Review

UnderMine Review | Immer tiefer in die Mine

Wir kämpfen uns in UnderMine durch die namensgebende Mine, um alle Bruchstücke der Seele eines alten Königs zu zerstören.

Eine Menge von prozedural generierten Welten gab es dieses Jahr schon zu erforschen. Im Fegefeuer des wilden Westens in West of Dead und in den leuchtenden Katakomben unter dem Club von Neon Abyss haben wir unser Durchhaltevermögen schon bewiesen. Doch nie stand mehr auf dem Spiel als in UnderMine, wo wir hunderte Meter unter der Erdoberfläche um unser Leben kämpfen und gleichzeitig Kräften trotzen, die größer sind als wir. Clint Tasker und Derek Johnson bilden zusammen das Studio Thorium Entertainment, das uns in die tiefsten Schächte und die entlegensten Höhlen schickt. Ich nehme euch mit in das Abenteuer, in dem wir prozedural generierte Räume durchqueren, die gespickt von Fallen und Gegnern sind, um schlussendlich mächtige Endbosse zu bezwingen.

Die Erde bebt in der UnderMine

Die Decke der Kammer bebt und Steinchen rieseln von der Decke. Unser Avatar, gemeinhin nur als Bäuer_in bezeichnet, wacht in einer Kammer auf, aus dem Nebenraum ruft uns eine Stimme im Befehlston. Es ist der Erzmagier Arkanos, der uns beschworen hat, um ihm zu dienen und in die UnderMine hinabzusteigen. Erdbeben erschüttern die Mine seit geraumer Zeit und der Schmied, der eigentlich den Grund erforschen sollte, ist nie zum Magier zurückgekehrt. Arglos ziehen wir los, um das unterirdische Gebilde zu durchforsten. Nach einigen Minuten, in denen sich uns ausschließlich Ratten und spuckende Fliegen in den Weg stellen, treffen wir auf den Schmied. Der gute Mann steckt hinter einer Felswand fest, die sich nicht mit der Spitzhacke, mit der wir unsere Gegner malträtieren, abtragen lässt. Also werden Bomben eingesetzt.

Das ist aber noch nicht alles, denn hinter der nächsten Ecke sitzt der nächste Genosse fest. Der Bombenbauer ist in einem Käfig gefangen, den Schlüssel hält ein Steingolem in seinen unförmigen Felspranken. Den Kampf überleben wir nur mit einem verbliebenen Lebenspunkt, sodass bald Endstation ist. Unser Tod wird mit einer witzigen, individuellen Nachricht quittiert: „XY ist gestorben. Von einer Fliege zu Tode gefeuert. Er verließ die Welt zufrieden und erfüllt“. Naja, letzteres darf bezweifelt werden. Aber eigentlich auch egal, unsere Seele erwacht in einem neuen Körper im Studierzimmer des Zauberers Arkanos. Falls wir nicht mit unserer neuen Reinkarnation zufrieden sind, dürfen wir uns vor seinen magischen Spiegel stellen, woraufhin Parameter wie Geschlecht, Hautton und Haarfarbe neu ausgewürfelt werden. Aber nicht zulange trödeln, denn die Beben werden nicht schwächer!

Shoppen gehen in der Schmiede

Zwischen zwei Runs dürfen wir uns von geretteten Verbündeten, deren Zahl stetig steigt, Upgrades kaufen. Gold erhalten wir in großer Menge, indem wir es in der Mine abbauen, doch verlieren wir einen Teil beim Ableben. Die Stärkungen zu erwerben motiviert richtig, denn im Gegensatz zu manch anderem Genrevertreter schafft es UnderMine die Roguelike-Komponente nicht allzu frustrierend zu gestalten. Nach jedem Durchgang beginnen wir zwar am Anfang der Mine, sind aber merkbar stärker, weil wir eine dickere Rüstung oder härtere Hacke mitführen. Auch witzige Verbesserungen und Items wie einen Salzstreuer, der die Heilung von gefundenen Steaks und Bratfischen erhöht, sind im Angebot. Zusätzlich dazu können wir mithilfe des Schmieds spezielle Artefakte herstellen, die in Zukunft in der Mine verstreut zu finden sind. Wenn wir Glück haben, finden wir in einigen Räumen der UnderMine die Schleimhändlerin, die vor sich hin wabbelt und uns kleine Stärkungen und Tränke anbietet.

Die originellen Charaktere sind ganz klar einer der großen Pluspunkte. Da wäre die erwähnte Schleimhändlerin, die uns für ihr Treuekundenprogramm begeistern will. Black Rabbit, die sich selbst als Bezwingerin der Milchbrötchen bezeichnet und sich ständig neue Spiele ausdenkt, um uns Geld abzuknöpfen. Der gesichtslose Pilzsammler und Gehilfe der Alchemistin, der frappierende Ähnlichkeiten zu Vivi aus Final Fantasy IX aufweist, wandelt durch die oberen Stockwerke. In einer Zwischendimension treffen wir auf den Dämon Shoo´gul, der uns im Gegenzug für auferlegte Flüche mächtige Reliquien zur Verfügung stellt. Der Kartograf hilft uns in vorher erforschte untere Ebenen zurückzukehren. All diese schrulligen und sofort wiedererkennbaren Weggefährt_innen wachsen uns in unserer Zeit in der Mine ans Herz.

Fulminante Bestien als Horkruxe

Die Höhepunkte unserer Odyssee durch die UnderMine sind neben den Verbündeten Exzentrikern ganz klar die Endgegner_innen der Ebenen. Sie stellen die letzte Hürde vor dem Erreichen einer tieferen Schicht der Mine dar und prüfen unsere Fähigkeiten und Ausrüstung. Der Grund für das Erdbeben ist zum Beispiel die Tausendfüßlerkönigin, die uns ihre Larven vor die Füße spuckt. Weiter unten warten vielköpfige Kristalldrachen, monumentale Gebilde, die uns elektrische Sphären um die Ohren hauen und Feuersalamander. Allen Gefechten ist eines gemeinsam: In jeder der überlegenen Kreaturen steckt ein unscheinbarer Splitter, der laut dem Erzmagier Arkanos ein Stück der Seele des antiken Königs Auduins beinhaltet. Dieser Möchtegern-Voldemort verteilte seine Seelenbruchstücke auf möglichst viele Monster, um auf diese Weise niemals besiegt zu werden. Wir werden viele Tode sterben und schließlich doch noch den letzten Splitter der Monarchenseele zertrümmern.

UnderMine ist dabei kein leichtes Unterfangen, pendelt sich aber auf einem angenehm ausbalancierten Schwierigkeitsgrad ein. Motivation ist immer genug vorhanden, da wir spürbare Fortschritte machen, bei jedem Durchlauf neue Tricks und Gegenstände entdecken oder unbekannte Gesichter zum Plaudern und Handeln treffen. Die größte Stärke der Mine ist ihre Vielfalt. Sie entfaltet sich stufenweise, sodass sich die vielen Durchläufe niemals nach stupider Wiederholung anfühlen, wie es bei anderen Roguelikes zwischenzeitlich oft der Fall ist. Jede Ebene stellt ein eigenes Gebiet dar, ein Biom mit komplett neuen Gegner_innen, ein stimmiges Bild mit frischer Umgebung. Die Grafik ist in gewohnter Pixel-Art gehalten, was dem Spiel zugute kommt. Schnelle Action mit bunten Effekten überzeugt durch flüssige Animationen.

Traut ihr euch in die Othermine von UnderMine?

UnderMine bietet langanhaltenden Spielspaß, denn neben der Hauptstory gibt es viele witzige kleine Details, allerlei herstellbare Artefakte und geheime Räume zu erkunden. Wenn wir dann endlich alle verfügbaren Upgrades erworben haben und die Mine besser kennen als unsere Westentasche, gilt es eine letzte Herausforderung zu überwinden. Die Othermine ist eine härtere Version der Mine, die für Veteran_innen auf der Suche nach Wiederspielwert konzipiert ist. Wer in dieser verdrehten Form stirbt, verliert absolut alles an Beute! Aber nicht nur in der Othermine sind unsere Besitztümer in Gefahr. Immer wenn  ein Stück Gold herumliegt, sind die Handlanger der Schleimhändlerin nicht weit und versuchen das Nugget zu verschleppen. Nur ein beherzter Schwung mit der Spitzhacke verjagt die Quälgeister. Diese kleinen Schleimbabies, die permanent herumwuseln, symbolisieren für mich den Geist von Thoriums Roguelike. Ständig ist etwas los, auf jedem neuen Bildschirm warten Fallen und Schätze, hinter jeder Ecke passiert etwas.

Viele interessante und eigenartige Leute treiben sich in der Mine herum. Neben dieser Abwechslung stellt die aufrechterhaltene Motivation die zweite Säule meiner Erfahrung dar. Keine Sekunde lang war ich ernsthaft frustriert von der Aussicht, nochmal von vorne in die Mine abtauchen zu müssen. Zu groß war das Glücksgefühl, mit dem gehorteten Gold neue Ausrüstung erkauft zu haben und bald in ein unerforschtes Gebiet vorstoßen zu können. UnderMine macht nichts komplett anders als vergleichbare Titel und doch konnte mich Thorium mit dieser Mischung aus Abwechslung und Motivation besonders fesseln. Immer hatte ich das Bedürfnis „nur noch einen Run“ zu spielen, weil der Fortschritt meines Charakters so flüssig ablief. Mit ihrem ersten Werk als Team haben Clint Tasker und Derek Johnson sich voll ins Schwarze gegraben. Schnappt euch eure Spitzhacke und ab in die Mine!

8/10 ⛏️

Developer/Publisher: Thorium Entertainment
Genre: Roguelike, Action
Team: Derek Johnson (Programming), Clint Tasker (Design)
Auszeichnungen: Best Adventure (Dreamhack 2018)
Veröffentlichung: 6. August 2020 (Steam, Xbox One, Xbox GamePass)

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