QUIDDITCH WORLD CUP 2016 FRANKFURT 23.7.-24.7.2016

Das Wochenende.

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Wenn du bei einem Quidditch World Cup das Finale verpasst, ist das wie bei jedem Finale natürlich sehr ärgerlich. Du musst Informationslöcher mit jedem einzelnen Krümel stopfen und zusammensetzen. Im speziellen Fall von Quidditch ist das nicht ganz so einfach. Informationen liegen nicht auf der Straße oder sind den Schreien deiner Nachbarn zu entnehmen. Brauchst du Bildmaterial, musst du warten bis der Stream hochgeladen wurde. Also wartest du bis Montag. Somit gibt es mein Quidditch World Cup Wochenende in Frankfurt ein paar Tage später. Und wie das immer so ist mit dem Verpassen: Es passiert etwas Außergewöhnliches. Aber nun erst einmal von vorne.

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Tag 1

Es ist Samstag früh, sehr sehr früh. Nach über 100 km, einem Kaffee (du trinkst sonst nie Kaffee) und einem geschmierten Brötchen, kommt ihr endlich an der Rebstockanlage in Frankfurt an. Noch ist es frisch und das Eröffnungsspiel zwischen Deutschland und Norwegen läuft bereits. Dies erfährst du auch noch einmal am Eingang und auch, dass wenn du Fragen hast, alle mit einem roten Schlüsselband ansprechbar wären. Schon kurz danach fragst du dich, ob nun auch alle dich ansprechen, weil dein Presseausweisband ebenfalls rot ist.

Ihr sucht euch ein gemütliches Plätzchen am Spielfeldrand und schaut zum aller ersten Mal einem Quidditch-Match zu. Ein schnelles Spiel, was im ersten Moment sehr hektisch und unübersichtlich wirkt. Aber im Laufe des Tages gewöhnst du dich an Spielzüge, Übersicht und Regeln. Gefällt dir gut. Nach drei bis fünf Spielen bist du im Quidditch-Fieber und die Atmosphäre reißt dich mit. Im Gegensatz zu anderen Sportarten fühlst du dich hier wohler und aufgehobener. Gute Spielzüge werden von allen beklatscht und wenn ein_e Spieler_in verletzt ist, gibt es von beiden Teams Beifall, wenn er_sie wieder aufsteht. Die Mannschaften freuen sich am Ende eines Spiels dermaßen den Schnatz gefangen zu haben, dass es ihnen völlig egal ist, ob sie mit den zusätzlichen 30 Punkten überhaupt noch gewinnen können. Oft sogar überschwänglicher, als das eigentlich Gewinner-Team.

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Team UK scheint hier alle Freunde, Bekannte und Supporter in einen riesen Bus gepackt und nach Frankfurt gekarrt zu haben. Sie rufen, klatschen, tanzen, lieben alle und denken sich alle zwei Sekunden neue Gesänge aus. Nicht nur für Team UK, sondern für alle Mannschaften, Helfer_innen, Trainer_innen, Mitreisende und Zuschauer_innen.

Am Ende des Tages erkennst auch du große Klassenunterschiede zwischen den Teams. USA, UK, Kanada, Frankreich und Australien spielen dermaßen flüssig und abgezockt, dass die gegnerischen Teams schon nach wenigen Minuten außer Siegesreichweite sind. Und trotzdem, oder gerade deshalb, gibt es keine Stimmungseinbrüche. Jede_r ist hier vollkommen glücklich überhaupt dabei zu sein. Und so ist es nicht verwunderlich, dass nach dem ersten Tag alle oben Genannten ihre Gruppen souverän gewonnen haben. Nach euren ersten zehn Quidditch-Matches, die ihr live erleben durftet, seid ihr vom Virus infiziert und denkt euch Namen für euer eigenes Team aus. Deine Haut bedankt sich für einen sehr langen Tag an Spielfeldrändern mit einer strahlenden Röte.

 

Tag 2

Der Sonntag beginnt, dank deiner roten Haut und dem Umstand, dass eure vierbeinige Mitbewohnerin mit zum Quidditch kommt, erst mittags. Auch so eine Besonderheit dieser Sportart. Wo können Hunde schon gemütlich zwischen Menschen schlafend am Spielfeldrand liegen und auf das nächste Leckerchen warten? Das Erste, was ihr dann auf der Sportanlage hört, ist, dass Deutschland in einem unglaublich knappen Spiel erneut gegen Norwegen verliert. Dabei sucht ihr euch ein gemütliches schattiges Plätzchen neben dem Zeltlager von Team UK, um euch für die Spiele um Platz fünf und das Halbfinale zu stärken.

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Das Halbfinale zwischen UK und USA ist ein unglaublich intensives Spiel. Hier erkennt man, wie spannend und interessant dieser Sport ist, wenn Teams auf Augenhöhe agieren. Großbritannien rennt, ackert und motiviert sich immer wieder selber. Die Team UK Supporter haben längst alle Zuschauer_innen am Spielfeldrand in ihren Bann gezogen. Um genau zu sein hofft hier die ganze Sportanlage auf die Sensation. Die Unterstützung ist nötig, um auch nur annähernd eine Chance gegen die USA zu haben, die noch nie ein Spiel verloren hat. Auch die Jagd nach dem Schnatz ist Kräfte zehrend, aber am Ende bleibt die Siegesserie der USA ungebrochen. Sie ziehen ins Finale gegen Australien ein, die gegen Kanada gewinnen. Von den UK Fans ertönen anerkennende „USA“ Rufe. Wo bitte wird das gegnerische Team bei einem Sieg gefeiert? Wunderschön. Nach zwei weiteren Spielen um die Plätze und drei Sitzplatzwechseln habt ihr ein geeignetes Örtchen für das Spiel um Rang drei gefunden, das euch zusagt. Du hörst noch Deutschland auf dem Nebenplatz jubeln, die gerade Platz 11 klar gemacht haben, als das „Brooms up“ ertönt. UK will den dritten Platz. Die Kanadier wirken geknickt und nicht ganz bei der Sache, womit sie nach einiger Zeit schon außer Schnatz-Reichweite sind. Also mit den 30 Punkten des gefangenen Schnatzes nicht mehr gewinnen können. Wieder einmal ist die Atmosphäre unglaublich schön, fröhlich und freundschaftlich. Des Öfteren werden deine Augen feucht. In dieser Phase seid ihr euch sicher, gleich nach dem Spiel einen Besen zu kaufen.

Ein langer Kampf um den Schnatz beginnt, denn nur dieser beendet das Spiel. Kanada verteidigt hart und Großbritannien findet nicht das richtige Mittel gegen den Wrestling-Schnatz. Du hast im Laufe des Wochenendes verschiedene Schnatze gesehen und sie in Kategorien aufgeteilt. Es gibt den Scary-Schnatz, der ein Joker-ähnlich bemaltes Gesicht besitzt und sich gerne zu Selfie-Zwecken bereit stellt. Dann gibt es den Jubel-Schnatz, der über das Spielfeld rennt und sich feiern lässt, aber jedes Spiel rasant verliert. Den flinken Schnatz, der wild umher rennt und von den Kommentator_innen „Fairy on Extasy“ genannt wird und eben den Wrestling-Schnatz. Er zeichnet sich durch enorme Standfestigkeit und Abwehrtechnik aus. Die Sucher haben alle Mühe, überhaupt an ihm vorbeizukommen und den am hinteren Bund der Hose befestigten Ball einzufangen. Doch nach unglaublich vielen nicht gegebenen Fängen ist es dann doch passiert. Team UK besetzt den dritten Platz bei der Quidditch WM, den sie zusammen mit ihren Freunden ausgiebig feiern. Ihr müsst auf das Finale verzichten, denn eure vierbeinige Mitbewohnerin mag nicht mehr. Und wenn sich irgendjemand in eurer Familie unwohl fühlt, fahrt ihr nach Hause, egal was noch kommt. Die Besen waren leider schon ausverkauft.

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Tag 3

Der Stream ist endlich hochgeladen. Du bereitest Gemüse mit Quark vor, um das Finale in aller Ruhe am Fernseher zu genießen. Willow Rosenberg begleitet euch dabei und verspricht, nach dem ganzen Quidditch wieder mehr feministische Themen auf Twitter zu veröffentlichen. Die Sympathie für Quidditch-Familie, die dir durch die Genderregel*, die Atmosphäre und die unglaublich liebevolle Art schon ans Herz gewachsen ist, steigt weiter. Von einem oder einer Kommentator_in in einem anderen Sport konntest du diese Aussage bisher nicht wahrnehmen.

Als ihr gestern los musstest, hattet ihr schon geahnt, dass Australien gegen die USA unglaublich intensiv werden würde, waren doch alle Menschen auf der Anlage komplett aus dem Häuschen. Die Stimmung kommt im Stream leider nicht so großartig daher. Dafür erkennt ihr auch bei schlechter Qualität, dass die beidem Teams ein unglaublich werbewirksames Spiel abliefern. Es besitzt eine gute Spielanlagen, tolle Szenen und eine unglaublich hohe Qualität. Bis zum 90:60 für die USA bleibt es eng. Doch Australien, angetrieben von den Menschen am Rande des Spielfeldes, gibt nicht auf und kommt, auch als der Schnatz schon auf dem Spielfeld ist, wieder heran. Es steht 130:120 für die USA. Wer jetzt den Schnatz fängt, gewinnt. Der erste Versuch der USA ist nicht regelkonform. Dies scheint ein Zeichen für Australien, die Gunst der Stunde auszunutzen und schon wenig später befindet sich der Schnatz in der Hand des australischen Suchers. Das Schiedsrichter-Team berät sich zu diesem Zeitpunkt sehr lange, da der Sucher von einem Klatscher getroffen wurde. Doch geschah dies vor oder nach dem Fang des Schnatzes? Der Wurf des Treibers aber ist ungültig, da dieser ebenfalls kurz vorher von einem gegnerischen Treiber getroffen wurde. Somit ist die Sensation perfekt. Das Spiel wird abgepfiffen. Die „Dropbears“ siegen bei dieser WM und die USA verliert zum ersten Mal überhaupt. Sichtlich geknickt sind die Spieler_innen des US Teams, die auch nach der Übergabe der Silbermedaille mit hängenden Köpfen vom Spielfeld schleichen. Waren sonst stets alle fröhlich und fair, überwiegt wohl hier einfach die Enttäuschung. Man mag es ihnen verzeihen, wo sie das Gefühl eines verlorenen Finales so noch nicht kannten.

Ihr aber habt nun ein neues Lieblingsthema für die nächsten Wochen und seid euch sicher, ein paar Menschen überzeugen zu können, mit euch Quidditch zu spielen.

 

 

*besagt, dass bei diesem gemischten Teamsport höchstens vier, später fünf Menschen eines Geschlechts auf dem Platz sein dürfen. Dabei wird die Aussage der Spieler_innen über ihr Geschlecht, im oder abseits des binären Systems, anerkannt.

 

 

 

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