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Spielanleitungen | Schmerzlich vermisst oder doch völlig überflüssig?

Spielanleitungen lagen früher jedem Videospiel bei. Doch wo sind sie hin? Faulheit, Kostenersparnis oder doch ein anderer Grund?

Weihnachten 1991, es ist der 2. Weihnachtsfeiertag. Ungeduldig sitzt du an der großen Tafel zwischen Omas und Opas, Tanten und Onkels, Cousins und Cousinen und linst immer wieder rüber ins Wohnzimmer. Unter dem üppig geschmückten Baum liegt ein kleines quadratisches Päckchen, das deinen Namen trägt. Du schaust über deinen vollgepackten Teller hinweg und wirfst Mama eine gequält fragende Mine entgegen. Das wohl zu offensichtlich mitschwingende „Wann denn endlich?“ quittiert sie mit einem Blick auf deinen Teller, was wohl so etwas wie „Aufessen!“ heißen soll.

50 Gabeln und gefühlte Ewigkeiten später sitzt du mit deinem persönlichen Päckchen auf der butterweichen Couch im Wohnzimmer. Deine Fingernägel knibbeln vorsichtig am Tesafilmstreifen, der das Verpackungskunstwerk praktisch zusammenhält. Langsam öffnest du die aufwendige Faltung des festlichen Papiers. Es offenbart sich ein flüchtender Mann mit roter Mütze und markantem Schnurrbart. „Super Mario Land!“ Endlich kannst du nach einem ganzen Jahr Tetris zur Seite legen und dich einem neuen Abenteuer im Sarasaland widmen. Blöd nur, dass du deinen Game Boy Zuhause lassen musstest.

Leicht verärgert verziehst du dich mit deinem frischen Geschenk auf die massive Eckbank aus deutscher Eiche in der verlassenen Küche. Vorsichtig öffnest du die Lasche der Verpackung und ziehst die glänzende Spielanleitung heraus. Du schlägst die erste Seite auf und versinkst schon jetzt in der wundersamen Welt des Klempners. Seite um Seite erfährst du mehr von der anstehenden Mission. Dein Abenteuer in Super Mario Land, es beginnt genau hier. Auf der Eckbank in der Küche deiner Oma, ganz ohne Game Boy.

Erzähl mir mehr!

Die Spielanleitung war einst dein erster Berührungspunkt mit dem Spiel, dein persönliches Bekanntmachen mit einer völlig fremden Welt. Sorgfältig erzählten Entwickler_innen von ihrem fiktiven Universum, machten dich mit den Eigenheiten der Steuerung vertraut, wiesen auf die Besonderheiten in Form von Items hin und phantasierten von den unglaublichen Fähigkeiten der Protagonist_innen. Charaktereigenschaften wurden auf der guten Seite genauso aufgezählt, wie auf der deiner Feinde. Dazu gesellten sich nützliche Tricks und Eigenheiten der verschiedenen Abschnitte. Die Spielanleitung war ein nicht digitaler Teil des Spiels. Der Teil, der dir erzählt worum es geht, wer was vorhat, gegen wen er angeht und wie er das am besten erreicht. Ohne Anleitung blieb dir nur, ausprobieren, scheitern, lernen. Die Spielanleitung gab dir demgegenüber einen Wissensstand an die Hand, der das Erleben des Spiels mit Vorsprung und breiterem Blickwinkel möglich machte. Sie gab dem Spiel eine Geschichte.

Ganze Seiten wurden mit schicken Zeichnungen und abstrakten Bildern darauf verwendet der Welt und seinen Charakteren ein Profil zu verleihen, damit du ihre Motivationen eventuell besser verstehen konntest. Und so hattest du auf der Eckbank deiner Oma von Tatanga gelesen, der die Menschen der vier Königreiche in Sarasaland per Hypnose unter seine Kontrolle brachte. Nun wolle er Prinzessin Daisy zu seiner Königin nehmen und sie heiraten. Das kann ein Klempner natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Nicht, wenn es Lebewesen in den Königreichen zu erlösen gibt und erst recht nicht, wenn es eine Prinzessin zu befreien gibt.
Erst die Spielanleitung, die du aus Frust und Langeweile am 2. Weihnachtsfeiertag 1991 gelesen hattest, lies aus dem plumpen Spielen wollen eine greifbare Motivation erwachsen, eine Mission gar, die es nur dir erlaubte, die Schreckenswolke Tatanga in die Flucht zu schlagen.

Spielanleitungen: Vom Aussterben bedroht oder längst vergessen?

Doch wo sind sie hin, die so wichtigen verlängerten Arme des Spiels? Im Laufe der 6. Konsolengeneration sind sie immer dünner geworden und spätestens in der Endphase der PS3 und der Xbox 360 nahezu völlig verschwunden.
Wenn du dich so durch YouTube Kanäle, Instagram-Accounts und Blogs von erklärten Videospielsammler_innen klickst, dann zumeist aus einem Grund: Früher haben sich die Unternehmen einfach mehr Mühe gegeben. Heute wird alles, was weitere Kosten verursacht, einfach wegrationalisiert. Nur noch der maximal mögliche Gewinn steht an oberster Stelle und Spielanleitungen mussten eben als erstes dran glauben.

Sicher, es mag ein mitschwingender Grund sein, dass durch den Wegfall der Produktion von vielen Spielanleitungsseiten Kosten durch Produktion und Arbeitszeit gespart werden, aber fehlende Leidenschaft in der Beziehung und Ausstattung ihres „Produkts“ kannst du dem Großteil der Entwickler_innen zumindest nicht einfach so unterstellen. Auch wenn das unfertige Spiele zur Erscheinung gerne suggerieren wollen.
Es könnte mit der Achtung von vergänglichen Ressourcen zusammenhängen und dem daraus folgenden bedachten Umgang mit Papier. Und auch eine zunehmende Digitalisierung des Videospielemarktes seit Ende der 2000er verhilft der Anleitung sicher zu ihrer raren Erscheinung in inzwischen zum Nebenprodukt verkommenen Retail-Version. Aber sind das wirklich die ausschlaggebenden Argumente für das Fehlen einer Anleitung in einem physischen Videospiel?

Haben sie kurz Zeit mit uns über „…“ zu reden?

Du ahnst es offensichtlich bereits, denn sonst wäre der kräftige Anlauf bis zu diesem Teil des Artikels absolut unnötig gewesen. Und gerne komme ich für dich wieder einmal mit einer von mir so beliebten Analogie zum Film daher.
Du gehst also des Abends mal wieder ins Kino, um einen von dir sorgfältig ausgewählten Film zu erleben. Nach einigen Minuten in der Schlange an der Kasse berichtest du dem so freundlich grinsenden Menschen hinter der Theke von deiner Filmwahl. Er druckt dein Ticket aus, sammelt dein bereits abgezähltes Geld von der glänzenden Oberfläche der Arbeitsplatte und säuselt: „Hier bitte, ihr Einführungsheft für den Hauptfilm! Dort steht alles drin, was sie für die nächsten zwei Stunden wissen müssen!“

Dieser Satz erscheint dir, außer im Star Wars Universum, als doch leicht absurd? Und die zusätzlich aufgewendete Zeit, um das Universum, die Auslegung und die Motivationen der Protagonist_innen im Film verstehen zu können als doch eher unnütz vergeudete Zeit? Sollte das nicht der Film selbst in all seinen möglichen Facetten vermitteln können?
Nicht Kostenersparnisse oder sonstige halbgaren Theorien haben die Spielanleitung gekillt, die Entwicklung des Mediums Videospiel hat die Spielanleitung rausgekickt. Sie hat sie zu einer überflüssigen Papier- und Zeitverschwendung mutieren lassen.

Das Ende der Spielanleitungen

Am 2. Weihnachtsfeiertag 1991 hast du auf der Eckbank in der Küche deiner Oma die Arbeit übernommen, die bis dato so ziemlich alle anderen Medien bereits selber übernahmen: Das Erklären des Universums. Nicht die sich außerordentlich viel Mühe gebenden Entwickler_innen sorgten für deine Langeweilebewältigung, sondern die Limitierung des Mediums Videospiel zu dieser frühen Zeit, die die Schöpfer_innen zu unkonventionellen Lösungswegen greifen ließ. Wenn du damals Spielanleitungen in den Händen gehalten hast, dann, weil das Spiel all das nicht selber erklären konnte. Die Nähe zu Brettspielen war demnach wesentlich enger, als zu Filmen oder Büchern.

Die Spielanleitung fehlt in heutigen Produktionen weil sie nicht gebraucht wird. Weil das Videospiel selber dessen Auslagerung durch seine Entwicklung wieder übernommen und im Spiel integriert hat. Du weißt nicht was du tun sollst? Ein Tutorial oder ein Hinweis zur Controllerbelegung erzählt es dir. Du hast keine Ahnung, was dieses neue Item für Auswirkungen besitzt? Warte nur einen kurzen Moment und das Spiel wird dich in irgendeiner Weise informieren. Was ist mit der Motivation des Protagonisten? Einleitungen, Hinweise, das Storytelling selber. Sie übernehmen den Job. Und wer ist jetzt dieser neue Typ da? Handlungen, Einführungen oder weitere Entwicklungen im Spiel werden es zeigen. Und die Welt, die Hintergrundgeschichte? Teil des Spiels, in welcher Form auch immer.

Kreativer Außenseiter und Nostalgieretter

Die Entwicklung des Mediums ließ die gezwungene Auslagerung wieder dahin zurückwandern wo sie hingehört, in den organischen Ablauf des Erlebnisses. Sicher könntest du einwenden, dass Entwickler_innen dann immerhin von anderen Dingen in einem Stück Papier berichten könnten. Von der Entwicklung selber, von Konzeptzeichnungen und Anekdoten. Ein Gimmick, das in Collectors Editions als Zusatz zum Einsatz kommt, hätte die konventionelle Spielanleitung ersetzen können. Doch ist es dann noch ein besonderes Anhängsel? Es ist eben nicht, wie die Anleitung selber war, Teil des Spiels, sondern mögliche spannende Hintergrundinformation, die zudem eventuell auch schon in der heutigen, durchsichtigen Entwicklungsphase verbreitet wurde. Ein Extra, das die bewusste Beschäftigung mit speziellen Themen verbreiten will. Oder wie Landkarten, Reiseführer und zusätzliche Comics, eine besondere und konsequente Ausweitung des Spieluniversums auf weitere Medien darstellt.

Als alteingesessener Videospielhase musst du dich wohl mit der Abstinenz der Spielanleitungen abfinden. Sie besitzt nur noch in der Existenz als eine bewusste Entscheidung für diesen speziell gewählten Weg des Vorhandenseins einen Platz in der Welt der Videospiele. Als Aushängeschild einer kreativen Entscheidung. Außer der befriedigenden Besänftigung eines verklärten nostalgischen Gefühls, bieten Anleitungen im klassischen Sinne absolut keinen Mehrwert mehr.

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