Review

Maquette Review | Alles eine Frage der Perspektive

Graceful Decay erzählen euch in Maquette mit verspielten Rätseln die Geschichte einer Beziehung.

Rekursion ist ein Begriff aus der Mathematik. Es handelt sich dabei um „den abstrakten Vorgang, dass Regeln, nach denen ein Produkt erzeugt wird, auf dieses Produkt von neuem angewandt werden. Rekursion besitzt daher ein Potenzial, bis ins Unendliche weiterzulaufen.“ So sagt es zumindest Wikipedia. Und so funktionieren auch die Rätsel in Maquette. Ihr befindet euch in einer Kuppel, in deren Mitte ein Modell eurer Kuppel steht, in der ein Modell dieser Kuppel steht. Über der Kuppel, in der ihr euch befindet, ist eine größere, darüber wahrscheinlich eine noch größere und so weiter und so weiter. Ist das nicht schon fantastisch genug, sind alle Versionen auch miteinander verbunden. Schmeißt ihr etwas in das Modell vor euch, taucht es als großer Gegenstand in eurer Umgebung auf. Lasst ihr etwas neben euch fallen, ist es verkleinert im Modell zu entdecken. Auf diesem Prinzip sind alle Rätsel in Maquette aufgebaut. Also ab ans Knobeln!

Du musst einfach nur RIESIG denken!

Insgesamt gibt es sieben Kapitel, durch die ihr euch rätseln müsst. Während vereinzelte Kapitel genutzt werden, euch recht geradlinig von Punkt A zu Punkt B zu führen, um die Geschichte hinter der Maquette, also dem Modell eurer Landschaft, zu erzählen, werden andere Kapitel äußerst herausfordernd. Ihr müsst mit der Zeit immer mehr um die Ecke denken, wo ihr Gegenstände wachsen lasst oder schrumpft, wo ihr sie in das Modell fallen lasst oder ob vielleicht sogar ein kleiner Schalter im Modell versteckt ist, ohne den ein Weiterkommen unmöglich wird. Das Spannende an all diesen Rätseln ist, dass ich ausnahmslos immer einen großen Aha-Moment erleben durfte. Nichts wirkte unlogisch oder unfair, es hat nur manchmal sehr lange gedauert, bis ich die Lösung gefunden habe. Wenn ihr jedoch einen kleinen Schlüssel zu einer großen Brücke werden lasst, um einen geheimen Bereich zu entdecken, fühlt sich das großartig an.

Maquette hat nur das große Problem nicht klar zu kommunizieren, wohin ihr euren Blick wenden müsst. Vor allem später, wenn ihr euer Modell verlasst und als Winzling durch riesige Landschaften schlendert und Wege sich gefühlt endlos ziehen, nervt es unheimlich, wenn ihr nicht genau wisst, wo es hingeht. Verliert ihr einmal die Orientierung, war es das mit der Entdeckungsfreude, weil ihr schleichend langsam durch leere Gegenden zieht, bevor ihr wieder in eurer „normal“ großen Umgebung seid. Auch wenn ihr theoretisch jedes Kapitel in wenigen Minuten durchspielen könnt, lassen euch spätere Rätsel wild durch die Gegend wuseln, ohne dass ihr wirklich wisst, was das Spiel von euch verlangt. Das Bedürfnis, die Welt um euch zu erkunden, nimmt dadurch natürlich enorm ab. Zum Glück gibt es mittlerweile genügend Guides, die euch aus der Patsche helfen können, wenn ihr mal feststecken solltet. Ich selbst brauchte auch immer mal wieder einen kleinen Denkanstoß.

Maquette – Das Modell einer Beziehung

Die Rätsel sind allerdings nicht der Grund, weswegen ich am Ende so positiv gestimmt war. Dafür hängt mir zu oft ein riesiges Brett vor dem Kopf. Vielmehr war ich begeistert von dem, was über all die Knobeleien erzählt wird. Über eingespielte Dialoge oder an Wänden auftauchende Sätze erleben wir die Geschichte von Michael und Kenzie. Wir hören, wie sie sich kennenlernen, ihre ersten Anbandelungen, die Höhepunkte ihrer Beziehung. Unsicherheiten werden verbalisiert, kleine Frotzeleien ausgetauscht. Alles unterlegt von äußerst stimmigen Songs, die bestimmte Sequenzen vertonen. Der eigentliche Kniff ist aber, dass Maquette nicht an der Stelle aufhört, an der Michael und Kenzie glücklich ihr eigenes Haus aufbauen, um eine Familie zu gründen. Ein so klischeehaftes Ende, dass sich völlig den gesellschaftlichen Normen unterwirft, wäre mir sicherlich nicht in Erinnerung geblieben. Dafür kann ich mir auch jede x-beliebige Romantikkomödie mit Hugh Grant anschauen.

Was Maquette dann zeigt, ist nämlich, wie Konflikte innerhalb der Beziehung entstehen. Michael und Kenzie fahren auf einen großen Knall zu, sehen ihn auch beide kommen, doch wissen ihn nicht aufzuhalten. Ich liebe solche Geschichten. Filme wie 500 Days of Summer oder auch Before Sunrise, Before Sunset und Before Midnight erzählen die Beziehungen weiter. Sie beantworten die große Frage, was nach der glücklichen Zusammenkunft geschieht. Denn oftmals bleibt es nicht dabei. Gerade das Meistern der alltäglichen Schwierigkeiten hat selten Platz in der Zuckerwattewelt vieler Liebesgeschichten. Dabei ist es doch genau das, was eine Beziehung ausmacht. Die Fähigkeit, gemeinsam Konflikte zu lösen, wird in der Popkultur oftmals völlig ausgeblendet. Dementsprechend hart trifft es uns, wenn Beziehungen genau daran scheitern. Es ist ein Lernprozess, dem wir uns alle stellen müssen, wenn wir langfristig mit demselben Menschen leben wollen. Maquette schafft es, dies zwar deutlich, aber ohne Holzhammer zu vermitteln.

Einfach mal die Perspektive wechseln

Das Spielprinzip hinter Maquette ist in meinen Augen sogar eine sinnbildliche Anleitung, wie es hätte funktionieren können. Fokussiert ihr euch hier nur auf das, was direkt vor euch liegt, geht es nicht weiter. Es ist wichtig, die Umgebung mit einzubeziehen, die eigene Perspektive zu verlassen oder zu erweitern. Ein Blick hinter aufgebaute Fassaden für einen empathischeren Umgang miteinander hilft enorm bei der Lösung von Problemen. So ergibt es nur Sinn, dass Michael und Kenzie eine gemeinsame Lösung finden, die nach der großen Katastrophe den Abschluss bildet, ohne zurück zu alten Mustern zu gehen. Auch das halte ich für ein starkes Bild. Eine Beziehung ist nicht nur dann gerettet, wenn sie wieder zu körperlicher Nähe und Intimität zurückkehrt. Es gibt unterschiedliche Ansätze, wie Menschen zueinanderstehen, die erfüllend sein können, ohne dass eine innige Liebesbeziehung nötig wäre.

Ich selbst habe vor Jahren am Ende einer langjährigen Beziehung folgendes geschrieben: „Was genau wollen wir eigentlich retten? Die Beziehung zu einem Menschen? Verschwindet dieser Stellenwert eines Menschen von jetzt auf gleich, wenn wir immer ehrlich zu uns selbst waren und auch dem gegenüber nichts vorgegaukelt haben? Wenn wir uns fragen, was wir hätten anders machen können, dann doch vor allem, um die Bedeutung dreier Wörter, eines Liebesgeständnisses, zu retten. Fokussieren wir uns auf den Menschen, der uns so lange wichtig war, dann brauchen wir allerdings nichts retten, sondern müssen nur etwas aufrechterhalten.“ Maquette fasst genau das in spielerischer Form zusammen, ist damit vielleicht auf seine ganz eigene Art enorm schmalzig, aber schafft es trotzdem, mich an der richtigen Stelle zu treffen. So kann ich auch über unübersichtliche Rätsel hinwegblicken, wenn ich bei rollenden Credits nachdenklich, aber doch zufrieden vor dem Monitor hocke.

7/10 💔

Developer: Graceful Decay
Publisher: Annapurna Interactive
Genre: Puzzle-Adventure
Team: Hanford Leemore (Director); Cody Predum (Audio Director); Tim Doolen (Art Director); Eddie Hernández Hinestroza (Concept Artist); Olivia Xu (Cutscenes Artist), Gracie Gardner (Writer)
Musik: Diverse
Veröffentlichung: 2. März 2021 (Steam, PS5, PS4)

0 Kommentare zu “Maquette Review | Alles eine Frage der Perspektive

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: