Review

TOHU Review | Altbekannte Rätsel in märchenhaftem Gewand

Echten Rätsel-Cracks wird das Point-and-Click-Adventure TOHU sicher nur ein müdes Lächeln abringen – Spaß macht’s trotzdem.

Sachen schnell wieder zu vergessen ist Fluch und Segen zugleich. Mein Gehirn schwankt irgendwo zwischen Sieb und Elefant – je nach Themenbereich. Ich würde zum Beispiel jetzt einen schlanken Hunni darauf verwetten, dass ich auf dem Sterbebett immer noch in der Lage sein werde, die Abkürzung von Stefan Raabs längst in Vergessenheit geratener Castingshow fehlerfrei zu zitieren: SSDSDSSWEMUGABRTLAD (Stefan sucht den Superstar, der singen soll, was er möchte und gerne auch bei RTL auftreten darf). Wenn ich morgen Titanic gucke, kriege ich aber möglicherweise einen gehörigen Schock. Ein Eisberg? Ernsthaft? Ach jo, irgendwas war da. Was ich sagen will: Ich brauche manchmal ein bisschen, um die Windungen wieder in Fahrt zu bringen. Das hat insofern mit dem Adventure TOHU zu tun, als dass mir hier ziemlich viele Rätsel irgendwie bekannt vorkamen. Lösen konnte ich die deshalb aber trotzdem nicht.

Löse ein Rätsel, fühle dich danach nicht schlauer

TOHU hat mich getriggert, weil es – na klar – wunderschön aussieht. Da bin ich ja prinzipiell immer dabei. Aussehen ist aber bekanntlich nicht alles. Ich bin also recht unbefangen, aber nicht ohne jegliche Erwartungshaltung in das Point-and-Click Adventure gestartet. Hier ist alles nicht nur auf den ersten Blick ziemlich bizarr: Ein kleines Mädchen lebt in einer Welt,  in der alle Planeten Fische sind. Dieses niedliche Geschöpf kann sich, wann immer es ein bisschen mehr Muskelpower braucht, in einen fetten Roboter namens Cubus verwandeln. Muss es durch enge Tunnel, wird das Mädchen per Klick wieder klein und platzsparend. Auf den Fischplaneten herrscht ziemlicher Aufruhr, weil irgendein Fiesling, der ebenfalls klein ist, aber mit schwarzem Umhang und leuchtenden Augen wesentlich bedrohlicher aussieht, die Heilige Maschine zerstört hat. Und die müssen wir jetzt wieder reparieren. Holy moly!

Wenn ein Spiel wie TOHU startet und ich bärtige Maulwürfe in dafür vorgesehene Bodenlöcher schießen darf, erfüllt das mein Herz mit Freude. Allerdings sollte Absurdität in Rätselspielen klare Grenzen haben. Zwar erwarten euch in diesem Puzzle-Abenteuer keine hanebüchenen Item-Kombinationen, die nur durch verzweifeltes zusammenlöten von allem mit jedem gelöst werden können. Trotzdem dachte ich mir an einigen Stellen nur: Hä? Das ist ein bisschen schwer zu erklären, weil die Rätsel an sich zum größten Teil nicht einmal besonders schwer sind. Richtig geübte Rätsler_innen wären sogar maximal unterfordert, würde ich behaupten. Trotzdem war mir der Weg von einem Rätsel zum anderen nicht immer ganz schlüssig. Das kann zu einer Frustration führen, die anders ist als die blanke Wut, die wir sonst von Point-and-Click-Adventures gewohnt sind. Denn aus dem belohnenden Heureka-Moment wird dann ein achselzuckendes „Ach, das wollten die von mir. Ok.“

TOHU bietet statt krasser Rätsel-Action eher Minispiel-Spaß

Wahrscheinlich habe ich mich hier und da ein wenig lost gefühlt, weil die Rätsel etwas wahllos scheinen und nichts mit der eigentlichen Story zu tun haben. Dafür wurde sich alter Klassiker bedient, zum Beispiel dem Flussüberquerungsrätsel. Kennt jeder: Wolf, Schaf und Kohlkopf müssen einzeln auf die andere Seite gebracht werden. Wolf frisst Schaf, Schaf frisst Kohl, die beiden Kombinationen dürfen also nicht gemeinsam auf einer Seite chillen. Was tun? Exakt dieses Rätsel bekommen wir in TOHU wundervoll illustriert, aber halt leider nicht sonderlich innovativ. Ok, aus eingangs genannten Gründen habe ich trotzdem ziemlich lange dafür gebraucht. Jemand mit krasseren Skills oder besserem Rätselgedächtnis wäre aber sicher schnell gelangweilt gewesen. Auf diesem Level bewegen wir uns über die gesamte Spielzeit. Rohre verbinden, Zahnräder richtig anordnen, Puzzlestücke zusammenfügen. Das alles macht natürlich trotzdem Spaß und ist nicht prinzipiell schlecht, sollte aber bei der Erwartungshaltung berücksichtigt werden.

Teilweise habe ich die Rätsel eher als kleine Minispiele wahrgenommen, was ich aber als sehr erfrischend empfunden habe. An einer Stelle musste ich zum Beispiel eine Kugel durch ein Labyrinth lotsen oder ein Pendel schwingen, um jemanden zum Einschlafen zu bringen. Das alles ist süß gemacht, und solche leichten Interaktionen gefallen mir immer noch besser als unlogische Rätsel, die mir den letzten Nerv rauben. Apropos: Es gibt auch eine Hinweis-Funktion. Um einen Hinweis zu erhalten, müsst ihr aber ebenfalls ein Minispiel lösen – und zwar immer das gleiche. Ihr müsst klicken, um eine sich bewegende Nadel zu aktivieren, die dann wiederum einen Knopf herunterdrückt. Das klingt einfacher als es ist, vor allem, wenn der Geduldsfaden schon bis zum Anschlag gespannt ist. Die Tipps sind aber sowieso eher so mittel. Von einer exakten Beschreibung dessen, was gemacht werden muss bis hin zu noch mehr Ratlosigkeit und Unverständnis war bei mir alles dabei.

Ein emotionales Feuerwerk der Gaminggefühle

In TOHU gibt es ziemlich viele Maschinen, Roboter, Schläuche und Rohre. Im starken Kontrast dazu ist der Grafikstil verspielt und liebevoll, Charaktere und Kulissen sind in violett getaucht und wirken märchenhaft. Auch die Geschichte, die weder besonders überraschend oder rührend, aber trotzdem ganz süß ist, passt zu diesem Märchen-Charakter. Den niedrigen Schwierigkeitsgrad einiger Rätsel erklärt die eher kindliche Ausrichtung. Beim Thema Musik und Sounddesign bin ich gespaltener Meinung. Wo die Musik noch recht ruhig und angenehm ist, haben die Soundeffekte mir hier und da echt Kopfschmerzen bereitet. Es ist nicht gerade förderlich für die Konzentration, wenn immer gleiche Phrasen oder Geräusche ohne Gnade stumpf wiederholt werden. Ein Rätsel, bei dem die Musik Teil der Lösung war, hat mich psychisch gebrochen. Da mir an dieser Stelle leider auch der Hinweis nichts gebracht hat, musste ich mir kurz einen Walkthrough anschauen, um das Risiko von „Faust trifft gewaltsam auf Monitor“ zu minimieren.

Beim Verfassen dieser Review merke ich gerade selber, dass mein Eindruck von TOHU gar nicht mal so positiv rüberkommt. Dabei hatte ich direkt nach dem Spielen ein ganz anderes Gefühl. Ich war nicht total überwältigt, habe mich aber gut unterhalten gefühlt. Die grausigen Geräusch-Loops wurden außerdem durch Dialoge wettgemacht, die an Niedlichkeit schwer zu übertrumpfen sind. Wenn die Charaktere miteinander sprechen, klingt das wie jemand, der auf einer Party nach anderthalb Flaschen Wein den Weg zur Bushaltestelle erklären will: Mussulinksdannrechtsklitzibitzikleinesstückchengeradeaussachmawokannich-hiereigentlichpipimachen? Eine absolut gesunde Mischung aus Sims, Minions und Klingonisch. Ihr seht: Es ist nicht alles schlecht in TOHU. Den eigenen Stolz überwinden und auf „Hinweis“ klicken ist immer noch besser, als wegen ein paar hakeliger Rätsel auf das gesamte Spielerlebnis zu verzichten. Und generell bin ich nicht sicher, ob ich einem Spiel mit bärtigen Maulwürfen überhaupt nachhaltig böse sein kann.

7/10 🧔

Developer: Fireart Games
Publisher: The Irregular Corporation
Genre: Point-and-Click-Adventure
Team: Dan Gartman (Illustrator), Dzmitry Kazak (Illustrator), Vladyslav Bahinskyi (Developer), Aslan Almukhambetov (Animator), Dmytro Venglinskyi (Producer, CEO)
Musik: Christopher Larkin
Veröffentlichung: 28. Januar 2021 (Steam, PS4, Xbox One, Switch, Stadia)

0 Kommentare zu “TOHU Review | Altbekannte Rätsel in märchenhaftem Gewand

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: