Don’t Forget Me Review | Woher kenne ich diese Dystopie bloß?

Don’t Forget Me zeichnet eine nahe Zukunft, in der Erinnerungen ewig währen oder einfach gelöscht werden.

Visionen einer dystopischen Zukunft, in der alles und jeder vernetzt und vollkommen durchsichtig ist, sind im Moment voll im Trend. In Zeiten wie diesen, in denen Elon Musk Affen per Gedanken Pong spielen lässt, scheint die Verschmelzung von Mensch und Computer wohl gar nicht so unmöglich. Die Menschlichkeit von künstlicher Intelligenz, Menschen mit augmentierten Körpern oder Chips im Kopf und Massenmanipulation per Technik werden liebend gern in Unterhaltungsmedien behandelt. Die ersten dystopischen Zukunftsvisionen, wie beispielsweise Mary Shelleys Verney, der letzte Mensch, wurden noch stark kritisiert und im Fortschrittsoptimismus des 19. Jahrhunderts als Unsinn abgetan. Im Licht von Klimawandel, einer globalen Pandemie und der Verknüpfung von autoritärem Staat und Technik in China scheinen düstere Aussichten jedoch geradezu wahrscheinlich. Don’t Forget Me von The Moon Pirates thematisiert die Kontrolle von Erinnerungen und zwingt uns, Götter zu spielen.

Amnesie auf Bestellung

Die junge Frau wacht zu Jazzklängen auf, die vom Plattenspieler in der Ecke des kleinen Gebäudes kommen. Alles was sie weiß, ist ihr Name, Fran. Am Abend zuvor ist sie vor der Erinnerungsklinik von Bernard zusammengebrochen. Sie weiß nicht, wo sie herkommt, deshalb bleibt sie einfach bei dem launigen Kauz und wird von ihm zur Assistentin angelernt. In der Klinik gehen Patient_innen ein und aus, die ihre Erinnerungen kopieren möchten und schon bald kommt ein Upgrade ins Haus, mit dem vergangene Momente ausgelöscht werden können. Der Haken am Geschäftsmodell: Jene Art von Kliniken, die an den Erinnerungschips herumpfuschen sind illegal. Kein Wunder, dass sich die Regierungs- und Firmenkritische Gruppe der Vergessenen an Bernard und Fran wendet. Deren Anführer lässt durchklingen, dass etwas Großes im Gange sei, dem die Vergessenen mit der Hilfe der Protagonist_innen Einhalt gebieten wollen.

Der Plot entwickelt sich schneller, als ich Erinnerungslücke sagen kann. Plötzlich strömen allerhand illustre Persönlichkeiten in Bernards Lokalität. Die Fluktuation an Klient_innen ist so rapide, dass ich mich kaum mit den Charakteren auseinandersetzen kann. Aus diesem Grund fühlt sich das Eintauchen in Erinnerungswelten distanziert an. Fran und Bernard müssen dabei entweder Daten für die Vergessenen extrahieren, oder das Schicksal von geplagten Seelen in individuellen Nebengeschichten entscheiden. Ist es vertretbar, wenn wir die Erinnerungen einer Frau an ihren Sohn löschen, der sich das Leben genommen hat? Was ist, wenn die Mutter selbst zum Suizid beigetragen hat? Vor solche und ähnliche Dilemmata wird Fran gestellt. Mit diesen Entscheidungen werden Menschenleben nachhaltig verändert. Aber wer hat überhaupt das Recht zu solchen Entscheidungen?

Don’t Forget Me visualisiert Erinnerungen

Die Spielmechanik des selbsternannten Jazzpunk-Adventures fußt auf zwei Säulen. Einerseits eine klassische Point-and-Click Mechanik, in der wir die Erinnerungswelten der Patient_innen betreten. Andererseits eine Art Worträtsel, bei dem wir mit Assoziationsketten arbeiten. Mit der Symbiose genannten Technik tauchen wir in bestimmte hochemotionale Szenen ein und suchen Erinnerungsanker. Statt auf die Maus setzt Don’t Forget Me allerdings auf Richtungstasten und Leertaste, was das Suchen von Hinweisen unnötig erschwert. Bei den Wortketten, die spezifische Informationen aus dem Gehirn der Klient_innen filtern, geben wir Begriffe ein, die uns besonders wichtig vorkommen, welche dann zu neuen Textschnipseln führen. Der Vorgang schwankt dabei zwischen Abschreiben aller Wörter aus einer Passage und blindem Trial & Error. In einer Situation musste ich den letzten Speicherpunkt laden, um diverse Begriffe einer vorherigen Konversation auszuprobieren.

Was mir in den Erkundungspassagen in der Symbiose, in Bernards Klinik und in der nahegelegenen Bar an Pixelkunst und jazzigem Synthwave Ambiente geboten wird ist wirklich schön. Ein besonderes Faible haben die Entwickler_innen von Don’t Forget Me offenbar für Katzen, denn die pixeligen Partner schnurren in jeder Szene und sind oft sogar beim Lösen von Rätseln behilflich. Die audiovisuelle Gestaltung der Szenen ist mein persönliches Highlight des futuristischen Rätselspiels.

Die Krux mit der Hommage

The Red Strings Club von Deconstructeam aus dem Jahr 2018 dreht sich um Psychosoziale Kontrolle durch eine Megafirma. Und genau an diesen Cyberpunk Krimi dachte ich sofort, als ich Don’t Forget Me gesehen habe. The Moon Pirates orientieren sich nach eigener Aussage stark an dem vorher erwähnten modernen Indie-Klassiker und erwähnen selbigen und andere narrative Indie Games auch in Anspielungen. Eine eigene Note findet das Team durch den Sound und das Gameplay. Dabei wird aber klar, dass die Story kaum auf eigenen Beinen stehen kann. Selbst die Wortassoziation, die relativ unverbraucht wirkt, ist laut den Developern von Her Story abgeschaut. An die Vorbilder kommt Don’t Forget Me leider an keiner Stelle heran.

Das eigentliche Problem, das ich mit Don’t Forget Me habe, ist jedoch die eigene Ideenlosigkeit. Wo die von anderen Spielen inspirierte Spielmechanik noch organisch in das Geschehen eingebettet wird, fühlt sich der Plot wie ein Deja Vu an. Die Erzählung orientiert sich bei Themen und Struktur ausgesprochen eng an The Red Strings Club, wobei die Narrative keinen Raum bekommt, um sich zu entfalten. Die moralischen Entscheidungen fallen mir kaum schwer, da ich die betreffenden Charaktere kaum zehn Minuten kenne. Wie sich meine Auswahl auf das viel zu abrupte Ende auswirkt, kann ich nicht nachvollziehen. Don’t Forget Me klärt die Amnesie von Fran nie auf. Muss ich den Sci-Fi Thriller jetzt mehrmals durchspielen, um die dürftige Erzählung zu kapieren? Gibt es irgendwo eine Kleinigkeit, die ich übersehen habe? Ich bezweifle es ehrlich gesagt. Die Lust an der Dystopie ist mir vergangen.

5/10 🧠

Developer/Publisher: The Moon Pirates
Genre: Narrative, Puzzle
Team: Robin ‚Biggs‘ Fau (Game Design, Narrative Design), Mélanie Pourin (Pixel Artist, Environement), Guillaume Thomas (Pixel Artist, Character Design, Animation), Benjamin Huet (Developer)
Musik: Aurélien Montero
Veröffentlichung: 20. April 2020 (Steam)

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