Kultur

Read Only Memories Comic Review | Ausgabe #1

Midboss’ Graphic Novel zu 2064: Read Only Memories ist die schöne und intelligente Erweiterung des Spiels.

Jeder von uns stellt sich die Zukunft anders vor. Ist Manhattan ein eingezäuntes Gefängnis? Gibt es menschliche Androiden, die so real repliziert sind, dass sie selbst nicht mal mehr wissen, ob sie Mensch oder Maschine sind, wohnen die Reichen auf einem Schloss im Himmel und werfen ihren Müll auf die Unterschicht auf der Erde oder schwingen wir Lichtschwerter und bekämpfen das böse Imperium?

Das Computerspiel 2064: Read Only Memories ist eine Point And Click Visual Novel im Neo-San Francisco des Jahres 2064. Also gar nicht so unwirklich weit weg; ein fantastisches Abenteuer mit einfallsreicher und packender Story und vielseitig konturierten Charakteren – eine weitere Vision einer fiktiven Zeit, die uns noch bevorsteht.

Der uns heute vorliegende Comic führt die Geschichte des Spiels fort und füllt die Lücke vor dem Release des Spielenachfolgers Read Only Memories: Neurodiver. Eine WTLW-Review der etwas anderen Art.

„In the New Frontier that is Robot Sapience, I thought the meat would be in labor ethics and constitutional freedoms… not ROME010010101 AND JULIET“

Für alle, die 2064 noch nicht gespielt haben, dies aber noch vorhaben; überspringt bitte folgenden Absatz, der die Ereignisse des Spiels zusammenfasst, um den Zusammenhang zum Comic herzustellen.

[SPOILER-WARNUNG]

Lexi Rivers war 2064 noch Polizistin in Neo-San Francisco und hat nahe am Fall vom Verschwinden des Wissenschaftlers Hayden mitgearbeitet, der zur ultimativen Roboterrevolte geführt hat. Global wurden alle AI-gesteuerten Roboter in einer Guerillaaktion mit einem Bewusstsein im Betriebssystem ausgestattet. Nach dieser Änderung des synthetischen Weltgefüges hat sich Lexi dazu entschlossen, Privatdetektivin zu werden. In Read Only Memories übernimmt sie den Fall eines vermissten Roboters; Hedy vermisst seinen Freund.

[SPOILER ZU ENDE]

Protagonistin Lexi Rivers läutet eine neue Ära cooler Privatdetektivinnen ein.

Es ist ja nicht unüblich große Spielereihen durch andere Medien zu vermarkten. Spielfilme, Comics, Romane, Anime- oder Real Life Serien.
Das Comicbuch passt zum künstlerischen Anspruch und der Retro-Atmosphäre von 2064 besonders gut. Read Only Memories’ Zeichenstil ist hierbei frisch und distinguiert, fügt sich komplett homogen ins Universum des Spiels ein. Die gezeichnete Mode und die lebhaften Posen der Figuren scheinen besonders in der Wahl der Blickwinkel ein wenig den 50ern entlehnt zu sein; und sind trotzdem vollkommen modern und neu. Die einzelnen Panels gehen ineinander über, stellen die Geschehnisse der Erzählerin aus der Ich-Perspektive zeichnerisch dar, was insbesondere bei Rückblicken von Lexi zur Geltung kommt.

Sie spricht zum Beispiel in einem Fall über ihre Arbeit und muss das etwas blumig ausschmücken, weil sie sich nicht als Privatdetektivin outen darf. Also zeigt ein Teil der Bilder die Konversation, die sie hat, und die überlappenden Bilder, was wirklich in ihrem Alltag passiert, während sie es geschickt mit Worten so gestaltet, als ob es ganz anders aussähe. Das ist perfekt umgesetzte ganzheitliche Comic-Kunst und betont in diesem Fall auch die Vielseitigkeit der Protagonistin, mehr zu sein als sie scheint.

Das ist Midboss-sche Charakterbildung, die ich seit dem Spiel so mag. Alle Figuren in 2064 haben eine tiefgründige Ebene, die über ihr Äußeres und ihren ersten Eindruck hinausreicht, Charaktereigenschaften, die ihnen Farbe verleihen. Fabelhaft umgesetzt. Einfach spannend.

Perfekt umgesetzte, ganzheitliche Comic-Kunst. Das ist Read Only Memories.

Die Farben des Comics sind getreu des Neon-Retro-Vibes violett, pink, blau in allen erdenklichen Schattierungen und Abstufungen und die Gesichtsausdrücke sagen sogar noch mehr als die clever und vereinnahmend geschriebenen Worte in den Sprechblasen. Selbst die Sapients, die selbstständig gewordenen Roboter, für die ich einfach keine passende Übersetzung parat habe, weisen eine unverkennbare Mimik auf.

Das schönste für Fans von 2064: Read Only Memories ist es aber, Lexi (und im Laufe der nächsten drei angekündigten Ausgaben hoffentlich auch die anderen bekannten Charaktere) noch näher kennen lernen zu dürfen und durch die stärker ausgeprägte und weitaus detailreichere Mimik sie noch besser verstehen zu können, als es in der 16-Bit Pixelgrafik des Spiels möglich war.

Apropos: nach der Hauptstory „Valentine’s Day“ (von Sina Grace geschrieben und von Stefano Simeone gezeichnet) folgt noch eine Kurzgeschichte auf den letzten Seiten namens „Mermaids don’t cry“ (von Mary Kenney geschrieben, mit visueller Umsetzung durch Christina-Antoinette Neofotistou), in der die Charaktere Tomcat und Turing aus dem Hauptspiel auftreten – hier allerdings in komplett anderem visuellen Gewand: Die Panels sind eckig und überlappen nicht. Keine Stilisierung sondern klassische Bilderschau wie in einem Storyboard oder halt einem guten alten Comicbuch. Auch die Sprech- und Textblasen sind einfach gehalten. Der Kniff ist hier der Zeichenstil der dem Videospiel 2064: Read Only Memories nachempfunden ist: pure 16-Bit Pixelgrafik. Bunt, eckig und dennoch klar erkennbar und somit noch näher an der Vorlage.

Wenn die Zukunft so wird, wie sie Read Only Memories zeichnet, dann kann ich es kaum abwarten 81 zu werden.

Ich möchte mehr davon. Nicht nur mehr von dem Comic, das kommt ja. Vier Ausgaben sind geplant und als zusammengefasster Paperback kann das Sammlerherz sich direkt die volle Geschichte einverleiben. Nein, ich will mehr von dieser Art von Hingabe. Hingabe zu den eigenen Charakteren, zu der Geschichte, der Welt und der Weiterführung und Ausarbeitung auf einem Ausdruckslevel; nicht nur, weil die Serie gerade steil geht und Kohle abwirft. Ich kann mir kaum vorstellen, das 2064: Read Only Memories Midboss reich macht.

Aber der Idealismus dahinter, der Wille, wichtige Themen anzusprechen und zu normalisieren, diverse Charaktere in Medien und Geschichten zu platzieren, mit denen sich echte Menschen identifizieren können: DAS will ich. Midboss, vielen Dank. Ihr seid super. Macht weiter so. Read Only Memories Ausgabe 1 von 4 der Miniserie ist ab sofort auf Englisch erhältlich. Ich kann die nächste Ausgabe kaum abwarten.

ReadOnlyMemories_01_ACVR_klein

Rechte / Idee / Verlag: MidBoss, IDW Publishing
Autorin: Sina Grace, Mary Kenny
Illustrator: Stefano Simeone, Christina-Antoinette Neofotistou
Veröffentlichung: 18. Dezember 2019 (Ausgabe 1 digital hier, als Papier hoffentlich in deinem freundlichen Comicbuchladen nebenan erhältlich)

Autor: Dennis Strillinger

0 Kommentare zu “Read Only Memories Comic Review | Ausgabe #1

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: