Spinnortality Review | Eine Wirtschaftsdystopie im Sumpf der Manipulation

spinnortalityWenn doch diese verfluchte Sterblichkeit nicht wäre! Du könntest dir mit deinem megareichen Weltkonzern die Erde so zurechtbiegen, wie es für deine kruden Geschäftsmodelle von Vorteil wäre. In Spinnortality ist genau das dein Ziel.

Feierabend! Du wurdest gefeuert. Nach 26 Jahren als Geschäftsführerin des globalen Players und Super-Megaunternehmens „WTLW“ hat das Board der Strippenzieher jegliches Vertrauen in deine Person verloren. Einfach so vor die Tür gesetzt. Dabei war dein Halbjahresumsatz immer positiv! Wie konnte es dazu kommen?

Innovationen! Wir brauchen Innovationen!

Sommer 2060: Freudig wirst du von dem grinsenden Board der Strippenzieher empfangen. Sie alle sind sich sicher, in dir die richtige Frau an der Spitze eines Weltunternehmens gefunden zu haben. Aber sie sind auch besorgt. Denn uneingeschränkte Macht kann in einem sehr speziellen Fall schneller vorbeiziehen, als es den alten Leadern der Welt lieb ist. Der Tod ist unausweichlich und all die schöne Macht würde sich in Luft auflösen, oder etwa nicht? Das Schicksal der wenigen Menschen, vom im Hintergrund agierenden Board, liegt in deinen Händen. Du musst dafür sorgen, dass der Transfer des Geistes in einen neuen Körper möglich wird.

Ab jetzt heißt es also Forschen, Techniken und Innovationen einführen und Gesetze zurechtbiegen. Denn all der neue schöne Kram nutzt ja nichts, wenn er auf verschiedenen Kontinenten verboten ist. Zum Start bekommst du eine kleine Einführung in die Abläufe des Unternehmens, damit du die wichtigsten Zweige allein führen kannst. Social Media etablieren, Filterblasen bilden und Killefitz anpreisen. Die ersten Schritte laufen ganz gut. Das Board ist zufrieden, die Mitarbeiter noch gut bei der Sache. Effektivität und Korruption bewegen sich im Rahmen, dein öffentliches Ansehen scheint recht neutral.

Doch sollst du natürlich die Fähigkeiten besitzen, jegliche Geschicke des Weltkonzerns zu leiten. Daher kommt regelmäßig ein Coach (Tutorial) in dein Büro gesaust und führt dich in weitere Zweige und Interessenfelder des Unternehmens ein. Puh, so langsam wird es komplex. Du forschst fleißig weiter und führst immer wieder erfolgreich neue Technologien ein. Doch das Board kratzt mit dringenden Zwischenaufgaben an deinem Nacken. „Wir brauchen mehr Macht und Einfluss! Ändere bitte das Zweiparteiensystem in Ozeanien, damit wir unsere Produkte ungehindert einführen, vermarkten und durch die Medien die Gesellschaft zu unseren Gunsten beeinflussen können!“

Aufstände, Fake-News, Manipulation

Ab jetzt stehst du unter Druck, absolut nichts darfst du aus den Augen lassen. Du spendest den Rebellen Geld, streust Fake-News, und zettelst Aufstände an bis Ozeanien im Chaos versinkt. Die Gründung einer Diktatur scheitert, aber die Einwohner des Staates entscheiden sich zu einer anteilgeführten Regierung. Top, das ist ja einfacher als an der Börse. Schnell kaufst du mit deinem halbjährlichen Geldregen – aus Produkten wie den Geschenkeberater, Profildaten, DNS-Stimulanzen und Designer-Organen – über 50% der Anteile des Staates und kannst ab jetzt nach belieben Gesetze ändern. Die Medien gehören sowieso schon dir, weswegen du einfach Inhalte zeigst, die die Menschen dort in die Werte-Richtungen entwickelt, die du so für brauchbar empfindest.

Alles noch mal gut gegangen! Doch irgendwie leidet dein öffentliches Ansehen. Egal was du machst, es sinkt dramatisch. Trotz deiner ausgeklügelten PR-Aktionen. Immer haben alle was zu meckern. Zudem werden die Mitarbeiter immer unzufriedener, da inzwischen viele künstliche Intelligenzen und modifizierte Arbeiter in deinem Unternehmen arbeiten und dann erscheint da auch noch Konkurrenz auf den Markt. Zudem drängt die Zeit, pünktlich die Forschung für den Gehirntransfer abzuschließen. Ein paar Zwischenziele kannst du noch erfüllen, doch immer stärker lässt du einzelne Felder komplett außer acht. Zu viel, zu komplex! Du musst forschen, forschen, forschen. Das Board wird immer ungeduldiger, die Öffentlichkeit immer unangenehmer. Es treten immer öfter seltsame Menschen mit Nachrichten und Forderungen an dich heran. All das verunsichert dich.

Es ist ca. 2080. Es wird knapp, die Lebenserwartung des Boards variiert zwischen noch ausbleibenden 30 und 40 Jahren. Intensivforschung ist angesagt. Doch das Board will auch Europa in eine Diktatur umwandeln. Du spendest der regierenden Partei die nächsten Jahre all dein Geld, doch die Menschen wehren sich. Dein Unternehmen stagniert. Die geforderten 80% Einfluss, um die Regierungspartei zu kapern wirst du nicht mehr erreichen. Die Körperzüchtung für den Geistestransfer würde zu lange dauern. Es ist 2086 und deine gruselige Dystopie hat sich ausdystopiert.

Beunruhigend, beängstigend und trotzdem fesselnd

Spinnortality wirkt immer ein wenig beängstigend. Mit jedem Schritt, den du in der Wirtschaftssimulation tiefer in Richtung Manipulation setzt, wachsen auch die Fragen in deinem Kopf. Gruselig zu erahnen, wie Menschen mit viel Geld automatisch Macht erlangen, um sie für ihre Zwecke auszunutzen. Sei es durch Übernahmen von Medienanstalten oder durch Interessenseingriffe in die Politik. Spinnortality bildet Analogien zu aktuellen Debatten um Ökologie, Forschung und Wirtschaft. Wichtige Reformen, die gemacht werden müssten, werden immer wieder durch Interessenkonflikte mit der Wirtschaft aufgehalten. Egal ob Kohle, Verkehr, Daten oder Einwanderung. Immer wieder haben große Konzerne Einfluss auf Meinungen und Handlungen und tragen so zu einem gesellschaftlichen Bild bei, das sich immer mehr in Extremen flüchtet. Spinnortality greift genau das auf und wagt mit seiner cyberpunkigen Dystopie den Blick in die Zukunft. Immer wieder kannst du im Spielverlauf selbst nicht einschätzen, welche Entscheidung sich wie auswirkt und welche Folgen die Einführung von bestimmten Technologien nach sich zieht. Wie soll das in der Realität erst enden?

 

Die Simulation wirkt optisch wie dein Kalkulationsprogramm auf der Arbeit. Die Oberfläche ist schlicht und aufgeräumt, wird von Zahlen, Fakten, Informationen und Nachrichten getragen. Du sollst dich ganz deinen Gedankengängen widmen und nicht von unpassenden Animationen aus der Illusion des/der Megakonzern-Geschätsfüher_in herausgerissen werden. Das wirkt! Spinnortality zieht dich in einen fiesen Sumpf aus Manipulation, Geldgier und Macht. Funktioniert eine Markteinführung, eine Machtergreifung oder eine Beeinflussung in deine gewollte Richtung, musst du schmunzeln, ja fast antagonistenmäßig lachen, nur um dich danach gleich wieder zu hinterfragen, was du da jetzt für eine krude Nummer abziehst. Die Sim wird von angenehm futuristischen Melodien begleitet und bildet in den meisten Situationen das passende Ambiente. Von Aufbrausend über Euphorisch bis hin zu Dramatisch, seichten untermalenden Tönen und vollkommener Stille. Spinnortality ist gerade am Anfang völlig überwältigend in seinem Umfang. Du brauchst Zeit, um dich in alle Felder einzuarbeiten. Da kann ein Spieldurchlauf absolut zu kurz für sein. Zwar wirst du durch Tutorials immer wieder an neue Felder herangeführt, aber in letzter Konsequenz musst du das auch verstehen und umsetzen.

Spinnortality ist eine ernsthafte und tiefe Wirtschaftssimulation, die Einarbeitung braucht, die du kennenlernen musst, dessen Funktionen du erforschen sollst, um im vollen Umfang agieren zu können. Spinnortality ist intensive und beinhaltet komplexe Strukturen, die in immensen Abhängigkeiten stehen. Das könnte dich Anfangs abschrecken. Es könnte dir zu umfangreich sein. Doch Spinnortality entfaltet seine Kraft durch die Aneignung von Wissen über Funktionen und Auswirkungen. Es braucht die Zeit der Lernkurve, um alle Blickwinkel vollends auskosten zu können. Zwar gibt es verschiedene Schwierigkeitsgrade, doch schon auf der geringsten Stufe wirst du gerade als Nicht-Wirtschaftsexpert_in mächtig ins rudern kommen.

Das Spiel von James Patton lässt dich Tief in den Sumpf der mächtigsten Menschen der Welt blicken und schöpft seinen Spaßfaktor aus immer neuen Perspektiven und Entwicklungen, die dich vor tausend Aufgaben stellen, aber paradoxerweise immer tiefer in das Netz aus Korruption und Macht einbinden. Unvorhersehbare Eventualitäten zwingen dich im Spiel zum schnellen Handeln. Schlicht, aber äußerst effektiv. Es lenkt dich nicht mit unnötigen Animationen vom wesentlichen Fokus ab, wirkt aber trotzdem großartig stylisch inszeniert. Spinnortality wirft in seinen unzähligen verschiedenen Szenarien dringende sozialkritische Fragen auf. Es dient als Grundlage für Diskussionen. Wie können wir unendlicher finanzieller und politischer Macht entgegenwirken? Wohin entwickelt sich unser Weltwirtschaftssystem, wenn wir nicht genügend kritisch hinterfragen und einwirken?  Spinnortality zeigt dir wohin die Welt steuern kann. Es hält dir den Spiegel vor und lässt die dringlich aufgeworfene Frage sanft an dich hinüber gleiten. Und das ist so ziemlich das Größte, was ein Spiel erreichen kann.

8/10 ❤

Developer/Publisher: James Patton
Team: James Patton (Solo-Entwickler)
Veröffentlichung: 01.02.2019 (Steam/9,99€)

Autorin: Benja Hiller

Ein Gedanke zu “Spinnortality Review | Eine Wirtschaftsdystopie im Sumpf der Manipulation

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