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Projection: First Light Review | Internationale Schattenabenteuer

In Projection: First Light erlebt ein von Zuhause ausgerissenes Mädchen die Reise ihres Lebens und tourt durch die Weltgeschichte.

Hier bei Welcome to Last Week legen wir bekanntermaßen Wert auf ein wenig kulturelle Weiterbildung. Da kommt Projection: First Light gerade recht, denn von so einem interessanten Nischenthema wie dem Schattentheater habe ich mir als Geschichtsbegeisterter so einiges erwartet. Das Schattenspiel als volkstümlich-kulturelle Praxis ist nicht umsonst seit 2003 auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO. Projection: First Light von Shadowplay Studios, Sweaty Chair und Publisher Blowfish wagt sich also an ein durchaus anspruchsvolles Thema, bei dem es einiger Recherche und Vorbereitung bedurft haben muss, den richtigen Stil zu treffen.

Gretas Flucht ins Theater der Fantasie

Eines Tages entdeckt die kleine Greta in ihrer schwarz-weißen Welt einen leuchtenden Schmetterling. Beim Versuch diesen einzufangen zerlegt sie ganze Marktstände unabsichtlich in ihre Einzelteile und schließlich muss sogar ein Auto dran glauben, das Greta ungewollt einen Hügel hinunter schubst. Die Polizei bringt die Unruhestifterin zu ihren Eltern, von denen Greta ordentlich was zu hören bekommt. Auf ihrem Zimmer zerbricht das Glas, in dem ein Schmetterling gefangen ist. Dem Insekt folgt die verzweifelte Tochter, weg von ihren Eltern und hinein in ein leerstehendes Theater außerhalb der Stadt. Hier bekommt die kleine Heldin Beistand von dem Leuchtfeuer, das dem Schmetterling innewohnte. Dieses steuern wir ab dieser Stelle mit dem rechten Stick, während Greta mit dem linken Stick bewegt wird. Mit diesem Duo geht es tiefer ins alte Gebäude, bis wir eine Passage in ein vergangenes Inselreich finden.

Gemeint ist Indonesien, wo das Wayang-Kulit-Theater schon im ersten Jahrtausend beliebt und wichtig für Rituale war. „Wayang“ bezeichnet dabei sowohl Schatten, als auch Geister. Deshalb war das Schattenspiel ursprünglich eine Methode den Geistern der Ahnen nahe zu sein. Später wurden hinduistische Geschichten durch das Schattenspiel verbreitet. In Projection: First Light stolpert Greta so mitten in eine dramatische Liebesgeschichte, an deren Ende sie anstelle des besiegten Helden gegen einen haushohen Endgegner kämpfen muss. Doch nun offenbart sich das erste zweier Probleme, die ich mit dem Platformer habe. Denn so gut gemeint diese Hommage an das indonesische Schattentheater ist, mir wird als Spieler absolut nichts erklärt. Handelt es sich um eine berühmte Sage, die sich hier entfaltet? Was passiert da gerade? Da hilft es auch nicht gerade, dass Gretas Reise komplett auf Dialoge verzichtet.

Vom Reich der Mitte in die Türkei

Die nächste Station erreicht die Protagonistin per Boot. Auf dem Weg über den Ozean greift jedoch aus dem Nichts ein überdimensionaler Anglerfisch an, der unser Boot aufessen will. Zur Rettung kommt „Wukong“, der aus chinesischen Sagen und mir auch aus anderen Videospielen bekannte Affenkönig. Der wird jedoch bald selbst von fremden Soldaten gefangen und Greta macht sich auf zur Verfolgung. Spätestens wenn die Reise über die Türkei ins Europa der industriellen Revolution geht, fühle ich mich ein wenig verloren. Gefühlt werden die Abschnitte immer kürzer, lose Szenenabfolgen ersetzen eine übergreifende Geschichte. Das ärgert mich, denn dem Quellmaterial und der Kunstform des Schattentheaters tut Projection: First Light mit diesem Ansatz Unrecht. Da wäre bestimmt viel mehr herauszuholen gewesen.

Die Story berührt mich nicht wirklich, auch wenn ich in Ansätzen mit dem Mädchen mitfühlen kann, das von Zuhause ausbüxt. Das hätte auch echt eine märchenhafte Reise werden können, auf der Greta in liebevoll rezipierten Mythen fremder Kulturen Sagengestalten als Freunde gewinnt, aber alles fühlt sich so gestaucht an. Es gibt keine Dialoge und ein roter Faden ist schon gar nicht vorhanden. Jeder Aspekt des Plots und jede Kultur, die repräsentiert werden soll, hätte einfach mehr Zuwendung benötigt. Projection: First Light kann zur Auseinandersetzung anregen, aber ich bin alleine durchs Spielen nicht schlauer als zuvor. Hatte ich zu hohe Ansprüche, indem ich davon ausging, dass der Platformer mir kulturell etwas beibringt, quasi Edutainment durch Schattentheater?

Der Schatten ist unser bester Freund in Projection: First Light

Wenn die spielerischen Aspekte der Reise einwandfrei funktionieren würden, wäre meine Enttäuschung gleich ein bisschen gelindert. Mithilfe einer schwebenden Lichtquelle werfen wir Schatten, die sich betreten lassen und als Plattformen und Rampen fungieren. Dummerweise ist die Schattenhüpferei hier und da durchaus von kleinen Fehlern geplagt, die den Einsatz von Gegenständen zum Rätsellösen oder die Positionierung Gretas im Raum betreffen. Die Physik von Gegenständen wird bei Berührung von Wänden oder anderen Schatten ausgesetzt, sodass Greta schon mal in einem Schatten stecken bleibt oder ein Felsen, den wir zum Auslösen eines Schalters brauchen, so gar nicht das machen will, was wir von ihm verlangen. Durch dieses hakelige Verzahnen von Schatten und Objekten werden einige Situationen unnötig verkompliziert.

Sowohl die fummeligen Rätseleinlagen und das häufige Feststecken der Protagonistin in den Schatten, als auch die höhepunktlose Geschichte, welche die vorgestellten Kulturen zu keinem Zeitpunkt glänzen lässt, deuten auf fehlenden Feinschliff und liegengelassenes Potential hin. Das macht mich traurig, denn ich hatte mich schon sehr auf ein lehrreiches und innovatives Schattenspiel gefreut. Projection: First Light hat meine Erwartungen unterboten, was es zwar nicht zu einem schlechten Spiel macht, denn Spaß kann die kurze Geschichte für einen Abend durchaus bereiten. Aber ob dieses Abenteurer mir besonders lange im Gedächtnis bleiben wird, weiß ich nicht. Nette Ideen, ein unverbrauchtes Setting und gute Ansätze sind zwar vorhanden, werden aber einfach nicht zur Vollendung umgesetzt, sodass ich mit meiner Reise durch die Schattenwelt ohne Wehmut abschließen kann.

6/10 🎭

Developer: Shadowplay Studios, Sweaty Chair, Blowfish Studios
Publisher:
Blowfish Studios
Genre:
Puzzle-Platformer
Veröffentlichung:
29. September 2020 (Steam, PS4, Xbox One, Switch)

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