Review

The Medium Review | Post-Sowjetische Totenwache

Die Dualität von The Medium eröffnet noch nie in einem Videospiel gesehene Perspektiven.

Megalomanische Ferienanlagen scheinen ein Steckenpferd totalitärer Regime des vergangenen Jahrhunderts zu sein. Ob das „Kraft durch Freude“ Seebad Rügen an der Nordsee – das bis zu 20.000 Deutsche hätte beherbergen sollen, dessen Bau bei Kriegsbeginn 1939 jedoch stillgelegt wurde – oder die Ferienanlagen am Schwarzen Meer und der Ostsee, wo auch die durchschnittlichen Genoss_innen an der Krim oder im Baltikum die salzige Meeresbrise inhalieren durften. Im neuesten Horrorspiel von Team Bloober versetzt uns das polnische Studio in genau so einen Sowjetbau in seiner Heimat.

Krakau, 1999

Marianne ist eine junge Frau, die gerade ihren Ziehvater verloren hat. Seit der Bestatter Jack sie als junges Mädchen aus dem Heim holtet, leitete er Marianne als Mentor an. Nun fällt derselben die makabre Aufgabe zu Jack in seiner eigenen Leichenhalle für einen letzten Abschied fertig zu machen. Gekleidet in seinen besten Zwirn liegt der alte Mann da, mit Solidarnośc Anstecker auf der Krawatte. Doch plötzlich flackern die Lichter, Schatten im Treppenhaus entwickeln ein Eigenleben. Oben in Jacks Büro angekommen überkommt Marianne eine Art Anfall und ihr Bewusstsein ist plötzlich zweigeteilt. Einerseits steht sie noch vor dem Schreibtisch ihres verstorbenen Adoptivelternteils, andererseits findet sich die junge Frau in einer völlig andersartigen Umgebung wieder und beobachtet Jack putzmunter in seinem Schreibtisch herumkramen. Marianne ist ein Medium. Seit ihrer Kindheit kann sie mit den Seelen der Toten kommunizieren!

Nach einem kurzen Gespräch mit ihrem Papa schickt Marianne die Seele des Bestatters auf die letzte Reise. Auch das ist eine Fähigkeit des Mediums. Dies funktioniert jedoch nur, wenn genug Informationen über den jeweiligen Menschen zur Verfügung stehen. Während sie sich in einem Zwischenzustand befindet, kann die Protagonistin gleichzeitig mit den Toten und deren Erinnerungen in einer alternativen Realitätsebene interagieren und die Realität der Sterblichen nach Hinweisen absuchen. Der Bildschirm ist dabei horizontal oder vertikal in die Hälfte geteilt. Aus dieser Mechanik ergeben sich auch kommende Puzzle-Abschnitte in The Medium, in denen die Welten geschickt miteinander kombiniert werden müssen. Jacks letzte Ruhe hingegen stellt Marianne vor keine Herausforderung, da sie den Mann seit Jahren kennt.

Niwa Resort

Seit sie sich erinnern kann hat das sensible Medium dieselben Träume von einem Mädchen, welches aus nächster Nähe mit einem Revolver erschossen wird. Nun ruft ein Fremder im Büro ihres Vaters an, nur Sekunden nach dem Verschwinden von Jacks Seele, und behauptet Marianne könne die Antwort auf ihre Träume im Niwa Resort nahe Krakau finden. Dass der Anrufer von ihren spezifischen Alpträumen weiß, lässt Marianne aufhorchen. Sie beschließt in den Wald zu fahren und den Sommerfrischebau aus Zeiten der UdSSR zu untersuchen. Verlassen wirkt das brutalistische Mammut. In der Lobby vergilbte Pläne, Unrat füllt die Gänge. Bald aber begegnet die erkundende Polin dem Mädchen „Trauer“ auf der Geisterebene. Die im Komplex wandernde Seele der Kleinen hilft unserer Protagonistin die Geschehnisse aufzudecken. Ihr wiederkehrender Alptraum ist dabei nur die Spitze des furchtbaren Eisbergs.

Die Art der Erkundung des Resorts in The Medium erinnert dabei an klassische Survival-Horror Vorbilder wie das Anwesen aus dem originalen Resident Evil. Immer wieder kehrt Marianne zu bekannten Räumen zurück, um neue Passagen einzuschlagen, die mit neu gewonnen Items oder Hinweisen erkundet werden können. Die Atmosphäre in Niwa versetzt mich dabei glaubhaft in eine Zeit des Kommunismus, in der gute Angestellte und Parteikader im Wald Urlaub machten. Durch Mariannes übernatürliche Fähigkeiten eröffnen sich alte Erinnerungen und Dialogschnipsel, wenn die junge Frau mit emotional aufgeladenen Gegenständen in Berührung kommt. Verstreute Ansichtskarten dienen als Sammelgegenstände und verraten etwas vom Alltag und den Hoffnungen des Hausmeisters, der an seine Ehefrau schrieb. Je tiefer das Medium aber in den Gebäudekomplex vordringt, desto deutlicher werden auch die menschlichen Tragödien, die Niwas Ende herbeigeführt haben. Von diesen Geschichten lebt The Medium.

Die Geisterwelt

Wenn Mariannes Anfälle die duale Realität triggern oder wir manuell durch einen Spiegel in die Geisterwelt reisen, wird es erst so richtig interessant. Denn dort sehen wir plötzlich die gefangenen und gequälten Seelen der ehemaligen Bewohner Niwas. Da in der Geisterwelt manche Pfade nicht versperrt sind, die in der echten Welt unpassierbar sind und Marianne außerdem übernatürliche Hinweise erspüren kann, ist das Wandeln in dieser fremdartigen Landschaft Pflicht zur Lösung der Rätsel. Nur wenn die Geschichte der gefesselten Seelen ergründet und deren Totenmaske gefunden wird, erlangen sie mithilfe des Mediums ihre Freiheit. Die Einzelschicksale, die alle auf ihre Weise mit der Hauptstory verwoben sind – mal mehr, mal weniger – waren für mich das Highlight des psychologischen Horrorspiels. Die lesbische Ballerina, die von ihrem schmierigen und voyeuristischen Manager belästigt wird, traf mich genauso wie der Fall einer Krankenschwester und der unerwiderten Liebe zu einem Patienten.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass in der Geisterwelt Gefahren lauern, die mitunter sogar einen Weg in die Ebene der Sterblichen finden. Das führt dann zu einigen kurzen Schleichpassagen, bei denen Marianne sich versteckt und die Luft anhält oder sehr wenigen Actionabschnitten, in denen wir der Protagonistin helfen davonzulaufen. Die meiste Zeit über sind wir aber mit den relativ einfachen Umgebungsrätseln und dem Aufsammeln hilfreicher Werkzeuge, sowie dem Ergründen des Plots beschäftigt. The Medium wird beherrscht von der psychologischen Komponente, vom menschlichen Horror und von der Trostlosigkeit, nicht von Jump-Scares oder Splattereffekten. Kämpfen kann und will Marianne nicht, höchstens blendet sie Gegner kurzzeitig mit spiritueller Energie, die sie an speziellen Brunnen in der Geisterwelt auflädt.

Die duale Realität von The Medium

Die Dualität der Welt von The Medium wird in jedem Aspekt des Horrorwerks von Bloober Team hervorgehoben. Das Offensichtlichste ist die zeitweise Trennung des Bildschirms in zwei Hälften, quasi ein Splitscreen in einem Einzelspieler-Abenteuer. Die beiden Hälften, die zusammen die Gesamtheit von Mariannes Realität widerspiegeln, haben jeweils eigene Farbpaletten. Im Niwa der Lebenden herrschen kalte Farben vor. Beton und Gras mischen sich mit Spiegeln und Treppen. In der Geisterwelt hingegen findet sich eine Palette an erdigen Farben, die dreckig und Unheil androhend wirken. Auch die Musikuntermalung unterscheidet sich klarerweise. Doch Bloober Team ging hier die Extrameile und verpflichtete einen zweiten Komponisten. Die Musik der Geisterwelt stammt aus der Feder des ehemaligen Silent Hill Komponisten Akira Yamaoka, während das irdische Niwa von Arkadiusz Reikowskis Score begleitet wird.

Diese kreative künstlerische Entscheidung der doppelten Perspektive geht allerdings auch auf Kosten der Hardware, das muss ganz klar erwähnt werden. Obwohl das Spiel auf 30 Bilder pro Sekunde ausgelegt ist und mit langsamem Pacing auch so funktioniert, werden Spieler_innen mit älterer Hardware oder auch aktuellen Einsteiger-Grafikkarten wie einer GTX 1650 The Medium nicht einmal auf niedrigsten Einstellungen flüssig in Full HD spielen können. Dabei ist noch nicht einmal das ebenfalls unterstützte und extrem aufwendige Raytracing miteinberechnet. Wie hungrig The Medium ist, lässt sich an der Version für Xbox Series S erkennen. Die kleine Schwester der Xbox Series X kommt so stark an ihre Grenzen, dass die Auflösung in besonders ereignisreichen Szenen mit geteilter Welt von Full HD (1080p) auf 648p sinkt. The Medium ist generell kein unansehnliches Spiel, aber auch kein Grafikwunder. Allein die innovative Doppeldarstellung ist schuld am Leistungshunger.

Mach mal Urlaub, Genoss_in!

Ich bewundere Bloober Teams Entschlossenheit die Heimat des Studios als Setting für ihre Spiele zu wählen. Nachdem Observer uns in die Zukunft Polens geschickt hat, erleben wir in The Medium nun die sowjetische Vergangenheit. Die verwaiste kommunistische Ferienanlage wirkt frisch und vertraut gleichzeitig, weil sie sich so gut für diese Art von Geschichte eignet. Ich mag die Entscheidung Marianne in ihrem Tempo erkunden zu lassen, anstatt eine Orgie an Jump-Scares oder Heerscharen an Geisterwesen auf mich loszulassen. Doch genau dann, wenn das Spiel schon fast wie ein gruseliger Walking Simulator auf mich wirkt, reißt mich eine kurzweilige Verfolgungsjagd oder eine Schleichpassage aus dem Fluss und überrascht mich mit einem Tempowechsel. Auch die Geschichte bleibt bis zum Schluss relativ unvorhersehbar. Gut so, denn davon lebt The Medium mehr als von allen Gameplayelementen.

Zu jedem Zeitpunkt des Spielgeschehens wollte ich mehr wissen, wollte tiefer in Niwa eintauchen. Ja, die Idee der geteilten Welten ist cool und zumindest die optische Umsetzung der parallelen Präsentation als Splitscreen ein Novum. Die doppelte Ansicht ist zuerst ungewohnt, weiß aber künstlerisch zu begeistern. Im Herzen ist The Medium ein psychologischer Horrorthriller und will auch nie mehr sein. Ich bin möglichst ohne Erwartungen an dieses für mich frühe Highlight des Jahres herangetreten und wurde nicht enttäuscht. Der Plot des Survival-Horrors um Marianne wirkt imposant, auch wenn er sich nicht gänzlich neu ausrichtet. Eine sympathische Protagonistin und das behutsame Tempo lassen mich so für ein paar Abende unsere Welt der Lebenden vergessen.

8/10 👻

Developer/ Publisher: Bloober Team
Genre
: Survival-Horror, Psychologischer Horror
Musik: Akira Yamaoka, Arkadiusz Reikowski
Veröffentlichung: 28. Januar 2021 (Steam, Xbox Series X|S)

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