Vampires Dawn 3 Review | Bis(s) zum Weltuntergang

Mit Vampires Dawn 3 veröffentlichte Alexander Koch im Mai 2021 den dritten Teil der wohl bekanntesten RPG Maker-Videospielreihe.

2001 war eine wilde Zeit. Ich mühte mich durch die 7. Klasse, der 11. September schockierte die Welt, BSE war in aller Munde und der RPG Maker wurde in der Bravo Screenfun vorgestellt. Vor allem ein Spiel bekam dabei viel Rampenlicht in der Zeitschrift, die monatlich in meinen Briefkasten flatterte: Vampiers Dawn. Ein mit diesem Tool erstelltes Rollenspiel, das die Geschichte der Vampire Valnar, Asgar und Alaine erzählte. Das Besondere dabei war, dass dieses Spiel trotz der altbekannten SNES-RPG-Grafik diverse Splattereffekte auffuhr sowie in Dialogen kein Blatt vor den Mund nahm und damit mein Interesse anfangs weckte. Ein so inszeniertes 16-Bit-RPG war mir bis dahin unbekannt. Doch auch die Geschichte, die über unzählige Stunden erzählt wurde, die offene Welt voller Geheimnisse und schwierige Kämpfe, die mich ordentlich forderten, begeisterten mich. Ich konnte nicht glauben, dass dieses Spiel zu Hause mit einem Tool gebastelt wurde, das auch mir zur Verfügung stand.

Eine lange Wartezeit

2005 erschien die Fortsetzung “Ancient Blood” und fügte neben den bekannten Rollenspielmechaniken noch diverse Managementaspekte mit ein. Es konnten Minen und Schlösser erobert werden, große Schlachten waren Teil des Spiels. Nachdem die drei Vampire im ersten Teil den ersten aller Blutsauger besiegen konnten, sahen sie sich nun von einer uralten Magiergilde bedroht, das Schicksal der Welt stand erneut auf dem Spiel. Doch auch die Beziehung der Vampire untereinander wurde immer komplizierter und konfliktbeladener. Gab das Love Triangle der Drei im ersten Teil noch ordentlich Zunder, was in Asgars Tod endete, brachte nun ein unfreiwillig erschaffenes Vampirmädchen, das als Valnars und Alaines Tochter fungieren sollte, große Probleme mit sich, indem sie Asgar zurück ins Leben holte. Dieser Teil endete mit dem Tod Valnars und des Mädchens, um die Elrasmagier, welche aus dem Hintergrund die Fäden zogen. Ein Happy End sieht anders aus.

Dabei muss ich erwähnen, dass diese Enden der beiden Spiele diejenigen sind, die in den Kanon übernommen wurden. Ich hatte immer auch die Möglichkeit, einen bösen Vampir zu spielen, der die gesamte Welt unterjocht oder alle Lebewesen auslöscht, was das Ende auch dementsprechend verändert. Doch wie dem auch sei, endete mit Vampires Dawn 2 eine Spielereihe, ohne eine endgültige Auflösung zu bieten. Und heute, 16 Jahre später, sitze ich tatsächlich vor der Fortsetzung und kann sie spielen. Der dritte Teil einer Rollenspielreihe, die mich so sehr gefesselt hat, kam für mich aus dem Nichts auf die Bildfläche. Das ist mir so wichtig zu sagen, weil das natürlich auch meinen Eindruck vom Spiel stark färbt. Ich bin mit diesen Vampiren buchstäblich durch die Hölle gegangen und treffe sie nun endlich wieder. Selten war ich so nervös vor dem Start eines Spiels sowie vor dem Schreiben einer Review. Drückt mir die Daumen!

Lasst mich euch eine Geschichte erzählen

Wie schon in den Vorgängern gibt den Rahmen des Abenteuers ein Erzähler vor. War es im ersten Teil ein Großvater, der seinem Enkel die Geschichte der Vampire erzählte, ist es dieses Mal ein mysteriöser Mensch, der Großvater und Enkel in einem Verlies berichtet, wie sie hier landen konnten, während alle darauf warten, vom mächtigen Asgar getötet zu werden. Dabei sehen wir zu Beginn direkt, wie dieser Alaine und Valnar kopfüber in ein Lavabecken versenkt. Aber war Valnar nicht tot? Sein Blutgeist leidete ewige Qualen in der Blutebene, Alaine wollte ihn zwar mit Elrasmagie ins Leben zurückholen, doch das ist nie passiert, oder? Vampires Dawn 3 ist zu großen Teilen also ein Rückblick, wie wir in dieser aussichtslosen Situation landen. Dabei begleiten wir sowohl Asgar und Alaine auf ihrer Suche nach der Macht der Elrasmagier, aber auch die Soldatin Nyria, welche mit einem erneuten Kreuzzug die Vampire endgültig beseitigen will.

Gerade der Anfang der Geschichte hat eine so hohe Taktung großer Ereignisse, dass ich am ersten Tag sechs Stunden darin versank. Eine Wendung folgte auf die nächste, um alle Charaktere in Position zu bringen, bevor Vampires Dawn 3 das Tempo endlich etwas drosselt und mich in die große Welt entlässt, um freie Erkundungen anzustellen. Bevor ich als Fledermaus verwandelt Vampirdörfer besuche, menschliche Festungen infiltriere oder geheime Höhlen erforsche, treibt mich die Spannung der ersten Stunden an den Rand meines Schreibtischstuhls. Vampires Dawn 3 nutzt dabei nur einen kurzen Moment seiner Zeit, um die Geschehnisse der ersten Teile aufzurollen. Gerade genug, um hier einen unbefangenen Einstieg zu finden, doch bei weitem nicht ausreichend, um die gleiche Wirkung zu erzielen wie auf mich, für den sich diese ersten Stunden wie eine Belohnung für die lange Wartezeit anfühlen. Wenn also Zeit genug vorhanden ist, die ganze Reihe zu spielen, sollte das getan werden!

Vampires Dawn 3 ist Altes im neuen Gewand

Das Besondere an Vampires Dawn war schon immer die Freiheit, die mir die Welt bietet. Recht früh kann ich auch im dritten Teil jede Stadt, jeden Ort besuchen. Zwar bin ich für manche Gebiete zu schwach, weswegen ich dort enorm vorsichtig sein muss, aber das verhindert keinen Besuch. Vor Ort kann ich mit jedem Menschen oder Vampir reden, sie in Items verwandeln, ihnen das Blut aussaugen oder sie gefangen nehmen, um sie in meinem Kerker zu halten. Von da aus kann ich Vampire dazu bringen, mit mir zu kämpfen oder Menschen und Vampire in einem Opferschrein aufhängen, um weitere Vorteile wie bessere Statuswerte oder stärkere Zauber und Fertigkeiten freizuschalten. Je nachdem, wie ich mich verhalte, beeinflusst das meine Menschlichkeit. Erreicht die einen zu niedrigen Wert, hat das Konsequenzen. Vampires Dawn 3 ermuntert mich zwar ein böser Vampir zu sein, aber ein richtiger Fiesling will ich selbst als Asgar nicht werden.

Die vielseitigen Möglichkeiten motivieren mich allerdings dazu, mit ausnahmslos jedem Charakter den Dialog zu suchen. Alle haben individuelle Dialoge, weswegen ich immer nur die Kreaturen getötet, verwandelt oder gefangen habe, die mir gegenüber sehr unfreundlich waren. Wer mir eine Quest geben wollte, bekam meine Hilfe in Windeseile. Egal, wie ich mich verhalte, Erfahrungspunkte, Belohnungen oder Statusupgrades belohnen jedes Vorgehen. Vampires Dawn 3 schafft es dadurch tatsächlich, dass ich die Welt um mich herum so gründlich durchsuche, wie es kein RPG seit meiner Kindheit mehr geschafft hat. So fiel mir auch auf, dass fast jedes Bücherregal in Häusern ein ganz eigenes Buch beinhaltet, das im Dialog erwähnt wird oder dass es fast überall Geheimgänge gibt, die in Wänden versteckt zu weiteren Items führen. Es ist erstaunlich, wie viele Details, wie viel eigens verfasster, gut geschriebener Text hier zu finden ist. Ich will nicht wissen, wie viele Stunden mich das gekostet hat!

Erst denken, dann kämpfen!

Dieser Zeitaufwand war allerdings nicht umsonst. Unabhängig von der dichten Spielwelt, die ich so entdecken konnte, waren die gefundenen Ressourcen bitter nötig. Vampires Dawn 3 ist nämlich ziemlich knifflig. Ich hätte den Schwierigkeitsgrad jederzeit herunterstellen können, jedoch wollte ich das Spiel so erleben, wie Alexander Koch es sich gedacht hat. Das bedeutet, dass ich Silberminen auf der Karte erobern muss, um regelmäßig an Geld zu kommen. Gegner lassen nämlich selten welches fallen. Und selbst wenn, tauchen sie nicht mehr auf, wenn sie einmal besiegt sind. Das Geld muss ich in passende Ausrüstungen stecken, um meine Statuswerte so gut es geht zu erhöhen und auch Heil- und Bluttränke sollten mir nicht ausgehen, wenn sich mir größere Gegner in den Weg stellen. Blut benötige ich nämlich, um Zauber zu wirken, mich nach Kämpfen zu heilen oder Monster zu beschwören, die mit mir kämpfen. Geht mir das aus, verfällt mein Vampir in Raserei.

Auch die Auseinandersetzungen sind vollgepackt mit Taktiken. Es gibt unterschiedliche Kampfhaltungen, die entweder Angriff, Verteidigung oder Magie verstärken. Eine Konterhaltung ermöglicht es mir, Gegner nach ihrer Attacke auch zu verwunden. Da ich in einer Leiste am Bildschirmrand sehe, in welcher Reihenfolge Aktionen durchgeführt werden, muss ich mir genau überlegen, wer meiner Charaktere wann heilt, angreift oder sich verteidigt. Hilft Magie? Habe ich genügend Blut dafür? Kann ich mit Angriffen und Gegenangriffen genug Rachepunkte sammeln, um weitere Spezialangriffe auszuführen? Wirkte es zu Beginn fast erschlagend, was für Feinheiten alle bedacht werden können, war ich schnell drin in diesem Dschungel aus Informationen und wuselte mich von Herausforderung zu Herausforderung. Ich empfehle aber, regelmäßig zu speichern. Das erspart den ein oder anderen Frustmoment, wenn Pläne völlig nach hinten losgehen. Will ich im Kampf Blut vom Gegner saugen und habe nicht bedacht, dass Steingolems wahrscheinlich kein Blut besitzen, ist der Kampf meist direkt gelaufen.

Vampires Dawn 3 als funktionierende Zeitmaschine

Als Asgar das erste Mal einen armen Menschen auslachte, der sich ihm zum Kampf in den Weg stellte, musste ich selbst auch kichern. Nicht, weil die Situation so unterhaltsam war, sondern weil die eingespielte Lache noch immer wie vor 20 Jahren von einem billigen Soundboard eingespielt klingt. Ähnlich ist es mit den Geräuschen bei Angriffen oder Bissen. Da sich diese Sounds allerdings durch alle drei Teile ziehen, war es eher charmant als störend. Vampires Dawn 3 bleibt sich treu und ist daher für mich ein bestens funktionierender Nostalgietrip. Auch wenn manche Karten ordentlich ruckelten, weil die sich bewegenden Wellen des Blutsees oder des Meeres anscheinend etwas zu viel des Guten sind, erzeugen die klobigen Animationen, die bei weitem nicht so flüssig laufen wie aktuellere Pixel Art-Vertreter, den Flair der ersten JRPG’s, die mich überhaupt erst zu diesem Genre geführt haben.

Für mich hat also jeder Aspekt dieses Spiels gut ineinandergegriffen. Jede Pause zwischen den Spielsessions war ich nervös, weil ich wissen wollte, wie es weitergeht. Sicher, Vampires Dawn 3 kann für manche wirken, als wäre es irgendwo in der Zeit hängengeblieben und würde hier und da trotzdem zu viel wollen. Vielleicht hätte es nicht geschadet, die ein oder andere Spielmechanik wegzulassen. Allerdings sind genügend Optionen eingebaut, die das Spielerlebnis auch für andere Geschmäcker zugänglich machen sollte. Ich bin jedenfalls froh, nach 16 Jahren wieder in diese Welt eintauchen zu dürfen. Vampires Dawn hat gemeinsam mit der ganzen Reihe einen festen Platz in meinem Herzen, der gefüllt ist mit einer Vielzahl an Titeln, die die ersten Jahre des RPG Makers so hervorgebracht haben. Wie schön es doch wäre, wenn auch andere Spiele nach dieser Zeit ein solches Comeback feiern könnten.

8/10 🧛

Developer: Alexander “Marlex” Koch
Publisher: Dawnatic Games
Genre: RPG
Musik: Mario Dederichs, Sergej Jurtaev, Steven Ice und Thomas Panitz
Veröffentlichung: 19. Mai 2021 (Steam)

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