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In Rays of the Light Review | Die Sonne strahlt

Eine postatomare Ruine will im Spiel In Rays of the Light von Sergey Noskov von euch erkundet werden.

In Rays of the Light, In the Rays of the Light, In the Rays of Light, In the Light Rays, Im Reis des Lichts. Es gab lange kein Spiel, dessen Titel so schwierig in meinen Kopf wollte. Gefühlt habe ich bei jeder Suchanfrage innerhalb der Recherche den Titel einmal falsch getippt. Das Remake des 2012 erschienenen “The Light” hat also, was den Titel betrifft, keine großen Fortschritte gemacht. Es lässt sich zwar deutlich schneller finden als mit dem ursprünglichen Namen, jedoch ist dafür eine Wortkombination nötig, die für mich so gar nicht zusammenpassen will. Dabei sind Namen so wichtig. Egal, um was es geht, selbst wenn alle Ideen und Konzepte für allerlei Sachen schon feststehen, die längste Diskussion ist doch immer die, welchen Namen der ganze Bums tragen soll. Und da frage ich mich wirklich: Was war da denn bitte los? Dabei versteckt sich dahinter echt eine gute Grundidee!

Hurra, hurra, die Schule brennt!

Ihr landet in einer verlassenen, heruntergekommenen Schule vor einem rauschenden Fernseher. Während draußen die Sonne scheint, geistert ihr durch das Gebäude. Keine Menschenseele ist zu sehen, nur vereinzelte Notizen erzählen euch, dass hier augenscheinlich eine Katastrophe stattgefunden hat. Sowjetcharme und Atomkriegsflair springen euch an jeder Ecke entgegen. Was genau ihr hier zu erledigen habt, ist unklar. Mit der Zeit findet ihr immer nur mehr Hinweise, was geschehen ist. Vereinzelt wollen Rätsel gelöst werden, um weitere Türen zu öffnen. Im Großen und Ganzen spaziert ihr jedoch nur durch die Räume der Schule, über den Parkplatz oder durch Keller und Anbauten und lasst die Umgebung auf euch wirken. Hier war definitiv schon länger niemand mehr und mögliche Orientierungslosigkeit wird vor allem durch verschlossene Türen eingegrenzt. Es sieht sich nämlich alles verdammt ähnlich. Nur eine Taschenlampe sowie ein Feuerzeug helfen euch, auch die dunklen Ecken zu erkunden, wenn ihr die Gegenstände denn findet.

Und wo ich mich gerade schon über den Titel aufgeregt habe, schaffe ich den Rest an Aufregern gleich mit aus dem Weg. Eure Erkundungstour ist unfassbar klobig. Das Lauftempo sowie eure Geschwindigkeit beim Umschauen fühlen sich an, als wäret ihr mit Klebstoff abgefüllt worden. Manchmal bleibt ihr an Treppen oder kleinen Vorhebungen hängen und könnt euch nur durch die Sprinttaste mühsam aus dieser Position befreien. Die lässt sich übrigens nicht so leicht finden, da das herkömmliche Sprinten in Egoperspektive durch das Drücken des linken Sticks passiert, hier schaltet ihr dadurch aber nur Untertitel ein und aus. Das Sprinttempo ist auch nur bedingt schneller, so dass es dauert, bis ihr kapiert, dass die linke Schultertaste der Knopf eurer Wahl ist. Das Spiel ruckelt manchmal extrem und selbst auf der PlayStation 5 ploppen Büsche spontan vor euch auf, was die Atmosphäre deutlich stört. Bei der ansonsten starken Lichtkomposition ist das besonders ärgerlich.

Verlassen sie nicht das Gebäude, nutzen sie die unterirdischen Schutzbunker!

Funktioniert die Technik, ist der Flair außerordentlich gut. Wenn ihr entspannt über den Parkplatz schlendert, einen alten Schulbus findet und untersucht und plötzlich der Bombenalarm sirenenartig über den Parkplatz dröhnt, keimt sofort ein Gefühl der Beklemmung in euch auf. Schnell in den Keller! Dort ist es stockfinster, ein reparierter Generator sorgt nur spärlich für flackerndes Licht über wenigen Türen. Die Gänge sind eng und erdrückend, fast schon labyrinthartig. Immer wieder hört ihr es knallen und scheppern, es wirkt, als wäre ständig jemand hinter euch. Hier ist doch alles verlassen und ausgestorben, wie kann das gerade wirklich passieren? Zeit zum Nachdenken bleibt kaum, denn selbst, wenn euch kein Countdown oder ähnliches antreibt, sorgt die gesamte Kulisse für hektisches Eilen durch die dunklen Gänge. Stehenbleiben fühlt sich einfach falsch an, selbst wenn ihr nicht wisst, wo es hingehen soll. In Rays of the Light ist in diesen Momenten unfassbar stark und vereinnahmend.

Der Kontrast des strahlenden Himmels zur aufkeimenden Panik in diesem klaustrophobischen Keller ist ein äußerst intensives Erlebnis. Ihr beginnt euch Fragen zu stellen. Ist euer Charakter gerade wirklich in dieser Schule? Steckt ihr in einem Albtraum fest? Erlebt ihr vielleicht sogar die vergangene Katastrophe immer und immer wieder, leidet ihr an PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) oder seid ihr damals tatsächlich in dieser Schule umgekommen? Wie kam es zu dieser Katstrophe und hätte sie verhindert werden können? Diese Fragen schwirren in der kurzen Spielzeit immer wieder durch den Kopf. Eine klare Antwort ist vielleicht gar nicht nötig. In Rays of the Light bietet genug Material, euch ein eigenes Bild zu machen, Schlüsse zu ziehen. Zumindest so lange, bis das tatsächliche Ende des Spiels erreicht ist. Sergey Noskov holt dafür nämlich den Holzhammer hinter dem Rücken hervor. Die starke, wenn auch wenig subtile Symbolik des Anfangs verschwindet und eine klare Antwort wird serviert.

Don’t go in Rays of the Light!

Meine Gedanken über das Spiel kann ich leider nicht abschließen, ohne euch das Ende komplett zu [!!!]spoilern[!!!]. Keine Angst, es hat meine Gesamterfahrung nicht ruiniert, sondern eher weitere Gedanken angeregt. Wenn euch die Beschreibung der Atmosphäre und des Settings zusagt, dann scrollt fix zur Wertung, spielt das Spiel und lest euch die letzten Zeilen später durch. Also:

Kurz vor Abschluss des Spiels müsst ihr euch einen Film in einem alten Kino anschauen. Dieser Film zeigt Kriegsszenen und sieht den Fehler hier ganz klar im Menschen. Gier nach mehr liegt in der Natur der Menschheit, weswegen es immer wieder zu Kriegen kommen wird. Der Mensch ist darauf ausgelegt, sich selbst in seiner Gier zu vernichten. Das sagt der Film fast schon wortwörtlich. Das Spiel hat euch dementsprechend auch bis hierhin an der Nase herumgeführt. Habt ihr die Taschenlampe zu Beginn mitgenommen und euch lange Zeit im Sonnenlicht aufgehalten, gibt es keine Rettung für euch. Nach dem Film erscheinen schemenhafte Geister vor euch und ihr bewegt euch vorbei an rauschenden Fernsehern auf ein Licht zu, das ihr nie erreichen werdet. Kurz davor werdet ihr in den Himmel gesogen und steigt mit unzähligen anderen Schatten in die Höhe. Euer Schicksal war von Anfang an besiegelt, wie es scheint.

Es sei denn, ihr verzichtet auf die Taschenlampe, kämpft euch damit teilweise durch undurchdringbare Dunkelheit, in der ihr euch nur mit einem Feuerzeug von Wand zu Wand tastet und haltet euch den Warnungen entsprechend von hellen, einsehbaren Stellen fern. Dann erreicht ihr das Licht am Ende und seht eine erfolgreiche Flucht in einen Bunker. Widersteht ihr also der Gier, alles in der Schule zu entdecken, jeden Winkel zu erkunden, wird eurem Charakter das Leben geschenkt. Oder war es Gier nach dem Überleben, die euch ein fast schon qualvolles Spielerlebnis in dunklen Kellern beschert hat?

Auf eine strahlende Zukunft

Ich kann nicht genau sagen, welches der beiden Enden jetzt das “gute” Ende ist. Gibt es hier überhaupt einen guten und ein schlechten Ausgang? Die negative Grundhaltung, die Sergey Noskov der Menschheit gegenüber aufzeigt, lässt mich zweifeln, ob er das Überleben der Katastrophe wirklich für so erstrebenswert hält. Hier steht eine panische Flucht in den Bunker, verbunden mit den beklemmenden Erinnerungen der Geschehnisse gegenüber einem Aufstieg in den Himmel, der etwas Anmutiges, Beruhigendes in sich trägt. Wenn die Steine auf dem Boden unter euch immer kleiner werden und ihr im Kollektiv mit unzähligen anderen Menschen diese Welt verlasst, fühlt es sich nicht nach einer Niederlage an. Egal, welche Perspektive ihr am Ende für euch wählt, In Rays of the Light ist definitiv fatalistisch in seiner Botschaft. Im Krieg gibt es kein Happy End!

Daher ist Sergey Noskov der Holzhammer auch zu verzeihen. Ja, es kommt nach dem atmosphärischen Aufbau sehr plötzlich. Das Rätseln über die Geschehnisse wird jäh von einem “Tja, so ist das halt, friss oder stirb!” beiseite gewischt. Doch genau diese Kompromisslosigkeit ist der Anlass dafür, weiter am Spiel zu knabbern. Das starke Gefühl der Unzufriedenheit in mir, nachdem ich es für beide Enden zwei Mal durchgespielt und mich mit der schwammigen Technik herumgeschlagen habe, weicht mit der Zeit immer mehr Gedanken und Erkenntnissen, die In Rays of the Light reifen lassen. Mehr Offenheit und mehr Subtilität hätten das wahrscheinlich nicht geschafft. Dann wäre das Spiel abgelegt worden in der Sparte “Atmosphärisch und nett”. Jetzt gerade fehlt mir die passende Schublade noch immer. Und das finde ich großartig für einen Spaziergang über das Gelände einer verlassenen Schule.

7/10 ☀️

Developer: Sergey Noskov
Publisher: Sometimes You
Genre: Puzzle-Adventure
Musik: Dmitry Nikolaev
Veröffentlichung: 17. März 2021 (PS5, PS4, Xbox Series X|S, Xbox One, Switch)

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