Exo One Review | Odyssee im Weltraum

Wirre Geräusche, fantastische Bilder, fremdartige Welten und Monlithen. Wenn Stanley Kubrick ein Spiel gemacht hätte, es wäre Exo One gewesen.

Es faucht, es flattert und es knallt. Doch plötzlich, Stille! Die kräftigen Sonnenstrahlen lassen deine Augen zusammenzucken. Du wirst langsamer, gleitest auf weißen Kissen vor rosa schimmerndem Horizont. Genießt den Augenblick, der nur kurz anhalten wird. Hier oben ist es so friedlich. Ganz anders als da unten. Dort wo du gerade herkommst. Der Sturm reißt dich immer wieder mit. Lädt zum wilden Tanz der Elemente ein. Regen prasselt auf die Cockpitscheibe. Das umherwirbelnde Geröll klackert an der Boardwand. Doch auch dort unten ist es atemberaubend schön. Stress ist auf dieser Reise ein Fremdwort. Fremder, als es die Planeten auf deiner interstellaren Odyssee je sein könnten. Jede folgende Szenerie faszinierender als die vorherige. Immerzu auf der Suche nach dem nächsten blauen Strahl. Nach dem nächsten Monolithen, der dich tiefer ins Universum katapultiert.

Ein einzigartiges Fluggefühl

Es ist zum Jahrestag des Jupiter-Unglücks, als ein außerirdisches Signal die Baupläne für ein extraterrestrisches Raumschiff sendet. Und natürlich bauen es die Menschen. Exo One, eine Bauart, die hierzulande niemand kennt. Die Schwerkraft ausnutzend, rollt dieses elegante Fluggefährt Hänge und Berge hinab. Holt Schwung, um an der nächsten Kuppe als frisbeeähnliches Objekt in gewaltige Höhen aufsteigen zu können. Die Schallmauer? Nur einen Abhang entfernt. Hinauf in die Unendlichkeit der Planetenatmosphäre. Mit wahnwitziger Geschwindigkeit in Richtung Grund. Eine Achterbahn ohne Gleise. Ein Fluggefühl ohne jegliche Vergleichsmöglichkeiten.

Es rattert, es rauscht und es fiept. Du spürst die Geschwindigkeit. Dein Bauch, er kribbelt. Je schneller, desto atemberaubender. Je höher oder tiefer, desto faszinierender. Begleitet vom feuchten Tau der Wolken. Elegant auf der Wasseroberfläche hüpfend wie ein flacher Stein. Vorbei an den wankenden Wipfeln, hinauf zu den massiven Gipfeln. Egal wo es dich auch hin verschlägt, überall nahezu unberührte Natur. Hin und wieder verziert von wuchtigen Monolithen. Es wird eisig kalt und vulkanig heiß. Du triffst auf Wälder und Meere, auf völlig unbekannte Vegetationsflächen. Unberührt von jeglichen erdenähnlichen Lebewesen. Und auch, wenn dir hier so viele nie gekannte Eindrücke entgegen prasseln, sie wirken unheimlich vertraut. Als hättest du dieses Raumschiff schon immer gesteuert. Als wäre es die natürlichste Bewegung der Welt.

Expedition Exo One

Es ist Jay Weston, der diese Welt als Entwickler mit seinem Development-Studio Exbleative, unter Zuhilfenahme von Dave Kaze, so ausdrucksstark autark kreiert hat. Fünf Jahre lang bastelte er Szenerien, ganze Planeten, in denen du dich mit deinem wundersamen Raumschiff völlig frei fortbewegen kannst. In der die Steuerung des Raumschiffs unmittelbar in Fleisch und Blut übergeht. Eine Bewegung, die einem Rhythmus folgt. Ein Rhythmus, der dir immer zu verstehen gibt, was zu tun ist. Wie ein Baby, das einfach irgendwann anfängt zu krabbeln, steigst du in dieses unbekannte Flugobjekt und fliegst. Wie ein Vogel, der irgendwann einfach fliegt. Exo One ist dein verlängerter Arm ins Universum. Dein maßgeschneidertes Expeditionsschiff.

Und als wäre es mit der perfekten Illusion des unbekümmerten Fluges nicht genug, bastelt Weston Welten, die dir vor schier unglaublicher Atmosphäre die Augen bewässern. So schön die lichtdurchtränkten Wolkenspielchen, so echt die Wassertropfen auf deiner Mattscheibe. Sonnenuntergänge, Lichtspiele, phantastische Himmelsfarben, aufgewühlter Staub und massive Explosionen. Diese Welten, sie leben. Sie besitzen ihre eigenen Gesetze. Und wenn du es nicht besser wüsste, du würdest darauf wetten, dass Weston höchstpersönlich in diesem Raumschiff durchs Universum geflogen ist, um all diese Eindrücke festhalten und in Exo One überführen zu können. Mit Komponist Rhys Lindsay auf dem Sitz des Co-Piloten, der all diese Gefühle, all diese unglaublichen Szenerien in Musikstücken verpackt. Musikstücke, die mit ihren sphärischen Klängen den epischen Erlebnissen innerhalb dieses Universums ihren passenden Ausdruck verleihen.

After-Reisen-Blues

Stanley Kubrick war nicht nur bekannt für perfekt inszenierte Bilder und seine intellektuelle Symbolik. Er war ein Meister im analytischen sezieren verschiedener Genres. Er besaß eine tiefe Liebe zum Medium, die ihn bei seiner Erforschung begleitete. Aus dieser tiefen Beschäftigung mit der Materie nahm er einzelne Parts heraus und setzte sie zu etwas neuem zusammen. Jede Szene bis ins kleinste Detail perfekt vorbereitet und umgesetzt. Die verbrauchte Zeit bei der Arbeit, sie spielte keine Rolle. Erst wenn alles perfekt war, durfte das Werk ans Licht der Öffentlichkeit. Exo One ist ein ebenso perfekt zusammengesetztes Werk. Es nimmt sich kleine Teilchen aus Reisen wie Journey, Flugelemente aus Tiny Wings und die inszenatorische Ausdrucksstärke eines Kubricks und erschafft etwas völlig neues. Eine Reise in einem unbekannten Flugobjekt, die du so noch nie erlebt hast. Mit all seinen wirren Geräuschen und den massiven Monolithen.

Und auch, wenn du entspannt dahingleitest, es sind, ähnlich wie bei Kubrick, die Bilder, die nicht mehr aus deinem Kopf wollen. Die sich aufgrund ihrer visuellen Kraft in deinem Gehirn festfressen. Vom nachhaltigen Eindruck eingelullt. Wie Bilder ansehen nach einer Urlaubsreise in die schönsten Winkel der Erde, die die Menschen noch nicht völlig zerstört haben. Du folgst immerzu diesem hellen Schein. Hang um Hang, Gewässer um Gewässer. Aufwind um Aufwind. Planet um Planet. Dieses Gefühl, dieser Drive, dieser Rausch, er darf niemals enden. Doch hast du einmal diese Reise annähernd verarbeitet, ist da mehr als das. Ein Grundrauschen. Diese wirren Töne. Sie drängen zurück in deinen Kopf und sagen: leg die Bilder mal zur Seite. Da ist noch so viel mehr zu entdecken, als du es jetzt zu glauben vermagst. Die unendliche Weite des Universums, eine Odyssee im Weltraum. Sie wird dich noch lange verfolgen.

9/10 🛸 💨

Developer: Exbleative
Publisher: Future Friends Games
Genre: Weltraum-Adventure, UFO-Exploration-Simulation
Team: Jay Weston (Einzelentwickler), DaveKaze (Hilfe beim Code)
Musik: Rhys Lindsay
Auszeichnungen: Indie Showcase Winner (PAX Melbourne 2019),
Veröffentlichung: 18. November 2021 (Steam, Xbox Series X|S, Xbox One, Xbox GamePass)


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