Chicory: A Colorful Tale Review | Drück der Welt deine Farbe auf

In Chicory: A Colorful Tale durfte ich nach Herzenslust malen. Unter der quirligen Fassade steckt ein tiefgründiges Abenteuer.

Kennt ihr das Gefühl, wenn es regnet und ihr unbeschwert durch Pfützen springt? Das Wasser spritzt eure Hosen nass, ihr trieft von oben bis unten, eure Schuhe sind durchtränkt bis auf eure Socken – und ihr fühlt euch großartig! Es ist das pure Glück, was ich spüre, eine unbekümmerte, kindliche Freiheit. Zu tun, was immer ich will. Ich kann mich austoben und danach, wenn ich erschöpft bin, stellt sich Zufriedenheit und ein Sättegefühl ein, das nichts mit Hunger zu tun hat. Vielleicht habt ihr dieses Gefühl auch an anderer Stelle erlebt. Wenn ihr mit Kreide die Straße bemalt habt und später durch die imaginären Welten gehüpft seid, stets bedacht, eure sorgfältig gezeichneten Wunderwälder nicht zu zerstören. Oder wenn ihr mit Fingerfarben die Fensterscheibe im Wohnzimmer verziert habt, weil die sommerlichen Sonnenstrahlen sie so schön zum Leuchten bringen und bunte Muster auf den Teppich malen.

Wenn ihr das erlebt habt, so schätzt euch glücklich. Solche Erinnerungen sind kostbare Schätze, die ihr ab und zu hervorholen und daran schnuppern könnt. Wenn nicht, gibt es immer noch Chicory: A Colorful Tale. Darin könnt ihr eurem künstlerischen Drang freien Lauf lassen, ob ihr nun begabt oder (wie ich) völlig talentfrei seid. Dieses quietschbunte RPG ist eure Leinwand, auf der ihr nach Herzenslust malen und radieren könnt. Ich könnte Stunden damit verbringen, auf jeden Bildschirm kleine Details mit der Farbe auszumalen, die mir gerade gegeben ist. So viele knorrige Bäume, pralle Pilze und knuffige Häuschen warten darauf, von mir mit Farbe bekleckst zu werden. Und ob ich nun wild über den Bildschirm pinsele, einzelne Details ausfülle oder direkt die ganze Leinwand mit Farbe fülle, das bleibt mir überlassen. Mehr denn ein Werkzeug ist der Pinsel mein Ausdruckstanz.

Ein Hund namens Porridge

Aber wie kommt es überhaupt, dass ich den Pinsel schwinge, und wer bin ich überhaupt? Darf ich vorstellen? Porridge. Ich bin ein kleiner, überdrehter Hund mit einem großen Herz und sehr viel Bewunderung für meine Meisterin, Chicorée. Lange Zeit habe ich ihr Haus gewischt, doch eines Tages hat sie ihr Zimmer nicht mehr verlassen, und da dachte ich… Ich dachte, ich könne mir den Pinsel einfach mal schnappen. Ist eigentlich nicht erlaubt, immerhin gehört er zu Chicorée. Aber ich bin einfach losgezogen, den überdimensionalen Quast unter dem Arm, in die Welt hinaus. Genauer gesagt in meine Heimat, die Picknick-Provinz, in der alles nach leckerem Essen benannt ist – sogar die Bewohner_innen. Allerdings ist diese Welt nicht so bunt, wie sie einst war. Etwas hat sie ihrer Schönheit beraubt und saugt mit der Farbe auch das Leben heraus. Und jetzt stehe ich da mit dem Pinsel, und muss plötzlich Chicorées Fußstapfen füllen.

Meine Mentorin Chicorée ist ein Farbenkind, ein besonders talentiertes Wesen, das den magischen Pinsel schwingen darf. Damit vollbringt sie wahre Wunder, die der ganzen Picknick-Provinz das Überleben sichern. Es klingt so einfach, ist aber eigentlich eine große Verantwortung, die ich in meiner Unbekümmertheit gar nicht wahrnehme. Erst, als ich auf Brombeere treffe, wird mir einiges klar. Sie ist Chicorées Mentorin, eine Lichtgestalt, und gar nicht glücklich mit meiner Arbeit. Ich bin nicht würdig den Pinsel zu schwingen. Das versetzt meiner Begeisterung einen Dämpfer. Ich bin doch nur Porridge, und nun soll ich plötzlich Verantwortung für das Glück aller übernehmen? Eine Aufgabe für wahre Held_innen, möchte man meinen. Doch ich bin keine Heldin, sondern nur ein Springinsfeld, nie richtig erwachsen geworden. Bin ich der neuen Aufgabe, die schier übermächtig scheint, gewachsen?

Chicory: A Colorful Tale ist auch die Geschichte von Lehrerin und Schüler_in

Und so ist meine Reise auch das Wachsen an Herausforderungen. In jedem Gespräch lerne ich dazu. Alle Tiere, denen ich begegne, haben eine Geschichte, die sie mit mir teilen möchten. Es sind zu viele, um hier alle zu nennen, aber jede_r einzelne freut sich über mein Erscheinen. Da ist auch Skepsis, ich bin schließlich noch ein junger Hüpfer, aber die Hoffnung überwiegt. Es lastet schwer auf meinen Schultern, dass alle ihre Hoffnungen ausgerechnet in mich legen. Aber wenn Chicorée an mich glaubt, kann ich das schaffen, nicht wahr? Schließlich ist sie mein großes Vorbild. Ich schaue zu ihr auf, sie wird schon wissen, was zu tun ist. Wenn sie mir den Weg weist, muss ich ihn selbst nicht finden. So zumindest stellt es sich Porridge anfangs dar, doch mir als Spielerin kommen schnell die Zweifel.

Wäre es doch nur so einfach, denke ich, als ich Porridge durch einen der weit verzweigten Tempelanlagen lenke und simple Puzzles löse. Ich muss einfach nur daran glauben, dann erreiche ich trotz aller Hindernisse mein Ziel, Happy End. Aber natürlich muss ich meinen eigenen Weg finden. Denn Chicory: A Colorful Tale ist keine simple Heldenreise. Natürlich lerne ich unterwegs dazu. Ich gewinne neue Fähigkeiten, kann beispielsweise in meiner Farbe durch kleine Spalten witschen oder mit einem beherzten Purzelbaum kleine Abgründe überwinden. Ich finde neue Accessoires, kleide mich ständig neu ein, schalte neue Pinselmuster frei und erweitere so meine Palette an Kunstwerken. Aber Porridge ist ein von Selbstzweifeln und Unsicherheiten geplagter Charakter, der statt von unbeirrbarer Motivation von unerschöpflicher Kreativität angetrieben wird. Ich finde mich selbst in meinem Protagonisten wieder, dessen Entsetzen ebenso unerschütterlich ist wie seine Begeisterung.

Überquellende Emotionen, wild auf der Leinwand verschmiert

Oder sagen wir erschütternd, denn Emotionen transportieren die Dialoge mithilfe tanzender Buchstaben, der Schriftart und (wenn es ganz dicke kommt) mithilfe eines wackelnden Bildschirms. Porridge ist eine enorm ausdrucksstarke und süße Figur, und ich werde nicht müde, den endlosen Dialogen zu lauschen, die ich mit den Bewohner_innen führen darf. Es ist nicht nur meine Hauptaufgabe, die Rettung der Picknick-Provinz, sondern es sind vor allem die vielen kleinen Nebentätigkeiten, die meiner Reise wirklich Leben einhauchen. Ich liebe es, für Ladenbesitzer_innen neue Designs zu entwerfen und bade in der Begeisterung der Kundschaft über mein zugegebenermaßen eher stümperhaftes Design. Ich bin wieder das Kind, das mit den Fingern in der Farbe rührt und dann die ganze Hand auf den Papierbogen klatscht. Nichts ist zu schlecht, und alles trägt meine Handschrift. Als frischgebackenes Farbenkind habe ich meinen Fanclub stets auf den Fersen.

Nicht unwesentlich zu meinem kindlichen Spaß trägt die Musik von Lena Raine bei, die bereits Celeste und Minecraft nachhaltig vertont hat. Jedes der Stücke sprüht vor Lebendigkeit und Fröhlichkeit, sogar die etwas düstereren sind noch mitreißend. Mehr als einmal wollte ich eine Region gar nicht verlassen, weil mir die Musik so gut gefallen hat. Ohrwurmalarm und Anwärter auf einen Platz in den Soundtracks des Jahres (auch wenn es da sehr eng werden dürfte)! Aber zurück zur Picknick-Provinz, die mir rollenspieltypisch offensteht. Sie wird mit jeder Fähigkeit etwas größer, bleibt jedoch um dem Mittelpunkt Mittagsmahl stabil verankert, wo Porridge wohnt. Dadurch fühlen sich neue Gebiete nicht ganz so überwältigend an, und kleine Abkürzungen erleichtern das Leben erheblich. So bin ich in Handumdrehen über die halbe Karte gewitscht, wenn ich wieder einen Botengang erledigen möchte.

Deinen Weg du erst finden musst, junger Padahund

Chicory: A Colorful Tale ist eine Geschichte über die Überwindung der inneren Ängste. Der größte Feind lauert in uns selbst, wir stehen uns selbst am meisten im Weg. Ich habe viele meiner eigenen Zweifel in Porridge wiedergefunden. Chicorée hat auch mir als Mentorin zur Seite gestanden, die nicht Obi-Wan-perfekt ist, sondern mit den gleichen Makeln zu kämpfen hat wie ich. Selbst das Böse verändert ständig seine Gestalt und dient als Spiegel meines fragilen Seelenheils. Wie kaum ein anderes Spiel steht Porridge weniger als Held_in im Vordergrund, sondern vielmehr als Repräsentant_in von Jedermann/-frau. Der Pinsel, ursprünglich gedacht als mächtiges Werkzeug, wird zum goldenen Zepter der Verantwortung, dessen Gewicht schwer auf meinen Schultern lastet. Ich zweifle mit Porrdige: an mir, am Pinsel, an meinen Vorbildern. Und stelle mich meinen Zweifeln wiederholt im Kampf.

Chicory: A Colorful Tale ist so unfassbar motivierend, ich möchte gar nicht aufhören. Tue ich auch nicht. Nach Ende der Erzählung gibt es noch viel zu tun: Müll einsammeln und gegen Items eintauschen, Klamotten sammeln, Pinselstile entdecken, die Galerie der alten Meister mit eigenen Verunstaltungen schmücken… So viele Orte, die noch mehr Farben brauchen, so viele Bewohner_innen, die noch ihre kleinen Anliegen an mich richten, und so viele Möglichkeiten, mich auszutoben. Nach den gut zwölf Stunden Spielzeit, die der Storydurchlauf braucht, bin ich der Welt und ihrer Wunder noch immer nicht überdrüssig. Das kleine Team rund um Director Greg Lobanov, das sich unter der Fittiche von Finji befindet, hat diesmal wirklich ein kleines Kunstwerk erschaffen – oder sagen wir, es hat mir eine Leinwand geboten. Ich war endlich wieder Kind, Entdeckerin, Künstlerin, Heldin und irgendwie doch ich selbst.

9/10 🖌️🌈

Developer: Greg Lobanov
Publisher: Finji
Genre: Adventure, RPG
Team: Greg Lobanov (Director), Em Halberstadt (Sound Design), Alexis Dean-Jones (Art), Madeline Madeline Berger (Art)
Music: Lena Raine
Veröffentlichung: 10.6.21 (Steam, PS5, PS4)


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