Overboard! Review | Ich hab doch nichts getan!

Mann Overboard! Und ihr seid schuld daran! Im neuen Spiel von inkle geht es vor allem darum, dass niemand das herausfindet!

Habt ihr euch schonmal überlegt, wie der perfekte Mord aussehen könnte? Was muss alles funktionieren, damit euch niemand auf die Schliche kommt? Unzählige True Crime Dokumentationen haben mir zumindest gezeigt, dass das gar nicht so leicht ist. Sobald ein Motiv vorhanden ist, irgendeine Beziehung zum Opfer besteht, lässt sich der Kopf nicht so leicht aus der Schlinge ziehen. Den eigenen Ehemann umbringen, um eine ordentliche Lebensversicherung abzusahnen, ist also nicht die beste Idee, um unschuldig aus der Geschichte rauszukommen. Allerdings ist es genau das, was Veronica Villensey macht. Ein kleiner Schubs und ihr Mann landet auf einer Kreuzfahrt von England nach New York im eiskalten Atlantik. Die Zahl der möglichen Täter_innen ist begrenzt, so viele Menschen befinden sich nicht auf dem Schiff. Irgendwie müssen die letzten Stunden bis zur Ankunft in New York also überstanden werden und am besten wird jemand anderem die Schuld in die Schuhe geschoben.

Hat jemand etwas gesehen?

Anscheinend hat Veronica während des nächtlichen Mordes ihren Ohrring an Deck verloren. So ein Mist! Wenn den jemand findet, war es das. Und dann will auch noch der Zimmerservice in die Kabine und bittet das Ehepaar zum Frühstück. Am besten erzählt Veronica ihm, dass sie ihren Mann seit letzter Nacht nicht mehr gesehen hat. Die ersten Brotkrumen auf eine andere schuldige Person werden so gelegt. Alleine macht sie sich zum Frühstückstisch, wo eine Frau in Tränen aufgelöst sagt, sie wüsste, was Veronica mit ihrem Mann angestellt habe, so dass ihm keine andere Möglichkeit mehr blieb. Sie versteckt sich in ihrem Zimmer und lässt nicht mit sich reden. Verdammt! Was genau weiß sie? Am besten mischt Vernoica sich unters Volk und schaut, auf wen sie ihre Anschuldigungen fokussiert. Aber Moment… der Ohrring! Ein eleganter Herr spricht die Mörderin an und reicht ihn ihr, er habe das Schmuckstück an Deck gefunden.

Die Situation wird heikel. Die Gedanken wollen sortiert werden, das geht am besten in der eigenen Kabine. Schnell hinein… aber was ist das? Ein Zettel, der unter der Tür hindurchgeschoben wurde? “Ich weiß, was sie getan haben und ich werde es aufdecken! Treffen sie mich um 14 Uhr in der Kapelle!” – na großartig. Jetzt dampft der Mist richtig. Wer hat diese Notiz geschrieben? Soll Veronica nachfragen, ob jemand die Handschrift erkennt? Geht sie zum Treffen oder hält sie sich einfach weiter bedeckt? Viel Zeit zum Überlegen bleibt nicht. Eine Glocke erklingt. Das Warnsignal, wenn ein Mensch über Bord gegangen ist. Die gesamte Belegschaft wird zusammengetrommelt und augenscheinlich hat der Kapitän letzte Nacht genau gesehen, was an Deck passiert ist. Die Chancen stehen schlecht, sich hier noch irgendwie herauszuwinden. Das letzte, was Veronica wahrnimmt, sind klickende Handschellen und das Rattern einer Gefängnistüre.

Choose your own adventure in Overboard!

Bsssssst – die Zeit wird zurückgespult. Es klopft an der Tür, der Zimmerservice will hinein. Veronica liegt allein in ihrem Bett, die Tat von letzter Nacht noch deutlich vor Augen. Ich als Spieler habe durch den vorherigen Fehlschlag nun einige Informationen sammeln können. Ich weiß, wer auf diesem Schiff mir gefährlich werden könnte. Die große Frage ist nur, ob ich diese Leute auf meine Seite ziehe, sie ebenfalls eliminiere oder Beweise überzeugend fälsche. Die Möglichkeiten sind vielseitig, durch den strengen Zeitplan des Schiffs mit der immer näherkommenden Ankunft jedoch begrenzt. Jede Handlung will wohl durchdacht sein. Die eigene Schuld zu verdecken scheint nicht zu schwer. Es ist ein leichtes, Veronicas Mann des Selbstmordes zu bezichtigen. Jedoch gibt es dann auch keine Versicherung. Irgendwer muss also die Schuld tragen! Wer und wie ich das am besten anstelle, weiß ich noch nicht. Aber ich habe unzählige Versuche, das auszuprobieren und Variablen zu wechseln.

Overboard! zeigt mir glücklicherweise durch eine grüne Markierung an, welche Antworten ich in früheren Versuchen gegeben habe. Wiederholt sich ein Dialog, kann ich ihn vorspulen. Will ich wissen, was alles möglich ist, kann ich die Achievements des Spiels überprüfen, die einiges andeuten, ohne zu viel zu verraten. Ich spiele den Tag also immer und immer wieder durch. Glücklicherweise dauert das nicht länger als 30 Minuten, bis es zur großen Mordauflösung kommt. Demnach ist Overboard! genau darauf ausgelegt, immer und immer wieder neu gestartet zu werden, um das ultimative Ziel zu erreichen. Aber manchmal will ich das auch gar nicht. Ich kann mich genauso gut dazu entscheiden, selbst den Sprung ins kalte Nass anzutreten oder ein Gespräch mit Gott höchstpersönlich über meine Taten führen, um dann in einen Plausch über Literatur überzuleiten. Die vielen Varianten, den Ausgang der Geschichte zu beeinflussen, lassen die immer wiederkehrenden Wiederholungen schnell in den Hintergrund treten.

Mit Volldampf voraus!

Das Kreuzfahrtschiff, auf dem Overboard! spielt, ist nicht allzu groß. Die Anzahl der Charaktere ist ebenfalls begrenzt. Jedoch kann sich durch eine einfache Entscheidung, welche Orte wann aufgesucht werden, enorm viel verändern. Das Studio inkle beschreibt das eigene Spiel als eine Next-Gen Visual Novel. Damit ist gemeint, dass das Spiel nahezu komplett über seine Erzählungen und Dialoge funktioniert, ich aber völlig frei entscheiden kann, wann ich mit wem zu welchen Zeitpunkt rede, wo ich mich wie verhalte und was ich sage. Die Figuren nehmen das zur Kenntnis und reagieren auch dementsprechend auf mich. Ich bin begeistert von der schieren Menge an unterschiedlichen Dialogen, die auftauchen können und von humorigem Quatsch bis hin zu spannenden Streitgesprächen reichen. Verwundern tut das allerdings nicht, hat mich inkle bisher doch immer durch stets kreative Arten der Erzählung einer Geschichte überzeugt.

Sei es Heaven’s Vault, das auf wunderbare Art die Sprache selbst in den Mittelpunkt stellt oder Pendragon, das durch sein Gameplay und die daraus entstehenden Situationen die Geschichte prozedural anpasst. Overboard! reiht sich großartig in diese Riege ein. Es ist kein Spiel, das mich einen kompletten Tag vor den Bildschirm fesselt. Meist reichen mir ein bis zwei Durchläufe, bevor ich eine Pause von diesem Setting brauche. Andernfalls würden sich die Abläufe für mich doch zu sehr wiederholen. “Und täglich grüßt das Murmeltier” hat uns ja bereits filmisch gezeigt, dass das stetige Aufwachen am selben Morgen zu diversen Problemen führen kann. Das umgehe ich lieber. Overboard! ist jedoch perfekt als kleine Gute-Nacht-Geschichte, um zu schauen, ob ich vielleicht sogar jeden einzelnen Passagier des Schiffs umbringen kann. Unabhängig davon, ob ich das schaffe oder nicht, kann ich mich danach auf jeden Fall diabolisch schmunzelnd in meine Decke wickeln.

7/10 🌊🚢🌊

Developer/Publisher: inkle
Genre: Next Gen Visual Novel
Team: Jon Ingold (Script & Game Direction), Tom Kail (Game Development & Audio Design), Joseph Humfrey (Art Dircetion & Graphic Design), Anastasia Wyatt (Art & Character Design)
Veröffentlichung: 2. Juni 2021 (Steam, GOG, Switch, iOS)

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