Time Loader Review | Wenn ich könnte, würde ich alles anders machen

Im Puzzle-Platformer Time Loader von Flazm und META Publishing erlangen wir eine Fähigkeit, nach der sich viele schon einmal gesehnt haben.

„Es geht mir nicht darum, ob Ihr Unternehmen ein Startup oder ein etablierter Großkonzern ist. Ich habe mich auf diese Stelle beworben, weil ich Ihre Vision teile und gerne ein Teil davon sein möchte.” Das sagte ich auf die Frage, ob ich mich bewusst bei einem Startup beworben habe. Allerdings circa 17 Stunden zu spät. Auf dem Klo. Zu mir selbst. Wenn ich doch nur die Zeit zurückdrehen und dem Recruiter diese eloquente und engagierte Antwort geben könnte anstelle eines überforderten „Nö, ist mir eigentlich egal.” Ich kenne solche verspäteten Heureka-Momente vor allem aus Streits oder dem gerade erwähnten Bewerbungsgespräch. In den meisten Fällen sind meine erbärmlichen spontanen Reaktionen, die so viel schlechter sind als alles, was mir im Nachhinein noch einfällt, aber einfach nur ärgerlich. Vielleicht hätte ich den Streit “gewinnen” oder die Stelle bekommen können. Aber hätte das mein Leben nachhaltig verändert? Wahrscheinlich nicht.

In der Mikrowelle zurück ins Jahr 1995

Was aber ist mit Situationen, die alles verändern? Wie cool wäre es, die Zeit zurückdrehen und eben diese Situation so manipulieren zu können, dass alles anders kommt? Im Puzzle-Platformer Time Loader geht es um so ein Dilemma: Als der kleine Adam auf seinem roten Spielzeugauto ausrutscht, fällt er so unglücklich, dass er den Rest seines Lebens im Rollstuhl verbringen muss. Jetzt ist er ein erwachsener Mann. Um dieses schreckliche Unglück seiner Kindheit ungeschehen zu machen, baut der technikbegeisterte Adam eine Zeitmaschine, die stark nach einer umfunktionierten Mikrowelle aussieht. Da er sich selbst in dieser kleinen Maschine nicht in der Zeit zurückbeamen kann, braucht er Unterstützung. Die liefere ich – in Form eines kleinen Roboters mit vier Rädern und einem Greifarm. Ich werde ins Jahr 1995 katapultiert, dem Jahr des Unfalls. Meine Mission: Das rote Spielzeugauto der Verdammnis finden und es zerstören, um Adams Leben in eine andere Richtung zu lenken.

Als ich unsanft in Adams Kinderzimmer lande, muss ich erst einmal meine Einzelteile wieder zusammensuchen. Dann kann es losgehen: Aus der Perspektive des kleinen Roboters sieht alles in Adams Zimmer wahnsinnig groß aus. Actionfiguren, das Jo-Jo, der DeLorean aus Zurück in die Zukunft. Alles steht voll von Relikten einer vergangenen Zeit. Meine Möglichkeiten, mich durch die Berge an Kram, die in so einem Kinderzimmer angehäuft sind, hindurchzukämpfen, sind begrenzt. Ich kann mich nach links und rechts bewegen und springen – allerdings nicht sonderlich hoch. Außerdem habe ich einen Greifarm, mit dem ich kleinere Gegenstände aufnehmen und bei Bedarf durch die Gegend werfen kann. Immerhin haben meine Reifen guten Grip – auch steile Buchrücken komme ich ohne Probleme hinauf. Etwas langsam, aber das macht nichts. Es gibt auf dem Weg ja genug zu Bestaunen. Außerdem kann ich die Zeit gut nutzen, um mich erst einmal mit meiner Steuerung vertraut zu machen.

In Time Loader jagt ein Unglück das nächste

Habe ich das Kinderzimmer verlassen, gilt es, den Rest des Hauses zu erforschen. Recht schnell treffe ich zum ersten Mal auf die Katze des Hauses, die nicht so gut auf mich zu sprechen ist und mir direkt eine zimmert. Also schaue ich mich erstmal im katzenfreien Teil des Hauses um. Allzu lange brauche ich gar nicht, um das rollende rote Ungetüm zu finden und für immer aus Adams Kindheit zu entfernen. Kein Auto, kein Unfall, kein Rollstuhl. Dachte ich. Denn nachdem ich das Spielzeugauto zerstört habe, sehe ich zwar in einer kurzen, handgezeichneten Filmsequenz, dass ich Adams Schicksal verändert habe – allerdings nicht gerade zum Positiven. Nun ist es ein Stromschlag, der ihn vom Dach ins Unglück stürzen lässt, als er versucht, seinen Drachen aus der Dachrinne zu fischen. Also auf in den Keller, um den Stromkasten ausfindig zu machen und das nächste Drama zu verhindern.

So geht das jetzt immer weiter. Habe ich eine Gefahr aus dem Weg geräumt, sehe ich, dass das Schicksal ein anderes Unglück für meinen Erfinder Adam bereithält. Immerhin finde ich auf meinem Weg durch Keller, Wäschekammern und Garagen nützliche Bauteile, mit denen ich meinen Roboterkörper optimieren kann: Größere Reifen, eine kräftigere Sprungfeder, einen längeren Greifarm. Durch meine Selbstoptimierung bekomme ich mehr Möglichkeiten, mich in und um das Haus zu bewegen und alle möglichen Gefahren aus dem Weg zu räumen. Dabei werde ich immer wieder vor neue Rätsel gestellt, die mich ein aufs andere Mal begeistert haben. Nicht alle Rätsel waren besonders schwer, aber jedes einzelne war extrem kreativ. Deshalb hatte ich trotz kleineren Problemen mit der Steuerung, die ein physikbasierter Plattformer nunmal so mit sich bringt, konstant Spaß daran, herauszufinden, was die Entwickler_innen von Flazm sich im nächsten Raum für meinen kleinen Robo-Freund und mich ausgedacht haben.

Herausfordernde Steuerung und kreative Rätsel

Seien es kleine Magnete, die ich als Gewicht nutzen und mithilfe meines Greifarms an eine bewegliche Pinnwand werfen muss, um den Weg frei zu machen, oder ein Bobbycar, dass ich seeehr langsam und mühselig von einer Ecke in die andere schiebe. Manchmal war ich genervt von der Trägheit des Roboters oder dem Sprung auf eine Plattform, der immer wieder misslang. Aber am Ende haben mich die kreativen Lösungsideen, die Time Loader bereithielt, meist entschädigt. Und auch die Story, die sich im Laufe des Puzzle-Platformers durchaus dramatisch entwickelt, konnte mich fesseln. Ich habe den Ehrgeiz entwickelt, herauszufinden, ob ich die Zukunft vielleicht doch noch zum Positiven verändern kann. Und zwischendurch infrage gestellt, ob ich überhaupt in der Vergangenheit rumpfuschen sollte. Denn mit jedem Detail, das ich ändere, setze ich eine neue, unberechenbare Kette an Ereignissen in Gang. 

Mit den Entscheidungen, die ich in Time Loader getroffen habe, habe ich eines von mehreren möglichen Enden freigespielt. Jetzt habe ich die Möglichkeit, noch einmal in die  verschiedenen Kapitel hineinzuspringen und die Vergangenheit auf eine andere Weise zu beeinflussen. Ob ich alles besser mache oder sich die Dinge zu viel Schlimmerem verändern? Das weiß ich im Vorhinein leider nie. 

7/10 🤖😾

Developer: Flazm
Publisher:  META Publishing
Genre: Puzzle-Platformer
Team: Alexey Davydov (Producer), Sergey Marchenko (Programmer), Anton Antsiferov (Game Designer), Sergey Dvoynikov (Programmer), Timofey Shargorodskiy (Artist, 3D Modeller),
Musik: Alexey Nechaev
Auszeichnungen: Best Level Design (Unfold Games Award 2021), Best Gameplay (Games Gathering 2020)
Veröffentlichung: 3. November 2021 (Steam, Epic Games Store, GOG)


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