Review

Murder by Numbers Review | Picross-Spaß im Pixel-Paradies

Picross meets Visual Novel im knalligen 90er Jahre Stil. Reicht nicht? Einen niedlichen Roboter gibt’s in Murder by Numbers obendrauf.

Job verloren, die Mutter hat immer was zu meckern – und zu allem Überfluss liegt der Ex-Chef auch noch tot auf seinem Schreibtisch herum. Klingt wie das ganz normale Vormittagsprogramm auf RTL II? Ist aber eigentlich die Geschichte von Protagonistin Honor Mizrahi im Puzzle-Abenteuer Murder by Numbers. Doch zum Glück fliegt da plötzlich dieser kleine Roboter in ihr Leben….

Hey, ich bin Scout – willst du mein Freund sein?

…ja, Scout fliegt wirklich. Obwohl er mit seinem klobigen Monitor-Kopf im ersten Moment nicht wirklich so aussieht, als ob er dazu imstande wäre. Über seinen Bildschirm kann der Roboter nur einige wenige Emotionen ausdrücken – und auch sonst wirkt er etwas unbeholfen. Denn irgendwie hat Scout sein Gedächtnis verloren, nur sehr bruchstückhaft kehren Erinnerungen an seine Vergangenheit in sein System zurück. Doch da er kein gewöhnlicher Computer, sondern eine komplexe KI ist, lernt er schnell dazu und kann sogar eigene Entscheidungen treffen. Zum Beispiel die, dass er Honor Mizrahis bester Freund werden möchte.

Nachdem die Schauspielerin aber gerade erst ihren Job verloren und dann auch noch ihren ehemaligen Boss tot in seinem Büro aufgefunden hat, kann sie einen fliegenden Roboter gerade überhaupt nicht in ihrem Leben gebrauchen. Allerdings stellt sich schnell heraus, dass die beiden ein extrem gutes Detektiv-Duo  sind. Gemeinsam versuchen sie, herauszufinden, wer Honors (Ex-)Boss umgebracht haben könnte – und nicht nur den: Insgesamt müssen sie und Scout vier unterschiedliche Fälle lösen. Das bedeutet für mich: Jede Menge Rätsel!

Nur noch ein Rätsel – und dann ab ins Bett!

Im Leben von Honor und Scout spielen Leichen eine überdurchschnittlich große Rolle: Ein Mord am Filmset hier, ein Toter vor einer Gay-Bar dort. Ich unterstütze die beiden bei ihren Ermittlungen, indem ich (verdammt viele) Nonogramme löse. Das sind japanische Zahlenrätsel, die ein bisschen an Sudoku erinnern und mich sofort in die eine oder andere durchzechte Picross-Nacht zurückversetzt haben.

Um ein Rätsel zu aktivieren, schlüpfe ich in Scouts kastigen Roboterkörper und scanne den Raum nach Hinweisen ab. Mit jedem gelösten Rätsel kreiere ich ein Bild in Pixel-Art und habe damit ein Beweisstück, das mich näher an die Aufklärung des Mordes bringt. Klingt einfach, ist es meistens nicht. Ich gebe zu: Das Spiel hat mich gewarnt. Es gibt die Modi “Einfach” und “Normal”. Ich wurde sehr eindringlich darauf hingewiesen, dass “Normal” eigentlich schon eher schwer ist und ich das wirklich, wirklich nur auswählen sollte, wenn ich ein geübter Picross-Kenner bin. C’mon, Murder by Numbers! Try me!

4 Level – oder Mordfälle – später wusste ich: “Normal” ist schon sportlich. Also so: ICH SCHMEIß DEN LAPTOP GLEICH GEGEN DIE WAND – sportlich. Während ich anfangs noch souverän die ersten Rätsel weggesnackt und ordentlich Selbstvertrauen getankt habe, wurde es bei den 15 x 15 Kästchen-Grids gegen Ende schon echt herausfordernd. Alles andere wäre aber auch super lame und hätte mich umso mehr aufgeregt. Allzu einfach will man es dann ja doch nicht haben. Außerdem muss ich jetzt nicht beschämt zugeben, ich hätte auf “Easy” gespielt.

Kleiner Tipp: Jedem, der kurz davor ist, Scout aus purer Puzzle-Verzweiflung den Garaus zu machen, kann ich die “Fill random squares”-Funktion sehr ans Herz legen!

Idiotensicheres Gameplay – das manchmal ein bisschen nervt

Murder by Numbers folgt prinzipiell einer sehr einfachen Logik: Umgebung scannen, Rätsel lösen, Beweise präsentieren. Und ach ja – da war noch etwas: Jede Menge reden.

Immer, wenn ich gerade voll im Rätsel-Flow bin und mich im Picross-Game unbesiegbar wähne, wird erst einmal die Story vorangetrieben. Dann heißt es: Klicken, lesen, klicken, lesen. Das habe ich manchmal als willkommene Abwechslung zu diesem anstrengenden Denken erlebt – manchmal hat es mich aber auch ganz schön genervt. Der Story-Part des Spiels besteht nämlich zum großen Teil aus stumpfem Klicken. Immerhin: Ab und zu sind auch hier meine Detektiv-Skills gefragt – dann muss ich anhand der Beweislage aus mehreren Optionen den richtigen Tathergang auswählen. Liege ich mit meiner Annahme falsch, wiederholt sich der Dialog allerdings einfach so oft, bis ich die richtige Lösung gewählt habe. Ist zwar nicht sehr elegant, dafür aber idiotensicher.

Wo ich gerade beim Meckern bin: Die Story lässt sich übrigens nicht überspringen – auch nicht beim zweiten Mal durchspielen. Wer aber nur ein paar Rätsel ballern will, kann sich in einer Art Nebenquest austoben. In jedem Level schalte ich Rätsel frei, die ich abseits der Story lösen kann. Da heißt es wirklich: Picross Pur. Konnte ich eine bestimmte Anzahl dieser Rätsel lösen, sehe ich eine Sequenz aus Scouts Erinnerungs-Speicher.

Du bist schön, aber halt bitte den Mund

Versteht mich bitte nicht falsch: Die Story ist gut. Manchmal rührselig, fast immer spannend und vor allem: voll retro. Der knallige, farbenfrohe Comic-Look der Figuren schreit über alle Level hinweg: 90eeeeer! Und er passt zu den exzentrischen Figuren – die von überkandidelten Filmstars bis hin zu schrillen Charakteren mit sehr viel Liebe umgesetzt wurden, Diversität vermitteln und alles andere als langweilig sind.

Dagegen stinkt der Soundtrack von Murder by Numbers leider voll ab. Zum Rätseln war mir die Musik viel zu nervig. Die Dialoge waren außerdem gespickt von unpassenden Soundeffekten à la “Boom, Krach, Boing”, die viel zu oft wiederholt wurden. Für mich war ein Podcast als Hintergrundrauschen die bessere Alternative.

Murder by Numbers: Ich lieb dich, ich lieb dich nicht

Will ich Rätsel, oder will ich Story? In Mediatonics Murder by Numbers bekomme ich auf jeden Fall von beidem sehr viel. Wer bereit ist, sich auf diesen Mix einzulassen, wird auf keinen Fall enttäuscht werden. Der Suchtfaktor, den ich von reinen Rätsel-Spielen wie Picross kenne, bleibt durch die ständigen Unterbrechungen hier aber leider aus.

Die Geschichte hat es von Anfang an geschafft, mich in ihren Bann zu ziehen. Jedes der vier Level (Mordfälle) spielt in einer komplett anderen Kulisse, sodass es selten wirklich langweilig wird. Schade finde ich nur, dass die “Detektivarbeit” während der Story-Sequenzen keine wirkliche Herausforderung ist. Da ich von Anfang an eher Team Rätsel war, ist das für mich ein klarer Negativpunkt.

Dafür entschädigt aber am Ende immer wieder der knuffige Roboter Scout, der sich im Laufe der Zeit sogar Witze angeeignet hat, über die ich wirklich schmunzeln musste. Und ja: Ich hätte dann jetzt auch gerne einen fliegenden Roboter an meiner Seite.

6/10 <3

Developer: Mediatonic
Publisher: The Irregular Corporation
Genre: Visual Novel, Puzzle
Team: Ed Fear (Writer, Designer), Murray Lewis (Writer), Hato Moa (Artist)
Musik/Sound: Masakazu Sugimori
Veröffentlichung: 05. März 2020 (Switch), 06. März 2020 (Steam)

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