ich den ersten Teil gespielt habe, verstehe ich zum Glück schnell, was sich hinter diesen Ereignissen verbirgt und bin auch nicht verwundert, als plötzlich weitere Bewohner des Hotels die Jagd auf mich eröffnen. Remothered: Broken Porcelain schmeißt mich direkt in diesen Albtraum und vergeudet nicht viel Zeit damit, die Geschichte des Vorgängers neben eines kleinen Rückblicks aufzurollen. Wer den ersten Teil nicht gespielt hat, wird also kaum verstehen, was hier vor sich geht. Vor allem die Zeitsprünge zur Protagonistin des ersten Teils, Rosemary Reed, die den Geschehnissen im Hotel Jahre später nachgeht, sind sehr verwirrend, wenn kein Bezug zum Charakter und ihrer Motivation besteht. Das finde ich nicht störend, es muss nur jedem Menschen bewusst sein, der sich auch in das Hotel trauen möchte. Kenntnisse des ersten Teils sind notwendig, um die immer komplexer werdende, aber unfassbar gut und spannend geschriebene Geschichte in ihrer Gänze zu verstehen.

Remothered: Broken Porcelain will mehr!

Je tiefer ich in das Spiel vordränge, desto mehr Verbindungen werden offensichtlich. Twists sind gut gesetzt und überraschen mich aufrichtig, so dass ich nur noch anerkennend nicken würde, wenn das Spiel nicht ansonsten auf jeder anderen Ebene scheitern würde. Ich muss nochmal in Erinnerung rufen, dass der erste Teil vor allem so gut funktionierte, weil er sich in einem kleinen Rahmen bewegte und seine Stärken so konsequent ausspielte, dass die bereits dort vorhandenen Probleme kaum in den Vordergrund rückten. In Remothered: Broken Porcelain geht das leider nicht mehr. Die Stormind Games wollten ihre Geschichte anscheinend im epischen Ausmaß erzählen und mir unzählige Spielmöglichkeiten bieten. Nur leider klappt davon sehr wenig. Das fängt schon in der Präsentation an. Das Spiel wirkt an vielen Stellen einfach nicht fertig und wirkt eher unfreiwillig komisch bis unangenehm, anstatt die spannende Erzählung zu unterstützen. Ein Fokus auf wenige Charaktere wäre wahrscheinlich sinnvoller gewesen.

Im Laufe der Geschichte treffen wir allerdings deutlich mehr Figuren als im ersten Teil, es gibt mehr Dialoge und Charakterinteraktion in Zwischensequenzen. Und so wird unübersehbar deutlich, wie gruselig die Gesichter animiert, wie hölzern die Bewegungen sind und wie amateurhaft die Synchronisation geworden ist. Hinzu kommt, dass in manchen Zwischensequenzen plötzlich die Musik aussetzt, bestimmte Aktionen nicht mit Soundeffekten vertont und Dialoge furchtbar abgemischt sind. So kam es öfter vor, dass ich einfach die Kamera von einem zu mir sprechenden Charakter weggedreht habe und er nicht mehr zu verstehen war. Ein anderes Mal zog ich erschrocken die Kopfhörer vom Kopf, weil ich in höchster Lautstärke angebrüllt wurde. Ich war nie sicher, ob ich einen Gegenstand eingesammelt habe, weil eine akustische Untermalung des Aufhebens fehlte. Und als wäre das für die Geschichte nicht schlimm genug, gingen mir irgendwann die schrill eingesprochenen Dialoge von Jennifer und ihrer Umwelt tierisch auf den Geist.

Von Käfern und Bugs

Remothered: Broken Porcelain versucht ebenfalls das Gameplay etwas zu erweitern. Anstatt einfach nur zu fliehen, ist es nun manchmal notwendig, die Feinde aktiv anzugreifen. Ich muss mich anschleichen und sie von hinten attackieren. Eine weitere Möglichkeit, die sich mir eröffnet, ist die Kontrolle einer Motte, um Gegenstände aus Lüftungsschächten zu holen oder Gegner damit abzulenken. Später besitze ich sogar eine Nagelpistole, mit der ich unbegrenzt feuern kann. Das mag ein löblicher Ansatz sein, doch diese Vielzahl an Möglichkeiten nimmt den Feinden diese große Bedrohung, die ich noch im ersten Teil verspürt habe. Auch wenn die Fieslinge sich dort dumm wie Brot durch die Flure bewegten und teilweise Offensichtliches nicht erkannten, fühlte ich mich durchgehend hilflos. Ich passte auf jeden meiner Schritte auf und bewegte mich fast ausschließlich schleichend. Die Fortsetzung erzeugt dieses Gefühl nie durch seine Spielmechaniken, sondern höchstens dadurch, dass sie nicht funktionieren.

Die Motten sind nämlich nicht die einzigen Bugs, die mir begegnen. Ich bin durch Wände geglitched und konnte mich nicht mehr bewegen. Meine Feinde sahen mich an unmöglichsten Stellen oder verweigerten das Öffnen einer Tür, obwohl es notwendig für den Spielfortschritt war. In Zwischensequenzen tauchten plötzlich meine Jäger_innen auf und schossen und schlugen um sich, was zwar witzig aussah, jedoch jegliche Atmosphäre zerstörte. Oft konnte ich Bugs beheben, indem ich einen alten Spielstand lud, allerdings tat es dem Spielgefühl nicht gut, auf Grund von Bugs immer wieder die gleichen Stellen zu spielen. Wenn die Mechaniken hinter einem Spiel auf so deutliche Art und Weise offenbart werden, sehe ich Gegner nicht mehr als Bedrohung, sondern vielmehr als nerviges Hindernis, um das ich mich jetzt schon wieder schleichen muss und das hoffentlich nicht erneut durch einen Bug alles blockiert. Es gab schon einige Patches, aber repariert ist das Spiel noch lange nicht.

Da helfen keine Mottenkugeln

Ich kann schwer in Worte fassen, wie enttäuscht ich bin. Ich habe mich nämlich unfassbar auf Remothered: Broken Porcelain gefreut. Mir war klar, dass nicht alles perfekt ist, wenn ein kleines Studio ein so ambitioniertes Projekt angeht. Aber das habe ich auch nicht erwartet. Staksige Animationen und eine mittelmäßige Synchro haben mich auch im Vorgänger nicht gestört. Aber die Stormind Games haben augenscheinlich nicht ihre Stärken ausgebaut, sondern die Probleme nur vergrößert und mehr in den Mittelpunkt gerückt. Anstatt sich auf klaustrophobische Panik zu verlassen, ist jede Auseinandersetzung plötzlich viel actionlastiger. Anstatt ein großes Herrenhaus zu nutzen, das ich später wie meine Westentasche kenne, werde ich in mehrere kleine Abschnitte geworfen, die mir deutlich weniger Raum zum Ausweichen bieten, nie so vertraut wirken und mich ständig ins Blickfeld der Feinde rücken. Anstatt die Geschichte langsam mit wenigen Figuren aufzubauen, werde ich überhäuft mit Exposition und redseligen Charakteren.

Alles hätte ich irgendwie verkraften können, weil ich die Geschichte so interessant finde und die Idee hinter Remothered: Broken Porcelain wirklich mag. Aber auch das wird von unzähligen Bugs wie ein Elefant im Porzellanladen zerdeppert. Stormind Games haben den Release ihres Spiels eine Woche nach vorne gezogen, um zu verhindern, dass es in der Flut der Oktobertitel untergeht und Interessierte es zu Halloween bereits spielen können. Sinnvoller wäre es gewesen, den Release einige Wochen nach hinten zu verschieben, um auch wirklich ein fertiges Werk zu veröffentlichen. So regelmäßig gerade auch Patches nachgeliefert werden, bleibt der Eindruck des Bugfests bestehen. Und das ist unfassbar schade. Denn wenn es flüssig laufen würde und der Ton vernünftig abgemischt wäre, würde ich zwar noch immer lieber Rosemary Reed im ersten Teil spielen, könnte hier allerdings von einem spannenden Abschluss der Geschichte sprechen. Aber das bleibt mir auf Grund von wahrscheinlich wirtschaftlichen Interessen leider verwehrt.

4/10 😢

Developer: Stormind Games
Publisher: Modus Games, Maximum Games, Darill Arts
Genre: Survival Horror
Team: Chris Darill (Writer, Director); Federico Laudani (Art Director); Omar Scala (Lead Artist); Stefano Galatà, Andrea Sancio (Lead Programmer), Rocco Floresta (Lead Animator), Eugenio Giuffrida (Sound Designer)
Musik: Luca Balboni (Composer)
Veröffentlichung: 13. Oktober 2020 (Steam, PS4, Xbox One, Switch)

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