Rain on your Parade Review | Schadenfrohe Wolke auf großer Reise

In Rain on your Parade stellt eine kleine Wolke allen möglichen Schabernack an und findet dabei unerwartete Freunde.

Großeltern erzählen gern Geschichten, das ist allgemein bekannt. Nina und Malte könnten sich an dieser Stelle bestimmt an die eine oder andere Anekdote erinnern, wie ihre Opas ihnen das Ohr abgekaut haben. Solche Geschichten haben uns als Kinder wahrscheinlich eher gelangweilt, die vermittelte Lebenserfahrung war an uns wohl verschwendet. Der Junge in Rain on your Parade jedoch hört seinem Großvater gebannt zu. Dieser erzählt dem Enkel von einer Regenwolke, die auszog, um die Welt zu erkunden. Dahinter verbirgt sich anschließend keine komplexe Story oder höhere Moral. Unbound Creations zelebrieren mit ihrer schadenfrohen Wolke einfach den puren Spielspaß.

Dieses Kerlchen macht euch nass!

Ganz ehrlich, zum Zeitpunkt des Reviews habe ich schon ganz vergessen, warum das Wölkchen überhaupt auf diese abwechslungsreiche Reise ging. Vielleicht steht das repräsentativ für ein Spielerlebnis, in dem mir keine Plottwists und tiefen Charakterentwicklungen vorgesetzt wurden, in dem es keinen Fortschritt um des Fortschritts Willens gibt. Möglicherweise dachte sich der Gechichtenopa auch einfach: „Hey, lass mal von einer Wolke erzählen!“. Sowieso habe ich nie beim Spielen über die übergreifende Handlung nachgedacht, dafür war ich viel zu sehr vertieft in den sich im Minutentakt abwechselnden Szenarios. Von idyllischen Camping Trips, über Großraumbüros, bis hin zum verschneiten Städtchen, Rain on your Parade schmeißt uns in jedem neuen Level in eine andere Umgebung. Selbst das Ziel der unterschiedlichen Abschnitte ist ständig ein anderes.

Doch was treibt unsere Wolke überhaupt in die diversen Gebiete? Die kurze Antwort: Sie regnet Menschen nass und löst einfache Puzzles. Die lange Antwort: Sie erweckt Zombies zum Leben, löscht Feuer, sperrt Kund_innen eines Restaurants ohne Licht im Klo ein, spielt Arkanoid und tritt im Fernsehen auf. Dabei ist es so simpel: wir greifen im gesamten Verlauf der Reise auf nur vier Dinge zurück. Erstens: die Wolke nimmt Flüssigkeit auf und lässt es regnen. Der Klassiker unter den Wolkenmoves. Ob es sich dabei um Wasser, Farbe, Öl oder nuklearen Abfall handelt, ist im Prinzip egal. Zweitens: Wölkchen lässt es blitzen. Denken die Passant_innen, sie seien sicher, sprengt ein gut gezielter Blitzschlag die Regenschirme einfach weg! Drittens: Eisige Schneeschauer machen den Untergrund rutschig und fangen Bösewichte in Schneekugeln ein. Du wirst doch nicht das Auto in die Busstation schlittern lassen? Und letztendlich: Die Windhose, die absolutes Chaos erzeugt.

Regenwetter mit Freund_innen und einem Feind

Rain on your Parade ist eines der kurzweiligsten Spiele, die ich seit längerem ausprobieren durfte. Wichtig ist dabei, dass der Spaß, den die Entwickler_innen beim Ausdenken der Level hatten für uns Spieler_innen greifbar wird. Alleine schon die massenhaften Anspielungen und Hommagen, die in Verbindung mit der Wolke herrlich skurril wirken. Während wir uns in einem von Metal Gear Solid inspiriertem Abschnitt an Wachen vorbeischleichen, um eine geheime Antiwolken-Waffe zu neutralisieren, spielen wir einige Level später Arkanoid. Sogar eine Survival-Horror Passage wurde eingebaut, doch wie unser Mentor die Opa-Wolke betont: Niemand wird in Rain on your Parade verletzt, schließlich geht es um die Altersfreigabe. Die vierte Wand wird sowieso ständig durchbrochen. Der Wurm, der uns zum Melden von Bugs animieren will, findet es zum Beispiel schade, dass er nur einen einzigen Auftritt hat. So lernen wir weder seine Liebe zu griechischer Architektur noch seinen selbstgebackenen Walnussstollen kennen. Schade aber auch!

Noch mehr mentale Unterstützung bekommen wir von einer freundlichen Oma, der wir unter anderem im Supermarkt helfen, 200 Produkte mit einer Windhose in den Einkaufswagen zu befördern. Wenigstens müssen wir den Einkauf am Ende nicht bezahlen. Mein persönlicher Favorit ist der Influencer Frosch, den wir vor einer Horde Follower beschützen müssen, die ihn belagern. Aber auch einen unfreundlichen Zeitgenossen treffen wir immer wieder, den reimenden Dr. Nasshass. Seine Abneigung gegen Flüssigkeit und Regen im Besonderen liegt in seiner Kindheit begründet: „Als ich zwölf war, nahm ich ein Bad. Was mir gar nicht gut tat“. Das Bad war offenbar besonders traumatisch, denn der gute Doktor belästigt uns immer wieder mit Lasergeschützen und Raketentürmen. Aber so leicht gibt die Wolke nicht auf.

Vereist den Wettermann in Rain on your Parade

Kleine Umgebungsrätsel werden uns auch noch vergönnt. Erstmal wusste ich nicht, wie ich denn die Kamera bedienen und den Wetterbericht verkünden sollte. Doch nach eingehender Zerstörung des Wetterstudios und nachdem ich Wetter-Dan, dem extra generischen Wettermann, in einer Lawine die Stufen heruntersausen habe lassen, kam ich auf die Lösung. Besonders anspruchsvoll wird es nie, doch die Interaktivität auszureizen und möglicherweise versteckte Missionsziele durch wildes Experimentieren zu entdecken, unterhält köstlich. Als Draufgabe gibt es bei maximaler Punktezahl noch neue Requisiten und Hüte für den Wolkerich spendiert. Bandana und E-Gitarre – die bei jedem Regenguss aufschreit – ist nur eine der etlichen Kombinationen. Wie sagt unser Mentor, der Großvater der Wolken, so schön: Mikrotransaktionen gibt es hier nicht. Alles muss man selbst freispielen, wie in den guten alten Zeiten.

Wisst ihr noch, als ich einleitend geschrieben habe, ich wüsste nicht mehr, warum die Wolke überhaupt losgezogen ist? Mir ist es während des Schreibens wieder eingefallen: Sie wollte nach Seattle! Logisch, da ist es bekanntermaßen sehr regnerisch. Ist aber ehrlich gesagt auch halb so wichtig, denn der Spielspaß während des Wegs ist das Ziel in Rain on your Parade. Die arcadige Wolkenaction war so quietschvergnügtes Spiel, dass ich kaum gemerkt habe wie die Zeit verging. Zwischen den abwechslungsreichen Leveln, die mich auf zig verschiedene Miniabenteuer einluden, blieb kaum ein Moment, in dem ich mich nicht kindisch gefreut habe. Und seien wir mal ehrlich. In welchem Spiel kommen sonst so viele Omas und Opas vor? Ein Fest für unsere Redaktion!

8/10 🌧️

Developer/Publisher: Unbound Creations
Genre: Slapstick-Comedyspiel
Team: Jakub Kasztalski, Emmy Toyonaga, Dane Wheaton, Joe Ruotolo, Eli Montoya
Auszeichnungen: The Big Indie Pitch Winner, GDEX 2020 Best in Show: Most Innovative (Nomination)
Veröffentlichung: 15. April 2021 (Steam, Switch, Xbox Series X|S Xbox One)

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