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Fate of Kai Review | Ursache und Wirkung

Ohne dich ist diese Geschichte zum Scheitern verurteilt. Der Visual Novel Puzzler Fate of Kai funktioniert nur mit dir.

„Mach das nicht!” Vor lauter Wut schüttle ich das Heft in meiner Hängematte liegend wild hin und her. „Wie kann er nur? Ist doch klar, dass das passiert!“ Unverständnis breitet sich aus. Ich bin wütend. So wütend sogar, dass ich geradewegs aus meiner gemütlichen Lage aufstehen würde, um eine Schere zu holen. Eine Schere, um den Gedankengang des Protagonisten aus seiner Denkblase zu schneiden. „Das muss doch cleverer gehen!“

Doch ich stehe nicht auf. Es wird nichts ändern. Außer, dass meine Ausgabe des geliebten Comics ein Loch auf einer bestimmten Seite haben wird. Der Protagonist macht eh was er will. Oder, er macht das, was die Autor_innen wollen. Zum Glück gibt es aber inzwischen Visual Novels, die uns den Weg der Hauptfiguren entscheiden lassen, richtig? Fate of Kai geht in seinem Comic Panel Gewand sogar soweit, dass die Gedanken ausgetauscht und damit die folgenden Handlungen geändert werden können. Frei macht mich das in meiner Entscheidung aber trotzdem nicht.

Mein Schatz

Auch wenn du in Trylight Game Studios Version allerhand alternative Wege erleben kannst, gar erleben musst, der eigentliche Weg ist vorgegeben. Das liegt zum einen an der Auslegung als Puzzlers, in dem die Gedanken der Figuren im Comic so verändert werden müssen, dass du durch das Kapitel kommst. Anderseits an der eigentlichen Erzählung. Denn damit die am Ende so richtig scheinen kann, braucht es einen vorgezeichneten Weg. In Fate of Kai hat mich das weniger zermürbt als in meiner Hängematte liegend. Einfach aus dem Grund, weil mir die Illusion gegeben wurde, ich hätte tatsächlich Einfluss auf die Geschichte. Paradox, nicht wahr? Und eigentlich habe ich das auch. Nur nicht so, wie zu Anfang gedacht.

Zu Beginn der Story erwacht Protagonist Kai auf einem sommerlich blühenden Sonnenblumenfeld. Nach kurzer Erkundung trifft er auf ein kleines hungriges Wesen, das, anstatt weiter zu mümmeln, lieber vor ihm flüchtet, den guten Kai aber somit direkt zu einem noch wertvoller scheinenden Schatz führt – eine mysteriöse Schatzruhe. Doch zum Öffnen kommt es erst gar nicht. Denn die Schatztruhe bindet ihn mit einer Fessel an sich und unterbreitet eine unmissverständliche Anweisung: Truhe –> Schloss. Und wer will schon sein Leben lang mit solch einer Schatztruhe umherlaufen. Das Problem ist ja nicht nur, dass die wahrscheinlich echt schwer und unhandlich ist, sondern auch beim aus- und anziehen unglaublich stört. Kai bleibt also nichts anderes übrig, als diese Kiste ins Schloss zu bringen und dabei allen Gefahren aus dem Weg zu gehen.

Durch Fate of Kai blättert es sich wahrlich angenehm

Fate of Kai findet innerhalb eines interaktiven Buches statt, in dem du Seite um Seite voranschreitest – manchmal aber auch zurück, parallel zur eigentlichen Erzählung oder in der Zeit versetzt. Das klingt wilder als es ist. Auf jeder Seite ist der Lauf der Geschichte in farbenfrohen Comic Panels handgemalt vorgezeichnet. Die Visual Novel kommt dabei gänzlich ohne Dialogoptionen aus, lediglich eine Einleitung zu jedem Kapitel und die Denkblasen der Charaktere tragen Wörter. Letztere sind zumeist äußerst griffige Anweisungen wie „renn“ oder „spring“. Hier ist Kai auf dich angewiesen, denn ohne deinen Gehirnschmalz wird sein Abenteuer schnell ein Ende finden. Ohne beispielsweise das „schnappe“ direkt zum Eingang der Geschichte in die passende Denkblase einzusetzen, endet die Geschichte hier sofort wieder, weil Kai der Kiste keine Beachtung schenkt. So pflanzt der Puzzler ebenfalls kleine Tipps in seine vorübergehenden Enden, die dir eine gewisse Ahnung davon vermitteln, was hier eigentlich zu tun ist.

Was zu Anfang noch recht simpel erscheint, steigert sich im Laufe des Abenteuers zu recht kniffligen Rätselpassagen, in denen mehrere Aktionen und sogar Enden von Nöten sind, um die Kiste in seinen insgesamt sieben Kapiteln jeweils eines weitertragen zu können. Du schnappst dir einen Gedankengang aus dieser weiterführenden Handlung und setzt ihn weiter vorne wieder ein oder eben in einer parallel oder in der Zeit versetzten Szene, um Gegebenheiten für dich zum positiven ändern zu können. Mit Achtsamkeit und akribischer Bildanalyse ist das dank vieler Hinweise innerhalb der Variationen der Kapitel zumeist mit logischer Schlussfolgerung gut zu meistern. Richtig knifflig wird es oft nur, wenn du irgendetwas übersehen hast, Hinweisen im Bild keine Beachtung schenkst oder Möglichkeiten noch nicht durchforstet hast. Am Ende eines Kapitels und der Auflösung des integrierten Puzzles erzeugte das bei mir jedoch immer ein, „ganz schön pfiffig!“

Von Puzzeln und Erkenntnissen

Genau hier kann Fate of Kai mit seinem cleveren Puzzledesign für so viel Zufriedenheit sorgen, dass diese dich über die wenigen hartnäckigeren Passagen locker flockig hinwegträgt. Denn auch in denen kommt dir an irgendeinem Punkt immer ein, „achso, das hab ich übersehen, logisch“ über die Lippen. Trylight Game Studio erschaffen unter der Leitung von Tomas Lacerra innerhalb der Erzählung eine vollkommen stimmige, plausible Konsequenz. Deine – durch das einsetzen und vertauschen von Gedankengängen in Gang gesetzten – Aktionen sind zumeist genau eines: ein absoluter Wohlgenuss. Und vor allem haben sie genau eine Folge: du erlebst hier nicht nur durch hohe Aufmerksamkeit eine Geschichte, du gestaltest sie aktiv mit. Auch wenn das Ende nicht abzuändern ist. Ohne dich wird es Kai niemals schaffen. In dem virtuellen Buch Fate of Kai hin und her zu Blättern, nach Möglichkeiten zu suchen und weitreichende Handlungsstränge in Gang zu setzen unterhält auf eine erfrischende, unverbrauchte Art.

Dabei trägt die Kompaktheit der Kapitel und des gesamten Spielerlebnisses durchaus zum Genuss bei. Grenzt aber auch Abschnitte und Szenen gleichzeitig puzzlekonform ein, um dich nicht gänzlich zu überfordern. Und bevor du jetzt erregt vor deinem Bildschirm sitzt, um mir zu sagen, aber Benja, ist eine Geschichte, in der ein Junge mit Schatztruhe in der Hand sich auf den Weg zu einem Schloss macht, nicht unglaublich fad? Halte ein! Nicht nur sind die gestalteten Szenen unglaublich putzig anzuschauen, das Puzzlesystem zufriedenstellend und die Musik in einem angenehm begleitenden Ton perfekt puzzleunterstützend. Fate of Kai trägt auch ganz schön viel Meta auf seinen Schultern. Aber das darfst du bei einer Spielzeit, die sich zwischen 20 Minuten und einer knappen Stunde (je nach Denk- und Spielgeschwindigkeit) einpendelt, gerne selbst herausfinden. So viel sei aber gesagt, ein zweiter Spieldurchgang mit neu erlangtem Wissen scheint mir eine gute Idee zu sein.

8/10 🌻 🏰

Developer: Trylight Game Studio
Publisher: TheGamePublisher.com
Genre: Puzzler, Visual Novel
Team: Tomas Lacerra (Game Designer, Programmer, Co-Narrative Designer), Ariel Surijon (Illustrator, UI Designer), Mauricio Grinspun (Co-Narrative Designer), Guido Mastrangelo (SoundDesigner)
Musik: Guido Mastrangelo
Auszeichnungen: Winner Humble Bundle Award (EVA 2019), Winner Press Award (EVA 2019), Winner MPVP (EVA 2018), Winner Best Mobile Game (Awesome Games Awards 2019)
Veröffentlichung: 19. März 2021 (Steam)

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