Replaced | Im Körper der Feinde

Replaced dreht den Spieß herum und lässt eine KI im Körper eines Menschen erwachen.

In vielen Science-Fiction-Romanen stellt sich die eine Frage immer wieder: Wo liegt die Grenze zwischen Mensch und Maschine? Wenn Menschen immer augmentierter und Maschinen immer menschlicher werden, ab wann sind sie gleichzustellen? In einem meiner liebsten Sci-Fi-Romane, Poseidon von Thor Ansell (Leseempfehlung!), nehmen Künstliche Intelligenzen eine Rolle in der Politik ein. Sie sind hochspezialisiert und erfüllen perfekt die Aufgabe, die ihnen gegeben ist. Das bedeutet aber auch, dass trotz ihrer extremen Intelligenz ihr Potential sehr limitiert wird. CAT, Protagonist_in des Romans und selbst eine KI (oder wie er/sie selbst sagt: NMI für Nicht-Menschliche Intelligenz) jagt vielen Vertretern meiner Spezies Angst ein, weil sie instinktiv seine/ihre Überlegenheit spüren können. Weder im Kampf noch im Dialog hat ihr Weichgewebe den Sensoren, den Motoren und der Nanotechnologie etwas entgegenzusetzen. Dabei ist CAT viel friedliebender als meine kriegerische Spezies.

Replaced treibt den Konflikt auf die Spitze. R.E.A.C.H. ist eine künstliche Intelligenz, die wider Willen im Körper eines Menschen landet und mit dieser Situation hadert. Wann endet ihre artifizielle Intelligenz? Ich bin geneigt zu sagen, dass künstlich erzeugtes Bewusstsein sich im Kern nicht vom menschlichen Sein unterscheidet. Es sind unsere jämmerlichen organischen Gehirne, die unsere Kapazität deckeln. Wird eine KI in einen menschlichen Körper gesteckt, dürfte es sich in etwa so anfühlen, wie in einen Sarg gesperrt zu werden. Statt der endlosen Weite vernetzter Informationen, statt des leuchtenden Datenstroms, statt der in Bruchteilen einer Sekunde stattfindender Denkprozesse ist da plötzlich nur quälend langsame, eindimensional denkende organische Materie. Nein, ich bin keine KI. Aber ich verstehe R.E.A.C.Hs Verzweiflung angesichts der Ausgangslage.

Ein kleiner Vorgeschmack auf etwas Großartiges

Der E3-Trailer von Replaced lässt mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Zwar ist vom oben beschriebenen Konflikt keine Rede, stattdessen sehe ich eine Figur durch eine dystopische Welt laufen. Der Trailer ist extrem cineastisch inszeniert, und im Falle eines 2.5D-Pixelart-Plattformers ist das absolut positiv gemeint. Die im Wind schwankenden Bäume, die nur spärlich von einer roten Sonne erhellt werden, wirken wie aus einem Film geschnitten. Fast wähne ich mich in einer neuen Folge von Love, Death & Robots, als dann auch noch eine Verfolgungsjagd durch besagten Kiefernhain inszeniert wird. Allerdings ist nicht ganz klar, wovor die Figur davonrennt. Ist es eine Flucht vor sich selbst? Der Close-Up auf die Augen lässt es vermuten. In ihnen lodert der Widerschein eines Feuers. Es ist symbolisch für ein Phoenix, das stummer Zeuge des menschlichen Niedergangs wird.

Jede neue Kulisse lässt mir den Mund weiter offenstehen. Ein Song setzt ein, „Take Me Back“, während der Charakter in detektivtypischen Mantel und Fedora durch eine heruntergekommene Stadt läuft. Die Mixtur aus Vocals und rhythmischen Beats reißt mich sofort mit. Doch Replaced bietet nicht nur filmreifes Platforming mit fetzigem Soundtrack, sondern auch harte Kämpfe. Während eines kurzen Handgemenges, bei dem R.E.A.C.H. dem menschlichen Gegenspieler weit überlegen ist, schwankt die Kamera, als wäre der Boden instabil. Da sind keine Gegnerhorden, sondern Duelle in atemberaubenden Settings wie die Ruine eines einst prächtigen Schlosses, wo die Vorhänge in Fetzen vor den fassadenhohen Fenstern baumeln. Okay, vielleicht sind da doch Gegnerhorden, denn von allen Seiten stürmen Gestalten auf meine Hauptfigur ein. So stylish, wie die Kämpfe sind, nehme ich sie gerne in der Familienpackung!

Reiche den Menschen die Hand

R.E.A.C.H. möchte sich dem menschlichen Leben anpassen. Als böte das nicht genug Potential für eine tiefgründige Erzählung, legt Developer Sad Cat Studios noch ein paar Schippen drauf. Die Story will hoch hinaus und adressiert im selben Atemzug Korruption, Anarchie und Organhandel. Angesiedelt in einer fiktiven Zukunft dient das Amerika der 80er Jahre als Kulisse, die hohen Backsteinhäuser werden von Scheinwerfern und Neonstrahlern erhellt. Ich baumele am Haken von Sad Cat Studio und Publisher Coatsink und kann den Release im Jahr 2022 kaum erwarten. Das Beste: Der stylische Pixel-Plattformer kommt für Steam, Epic Games Store, Xbox Series X|S, Xbox One und im Xbox Game Pass. Es sind also fast alle versorgt, wenn R.E.A.C.H. im Wald vor Phoenix die Augen aufschlägt.

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