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Zombie Driver: Immortal Edition | Anekdoten einer Amokfahrt

Damals habe ich mich gefragt, warum mich GTA nicht ungehindert Amokfahrten unternehmen lässt. Nach Zombie Driver habe ich begriffen.

Als ich zum ersten Mal GTA in den 1990er Jahren in die Hand bekam, habe ich mich um dessen Missionen nicht geschert. Ich hatte keine Ahnung, was Gangsterbanden und Clans von mir wollten und warum ich das ständig am Telefon regeln sollte. Und ehrlich gesagt war mir das auch völlig egal. Zum ersten Mal konnte ich wie auf meinem Autospielteppich von oben auf die Stadt schauen und höchstpersönlich durch die Straßen brausen. Und genau wie in meinem Zimmer, stellte mir niemand irgendwelche Regeln auf. Was passiert also, wenn ein Teenager keine Regeln gesetzt bekommt? Er läuft Amok, natürlich! Warum auf der Gangsterkarriereleiter in die Höhe steigen, wenn ich doch mit „meinem“ Auto machen konnte, was ich wollte? Menschen überfahren zum Beispiel. Und das Reihenweise. Mir war nicht klar, warum Rockstar überhaupt so etwas wie einen weiteren Sinn in das Spiel pressen mussten. Es war ohne bereits perfekt. Für mich jedenfalls.  

Spaßbremse

Doch was sich so perfekt anfühlte und sich visuell von einem kurzen „prrrscht“ auch hörbar matschig auf der Straße verteilte, war nach einiger Zeit sehr ermüdend. Auch weil die Irrfahrt jäh von der Polizei gestoppt wurde. Und wieder fragte ich mich, warum sich denn diese „Macher“ dazu entschieden hatten, mich so unfair stoppen zu müssen. Hatte ich doch gerade mal ein paar kleine Pixelmännchen auf dem Gewissen. Da waren die ja in Ataris Death Race gnädiger. Und so legte ich das Spiel vorerst zur Seite. Nichtsahnend, dass mich schon bald genau der Teil mehr in seinen Bann ziehen sollte, den ich heute noch so sehr verschmähte. Irgendjemand würde sich dem schon annehmen und mich seelenruhig digitalisierte Menschen überfahren lassen.

Die Jahre verstrichen, diverse GTAs kamen und gingen. Und immer wieder zog mich der Drang, meinen Frust abladen zu können, in kurze Amokfahrtenscharmützel. Inzwischen verteilten sich Menschen in vorzüglicher 3D-Gestalt auf meiner Frontscheibe. Einfach mal unbedarft nach einem schlechten Tag über die örtliche Strandpromenade in GTA San Andreas rasen und das Leben Leben sein lassen. Doch wieder stoppte die Polizei meine Fahrten viel zu früh, sodass ich schnell die Lust am Verkehrschaos verlor und doch lieber der Story folgte. Es brauchte etwas, dass genau dieses Element nahm, mich nicht einfach stoppen konnte, wann immer es wollte und mich in irgendeiner Weise für die Auslöschung des Parasiten Mensch belohnen sollte. Doch ich befürchtete, solche Herangehensweisen würden, wenn es sie denn gäbe, nie zu mir durchdringen.

Erziehungsmethoden

Ca. 25 Jahre später sitze ich nun doch hier und rase mit staatlicher Unterstützung durch Menschenmassen, die sich vor einem Haus versammelt haben. Nun gut, den Menschenmassen würde das Synonym „Lebende Tote“ vermutlich besser stehen, aber wer wird denn gleich so kleinlich sein. Schließlich gilt es per Regierungsauftrag den Bürgermeister aus seinem Haus zu retten, bevor ihn die Massen an Zombies zum Abendessen verspeisen. Ich spiele zum ersten Mal Zombie Driver. Ein Spiel von 2013, das in so vielen Versionen auf so vielen Plattformen erschienen ist, dass ich nicht mal mehr Zählen mag. Vom PC und PS3 über Switch und Xbox One bis zur PS4 im Sommer 2020, auf der es gerade in seiner Immortal Edition bei mir Zuhause läuft und mein inneres Kind zu kurzen Luftsprüngen animiert.

Es ist alles da! Die Draufsicht auf einen großen Autospielteppich in Apokalypsenform. Unendlich viele Kreaturen zum Überfahren und diverse Autos mit hilfreichen Gadgets wie Flammenwerfern oder Maschinenpistolen. Ich rase völlig unbekümmert durch schummrige Straßenstriche und verteile Blut und Extremitäten auf dem Asphalt. Dieses Mal werde ich nicht aufgehalten. Im Gegenteil, ohne Konsequenzen schieße und fahre ich alles platt, was mir entgegengelaufen kommt. Ein Zähler notiert zombigenau die Anzahl der erledigten Geschöpfe und am Ende werde ich sogar für meine Tapferkeit ausgezeichnet. Kein Problem, gern geschehen!

Du bist der Zombie Driver

Doch wie ich so von Mission zu Mission hetzte, verfestigt sich ein unbefriedigendes Gefühl. Eines, das ich auch schon von damals kannte. Leute im Auto umzusäbeln beschert nur eine kurzweilige Euphoriewelle. Nach 25 Jahren wird mir bewusst, dass es sogar gut war, von der Polizei gestoppt zu werden. Nur so konnten sich meine durchgebrannten Synapsen von dem Wahn befreien und bemerken, dass das gerade eine ziemlich stupide Freizeitgestaltung ist, die ich da abhalte. Eine auf kurze Dauer sehr spaßige in jedem Fall. Doch dieses hedonistisch ausgelegte Konzept verfranzt sich in seiner Dauersplatterspirale, wie ein abermals uninspirierter Aufguss eines ehemaligen Horror-Klassikers. Am Ende ist es halt doch immer das Gleiche in grün… Entschuldigung, in rot natürlich.

Ja, mein Inneres Kind hätte sich Zombie Driver sehnlichst gewünscht, doch auch das hätte Grenzen gebraucht, in denen es in seiner Amokfahrt wieder eingefangen würde. Etwas, das diesen Rausch zum Besonderem werden lässt. Es nicht nur machen lässt und nachher artig Beifall klatscht. Zombie Driver lässt das Gefühl zu diesen kurzen Irrfahrten zwar gekonnt aufleben, säuft dann aber in seiner eigenen Blutlache der Endlosspirale aus immer nur noch mehr Brutalität komplett ab. Und wieder einmal zeigt sich, dass die Wünsche, die ich als Kind hatte, mich nicht unbedingt zufriedener zurückgelassen hätten. Zombie Driver ist für die kurze Wahnsinnsfahrt völlig okay, nur, muss ich mir selber die Grenze setzen, die mir GTA so herzensgut und vorsorglich in Form der Polizei selbst vorbei geschickt hat, um in der Heldinnenbeweihräucherung nicht komplett abzustumpfen. Danke GTA, ich wusste das damals nicht zu schätzen.

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