Crypto Is Dead Review | Olympische Notaphilistin

Mit Crypto Is Dead bringt Entwicklerstudio The Moon Pirates eine klare Referenz an Papers, Please heraus.

Wie sitzt ihr vor dem Computer? Aufrecht, mit rechtwinklig angewinkelten Armen, die bequem auf den Armlehnen aufliegen, und locker hängenden Schultern? Oder eher wie ich mit krummen Rücken, überschlagenen Beinen und einem nach vorne geschobenen Hals? Vielleicht habt ihr auch einen dieser Gaming-Stühle, in dem allerlei akrobatische Verrenkungen möglich sind. Dann könnt ihr im Schneidersitz, lässig nach hinten gelehnt und mit den Händen am Controller euer Lieblingsspiel zocken. Gesund ist keine der Positionen – die Sitzposition ist für menschliche Wesen eigentlich eine unnatürliche. Wir sind zum Laufen gemacht, zum Stehen, nur des Nachts liegen wir und gönnen dem Körper seine Ruhe. Jeden Tag über zehn Stunden zu sitzen, schadet uns langfristig, egal, wie ergonomisch der Stuhl ist. Aber jetzt ist mir ein Spiel untergekommen, das meinen Sitz zur olympischen Disziplin erhebt.

Disziplin 1: Nackenbeuger

Nach vorne gebeugt mustere ich die Banknote auf meinem Bildschirm. Sie ist winzig, nur ein paar Pixel verraten mir, dass die Zahlen an der richtigen Stelle liegen und das Motiv dem abgebildeten Muster in meinen Notizen entspricht. Ich gebe mir nur ein paar Sekunden, dann verschwindet die Note in der Einzugsmaschine und ich lasse mir die nächste geben. Meine Augen huschen über den Schein und vergleichen hektisch die Merkmale: Farbe, Siegel, die Position der Zahlen, der Rand. Mein Nacken beschwert sich, doch es wird noch besser. Als die Lupe zum Einsatz kommt, bemerke ich eine 10-stellige Zahlen-Buchstaben-Kombination auf der Banknote. Sie ist, ebenso wie die Herkunft des Papiers und die Jahreszahl des Drucks, senkrecht auf das filigrane Papier gedruckt. Mein Kopf neigt sich 90° zur Seite, der überstreckte Nacken protestiert. Was tue ich mir hier an?

Crypto Is Dead kreiert ein Szenario, in dem die globale Kryptowährung zusammengebrochen ist. Darum ist wieder altes Papiergeld in Umlauf. Meine Sternstunde als Notaphilistin. Ich springe für die Bank in die Bresche und prüfe die Noten auf ihre Authentizität. Von der Bankenkrise bemerke ich in meinem Kabuff allerdings nichts. Es findet kein Kundenkontakt statt und auch sonst präsentiert sich das Setting recht starr. Mein Büro ist liebevoll ausgestattet, aber ich konzentriere mich auf den Schreibtisch vor mir, auf dem das Herzstück meiner Arbeit liegt. In meinen Notizen sind alle Merkmale vermerkt, über die echte Geldscheine verfügen sollten. Anfangs ordne ich nur die grobe Optik ein, ich kann allerdings weitere Gerätschaften kaufen, um den steigenden Ansprüchen der Bank gerecht zu werden. Die Lupe ist das erste Werkzeug, das ich erwerbe und das meinen Hals in einen unbequemen Knick zwingt.

Disziplin 2: Hirnakrobatik

Beim Abgleichen bleibt es allerdings nicht. Achtung, es wird jetzt mathematisch. Die eben erwähnte Zahlenkombination hat nämlich noch eine zweite Bedeutung. Sie liegt in der Form 11-2222-333-XXX vor. Die Quersumme der Zahlenkombinationen spiegeln sich in den Buchstaben wider, da sie ihrer Stellung im Alphabet entspricht. Also beispielsweise 0 + 1 = 1 entspricht Buchstabe A, 3+ 4 + 2 = 9 entspricht Buchstabe I und so weiter. Ich muss checken, ob das übereinstimmt. In Null, Komma Nichts werde ich zur Kopfrechenexpertin und präge mir die ersten neun Buchstaben im Alphabet ein, um auch diese Aufgabe möglichst schnell zu erledigen. Denn natürlich tickt die Zeit erbarmungslos herunter, und wenn ich mein Pensum für den Tag nicht schaffe, sind Überstunden angesagt. Die Bank stempelt eine Note auf meine Abrechnung, und mit weniger als einem A bin ich nicht zufrieden. Allerdings ist es mit diesem Rechenschritt noch lange nicht getan.

Auch die Waage verlangt einen flotten Geist. Die Geldscheine haben spezifische Gewichte; dabei wiegt der Zehner am wenigsten und der Fünfhunderter am meisten. Es reicht allerdings nicht, das Gewicht abzugleichen, da Abweichungen von zehn Gramm darüber und darunter akzeptiert werden. Mein Kopf raucht. Eure völlig berechtigte und wahrscheinlich seit Beginn des Artikels brennende Frage lautet: Warum? Wer tut sich freiwillig Büroarbeit aus der Hölle an, bei der eine fehlerfreie, schnelle und konzentrierte Arbeit gefordert ist, quasi die Olympiade der Papierritter? Die Antwort darauf lautet: Ich. Warum mir diese Beamtensimulationen Spaß machen ist mir selbst ein Rätsel. Vielleicht ist es die fokussierte Fließbandarbeit, die mich alles um mich herum vergessen lässt. Ich merke kaum, dass aus dem Radio nur lustloses Knistern kommt, so vertieft bin ich in die Welt der Banknoten.

Disziplin 3: Ausdauer

Sobald ich unterbreche, um meinem geplagten Hirn eine Pause zu gönnen, verliere ich gänzlich meinen Flow. Ablenkung ist Gift für meinen routinierten Ablauf. Nach einer gewissen Eingewöhnung funktioniere ich wie ein gut abgestimmtes Uhrwerk: Geldschein anfordern, schnell die Position der Zahlen, die Farbe und das Bild abgleichen, auf die Lichtplatte legen. Sternbild abgleichen, auf UV wechseln, Fluoreszenz prüfen. Unter die Lupe legen, Stempel checken, Jahreszahl und Druckort abgleichen, das Muster im Hintergrund prüfen, dann die Zahlenkombination nachrechnen. Mit dem No-Fake-Pencil drüber, mit dem Reliefstift drüber, mit dem Magnetstift drüber. Auf die Waage. Gewicht prüfen. Nur wenn alles stimmt, bekommt der Schein grünes Licht. Mache ich einen Fehler, wird er mir erst in der Quittung aufgelistet, aber ich kann mir bis zu drei Fehlschüsse erlauben. Dann wird mein Geschäft allerdings geschlossen, und damit bräche mein Einkommen ein.

Das ist jedoch schnell kein Problem mehr. Mit etwas Übung und ein paar Nachtschichten verdiene ich genug, um alle geforderten Upgrades zu erwerben. Klar passieren mir noch Fehler, aber ich spüre sie nicht bitter am eigenen Leib, wie es in den Genrekollegen Papers, Please und Mind Scanners der Fall ist. Crypto Is Dead fehlt für einen Vergleich mit diesen dystopischen Größen eindeutig der Impact – ich bekomme weder meine Kund_innen noch meine Vorgesetzen zu Gesicht. Auf Augenhöhe bewegt es sich aber sowieso nicht, dafür enthält es (noch?) zu viele Fehler. Die Musik aus dem Radio setzt nach einem Stück aus und mich umgibt meditative Stille. Der Magnetstift, der No-Fake-Pencil, der Reliefstift und die Waage sind überflüssig, in neun Stunden Spielzeit habe ich mit ihnen keinen einzigen Fehler identifiziert. Manchmal verrutscht der Schein und lässt sich nur mit Mühe wieder unter die Lupe pfriemeln. Details, die im Gesamtbild schwer wiegen.

Disziplin 4: Punktlandung

Dass ich dennoch Spaß habe, werte ich als positives Zeichen. Ich gerate in einen meditativen Flow, der sich genau zwischen Herausforderung und Entspannung befindet. An mir ist eine grandiose Beamtin verloren gegangen, die Banknoten fließen nur so durch meine Hände. Das Ende kommt ebenso abrupt wie überraschend: Wie, schon um? Nach knapp fünf Stunden ist der Spaß schlagartig vorbei. Und ein Wiederspielwert, wie ihn die bitteren Entscheidungen der Dystopie-Kollegen erzeugen, kann Crypto Is Dead nicht bieten. Doch immerhin unterscheidet sich die korrekte Konfiguration der Scheine in jedem Durchlauf, zumindest darin liegt eine kleine Herausforderung. Und ich kann nicht behaupten, dass mein Nacken darüber unglücklich wäre. Bitte vergesst gelegentliches ausgiebiges Dehnen während eurer Gaming-Sessions nicht! Zumindest ist es ein Novum, dass ich ein Spiel anhand der Haltung bewerte, in die ich gezwungen werde.

Crypto Is Dead belegt eine kleine Nische unter den Simulationen, und selbst innerhalb der Nische kommt es nicht an die Genialität von Papers, Please heran. The Moon Pirates haben mit ihrem Debüt Don’t Forget Me bereits eine Hommage geschaffen, die mangels eigener Ideen hart an der Grenze zur Kopie kratzt. Und nun schießen sie den zweiten Titel nach, der unverhohlen einem erfolgreichen Vorbild nacheifert. Und wie bei Don’t Forget Me wird auch hier das Vorbild verfehlt, weil es der Tätigkeit an Hintergrund mangelt. Vielleicht hätte Crypto Is Dead den Vergleich nicht suchen sollen, denn wie heißt es so schön: Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.

6/10 💵🔍

Developer/Publisher: The Moon Pirates
Genre: Beamten-Simulation
Team: Robin Fau (Design & Music), Mélanie Pourin (Art), Guillaume Thomas (Art & Design), Benjamin Huet (Development)
Veröffentlichung: 23. Juli 2021 (Steam)


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